Efeu - Die Kulturrundschau

Süß wie ein Reiskuchen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.01.2026. Die Feuilletons kommentieren die Auswahl fürs Theatertreffen: Viel schwere Kost, findet die nachtkritik, traurig und dürftig, stöhnt die FAZ. Die sich hingegen über die Science-Fiction-Autorin Aiki Mira freut, die Musk und Co eine bessere, lebbare Zukunftsvision entgegenhält. Die Zeit würdigt die von einem ICE-Agenten erschossene Dichterin Renee Good. Die taz lässt sich auf den Tanztagen Berlin von Alvin Collantes' schwitzender, japsender Drag-Performance hinreißen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2026 finden Sie hier

Kunst

Ein Bild aus C. G. Jung: Rotes Buch - Liver Novus. 1913-1930, 
© Stiftung der Werke von C. G. Jung, Zürich

Stefan Trinks besucht für die FAZ "eine der komplexesten Ausstellungen seit langem". Thema der Schau "C. G. Jung und die Entdeckung der Psyche" im Landesmuseum Zürich ist, naheliegenderweise, die Psychoanalyse, insbesondere in ihrer Schweizer Spielart, und ihr Verhältnis zur Kunst. Trinks lernt viel über die Widerborstigkeit des Schweizerischen, über die Spuren, die Nietzsche und Robert Burton in der Eidgenossenschaft hinterlassen haben, über vergessene Protagonistinnen der Psychoanalyse. Tolle Kunst gibt es außerdem zu sehen: "Unter den Künstlern, deren Œuvre ohne die Psychoanalyse nicht annähernd dasselbe wäre, ragen in der Ausstellung Meret Oppenheim mit ihrem gekreuzigten Penis 'Ende und Verwirrung' von 1971, Heidi Bucher mit ihren Raum-Häutungen, Marlene Dumas mit ihrer unheimlichen Familienaufstellung 'Nuclear Family' von 2013 in Grau und Louise Bourgeois' 'Filette' von 1968 mit dem wie ein Damoklesschwert über Freuds Couch schwebendem Phallus heraus."

Waldemar Otto, Macher und Machwerk III, 1989. Foto: Auktionshaus Van Ham


Hans-Joachim Müller würdigt in der Welt Waldemar Otto, dessen Skulpturen zwar einen festen Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts haben, aber nur selten ausgestellt werden. Vielleicht, weil Otto sich konsequent dem Zeitgeist verweigerte: "Gänzlich unbeeindruckt von den raschen Kulissenwechseln seiner visuellen Umwelt arbeitete er an seinen 'Torsi', an seinen stehenden und liegenden Figuren, bedachte mit knappsten Mitteln ihre Situation im Raum und schuf so ein Werk, das mit unbeirrbarer Abständigkeit dem Kampf um die Figurenreste zusah, in dem die Moderne ihre Triumphe erlebt hat. Dass einer in den späten 1950er-Jahren, als die Kunstwelt zwischen informeller Gestik, Zero-Bewegung und erstem amerikanischem Pop-Realismus in Aufruhr war, eine 'Figure in Space' formt, die in ihrem Drahtgerüst zu schweben scheint, das verrät allen Willen zur trotzigen Eigenständigkeit." Anlass des Textes ist keine Ausstellung, sondern eine kommende Auktion mit Otto-Werken im Kölner Auktionshaus Van Ham.

Weiteres: Nicola Kuhn kommentiert im Tagesspiegel ein neues Trump-Gemälde in der National Portrait Gallery, Philipp Meier tut es ihr in der NZZ gleich.
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Literatur

Sicher, "man sollte Kunst nachträglich nicht heroisieren, Gedichte werden nicht automatisch gut, nur weil die Autorin unfreiwillig zur Protagonistin einer amerikanischen Tragödie wurde", schickt Marlene Knobloch in der Zeit in ihrem Text über Renee Good voraus, die in Minneapolis von einem ICE-Beamten erschossen wurde. Trotzdem stellt sie fest: Bei Goods 2020 preisgekröntem Gedicht "On Learning to Dissect Fetal Pigs" handelt es sich um "ein gutes, ein merkwürdiges Gedicht", das vor allem Good als Individuum vor den Überlagerungen durch Medien, Öffentlichkeit und politischen Fraktionen rettet: Ihr Gedicht "erzählt von einem Menschen, der mit Ideen rang, damit, wie man dieses Leben verstehen soll. Der mit Versen nach Erkenntnis tastete. Der an der nackten biologistischen Definition der Existenz zweifelte, der auf der Suche nach dem Eigensten, Innersten war, nach dem, was da noch liegen könnte oder mal gelegen hat."

