Efeu - Die Kulturrundschau

Das Prinzip des Ungehörtseins

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.04.2026. Das Gorki-Theater verabschiedet sich von Shermin Langhoff - die Kritiker sehen mit Marta Górnickas "Kassandra" ein Deutschland anklagendes, aber rauschhaftes Stück. Die FAZ pilgert in das von Christoph Mäckler entworfene Terminal 3 des Frankfurter Flughafens. Der Verbrecher Verlag beklagt im Freitag die Masse an antisemitischen Kommentaren, mit denen er sich in sozialen Medien herumschlägt. Warum wollen wir gerade jetzt Filme über den Iran sehen und aus welchem Blickwinkel, fragt der Filmdienst. Regisseur Markus Schleinzer wünscht sich in dem Standard Erlösung im Zwischenmenschlichen und nicht auf der Leinwand.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2026 finden Sie hier

Bühne

"Kassandra". Foto: Magda Hueckel.


Das Maxim-Gorki-Theater verabschiedet sich mit Marta Górnickas "Kassandra or Songs of the Canaries" von der Intendanz Shermin Langhoffs. Es wird politisch, es wird rhythmisch, es wird anklagend, wie Nachtkritikerin Elena Philipp beobachtet: "Mit Druck und ungemein präzise skandiert das 24-köpfige Ensemble seine Anklage an ein so selbstgefälliges wie selbstmitleidiges Deutschland, das die eigene Gewaltneigung im Nahraum ebenso negiert wie die schuldhafte Komplizenschaft in internationalen Angelegenheiten. Waffen in alle Welt exportieren, aber sich verstecken, sobald es unangenehm wird: Laut Allensbach Institut möchten 90 Prozent der Deutschen alles Schlimme am liebsten ignorieren. Doch immerhin sind 'wir' Weltmarktführer in 'Er-in-ner-ungs-kul-tur'! - 'You Are All Idiots' kommentiert das Debbie Arega, ein junges Mitglied des wie üblich altersgemischten Górnicka-Chores, auf ihrem knallroten T-Shirt. Aber das ist okay, sagt sie uns noch: 'I accept it.'" Philipp wird auch ein bisschen konkreter, nennt die Stichwörter "Documenta", "Genozid", und "es versteht ohnehin jede*r, wovon hier die chorische Rede ist".
 
Für Susanne Messmer in der taz geht es um das "Prinzip des Ungehörtseins selbst", das hier wie auf einem "grobschlächtgem Punkkonzert" angeklagt wird: "Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen. Stimmen, Körper, Text verdichten sich zu einem Druck, der weniger argumentiert als trifft - und es stellt sich dieser typische Górnicka-Rausch ein, von dem Kritiken sagen, er sei manchmal zu schmerzhaft, zu überwältigend. Aber genau darin liegt ihre Kraft: im atemlosen, furiosen Verbünden. Das ist kein Chor, der - wie im antiken Theater - kommentiert, sondern einer, der eingreift, der sagt: Wir sind viele, wir können auch einstimmig. Worum es konkret geht, blitzt immer wieder auf - nicht als Argument, sondern als Frontalangriff. Górnicka montiert Schlagzeilen und Sprechblasen aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu einem frappierenden Kanon, lässt den Chor bekannte Äußerungen von Olaf Scholz und Friedrich Merz über Abschiebungen, das Stadtbild oder den Bundestag als Zirkuszelt so verfremden, dass sie ihre ganze Kälte entfalten." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der SZ.

Weiteres: Auf deutschen Bühnen wird viel gestorben, konstatiert Boris Motzki für die FAZ.

Besprochen werden: Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" wird von Tobias Kratzer an der Staatsoper Hamburg zusammen mit Alexander Zemlinskys Einakter "Eine florentinische Tragödie" aufgeführt (FR), die Gruppe Wunderbaum bringt am Schauspielhaus Bochum "Die Kunst des Deals" auf die Bühne (Nachtkritik), Stas Zhyrkov inszeniert mit "Nach dem Leben" die Bühnenfassung eines Films von Hirokazu Koreeda am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Bettina Jahnke inszeniert Yasmina Rezas Roman "Der Gott des Gemetzels" am Hans-Otto-Theater Potsdam (Tagesspiegel).
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Architektur

Terminal 3. Bild: Christoph Mäckler Architekten.


