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27.04.2026. Johan Simons bringt am Schauspielhaus Bochum Wassili Grossmans großen Roman "Leben und Schicksal" auf die Bühne - die Kritiker sind beeindruckt und mitgerissen. Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch passen gut zusammen, staunt die taz im Dresdner Albertinum. Bei der deutschen Erstaufführung von Beat Furrers neuem Klavierkonzert erlebt die FAZ Musik als "Kraftakt". Die NZZ setzt sich mit dem Hype um das kanadische Mikrotonal-Musik-Duo Angine de Poitrine auseinander. Und deutsche Medien haben kaum beachtet, dass Kamel Daoud vom algerischen Regime in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.
"Leben und Schicksal". Foto: Armin Smailovic. Knapp vier Stunden braucht Johan Simons für seine Inszenierung von Wassili GrossmansRoman "Leben und Schicksal" am Schauspielhaus Bochum - das ist gar nicht so lang, bedenkt man, dass der Roman gut tausend Seiten hat. Herausgekommen ist dabei laut FAZ-Kritiker Hubert Spiegel ein "fesselnder Theaterabend ... konzentriert, intensiv, berührend. Ein historischer Stoff, aber von unvergänglicher Aktualität, und eine puristische, stellenweise geradezu brechtisch anmutende Inszenierung, die mit humanistischem Pathos, also mit der größten Ernsthaftigkeit, der Frage nachgeht, in welchen Winkeln des Herzens das Menschliche überleben kann in unmenschlichen Zeiten. Die Sowjetunion war ein Riesenreich, aber vielen ihrer Bewohner ließ sie kaum Raum genug zum Atmen. Die Verhältnisse sind beengt, jeder beobachtet jeden, Moskaus langer Arm reicht weit."
Auch Nachtkritiker Gerhart Preußer ist beeindruckt, wie es Simons gelingt, auch in dieser Inszenierung ein Mittel zu finden, die über tausend Seiten des Romans auf die wichtigsten Handlungsstränge zu komprimieren, ohne dass das Stück an Komplexität einbüßt. Hier ist es die Musik, "am intensivsten in der Szene, in der eine jüdische Ärztin mit einem ihr fremden Kind von den Deutschen in die Gaskammer verfrachtet wird. Dieser wirklich herzzerreißende Monolog wird aufgeteilt zwischen Sprechgesang Elsie de Brauws und der Darstellerin der Ärztin (Carla Richardsen), unterbrochen mehrfach von einem Wiegenlied-Thema aus Dmitri Schostakowitschs 10. Symphonie, die das Quartett dazwischenschiebt. Immer wieder in oder zwischen den Szenen erklingen Fragmente aus dieser Symphonie, denn das ist die entscheidende Konzeptionsidee: Die Koppelung von Grossmans Roman mit der Symphonie Schostakowitschs."
So richtig sicher ist sich Nachtkritikerin Isa Hoffinger nicht, ob sie sich in den Münchner Kammerspielen ekeln oder fasziniert sein soll, wie Doris Uhlich menschliche Körper mit Schleim überkippt und dabei Geschlechtergrenzen und Normen tanzender Körper überschreitet: "Die Tänzer geben sich ihren eigenen Bewegungen hin, erobern bestimmte Ecken des Raumes, besetzen ihre persönlichen Nischen. Dann wiederum schmiegen sich die Körper paarweise aneinander, binden sich zu pyramidenförmigen Gebilden zusammen oder reihen sich wie Glieder einer Kette aneinander und schlängeln sich gemeinsam wie ein Riesenwurm vorwärts. Sind wir nun Individuen oder Gemeinschaftswesen? Auch das lässt sich nicht klar auseinanderhalten. Schlitternd und rutschend erweitern diese Körper ihre Grenzen, weichen Hautbarrieren auf: Sie gehen aufeinander zu und enge Verbindungen ein. Sie prallen aneinander ab oder öffnen sich füreinander, spenden sich Geborgenheit in Umarmungen."
Weiteres: Wiebke Hüster trauert in der FAZ um "Frankreichs berühmteste Ballettmeisterin" Claude Bessy, die im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Robert Ickes "Ödipus"-Inszenierung am Residenztheater München (SZ), DiePhysiker von Dürrenmatt am Deutschen Theater Berlin (FAZ), Yael Ronens "Burn, Baby, Burn!" am Schauspiel Hannover (SZ), Sebastian Baumgarten inszeniert GertLedigs Roman "Vergeltung" am Schauspiel Köln (taz), Johanna Wehner inszeniert Thomas Manns "Buddenbrooks" am Schauspiel Frankfurt (FR, Nachtkritik), Georg Friedrich Händels "Giulio Cesare in Egitto" in der Inszenierung von David McVicar (Tagesspiegel), Opera Incognita führt Beethovens "Fidelio" im Münchner Justizpalast auf (NMZ) und Anna Smolar inszeniert "Orpheus und Eurydike" an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).