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Sehr fasziniert durchstreift Dietmar Dath im FAZ-Porträt die Science-Fiction-Welten von Aiki Mira. Bei deren Lektüre lernt er: "Sprache kann Gebiete der Imagination, die kein Fuß je betreten wird, besetzen, befreien, bewohnen oder aufgeben." Schon sieht Dath eine Internationale der Science-Fiction sich bilden: "Alyxandra Margaret Dellamonica (alias L. X. Beckett) ... in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Quifan Chen in China ... stehen wie Aiki Mira gegen die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure, die Aiki Mira unbeeindruckt ins Visier nimmt: 'Marskolonialismus, ewiges Leben, Privatstädte. Musk, Bezos, Thiel arbeiten an ihren persönlichen Fluchtfantasien. Autoritäre SF baut keine Zukunft, sondern ein Museum ihrer Macht. Mit Eintrittspreis. Ich möchte dieser Vision viele lebbare Zukünfte entgegensetzen: Körper, die nicht erobern, sondern sich verweben', inklusive 'Wesen, die schon hier sind, auch die nicht-menschlichen."

Schon auch bedauerlich findet es Susanne Messmer in der taz, dass sich die wegen Umbauten und Renovierungen bedingte 18-monatige Tournee des Literaturhauses Berlin quer durch die Hauptstadt nun dem Ende zuneigt. Dieses "Literaturhaus ohne Haus" wäre jedenfalls eine patentreife Idee, findet sie: "Denn egal, ob der Rapper AMEFU am Tag der Bücherverbrennung im SO36 Paul Celans 'Todesfuge' las oder ob Mikael Ross seine Graphic Novel 'Der verkehrte Himmel' mitten in jenem Wohngebiet in Lichtenberg vorstellen konnte, wo sie spielt: Literatur wartet meist viel zu lang darauf, entdeckt zu werden, statt selbst vor die Tür zu gehen."

Weiteres: Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tsp) schreiben Nachrufe auf den "Dilbert"-Cartoonisten Scott Adams. Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (FR), Elizabeth Jenkins' "Die Nachbarin" (FR) und Marcel Nobis' Streifzug durch die Geschichte der Kneipenkultur des alten West-Berlins (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Die Auswahl fürs Berliner Theatertreffen steht - und wird eifrig kommentiert. Christian Rakow ist in der nachtkritik insgesamt recht angetan. Bevorzugt wurden, wieder einmal, nicht leicht zugängliche Stücke: "So erhärtet sich der Befund über die Jahre: Die Experten-Jury des Berliner Theatertreffens sucht stärker verschlüsselte Kunstsprachen. Das schwer Dechiffrierbare und komplex Auszudeutende ist klar im Vorteil. Die politische Wirklichkeit unserer Tage findet sich in der Auswahl denn auch eher punktuell in klassische Stoffe eingearbeitet: Jette Steckel verknüpft in diskreten Andeutungen den Künstlerroman 'Mephisto' mit dem Kunst(unfreiheits)verständnis der AfD. Jan-Christoph Gockel verschaltet Schillers Feldherren-Drama 'Wallenstein' mit der Geschichte des Söldnerführers Prigoschin und seiner 'Wagner-Truppe'." Dass Vinge/Müllers "Peer Gynt" fehlt, kann Rakow freilich nicht nachvollziehen.

Ein "trauriges Theatertreffen" prognostiziert Simon Strauß in einem kurzen, apodiktischen FAZ-Kommentar. Feige und dürftig ist die Auswahl in seinen Augen, punktuelle Abhilfe verschafft einzig die Frauenquote: "Hoffentlich nicht nur dank ihr sind Jette Steckels 'Mephisto' von den Münchner Kammerspielen, Pinar Karabuluts 'Il Gattopardo' aus Zürich und Florentine Holzingers Vulkan-Vulven-Werk 'A Year without summer' eingeladen. Dazu kommen die beiden nun länger als Newcomerinnen angepriesenen Lucia Bihler mit einer Thomas-Melle-Inszenierung aus Stuttgart und Leonie Böhm mit einer 'Fräulein Else'-Adaption. Im nächsten Jahr wechselt die Jury, dann wird die Auswahl hoffentlich ein bisschen aufregender." Weiterhin kommentieren Beate Scheder in der taz, Jakob Hayner in der Welt, Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, Ulrich Seidler in der Blz und Peter Laudenbach in der SZ.