Matthias Alexander pilgert für die FAZ in das von Christoph Mäckler entworfene Terminal 3 am Frankfurter Flughafen wie in eine Kirche und fürchtet bereits dessen Entweihung: Das Gebäude "wird überspannt von einer schwarzen Decke auf stählernen Stützen, die keine Blicke auf sich ziehen möchte, sondern schlicht das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Die Maxime von der 'Rematerialisierung der Moderne', mit der Mäckler sein Architekturideal einmal beschrieben hat, ist hier ins Werk gesetzt. Weltläufig, wertig, geschmackssicher-funktional, auf Vertrautes setzend - der Bau steht dafür, wie das verunsicherte Land gern wäre und wie es gesehen werden möchte.(…) In der Check-in-Halle haben sich die Verhunzer schon ans Werk gemacht und eine Bude namens 'Espresso House' errichtet, die da so gut hinpasst wie ein McDonald's in den Frankfurter Dom. Man wünschte sich, dass das Terminal 3 gleich am Tag seiner Inbetriebnahme am Donnerstag unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. Dann gäbe es eine Instanz, die vom ersten Tag an über die Wahrung der Würde des Werkes wachen würde." Eine umfassende Fotostrecke gibt es bei HG Esch.
 
Weiteres: Der Pianist Andreas Haefliger plant einen neuen Kammermusiksaal in Altdorf im Schweizer Kanton Uri, Max Nyfeller schaut sich die Pläne für die FAZ einmal an.
Archiv: Architektur

Kunst

Die Ausstellung "Remix. Photographie - Fiktion und Wahrheit" in der Kunsthalle Bremen führt Tobi Müller für Monopol zu der Frage, wie sich Kunst und Wahrheit zueinander verhalten und wie beides inszeniert werden kann: "Interessant ist die Gegenüberstellung von erneut großformatigen Fotografien von Candida Höfer und Thomas Struth im selben Raum. Beide studierten bei Bernd Becher, genau wie Thomas Ruff. Von Struth hängen Bilder aus den Serien, die Menschen vor Kunstwerken in Museen zeigen. Und es ist wirklich anders, direkt vor diesen Bildern zu stehen oder sie im Internet zu sehen. Die auratische Raumerfahrung verwischt den Unterschied noch viel stärker zwischen Bild und Gemälde. Das Hirn fragt, ob das inszeniert ist, auch weil sich die Farbtöne der Menschen in der Fotografie jenen der Gemälde annähern, vor denen sie stehen. Höfer gleich daneben zeigt Theater und Museen, rechnet das Publikum aber radikal heraus. So wirken ihre Fotos wie die Kehrseite von Struth. Wenn man lange genug vor dem Bild eines knallroten Treppenaufgangs der Komischen Oper in Berlin steht - in langer Belichtung aufgenommen - wirkt die Innenarchitektur, als hätte sie sich für den Fototermin schick gemacht."

Weiteres: Wolfgang Ruppert fragt sich in der taz, was man heute noch vom Bauhaus in Dessau lernen kann. Stefan Trinks resümiert in der FAZ noch einmal die aktuellen Debatten um die Sammlung Bührle und die Frage, wie es mit ihr weitergeht (unsere Resümees). Susanne Kippenberger interviewt den Kitsch-Künstler Jeff Koons für den Tagesspiegel.

Besprochen wird: "Toutité - Iliazd: Die Erforschung der Form" in der Fondazione Antonio Della Nogare in Bolzano (Monopol).
Archiv: Kunst

Musik

Ueli Bernays erinnert in der NZZ an Prince, der vor zehn Jahren gestorben ist. Besprochen werden ein Konzert von Igor Levit in Frankfurt (FR), ein von Christian Thielemann dirigiertes Konzert der Staatskapelle Berlin in Wien (Standard) und das neue Album von Apparat (FR).
Archiv: Musik

Literatur

Im Freitag erzählt der Verleger Jörg Sundermeier, dass es auf der Facebook-Seite seines Verlags zu immer mehr antisemitischen Kommentaren insbesondere aus der linken Ecke kommt, sobald die Postings auch nur irgendetwas mit jüdischem Leben oder Antisemtismus zu tun haben. Mittlerweile "wird jeder Text, in dem jüdisches Leben für schützenswert erachtet wird, angegriffen, jeden Tag müssen wir Hasskommentare löschen. Die Takes sind dabei erstaunlich. So wurde etwa unter die Nachricht vom Tod der Holocaustüberlebenden Bela Winkens geschrieben, dass dieser Post 'nur vom Genozid ablenken' solle. Kommt das Wort Antisemitismus in einem Buchtitel vor, so wird den Autor*innen oder Herausgeber*innen umgehend unterstellt, sie seien 'Kindermörder'. ...  Wem zu allen jüdischen Menschen weltweit nichts anderes mehr als 'Kriegsverbrecher' oder 'Kindermörder' einfällt, der übertreibt oder polemisiert nicht etwa, nein, der bestätigt nur das Satre'sche Diktum, demzufolge der Antisemitismus 'keine Denkweise' sei, sondern 'eine Leidenschaft'."

