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14.01.2026. Die Feuilletons kommentieren die Auswahl fürs Theatertreffen: Viel schwere Kost, findet die nachtkritik, traurig und dürftig, stöhnt die FAZ. Die sich hingegen über die Science-Fiction-Autorin Aiki Mira freut, die Musk und Co eine bessere, lebbare Zukunftsvision entgegenhält. Die Zeit würdigt die von einem ICE-Agenten erschossene Dichterin Renee Good. Die taz lässt sich auf den Tanztagen Berlin von Alvin Collantes' schwitzender, japsender Drag-Performance hinreißen.
Waldemar Otto, Macher und Machwerk III, 1989. Foto: Auktionshaus Van Ham
Hans-Joachim Müller würdigt in der WeltWaldemar Otto, dessen Skulpturen zwar einen festen Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts haben, aber nur selten ausgestellt werden. Vielleicht, weil Otto sich konsequent dem Zeitgeist verweigerte: "Gänzlich unbeeindruckt von den raschen Kulissenwechseln seiner visuellen Umwelt arbeitete er an seinen 'Torsi', an seinen stehenden und liegenden Figuren, bedachte mit knappsten Mitteln ihre Situation im Raum und schuf so ein Werk, das mit unbeirrbarer Abständigkeit dem Kampf um die Figurenreste zusah, in dem die Moderne ihre Triumphe erlebt hat. Dass einer in den späten 1950er-Jahren, als die Kunstwelt zwischen informeller Gestik, Zero-Bewegung und erstem amerikanischem Pop-Realismus in Aufruhr war, eine 'Figure in Space' formt, die in ihrem Drahtgerüst zu schweben scheint, das verrät allen Willen zur trotzigen Eigenständigkeit." Anlass des Textes ist keine Ausstellung, sondern eine kommende Auktion mit Otto-Werken im Kölner Auktionshaus Van Ham.
Weiteres: Nicola Kuhn kommentiert im Tagesspiegel ein neues Trump-Gemälde in der National Portrait Gallery, Philipp Meier tut es ihr in der NZZ gleich.
Sicher, "man sollte Kunst nachträglich nicht heroisieren, Gedichte werden nicht automatisch gut, nur weil die Autorin unfreiwillig zur Protagonistin einer amerikanischen Tragödie wurde", schickt Marlene Knobloch in der Zeit in ihrem Text über ReneeGood voraus, die in Minneapolis von einem ICE-Beamten erschossen wurde. Trotzdem stellt sie fest: Bei Goods 2020 preisgekröntem Gedicht "On Learning to Dissect Fetal Pigs" handelt es sich um "ein gutes, ein merkwürdiges Gedicht", das vor allem Good als Individuum vor den Überlagerungen durch Medien, Öffentlichkeit und politischen Fraktionen rettet: Ihr Gedicht "erzählt von einem Menschen, der mit Ideen rang, damit, wie man dieses Leben verstehen soll. Der mit Versen nach Erkenntnis tastete. Der an der nackten biologistischen Definition der Existenz zweifelte, der auf der Suche nach dem Eigensten, Innersten war, nach dem, was da noch liegen könnte oder mal gelegen hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sehr fasziniert durchstreift Dietmar Dath im FAZ-Porträt die Science-Fiction-Welten von AikiMira. Bei deren Lektüre lernt er: "Sprache kann Gebiete der Imagination, die kein Fuß je betreten wird, besetzen, befreien, bewohnen oder aufgeben." Schon sieht Dath eine Internationale der Science-Fiction sich bilden: "Alyxandra Margaret Dellamonica (alias L. X. Beckett) ... in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Quifan Chen in China ... stehen wie Aiki Mira gegen die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure, die Aiki Mira unbeeindruckt ins Visier nimmt: 'Marskolonialismus, ewiges Leben, Privatstädte. Musk, Bezos, Thiel arbeiten an ihren persönlichen Fluchtfantasien. Autoritäre SF baut keine Zukunft, sondern ein Museum ihrer Macht. Mit Eintrittspreis. Ich möchte dieser Vision viele lebbare Zukünfte entgegensetzen: Körper, die nicht erobern, sondern sich verweben', inklusive 'Wesen, die schon hier sind, auch die nicht-menschlichen."
Schon auch bedauerlich findet es Susanne Messmer in der taz, dass sich die wegen Umbauten und Renovierungen bedingte 18-monatige Tournee des Literaturhauses Berlin quer durch die Hauptstadt nun dem Ende zuneigt. Dieses "Literaturhaus ohne Haus" wäre jedenfalls eine patentreife Idee, findet sie: "Denn egal, ob der Rapper AMEFU am Tag der Bücherverbrennung im SO36 Paul Celans 'Todesfuge' las oder ob Mikael Ross seine Graphic Novel 'Der verkehrte Himmel' mitten in jenem Wohngebiet in Lichtenberg vorstellen konnte, wo sie spielt: Literatur wartet meist viel zu lang darauf, entdeckt zu werden, statt selbst vor die Tür zu gehen."
