Wassili Grossman

Leben und Schicksal

Roman
Cover: Leben und Schicksal
Claassen Verlag, München 2007
ISBN 9783546004152
Gebunden, 1056 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Annelore Nitschke und anderen. Vollständig überarbeitete und um die bisher fehlenden Kapitel ergänzte Neuausgabe, mit je einem Nachwort von Wladimir Woinowitsch und Jochen Hellbeck.
Als Anfang Februar 1943 die 6. deutsche Armee in Stalingrad kapituliert, bedeutet dies nicht nur die Wende im Zweiten Weltkrieg, für die Sowjets ist Stalingrad auch ein Wendepunkt in ihrem Verhältnis zu Diktatur und Terror. Mit großer Anteilnahme beschwört Wassili Grossman Episoden aus dem Kampf an der Wolga, erzählt vom Häftlingsleben und -sterben im deutschen KZ, Gefangenenlagern und in den sowjetischen Gulags, wobei die frappierende Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Sowjetregime offengelegt wird. Ob der Physiker Strum und die weitverzweigte Stalingrader Familie Schapownikow, der in einem deutschen Lager inhaftierte Michail Mostoskoi, die deutschen und sowjetischen Militärs, Wissenschaftler, Soldaten und Bürger Wassili Grossman hat die vielen Einzelschicksale zu einem groß angelegten Erzählkosmos verwoben, der trotz der Schrecken des Totalitarismus von der einen Hoffnung nicht lässt: der einfachen menschliche Güte, die selbst dann ihre Wirkung zeigt, wenn die äußeren Ereignisse gleichgültig und brutal über sie hinweggehen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.01.2008

Für den Rezensenten und Schriftsteller Oleg Jurjew ist diese neue, überarbeitete und ergänzte Ausgabe eines der berühmtesten Werke der sowjetischen Literatur, das seinen Informationen zufolge im Original erst 1980, sechzehn Jahre nach dem Tod des Autors, in einem Exilverlag erschienen ist, ein Großereignis. Jurjew erzählt die Odyssee des Manuskripts dieses "vollblutigen, über 1000 Seiten umfassenden großen Werks voller Leiden", Krieg, Zerstörung und Auslöschung einer Kultur. Er nennt das epochale Buch als ebenso gelungenen wie faszinierenden Versuch, einen "tolstoischen Großroman über das 20. Jahrhundert" zu schreiben, ein sozial-historisches Panorama über Krieg, die Verbrechen der Deutschen, Stalins Terror und den Mord an den Juden. Besonders die Kriegsszenen gehören für Jurjew auf Grund ihrer "erlebnisnahen" Darstellung zum Eindrucksvollsten, was er über den Zweiten Weltkrieg je gelesen hat. Aber auch die Spiegelung der beiden totalitären Systeme, die einander im Krieg dann Auge in Auge gegenübergestanden hätten, haben den Rezensenten sehr elektrisiert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.01.2008

In großer Ausführlichkeit schildert Ulrich M. Schmid das Leben des sowjetischen Autors Wassili Grossman. Dieser hatte in den dreißiger Jahren moderate Erfolge als Erzähler und war im Zweiten Weltkrieg als Reporter mit der Sowjetarmee im Kampf gegen die Wehrmacht unterwegs. Im Jahr 1941 wird seine Mutter von den Nazis ermordet - ein Trauma für den Autor, der sie noch nach Moskau hätte retten können. Das andere große Trauma neben Holocaust sind Stalinismus und Krieg, und mit diesen befasst sich Grossman in seinem, wie Schmid betont, eher als "Epos" denn als "Roman" zu betrachtenden Hauptwerk "Leben und Schicksal". Im Zentrum des Buches steht als "symbolischer Mikrokosmos" das Haus 6/1 in Stalingrad, in dem Soldaten auf kriegswichtigem, aber im Grund aussichtslosem Posten gegen die Wehrmacht kämpfen. Aber auch nach Innen findet ein heftiger Kampf statt, da im unhierarchischen Zusammenleben der Soldaten eine kommunistische Utopie gelebt wird, die den Vertretern des Status Quo missfällt. An anderer Stelle beschreibt der Autor auf, so Schmid, völlig überzeugende Weise die Ermordung jüdischer Gefangener durch Gas in Auschwitz. Bewundernswert findet es der Rezensent insgesamt, wie Grossman mit den gerne als altmodisch betrachteten Mitteln des epischen Erzählens ein großes Panorama seiner Zeit und ein "epochaler Roman" gelingt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.11.2007

