Efeu - Die Kulturrundschau
Kontinente aus Farbe
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31.01.2026. Die Welt amüsiert sich königlich mit den Zarzuelas, einem spanischen Operettegenre, das Christof Loy gern inszeniert. Die FAZ bewundert im Genfer Musée Rath die Malerei von Aborgines-Künstlerinnen. Der FAZ wird der Apero schal beim Basler Kammermusikfestival Mizmorim, weil es den Nahostkonflikt ganz ausklammert. In der SZ plädiert die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt für die Wiederentdeckung von Marie Luise Kaschnitz. Vor der Revolution war der Revolutionär, erkennt die Welt in der großen Cézanne-Ausstellung in der Fondation Beyeler.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
31.01.2026
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Bühne

Nichts als reueloser Spaß hier. Welt-Kritiker Manuel Brug ist begeistert von der "umwerfend in die Hüfte gehenden" österreichischen Erstaufführung der 1923 von Paolo Luna komponierten Zarzuela (die spanische Operette) "Benamor", die Regisseur Christof Loy im Theater an der Wien inszeniert hat. "'Benamor' ein musikalisch mitreißende Dreiakter, angesiedelt in einem fiktiven Orient, klanglich aber fest auf rhythmisch knallenden spanischen Absatzfüßen stehend, ist ein utopisches Märchen und Menschenexperiment; ähnlich wie es sich Rationalisten der Rokokozeit à la Marivaux für das Theater ausgedacht haben. Dass aus dynastischen Gründen die Geschlechter der beiden Sultanskinder von Isfahan ausgetauscht wurden, dusslige Wesire, Eunuchen, Odalisken, das übrige Palastfußvolk, aber auch die beiden Betroffen nichts davon merken, ist eben Operettenbehauptung - die man einfach glauben muss. Bis aber dann jeweils Mann und Frau als Figuren auf der Bühne, aber real heutig angequeert auch Frau und Frau und Mann und Mann ... dauert über drei quirlige Stunden."
Loy, der sogar nach Spanien gezogen ist, um seiner Leidenschaft für die Zarzuela zu frönen, hat außerdem am Theater Basel Francisco Asenjo Barbieris "El barberillo de Lavapiés" von 1874 auf die Bühne gebracht. Aufgeführt wird das Stück nicht mehr, aber es ist dankenswerterweise auf Youtube zu sehen:
Außerdem unterhält sich Manuel Brug für die Welt mit dem offenbar sehr umtriebigen Opernregisseur Damiano Michieletto. In der nachtkritik freut sich Vincent Koch über die Berufung von Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander als neues Intendanz-Trio am Schauspiel Leipzig.
Besprochen werden Tanju Girişkens Inszenierung von Felicia Zellers Komödie "Der Fiskus" am Theater Trier (nachtkritik), Barbara Freys Walser-Abend "Der irrende Planet. Ein Spaziergang mit Robert Walser" am Wiener Akademietheater (Welt, FAZ) und Bastian Krafts Inszenierung von Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock" am Wiener Burgtheater (nachtkritik, SZ).
Literatur
Was geschieht mit der hebräischen Sprache, wenn auch immer mehr israelische Autorinnen und Autoren auswandern, fragt sich der Schriftsteller Moshe Sakal in "Bilder und Zeiten" der FAZ. In Israel sind viele der Ansicht, dass Hebräisch nur dort seine Heimat habe. "Ist Hebräisch wirklich eine Sprache des Exils? Sind die Israelis, die heute gehen, mit den emigrierten Iranern vergleichbar, die Farsi sprechen? Auch hier bin ich mir nicht sicher. Das liegt unter anderem daran, dass das moderne Hebräisch als säkulare Sprache, als Sprache der Kultur, Literatur und Gesellschaft, seine Wurzeln im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in Europa hat. Und dorthin kann es zurückkehren."
Heute vor 125 Jahren wurde die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz geboren. Die "brillante Beobachterin und beeindruckende Stilistin" und erste Büchner-Preisträgerin ist allerdings ziemlich in Vergessenheit geraten, seufzt die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt in der SZ. Dabei wäre es durchaus lohnenswert, Kaschnitz wiederzuentdecken, schreibt Sichelschmidt weiter: Zwar klagte sich die Schriftstellerin später selbst an, zu wenig gegen den Natonalsozialismus getan zu haben. "Bald nach dem Krieg schon verfasste sie eine kämpferische Abrechnung mit der von Frank Thieß geprägten Formel von der Inneren Emigration. ... Die Erzählkunst der Marie Luise Kaschnitz kann für den Nachgeborenen, für heutige Leser zum Ankerpunkt werden, gerade in Zeiten wie diesen, da jeder sich fragen muss: Was tue ich gegen die Demokratieverletzungen unserer Tage, den Zynismus reiner Machtpolitik, gegen die eigene Indifferenz beim Heraufkommen von Verhältnissen, die nicht nur linke Alarmisten als präfaschistisch wiedererkennen?"