"Nur Rhythmus und Richtung - sonst nichts, weder Farbe noch Linie, noch Melos: Musik als reine Bewegung, als nackter Kraftakt": FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist schwer beeindruckt von der deutschen Erstaufführung von Beat Furrers neuem Klavierkonzert bei der Musica viva in München. Es spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit dem Pianisten Francesco Piemontesi. Worum ging's? Um das Klavier als Schlagzeug. Denn: "Gesanglichkeit auf dem Klavier ist eine Illusion, die nur aus dem Zusammenspiel unseres traditionellen Tonalitätsdenkens und der Eigenresonanzanregung durch Obertonverstärkung bei diesem Instrument entsteht. Was bleibt, wenn ohne den alten Tonalitätsbegriff nur noch die akustischen Bedingungen fortexistieren, das hat Furrer hier kompositorisch zu zeigen versucht. Er selbst hielt einen langsamen Satz aus einer Mozart-Sonatefür die beste Zugabe zu seinem Konzert. Und als Piemontesi, perfekt ausbalanciert, das B-Dur-Adagio aus Mozarts Sonate KV 332 als Zugabe spielt, wird der Gegensatz aus Schlagen und Singen auf dem Klavier auch als geschichtlicher entfaltet." Bei BR Klassik kann man sich den Abend noch fünf Tage lang anhören. Das kanadische Math-Rock-Duo Angine de Poitrine (Bild: ReimsCroixRouge, CC BY-SA 4.0) Seit Anfang Februar, nachdem der US-Sender KEXP ein Konzertvideo des kanadischen Duos online gestellt hatte (hier hatten wir es Ihnen bereits empfohlen), geht Angine de Poitrine mit seinem mikrotonalenMath-Rock durch jede Social-Media-Decke: die LPs werden zu Höchtspreisen gehandelt und in größere Hallen verlegte Tourneen sind ratzfatz ausverkauft. Und das für zwei vermeintliche Außerirdische in beknackten Polka-Dot-Kostümen, die eine völlig quer zum Mainstream liegende, hochgradig vertrackte, aber dennoch sonderbar tanzbare Musik spielen. Der ganze Hype ist "künstlerisch durchaus berechtigt" stellt Nick Joye in der NZZ fest, die Band zeigt gerade auf der Bühne "eine erstaunlicheVirtuosität. Mittels allerlei Loop-Stations und sonstigen Effektpedalen generiert der Gitarrist und Bassist Khn de Poitrine multiple ineinander verschachtelte und übereinander geschichtete Klangschlaufen, die der Schlagzeuger Klek de Poitrine mit wendigen Polyrhythmen nachzeichnet. ... Inzwischen muten einzelne Influencer Angine de Poitrine eine ideologische Gravität zu. Ihre handgespielte Musik sei ein AntidotzumKI-Slop, den die Plattenindustrie in den Mainstream pumpen wolle, so wird behauptet." Weitere Artikel: Christoph Forsthoff porträtiert in der NZZ das britische AuroraOrchestra. Manuel Brug schreibt in der Welt zum Tod des Dirigenten MichaelTilsonThomas. Rüdiger Görner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dirigenten PeterGülke. Besprochen wird das neue Album von FelixHauptmanns Trio Percussion (FR).
"WolframWeimer hat tatsächlich etwas richtig gemacht", schreibt ein bass erstaunter Hanns-Georg Rodek in der Welt: Denn nach vielem Hin und Her trägt der Kulturstaatsminister nun einen Gesetzentwurf zum Umgang mit dem Streamingdiensten ins Parlament, der nach Rodeks Auffassung in der Bezeichnung - "Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz" - zwar Minuspunkte kassiert, aber ansonsten ansehnlich geraten ist. Die von Weimer einst bevorzugte "freiwillige Verpflichtung" etwa ist vom Tisch. Nur zu Recht, denn "die internationalen Streamer von Netflix über Amazon bis Disney machen in Europa mit ihren Abogebühren Milliardenumsätze, zahlen aber nur minimale Beträge als Steuern", während "die Einnahmen an die amerikanischen Konzernzentralen fließen." Jetzt soll "die Investitionsquote bei für europäische Verhältnisse moderaten acht Prozent liegen und nicht nur die Streamer, sondern auch die Öffentlich-Rechtlichen und andere Plattformanbieter betreffen. Es soll Subquoten geben, so sollen von den acht Prozent mindestens 60 Prozent in neue europäische Werke fließen. 80 Prozent der neuen Werke sollen eine 'deutschekulturellePrägung' aufweisen und mindestens 70 Prozent in Produktionen unabhängiger Filmhersteller investiert werden."