Weiteres: Statt auf Denis Scheck verbal einzuschlagen, "sollte einem eher ein Kritiker leidtun, der so schwingungsfrei auf die Gegenwart und ihre literarischen Entsprechungen reagiert", kommentiert Mara Delius in der Welt. Alexander Kluy führt im Standard in beeindruckendem Umfang und mit vielen Lesetipps durch die Geschichte Buch gewordener Tagebücher von Literaten und anderen Zeitzeugen. In der FAZ porträtiert Wolfgang Schneider den Hörbuch-Sprecher Julian Mehne.

Besprochen werden unter anderem Siri Hustvedts "Ghost Stories" (Standard), Ben Rakidžijas "Briefe aus meinem Garten" (Standard), Benjamin Maacks "Bewerbungen um einen Job als Mensch: Ein Depressionstagebuch" (Standard), Paul Christoph Gäblers "36 Boys - Wie eine Kreuzberger Gang zur Legende wurde" (taz), die von Agnes Mann gelesene Hörbuchfassung von Pascale Hugues' "So voller Leben" (FAZ), Oisín McKennas in Großbritannien gefeierter Debütroman "Hitzetage" (SZ) und Elizabeth Strouts "Erzähl mir alles" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film

Zahlreiche Festivals und Kinematheken im deutschsprachigen Raum zeigen derzeit iranisches Kino, auch Patrick Holzapfel (Filmdienst) registriert in sich angesichts des Kriegs einen Hunger nach Bildern aus der iranischen Filmgeschichte, um mehr über das Land zu erfahren - und reflektiert dann irgendwann den eigenen und den westlichen Blick auf dieses Kino: "Selbst in den besten Filmen sah ich Aufnahmen, die so wirkten, als wollten sie meinen unwissenden, von Klischees besetzten Annahmen über das Leben im Iran entsprechen. Ich wusste nicht immer, ob dieser Eindruck an mir oder an den Filmen lag. Ich vermag auch nicht zu sagen, ob diese Globalität der Kinosprache ein Wert dieser Kunstform ist oder nicht doch einer kapitalistischen Gleichschaltung der Formen geschuldet ist. Allein die Tatsache, dass ich mir aussuchen kann, diese Filme jetzt zu sehen, um so meine Freizeit zu gestalten, macht mich stutzig. Diejenigen, die belagert und beschossen werden, sind immer allein. Ihre Bilder zu betrachten, ist hilflos bis heuchlerisch. Aber mein Impuls war aufrichtig und vielleicht ist es auch der von Festivals und Kinematheken. Was suchen wir in diesen Filmen? Ich sah Menschen. Ich sah Landschaften. Ich sah Zeit, die vergeht und die still steht. Mir vermittelte sich ein Glauben an eine Moral, die den vorgegeben Gesetzen widerspricht."

Keine Erlösung auf der Leinwand: Sandra Hüller in "Rose" von Markus Schleinzer (Piffl Medien)

Im Standard spricht Valerie Dirk mit dem Regisseur Markus Schleinzer über sein Historiendrama "Rose", in dem Sandra Hüller zur Zeit des 30-jährigen Krieges eine Frau spielt, die sich in Männerkleidung durchschlägt, zu Wohlstand kommt, dann aber doch auffliegt und vor dem Gericht landet. Auf der Berlinale wurde Hüller dafür mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. An Happy-Ends ist er nicht interessiert, sagt der Regisseur, "weil das nicht meinem Weltbild entspricht. Wenn ich Bücher lese oder mir Filme ansehe, die ein vermeintliches Happy End haben, dann mobilisiere ich mich nicht. Filme, Texte, Kunst, Dinge, die mich wütend machen, die verleiten mich eher dazu, die Ärmel aufzukrempeln und zu sagen: Gut, was kann man machen? Ich wünsche mir, dass Erlösung etwas ist, das wir im Alltag, im Zusammenleben erfahren und weniger auf der Leinwand."

Weiteres: Nicolas Basse erinnert in der taz an die Schauspielerin Ruth Albu, die um 1930 in thematisch teils kontroversen Sittenfilmen mitspielte, dann aber vor den Nazis fliehen musste und heute in Berlin so gut wie vergessen ist. Jakob Thaller berichtet im Standard, wie das Wiener Traditionskino Bellaria gerettet werden konnte. Die Agenturen melden, dass die französische Schauspielerin Nathalie Baye im Alter von 77 Jahren gestorben ist. Besprochen werden die Apple-Serie "Only Margo" mit Elle Fanning, Michelle Pfeiffer und Nicole Kidman ("eine der liebenswertesten Serien der jüngeren Zeit", schwärmt Andreas Busche im Tagesspiegel) und Rebecca Zlotowskis "Paris Murder Mystery" mit Jodie Foster (NZZ).
Archiv: Film