Efeu - Die Kulturrundschau

Alles singt, alles schwingt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.04.2026. Mateja Koležnik schickt die "Drei Schwestern" mit einer Handvoll Soldaten am BE in einen Bunker, während oben der Krieg vorbereitet wird: So gegenwartsdurchlässig klang Tschechow schon lange nicht mehr, ruft der Tagesspiegel. In der FAS erklärt der pritzkerpreisgekrönte burkinische Architekt Francis Kéré, was afrikanische Architektur auszeichnet. Die Welt lauscht beim Literaturfestival "Litglow" dem erstaunlich kontrollierten Hildesheim-Sound. Die SZ staunt, wie gut Ringo Starr singen kann. Der Tagesspiegel feiert Herbert Blomstedt, der mit 98 Jahren einen hinreißenden Bruckner dirigierte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus den "Drei Schwestern". Foto: Jörg Brüggemann


Vom Landhaus in den Bunker: Dorthin hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik am Berliner Ensemble Tschechows "Drei Schwestern" verlegt, im Hintergrund wird der Krieg vorbereitet. Christine Wahl (Tagesspiegel) ist hin und weg: "Koležnik gelingt mit diesem Abend etwas absolut Verblüffendes: Sie schafft - und zwar nicht nur optisch durch Klaus Grünbergs Bunker-Bühnenbild, sondern auch subkutan, im Spiel - ein Ambiente von Bedrohung, mentaler Kriegspräsenz und permanenter Alarmbereitschaft, das über konkrete Kriegsszenarien weit hinausweist und in dem Tschechow so gegenwartsdurchlässig klingt wie schon lange auf keiner Theaterbühne mehr. ... Die Grenze zwischen Außen und Innen ist längst erodiert, die Kaserne ein quasi öffentlicher Ort, an dem jeder intime Moment von der nächsten Truppenübung ausgebremst werden kann. Und die Art, in der das hier eben nicht, wie so häufig, bloß Behauptung bleibt, sondern tatsächlich aus den Körpern und Tonlagen der Spielenden kommt, macht den Abend wirklich außergewöhnlich."

Auch Welt-Kritiker Jakob Hayner ist begeistert, er versteht das Stück plötzlich ganz neu: "Koležnik stellt die romantischen Klagen über die Scheinhaftigkeit der Existenz vom Kopf auf die Füße. In ihren 'Drei Schwestern' ist es der Krieg, der das Leben scheinhaft werden lässt. Damit holt sie Tschechow in die Gegenwart von 'Zeitenwenden' und 'Kriegstüchtigkeit'. Das ist mit so viel Tempo und Genauigkeit inszeniert, hat Witz und Ernst gleichermaßen, dass zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das liegt auch an dem überragenden Ensemble, auf das man am Schiffbauerdamm zurückgreifen kann: von Stammkräften wie Constanze Becker, die man lange nicht mehr so gut gesehen hat, bis zu überzeugenden Neuzugängen wie Sebastian Zimmler." Nachtkritiker Iven Yorick Fenker hat sich dagegen trotz toller Schauspieler eher gelangweilt: "Alles ziemlich old-school", wie Putins Schnur-Telefon, an dem er mit dem Atomkrieg drohte, "aber natürlich sehr, sehr aktuell".

Weitere Artikel: Steffen Becker berichtet in der nachtkritik von den Asiawochen am Theater Heidelberg. In der FR erinnert Arno Widmann an die Uraufführung von Kleists "Penthesilea" 1876. Nach Simon Strauß in der FAZ (unser Resümee) beklagt jetzt auch Jakob Hayner in der Welt eine "Verzwergung" des Theaters in Deutschland, das jetzt lieber Aktivismus statt Kunst mache.

Besprochen werden außerdem Robert Ickes Modernisierung von Sophokles' "Ödipus" am Münchner Residenztheater (nachtkritik), Lamin Leroy Gibbas Inszenierung von Lennart Kos' Anti-Wellness-Komödie "Balance und Harmony" an den Münchner Kammerspielen ("lebensnah", findet nachtkritikerin Hannah Eder), Bastian Krafts Dürrenmatt-Inszenierung "Die Physiker" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritiker Christian Rakow ist trotz Crossgendern unterwältigt), Katharina Kohlers Adaption von Maria Lazars Roman "Veritas verhext die Stadt" am Nationaltheater Mannheim (taz), Armin Petras' "Hundeherz" nach dem Roman von Michail Bulgakow, in der Inszenierung von Claudia Bauer am Hamburger Schauspielhaus (es gibt viel zu gucken auf der Bühne, "nur findet die Inszenierung in ihrem Versuch der umfassenden Weltkommentierung kein Zentrum", meint nachtkritiker Stefan Forth), Philipp Krebs' Musiktheater "Zornfried" nach dem gleichnamigen Roman von Jörg-Uwe Albig am Staatstheater Kassel (FR) und ein Auftritt des Kleinkünstlers Marc-Uwe Kling in der Alten Oper Frankfurt (FR).
Archiv: Bühne