Weitere Artikel: Kira Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur Markus Schleinzer, dessen mit SandraHüller prominent besetztes, zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs situiertes Gender-Drama "Rose" diese Woche anläuft und SZ-Kritikerin Marie Schmidt "staunend über die warme Klarheit dieses Films im Kinosessel" zurückgelassen hat. Christian Schröder empfiehlt im Tagesspiegel eine Berliner Filmreihe im Centrum Judaicum und in der Urania über jüdische Filmemacher im Exil. Valerie Dirk blickt im Standard auf Problemlagen des österreichischenFilmbetriebs. In der NZZ am Sonntag verneigt sich Denise Bucher vor MerylStreep.
Besprochen werden JoschaBongards "Babystar" (taz), RenaudRoches und LaurentHopmans Comicbiografie über George Lucas (taz), Harald Friedls Dokumentarfilm "Wahlkampf" über die österreichische SPÖ (Standard), eine Arte-Doku über EmilieSchindler (FAZ) sowie RichardGadds neue HBO-Serie "Half Man" (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Deutsche Medien hat diese Meldung nicht im geringsten gekratzt: Kamel Daoud ist vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden (unser Resümee), weil er in seinem Roman "Huris" das "Schwarze Jahrzehnt" thematisiert, also jene Zeit, als sich Islamisten und das Regime bekriegten und 200.000 Landleute massakrierten. Die Islamisten sind inzwischen vom Regime amnestiert, aber für das Schreiben eines Romans zum Thema wird man zu Gefängnis verurteilt. Auch in Frankreich stieß die Meldung auf laue Reaktionen, die die Kolumnistin Sophia Aram in Le Parisienkritisiert: "Man könnte meinen, dass die von Algier gegen den Schriftsteller inszenierten Verleumdungskampagnen schließlich Spuren hinterlassen haben, es sei denn, das Anprangern der Verbrechen, die von Islamisten unter Mitwirkung des Regimes begangen wurden, hat die Literaturszene in Verlegenheit gebracht oder, schlimmer noch, gilt ihnen als 'Islamophobie' oder Neokolonialismus."
Besprochen werden unter anderem CharlesLewinskys "Eine andere Geschichte" (FR), ChristophZielinskis "Villa Wundergold" (Standard), SafaeelKhannoussis Debütroman "Oroppa" (Standard), JudithSchalanskys Poetikvorlesung "Marmor, Quecksilber, Nebel" (NZZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, sowie neue Lyrikbände von JuttaRichter, HeinzJanisch, NilsMohl und ArneRautenberg (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Selbstporträts Paula Modersohn-Becker von 1906/07 (Landesmuseum Hannover) und Edvard Munch von 1908 (Munchmuseet Oslo) Alexander Kloss wundert sich in der taz erst einmal, dass das Albertinum DresdenPaula Modersohn-Becker und Edvard Munch in einer Schau zusammen zeigt, aber es funktioniert gut, stellt er fest: "Die Doppelausstellung im Albertinum entwickelt ein vielseitiges Bild der beiden Künstlerleben und ihrer Motive. Hier spricht nicht die 'Angst' aus Munch wie etwa in der Chemnitzer Kunstsammlung zum Kulturhauptstadtprogramm, sondern eine Bandbreite an Stimmungen. Von der beschwingten Lebensfreude beim 'Tanz am Strand' bis hin zur fiebrig-farbexplosiven Milieustudie des 'Kranken Kindes'. Ebenso klar erkennbar wird Modersohn-Beckers Ziel, das Leben in all seinen Auswüchsen in ihre Bilder zu bannen. Sie malt das Worpsweder Teufelsmoor mit genauso viel Verve wie die spektakulären Fjorde Norwegens und steigt mit ihren Porträts tief in ihre Protagonisten ein, ohne sie sentimental zu verklären. Deshalb ist es auch keine Ruhe, die aus den nebeneinandergestellten Werken der beiden Avantgardisten strahlt, sondern ein ständiges Suchen, Wachsen und Hinterfragen."
Weiteres: Im Streit um die Biennale in Venedig (mehr hier) hat nun der italienische Kulturminister Alessandro Giuli seine Abwesenheit von der Veranstaltung angekündigt, meldet die FAZ. Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Anish Kapoor" im Lehmbruck Museum Duisburg (FAZ), "Human Behaviour. Harald Duwe from a comparative point of view" in der Stadtgalerie Kiel (taz), "Bosporus Beats. Blicke auf Istanbul von 1500 bis 1800" im Kupferstichkabinett Berlin (taz).
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