Denjenigen, die in Wassili Grossmans gewaltigem Epos "Leben und Schicksal" ein "Krieg und Frieden" des 20. Jahrhunderts sehen, kann die hier rezensierende Olga Martynova durchaus Recht geben. Einerseits. Denn kaum ein Schriftsteller ist in ihren Augen der oft geforderten Aufgabe, ein solches Werk zu schreiben, so gerecht geworden wie Grossman. Doch andererseits weist Mayrtynova darauf hin, dass der 1828 geborene Tolstoi die Napoleonischen Kriege selbst nicht miterlebt hat. Grossmans dagegen habe alles miterlebt: den Krieg, die Schlacht um Stalingrad, den Großen Terror. Die deutschen Konzentrationslager und der Gulag zumindest gehören in seine Zeit. Und Martynova betont, welch langen Weg der "inneren Befreiung" Grossman hinter sich hat, der einst als linientreuer Kommunist angetreten ist, als Kriegsreporter der Armeezeitung Roter Stern den Zweiten Weltkrieg erlebte und schließlich noch als privilegierter Schriftsteller Stalins antisemitische Hetzkampagnen unterstützte. Ein großes Werk, das Martynova allen empfiehlt, die nicht möchten, dass die Geschichte umgeschrieben wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.11.2007

Dieser über tausendseitige Riesenroman sei ein "erhabenes Monstrum", schreibt Rezensent Manuel Karasek schwer beeindruckt von der "dantesken Kraft" seiner Bilder, der Genauigkeit, mit der hier die "gespenstischen Vorgänge" des Mordes an den Juden, die Schlacht bei Stalingrad und die Schrecken in Stalins Sowjetunion geschildert werden. Im Zentrum steht seinen Informationen zufolge ein jüdischer Physiker namens Strum, der von seiner Mutter aus dem Ghetto einer ukrainischen Stadt einen Brief erhält, worin sie die einzelnen Etappen des Holocausts schildert. Er selbst droht bald darauf, Opfer des stalinistischen Terrors zu werden.  Aber auch die anderen, an die hundert Figuren, die "in den Mahlstrom" der mörderischen Ereignisse gerissen werden, mit denen Wassili Grossmans Epos sie auf meisterhafte Weise zu verknüpfen verstehe, sowie eine "enorme Plastizität der Szenen" machen dieses ungeheure Historienpanorama, das nun zum ersten Mal komplett auf Deutsch erschienen ist, für Karasek zur literarischen Sensation. Vor allem die Holocaust-Passagen findet er so gelungen, dass es ihm immer wieder den Atem verschlägt. Seit Imre Kertesz habe er so etwas nicht mehr gelesen. Mit Ehrfurcht nimmt der Rezensent auch die große Menschlichkeit dieses Autors zur Kenntnis, der den Begriff der Güte über allem Bösen als "individualistisches Prinzip der Menschlichkeit" etabliere, und zwar jenseits aller "kollektiven Anmaßung", der nie ins Sentimentale kippe und doch mit großen Emotionen umgehe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2007

Rezensentin Sonja Zekri staunt über die Zeitgemäßheit dieses 1961 vollendeten und nun erweitert vorliegenden Jahrhundertromans. Wassili Grossman hat seine Figuren mit dem Humanismus eines Anton Tschechow und ohne das moralische Urteil eines Solschenizyn geschaffen, findet Zekri, und so den ganzen "Reichtum menschlicher Schwächen" abgebildet. Glaubwürdigkeit und "kathartische Präzision" zeichnen für sie auch die enthaltenen Szenen aus den Konzentrationslagern aus. Grossmans eigene bittere Erfahrung und seine politische Wandlung vom "braven Sowjetliteraten" zum "kompromisslosen Anti-Stalinisten" ist für sie immer spürbar. Noch in den Zekri an Tolstoi erinnernden Kriegsszenen "in Cinemascope".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2007

An herausgehobener Stelle, im Aufmacher der FAZ am Sonntag, und mit großer Bewegung begrüßt Rezensent Volker Weidermann Wassili Grossmans monumentalen Roman "Leben und Schicksal", der in der Sowjetunion lange verboten war und nun, 33 Jahre nach dem Tod des Autors, auch erstmals vollständig auf Deutsch vorliegt. Er würdigt das Buch als großartiges Werk über die Schrecken des 20. Jahrhunderts, sieht darin den Roman der russischen Gefangenenlager und Gulags, der deutschen Konzentartionslager, der Schlacht um Stalingrad und der sowjetischen Gesellschaft unter Stalin. Die Beobachtungsgabe und genauen Kenntnisse, die sich Grossman als Kriegsreporter bei der Schlacht um Stalingrad, der Befreiung von Treblinka oder dem Einmarsch in Berlin aneignete, haben ihn beeindruckt, sein "gütiger" nie denunzierender Blick und seine menschenfreundliche Haltung tief bewegt. "Wer die Wahrheit sucht im Lesen, Lebendigkeit, Liebe und Geschichte", so der Rezensent ergriffen, "der muss dieses Buch lesen".