Literatur

Der Perlentaucher probiert neue Formate aus. Die Perlentaucher Benita Berthmann und Lukas Pazzini, die bisher unser Bücherpodcast betreuten, werden künftig auf Instagram neue Bücher vorstellen. Benita Berthmann spricht in ihrem ersten Post über Tete Loepers Erinnerungen an den Genozid in Ruanda, die sie bereits in ihrer Kolumne "Wo wir nicht sind" vorgestellt hat. Folgen Sie uns hier auf Instagram.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Perlentaucher (@perlentaucher.de)



Der Schriftsteller Colson Whitehead ärgert sich in der FAS über Kreativschaffende, die sich für ihre Ideen auf eine KI verlassen, deren Unfähigkeit ironisiert er so: "Ich habe ein digitales Helferlein. Es regelt alles für mich, managt den Workflow und delegiert monotone Aufgaben, erinnert mich sogar daran, wann ich meine Kinder herzen muss. Ich nenne es den Gooch. Der Gooch ist die ganze Nacht aktiv, folgt emsig den Pfaden seines binären Trotts, aktualisiert meine To-do-Liste und notiert Namen. Kennen Sie die Redewendung 'Er konnte seinen Arsch nicht mal mit beiden Händen und einer Taschenlampe finden'? So erging es mir. Ich führte gewissermaßen ein halbes Leben. Ein arschloses Halbleben. Nun meldet der Gooch, wo sich mein Arsch befindet. Und das mit einem Ping. In dieser schönen neuen Welt sucht man seinen Arsch nicht mehr vergebens."

Das Festival "Litglow" in Hildesheim wird von Studenten des dortigen Literaturinstituts organisiert - Jens Ulrich Eckhard erlebte dort etwas leidenschaftsarmen Konformismus, wie er in der Welt klagt: "Ist der 'Hildesheim-Sound' gar kein Stil, sondern ein System? Eines, das Abweichung erlaubt, solange sie anschlussfähig bleibt und somit Literatur als Variation innerhalb eines gut austarierten Rahmens hervorbringt? Nein, auf gar keinen Fall, heißt es tags darauf bei den 'LitTalks' (…) Früher habe es vielleicht einen Hang zur stilistischen Vereinheitlichung gegeben, heute gehe es jedoch viel demokratischer zu. Es gebe die unterschiedlichsten Strömungen. Statt ästhetische Normen zu vermitteln, setze Hildesheim darauf, die individuelle Form auszuprägen. Ein 'glow', der erstaunlich kontrolliert vor sich hinglimmt."

Weitere Artikel: Léonie Wagner (NZZ) lässt sich von Maria Kolesnikowa erklären, welche Bedeutung Literatur in der Haft für sie hatte. Sandra Kegel reist für die FAZ schon mal ins diesjährige Gastland der Buchmesse, Tschechien, und blickt auf das, was uns literarisch diesen Herbst erwartet. Thomas Steinfeld erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an W. G. Sebald und Dietrich Schwanitz, zwei Außenseiter der deutschen Literatur, die eigentlich in erster Linie Universitätsprofessoren waren. Vierzig Jahre Tschernobyl haben Aurelie von Blazekovic in der SZ zu einer Relektüre von Gudrun Pausewangs "Die Wolke" animiert. Mia Eidlhuber interviewt die Schriftstellerin Monika Helfer für den Standard. Gerhard Strejcek forscht für die NZZ nach, wie Kafkas letzter Frühling aussah. 