Weiteres: Andreas Platthaus (FAZ) und Lars von Törne (Tsp) schreiben Nachrufe auf den "Dilbert"-Cartoonisten ScottAdams. Besprochen werden unter anderem LeïlaSlimanis "Trag das Feuer weiter" (FR), ElizabethJenkins' "Die Nachbarin" (FR) und MarcelNobis' Streifzug durch die Geschichte der Kneipenkultur desaltenWest-Berlins (taz). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Die Auswahl fürs Berliner Theatertreffensteht - und wird eifrig kommentiert. Christian Rakow ist in der nachtkritik insgesamt recht angetan. Bevorzugt wurden, wieder einmal, nicht leicht zugängliche Stücke: "So erhärtet sich der Befund über die Jahre: Die Experten-Jury des Berliner Theatertreffens sucht stärker verschlüsselte Kunstsprachen. Das schwer Dechiffrierbare und komplex Auszudeutende ist klar im Vorteil. Die politische Wirklichkeit unserer Tage findet sich in der Auswahl denn auch eher punktuell in klassische Stoffe eingearbeitet: Jette Steckel verknüpft in diskreten Andeutungen den Künstlerroman 'Mephisto' mit dem Kunst(unfreiheits)verständnis der AfD. Jan-Christoph Gockel verschaltet Schillers Feldherren-Drama 'Wallenstein' mit der Geschichte des Söldnerführers Prigoschin und seiner 'Wagner-Truppe'." Dass Vinge/Müllers "Peer Gynt" fehlt, kann Rakow freilich nicht nachvollziehen.
Ein "trauriges Theatertreffen" prognostiziert Simon Strauß in einem kurzen, apodiktischen FAZ-Kommentar. Feige und dürftig ist die Auswahl in seinen Augen, punktuelle Abhilfe verschafft einzig die Frauenquote: "Hoffentlich nicht nur dank ihr sind Jette Steckels 'Mephisto' von den Münchner Kammerspielen, Pinar Karabuluts 'Il Gattopardo' aus Zürich und Florentine Holzingers Vulkan-Vulven-Werk 'A Year without summer' eingeladen. Dazu kommen die beiden nun länger als Newcomerinnen angepriesenen Lucia Bihler mit einer Thomas-Melle-Inszenierung aus Stuttgart und Leonie Böhm mit einer 'Fräulein Else'-Adaption. Im nächsten Jahr wechselt die Jury, dann wird die Auswahl hoffentlich ein bisschen aufregender." Weiterhin kommentieren Beate Scheder in der taz, Jakob Hayner in der Welt, Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, Ulrich Seidler in der Blz und Peter Laudenbach in der SZ.
Weiteres: Jonas Wahmkow berichtet in der taz von einer anlaufenden Streikbewegung von Bühnenarbeitern an Berliner Theatern. Shirin Sojitrawalla wünscht sich in der nachtkritik für 2026 weniger Störgeräusche aus dem Publikum. Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ dem Tenor Ben Heppner zum 70. In der Weltkommentiert Manuel Brug die Entscheidung des Ensembles der Washington National Opera, das angestammte Haus, das womöglich bald Melania Trump Opera House heißen wird, als Reaktion auf die Trump'sche Kulturpolitik zu verlassen. Besprochen wird Matthias Pintscher und Daniel Arkadij Gerzenbergs "Das kalte Herz" an der Berliner Staatsoper (van).
Karl Gedlicka empfiehlt im Standard die Visconti-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums. Besprochen werden JohannaModers Mutter-Kind-Drama "Mother's Baby", das laut tazler Jens Balkenborg "geschickt auf der Kante zwischen Familiendrama und Horrorfilm wandelt", NiaDaCostas Horrorfilm "28 Years Later: The Bone Temple" (critic.de, FAZ), MarcusH. Rosenmüllers Culture-Clash-Komödie "Extrawurst" mit HapeKerkeling (Standard), das "Game of Thrones"-Spinoff "A Knight of the Seven Kingdoms" (NZZ), die zweite Staffel der Apple-Serie "Hijack", in der IdrisElba durch eine BerlinerU-Bahnlinie hetzt (Tsp), die Netflix-Krimiserie "Seven Dials" nach einem Agatha-Christie-Roman (Welt) und die Disney-Serie "The Lowdon" mit EthanHawke als Ermittler in Tulsa (FAZ).
China rückt immer mehr ins "Zentrum des Weltgeschehens", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical, auch kulturell. Putin-Verehrer wie Valery Gergiev und Teodor Currentzis stehen dort noch ganz selbstverständlich auf dem Spielplan - neben den Berliner Philharmonikern. Doch "dafür, dass China seinen Gästen die Tür zu seinen Konzertsälen ohne Ideologie-Kontrolle öffnet, will es auch nichts von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land hören. ... Russische Ensembles lassen sich gern auf diesen Deal ein, weil sie dann auch nicht über die Machenschaften ihrer eigenen Staaten angesprochen werden, und weil China einer der letzten Orte ist, an denen sie so etwas wie die große weite Welt atmen können. Westliche Ensembles argumentieren dagegen eher damit, dass Boykotte keine Lösung für einen Wandel seien und wissen gleichzeitig, dass Gastspiele in China zum einen lukrativ sind und zum anderen eine Tradition fortsetzen, auf die viele ungern verzichten wollen."
Weitere Artikel: Leon Spachmann porträtiert im Standard die Wiener Rapperin Sara, die sich in der männlich dominierten Battlerap-Szene behauptet. Im Standardgratuliert Christian Schachinger HowardCarpendale zum 80. Geburtstag. Christian Zschammer schreibt in der taz einen Nachruf auf den chilenischen Musiker Álvaro.
Besprochen werden ein Frankfurter Gedenkkonzert für den Jazzpianisten Christoph Spendel (FR), ein Konzert von MartaGardolińska und Jean-GuihenQueyras mit der KammerakademiePotsdam (VAN) sowie das Album "Spots" der Joasihnos ("verspielter kann Popavantgarde" kaum sein, findet Stefan Michalzik in der FR).
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