Außerdem: Für "Bilder und Zeiten" der FAZ begibt sich Thomas Steinfeld auf die Suche nach Chavignolles, dem von Flaubert erfundenen Ort für sein Romanfragment "Bouvard und Pécuchet" (mehr zu dem Buch vor kurzem auch hier). Rainer Moritz erinnert in "Bilder und Zeiten" an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller Richard Yates. Maxim Biller lässt in einer Glosse in der SZ einen Literaturwissenschaftler und einen jüdischen Schriftsteller im E-Mail-Wechsel aufeinandertreffen.
Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (taz), Paul Karasiks, David Mazzucchellis und Lorenzo Mattottis Comic-Adaption von Paul Austers New-York-Trilogie (taz), Milena Markovićs "Kinder" (online nachgereicht von der FAZ), Colleen Hoovers "Woman Down" (taz) und Sorj Chalandons "Herz in der Faust" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Dagmara Kraus über Sonja vom Brockes "6:59":
"Die Augenbrauen gesengt, stelzt
ein Morgen zum andern ..."
Heute vor 125 Jahren wurde die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz geboren. Die "brillante Beobachterin und beeindruckende Stilistin" und erste Büchner-Preisträgerin ist allerdings ziemlich in Vergessenheit geraten, seufzt die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt in der SZ. Dabei wäre es durchaus lohnenswert, Kaschnitz wiederzuentdecken, schreibt Sichelschmidt weiter: Zwar klagte sich die Schriftstellerin später selbst an, zu wenig gegen den Natonalsozialismus getan zu haben. "Bald nach dem Krieg schon verfasste sie eine kämpferische Abrechnung mit der von Frank Thieß geprägten Formel von der Inneren Emigration. ... Die Erzählkunst der Marie Luise Kaschnitz kann für den Nachgeborenen, für heutige Leser zum Ankerpunkt werden, gerade in Zeiten wie diesen, da jeder sich fragen muss: Was tue ich gegen die Demokratieverletzungen unserer Tage, den Zynismus reiner Machtpolitik, gegen die eigene Indifferenz beim Heraufkommen von Verhältnissen, die nicht nur linke Alarmisten als präfaschistisch wiedererkennen?"
Außerdem: Für "Bilder und Zeiten" der FAZ begibt sich Thomas Steinfeld auf die Suche nach Chavignolles, dem von Flaubert erfundenen Ort für sein Romanfragment "Bouvard und Pécuchet" (mehr zu dem Buch vor kurzem auch hier). Rainer Moritz erinnert in "Bilder und Zeiten" an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller Richard Yates. Maxim Biller lässt in einer Glosse in der SZ einen Literaturwissenschaftler und einen jüdischen Schriftsteller im E-Mail-Wechsel aufeinandertreffen.
Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (taz), Paul Karasiks, David Mazzucchellis und Lorenzo Mattottis Comic-Adaption von Paul Austers New-York-Trilogie (taz), Milena Markovićs "Kinder" (online nachgereicht von der FAZ), Colleen Hoovers "Woman Down" (taz) und Sorj Chalandons "Herz in der Faust" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Dagmara Kraus über Sonja vom Brockes "6:59":
"Die Augenbrauen gesengt, stelzt
ein Morgen zum andern ..."
Film

Als Branchenvertreter schlagen Michelle Müntefering und Achim Rohnke in der FAZ in der festgefahrenen Debatte um die Reform der Filmförderung - Investionsverpflichtung oder freiwillige "Selbstverpflichtung" für Streamer? - einen "dritten Weg" vor, nämlich "eine gesetzliche Verpflichtung zu Investitionen mit Rechterückbehalt, die aber mit klar definierten Öffnungsklauseln flexible und marktgerechte Lösungen zwischen den Marktpartnern zulässt". Was das konkret bedeutet, bleibt für den Laien von außen allerdings eher unklar. Jedoch versprechen sich die beiden davon "ein Modell, das alle Marktteilnehmer fair behandelt und zugleich die gesamte Wertschöpfungskette in Deutschland stärkt".
Außerdem: Marian Wilhelm sichtet für den Standard neue Filme über Afghanistan. Leonie Brünker blickt für den Filmdienst gespannt auf die ersten Produktionen des internationalen Kollektiv-Netzwerks Cinema of Disobedience. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Catherine O'Hara.
Besprochen werden ein von Marc Siegel herausgegebener Band mit Texten über den Underground-Filmemacher Jack Smith (taz) und Bret Ratners für Amazon gedrehter PR-Film über Donald Trumps Ehefrau Melania Trump (Standard, Welt).
Kunst

Die australische Aborigine Patsy Lulpunda war hundert Jahre alt, als sie anfing zu malen. In den zwei Jahren, die ihr noch blieben, hat sie über sechzig Bilder gemalt, staunt Stefan Trinks (FAZ) in der Ausstellung "Elles - Artistes aborigènes contemporaines", die das Genfer Musee Rath aus Werken von Aborigines-Künstlerinnen in der Schweizer Bérengère Primat Collection zusammengestellt hat: "Auch Sally Gabori, die mit klang-vollem Namen Mirdidingkingathi Juwarnda Sally Gabori heißt, begann erst mit achtzig Jahren zu malen. Auf ihren für 'klassische' Aborigines-Kunst ungewöhnlich stark farbigen Bildern setzt sie Kontinente aus Farbe neben- und gegeneinander, Farbschollen werden ihr zu Erdschollen und verkörpern Erinnerungen an das lange verlorene Land ihrer Jugend - mit zwanzig musste sie ihre Geburtsinsel Bentinck verlassen und kehrte erst achtzigjährig zurück, um sich fortan die Heimat ihrer Kindheit malend zurückzuerobern."