Besprochen werden unter anderem Olivier Guez' "Die Welt in ihren Händen" (WAMS), Svenja Leibers "Nelka" (taz), Sharon Dodua Otoos "So, in etwa, ist es geschehen" (FAS) und Domenico Müllensiefens "Manchmal muss man sich entscheiden" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt der Literaturwissenschaftler Alexander Košenina über Thomas Braschs "Ansturm der Windstille":

"Im Tiergartenpark auf der Spree die Ruderer
legen sich in die Riemen im Abendlicht vorwärts
eins zwei fällt der Schweiß für nichts und
wieder nichts …"
Archiv: Literatur

Architektur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Der in Berlin lebende burkinische Architekt Francis Kéré hat mit seiner Lehm-Architektur 2022 den Pritzker-Preis gewonnen und für Christoph Schlingensief das Operndorf in Burkina Faso gebaut. Gerade ist sein Buch "Building Stories" erschienen. Im Interview mit der FAS erzählt er, wie schwierig es teilweise war, selbst in seinem eigenen Dorf Gando die Menschen vom Lehm zu überzeugen und was afrikanische Architektur von europäischer unterscheidet: "Die Sinne werden in der Savanne anders geschärft. Die mentale Geographie hat als Ankerpunkte Bäume, Felsen, Hügel, Flüsse, die in der Regensaison anschwellen und in der Trockenzeit verschwinden. Hinzu kommt eine Landschaft aus Mythen und Gebräuchen. ... Schon die Form einer Tür kann eine Kultur erzählen. Ich denke zum Beispiel oft an das Bild des Baumes und seines Schattens, die in meiner Kultur als Symbol für Geselligkeit stehen. In den Dörfern spielen sich ein Großteil der gemeinschaftlichen Momente im Schutz eines Baldachins ab, sei es eine natürliche oder eine von Menschen geschaffene Struktur. In jedem Dorf gibt es zudem den "Pavillon der Ältesten", in dessen Schatten sich die traditionellen Führer versammeln, um die Gemeinschaft zu leiten. Es geht also nicht nur um Schutz vor Sonne oder Regen, sondern um Austausch und Nähe."

Besprochen wird die Ausstellung "Convivium. Nahrungssysteme am Limit" im Münchner Architekturmuseum (FAZ).
Archiv: Architektur

Film

Cotton Queens


Suzannah Mirghanis Film "Cotton Queen" zeigt FAZ-Kritiker Bert Rebhandl über drei Generationen, welche Konflikte auftauchen, wenn ein Geschäftsmann ins matriarchal geführte Baumwollbusiness eines "modellhaften" sudanesischen Dorfes eindringt: "Wenn eine intellektuelle Künstlerin ihren ersten Erzählfilm macht, wird man es ihr nicht verdenken, wenn sie hoch zielt: 'Cotton Queen' deutet ja schon mit dem Titel an, dass es um einen Übergang von Natur- bis zu Verfassungsfragen geht. Und die einbehaltene Baumwolle, die das weibliche Geschlecht beschützen soll, ist bei Suzannah Mirghani auch ein Instrument gegen die Praxis der Genitalverstümmelung. Damit macht sie außerdem deutlich, dass ihre politischen Anliegen über der Tagespolitik liegen - dass 'Cotton Queen' so tut, als würden sich die Untaten der 'Rapid Support Forces' in einer anderen Welt, ja in einem anderen Kosmos ereignen, ist aber wohl auch als erster Schritt eines möglichen Widerstands dagegen lesbar."

Das "Mediendienste-Investitionsverpflichtungs-Gesetz" kommt, weiß Helmut Hartung in der FAZ, ihm liegt der viel diskutierte Gesetzesentwurf vor: Es "besteht für in- und ausländische Unternehmen, die audiovisuelle Mediendienste auf Abruf in Deutschland anbieten, die Pflicht, acht Prozent des in Deutschland erzielten Nettoumsatzes, beziehungsweise des auf die Mediatheken entfallenden Programmetats, in hiesige Produktionen zu stecken. ARD und ZDF sind von dieser Zwangsvorgabe ebenso betroffen wie Amazon, Netflix oder Disney+. Bemessungsgrundlage ist der jeweilige Vorjahresnettoumsatz. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sind die Programmkosten des Vorjahres inklusive Ausstrahlungskosten maßgebend." Auch Vorgaben zum Inhalt und zu Rechterückbehalten und zum Rechterückfall gebe es. Sender und Plattformen sind nicht begeistert, so Hartung, zudem entstünden durch nun nötige Kontrollen durch die Filmförderungsanstalt zusätzliche Kosten von über einer Million Euro.