Alvin Collantes als Bibingka © Gaia Bernabe-Belvis

Beate Scheder besucht für die taz die Tanztage Berlin, ein Festival für den Tanznachwuchs in den Sophiensälen. Im Zentrum gleich mehrerer Inszenierungen steht die alltägliche Realität von Performern, also: was es heißt, vor Publikum auf der Bühne zu stehen. Alvin Collantes etwa, der am Auftaktabend auftritt, "präsentiert sein Drag-Alter-Ego Bibingka. Süß wie der philippinische Reiskuchen, nach dem sie benannt ist, unwiderstehlich, mitreißend, sexy. Collantes präsentiert aber auch die Erschöpfung, zeigt sich keuchend, schwitzend, japsend, abgeschminkt, ohne falsches Haar und hohe Hacken, so überzeugend, dass es am Ende Standing Ovations gibt." Finanziell geht es den Tanztagen leider gar nicht gut, erfahren wir noch.

Weiteres: Jonas Wahmkow berichtet in der taz von einer anlaufenden Streikbewegung von Bühnenarbeitern an Berliner Theatern. Shirin Sojitrawalla wünscht sich in der nachtkritik für 2026 weniger Störgeräusche aus dem Publikum. Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ dem Tenor Ben Heppner zum 70. In der Welt kommentiert Manuel Brug die Entscheidung des Ensembles der Washington National Opera, das angestammte Haus, das womöglich bald Melania Trump Opera House heißen wird, als Reaktion auf die Trump'sche Kulturpolitik zu verlassen. Besprochen wird Matthias Pintscher und Daniel Arkadij Gerzenbergs "Das kalte Herz" an der Berliner Staatsoper (van).
Archiv: Bühne

Film

Karl Gedlicka empfiehlt im Standard die Visconti-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums. Besprochen werden Johanna Moders Mutter-Kind-Drama "Mother's Baby", das laut tazler Jens Balkenborg "geschickt auf der Kante zwischen Familiendrama und Horrorfilm wandelt",  Nia DaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (critic.de, FAZ), Marcus H. Rosenmüllers Culture-Clash-Komödie "Extrawurst" mit Hape Kerkeling (Standard), das "Game of Thrones"-Spinoff "A Knight of the Seven Kingdoms" (NZZ), die zweite Staffel der Apple-Serie "Hijack", in der Idris Elba durch eine Berliner U-Bahnlinie hetzt (Tsp), die Netflix-Krimiserie "Seven Dials" nach einem Agatha-Christie-Roman (Welt) und die Disney-Serie "The Lowdon" mit Ethan Hawke als Ermittler in Tulsa (FAZ).
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Musik

China rückt immer mehr ins "Zentrum des Weltgeschehens", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical, auch kulturell. Putin-Verehrer wie Valery Gergiev und Teodor Currentzis stehen dort noch ganz selbstverständlich auf dem Spielplan - neben den Berliner Philharmonikern. Doch "dafür, dass China seinen Gästen die Tür zu seinen Konzertsälen ohne Ideologie-Kontrolle öffnet, will es auch nichts von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land hören. ... Russische Ensembles lassen sich gern auf diesen Deal ein, weil sie dann auch nicht über die Machenschaften ihrer eigenen Staaten angesprochen werden, und weil China einer der letzten Orte ist, an denen sie so etwas wie die große weite Welt atmen können. Westliche Ensembles argumentieren dagegen eher damit, dass Boykotte keine Lösung für einen Wandel seien und wissen gleichzeitig, dass Gastspiele in China zum einen lukrativ sind und zum anderen eine Tradition fortsetzen, auf die viele ungern verzichten wollen."  

Weitere Artikel: Leon Spachmann porträtiert im Standard die Wiener Rapperin Sara, die sich in der männlich dominierten Battlerap-Szene behauptet. Im Standard gratuliert Christian Schachinger Howard Carpendale zum 80. Geburtstag. Christian Zschammer schreibt in der taz einen Nachruf auf den chilenischen Musiker Álvaro.

Besprochen werden ein Frankfurter Gedenkkonzert für den Jazzpianisten Christoph Spendel (FR), ein Konzert von Marta Gardolińska und Jean-Guihen Queyras mit der Kammerakademie Potsdam (VAN) sowie das Album "Spots" der Joasihnos ("verspielter kann Popavantgarde" kaum sein, findet Stefan Michalzik in der FR).
Archiv: Musik