Mira Anneli Nass erzählt in der taz von einer Forschungsreise über künstlerische Strategien des Gedenkens in Israel. Vor allem die Omnipräsenz der Folgen des 7. Oktober ist "überwältigend", schreibt sie. "Zugleich sehe ich so viel herausragende Kunst wie lange nicht, was auf die Tradition einer über Jahrzehnte entwickelten Verarbeitungspraxis hindeutet. In etablierten Ausstellungshäusern in Deutschland wird sie wegen des erstarkten Boykotts israelischer Künstler wohl nicht gezeigt. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Einschnitt, den der 7. Oktober für die israelische Gesellschaft bedeutet, und künstlerische Umgangsweisen damit scheinen immer weniger möglich. Ende Dezember wird bekannt, dass der rumänischstämmige Bildhauer Belu-Simion Fainaru auf der kommenden Biennale di Venezia Israel vertreten wird. Im Juni zerstörte eine iranische Rakete seine Wohnung und das Studio in Haifa. In Deutschland vertrat ihn bisher die Berliner Galeria Plan B. Seit der Bekanntgabe seiner Biennale-Teilnahme ist Fainarus Name von deren Website verschwunden."
Weitere Artikel: Saskia Trebing hat sich für monopol die von Naomi Beckwith kuratierte Gruppenschau "Echo Delay Reverb" im Palais Tokyo angesehen und bereitet uns darauf vor, was wir von Beckwith auf der nächsten Documenta zu erwarten haben: Viel Theorie. "Interessant ist, dass ihr Verständnis von Kunst als Raum des Denkens ziemlich gut zu den theoriegeladenen Documenta-Ausgaben seit Catherine Davids DX im Jahr 1997 passt. Die Werke, die sie zeigt, sind politisch, aber sie bleiben im institutionell legitimierten Rahmen. Selbst wenn es in einem Kapitel in Paris um 'Institutional critique' geht, findet dieser Angriff auf das Museum im gut beherrschbaren Setting statt." In der Berliner Zeitung berichtet Ingeborg Ruthe vom Stand der Aufarbeitung des Nachlasses von Leni Riefenstahl, in der FAZ zieht Petra Ahne Zwischenbilanz. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) stellt Matthias Alexander den isländischen Fotografen Ragnar Axelsson vor, dessen Landschaftsporträts aus dem hohen Norden auch die Folgen des Klimawandels dokumentieren.
Musik
Robin Passon wundert sich in der FAZ, dass es beim Basler Kammermusikfestival Mizmorim schwerpunktmäßig zwar um Jerusalem und dessen muskalische Kulturen geht, aber niemand so richtig die aktuellen Ereignisse in Nahost ansprechen will: "Können wir dann einfach so das Zusammenleben der Kulturen feiern, während in den palästinensischen Flüchtlingslagern der Winter wütet und die israelische Gesellschaft selbst gespalten ist wie selten?" Passon stört sich daran, dass man "kommentarlos Grußworte des israelischen Botschafters ins Programmheft aufnimmt und auf Stiftungsgelder mit israelischen Anteilen baut". Das fühle sich "zwischen Falafel und Sekt beim heiteren Apéro beklemmend an, zumal inzwischen auch der Dirigent Zubin Mehta, ein langjähriger Freund Israels, alle Konzerte in diesem Land aus Protest gegen die Politik Netanjahus abgesagt hat." Im Podcast von Backstage Classical kommt die israelische Sopranistin Chen Reiss auf Mehtas Entscheidung zu sprechen: Für Kritik an Netanjahu ist sie jederzeit zu haben, aber ein Boykott Israels treffe nur die falschen, aber gewiss nicht die politischen Führer.
Weitere Artikel: Lucien Scherrer (NZZ) und Julia Encke (FAS) hören Michel Houellebecqs erste Single als, nunja, "Chansonnier". Beate Scheder und Julian Weber berichten in der taz vom Berliner Avantgarde-Elektro-Festival CTM, bei dem "der alte Menschheitswunsch, Sound zu visualisieren ... Wirklichkeit geworden" ist. Dass die US-Rapperin Nicki Minaj seit kurzem an der Seite von Donald Trump steht, "erstaunt nicht nur ihre zu großen Teilen queere und migrantische Fangemeinschaft", schreibt Leonie Charlotte Wagner in der NZZ, denn schließlich hatte die US-Rapperin in Trumps erster Amtszeit diesen noch schwer kritisiert. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Ur-Punk John Lydon zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden Mabe Frattis und Titanics Album "Hagen" (taz), ein Jazzkonzert von Lars Danielsson, John Parricelli und Verneri Pohjola in Frankfurt (FR) und Makaya McCravens neues Doppelalbum "Off the Record" (FR).
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