Weitere Artikel: Isabelle Huppert plaudert im Interview mit dem Tagesspiegel über ihren neuen Film "Die reichste Frau der Welt", in dem sie die Milliardärin Liliane Bettencourt spielt. "Perfekt deplatziert" findet Jörg Thomann in seinem FAS-Porträt den Schauspieler Merlin Sandmeyer im aktuellen deutschen Film - er spielt mit Vorliebe verschrobene Außenseiter wie den Ladendetektiv Jonas Schulze in der Serie "Die Discounter", im Herbst läuft "Emil und die Detektive" mit ihm als Bösewicht an. Zum nahenden Kinostart von "Der Teufel trägt Prada 2" schaut sich Karen Krüger für die FAS in Mailand um, wo ein Teil des Films gedreht wurde. Ebenfalls in der FAS berichtet Anke Schipp vom Dreh. Jannis Holl schaut sich vor dem Kinostart nochmal den ersten Teil für die FAZ an. Christoph Becker empfiehlt in der FAS Mstyslav Tschernovs Dokumentation "2000 Meter bis Andriiwka" über den Kriegsalltag der ukrainischen Armee, die in der ZDF-Mediathek zu finden ist.

Besprochen werden außerdem "Rose" von Markus Schreiner mit Sandra Hüller (WAMS) und "Gegen die Zeit", die vorletzte Ausgabe des Wiener Tatorts (FAZ, Spiegel, NZZ, FR).
Archiv: Film

Kunst

Nachdem die EU gedroht hatte, eine Förderung in Höhe von zwei Millionen Euro zu kündigen oder auszusetzen, wenn Moskau wieder an der Biennale von Venedig teilnehmen dürfe, hat jetzt die Jury der Kunstbiennale beschlossen, weder Russland noch Israel bei der Preisvergabe für den Goldenen Löwen zu berücksichtigen. Die Biennale-Leitung will das wegen Kunstfreiheit der Jury akzeptieren, berichten Karen Krüger in der FAZ und Jörg Häntzschel in der SZ. Man könnte jetzt noch die Ukraine ausschließen, dann hätte man Äpfel und Birnen, Angreifer und Angegriffene, endgültig in einem Topf.

Besprochen werden die von Beastie Boy Mike D kuratierte Ausstellung "Mishpocha" im Jüdischen Museum Frankfurt (taz), die Ausstellungen "Sue Williams - what now" im Wiener Belvedere (NZZ), "Cartes imaginaires - Inventer des mondes" in der Bibliothèque Nationale de France (FAZ) und "Ruin und Rausch" in der Neuen Nationalgalerie Berlin (Tsp).
Archiv: Kunst

Musik

Jakob Biazza staunt in der SZ, wie gut Ringo Starr auf seinem neuen Album "Long Long Road" singt. Für seine Stimme war der Drummer der Beatles bisher nicht bekannt: "Wenn Starr singt, ist das auch weiterhin keine Drahtseilnummer. Keine Aneignung oder gar Eroberung der Worte und Gefühle. Es ist eher ein Rezitieren und dabei bleibt er, zumal für einen Drummer, rhythmisch auch weiterhin seltsam sperrig. Klobig fast. Als würde er im Kopf den Takt mitzählen. Aber: Er hat darin nun tatsächlich einen eigenen Sound gefunden. Ein bisschen wie ein altersgütiger, wohlgenährter Rabe, der den Menschen vom Dach herunter Mut zuspricht, und diese Rolle steht ihm irre gut."



Herbert Blomstedt, 98 Jahre alt, brauchte einen Stuhl, um die Berliner Philharmoniker mit Bruckners Siebter Sinfonie zu dirigieren, aber das Ergebnis war fabelhaft, versichert eine begeisterte Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Alles singt, alles schwingt. Blomstedt modelliert die Themen der E-Dur-Symphonie mit minimalen Rubati, lässt Klänge erblühen und ersterben, sorgt zwischen Blech-Fortissimi, der C-Dur-Apotheose des Adagio (mit dem berühmten einzigen Einsatz von Becken und Triangel) und Wagnertuben-Chorälen für Ruhe und weite Spannungsbögen, strahlt noch in cis-Moll Heiterkeit aus. Die Trauermusik des Adagio (Richard Wagner gewidmet, der 1883 während Bruckners Arbeit an der Symphonie starb) wird zur Trostmusik, gelassen, innig, himmelwärts. Je älter er wird, desto mehr erweist sich Blomstedt als Meister der Transzendenz und bleibt doch zutiefst menschlich. Das Pathos interessiert ihn weniger als das Kantable, das tänzerisch Grazile des Scherzos, die hüpfenden Doppelpunktierten im Finale."

Weiteres: Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ den Nachruf auf den Dirigenten Michael Tilson Thomas. Besprochen werden Lala Lalas neues Album "Heaven 2" (FR) und "Your Favourite Toy" von den Foo Fighters (Standard).
Archiv: Musik