Efeu - Die Kulturrundschau
Was in einer Pflanze wirklich geschieht
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12.01.2026. Die FAZ feiert den vor hundert Jahren geborenen Komponisten Morton Feldman, dessen Stücke an kammermusikalische Grenzen führen. Die Menschheit lässt sich auch dann nicht retten, wenn wir auf den Mond fliegen, stellt die Nachtkritik etwas enttäuscht im Theater Bonn fest. Die taz spricht mit Regisseurin Ildikó Enyedi über ihre Kommunikationsversuche mit einem Baum, Protagonist ihres neuen Films. Joan Miró konnte zwar kein Englisch, war aber trotzdem ein großer Transatlantiker, lernt die FAZ in Barcelona.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
12.01.2026
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Film

In Ildikó Enyedis neuem Film "Silent Friend" ist ein Ginkgobaum im Marburger Botanischen Garten der Protagonist. Botanische Überlegungen standen allerdings eher an zweiter Stelle, verrät die ungarische Autorenfilmerin im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser: "Im Kern geht es darum zu akzeptieren, dass Kommunikation immer unvollständig ist. Zwischen den Menschen im Film - etwa zwischen der Gärtnerfigur von Sylvester Groth und dem von Tony Leung gespielten Neurowissenschaftler - ebenso wie zwischen Pflanzen und Menschen. Wir können nur Vermutungen darüber anstellen, was in einer Pflanze wirklich geschieht. Aber allein die Anerkennung, dass es da ein anderes Wesen mit einer eigenen Welt, eigenen komplexen Verbindungen und einer eigenen Realität gibt, ist der entscheidende Schritt. Dasselbe gilt für menschliche Beziehungen: Man kann einen anderen Menschen nie vollständig verstehen. Aber das ist kein Problem, solange man die Realität des Anderen anerkennt und respektiert. Daraus entsteht Intimität."
Bei den Golden Globes hat erwartungsgemäß Paul Thomas Andersons "One Battle After Another" (unsere Kritik) abgeräumt, meldet Tobias Sedlmaier in der NZZ. Anders als Andersons teils sehr brachiale "Revoluzzer-Komödie" blieb die Verleihung selbst dezent, schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ: Es war "eine feine, lustige, unterhaltsame Show, die man altmodisch nennen könnte: Die Kleider waren schön, die Witze gut und es gab kaum Anspielungen auf die aktuelle US-Politik."
Besprochen werden Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" (Standard, unsere Kritik), Charlotte Sielings Syrien-Thriller "Kein Weg zurück" (Standard) und Christian Marclays aktuell in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehende 24-Stunden-Installation "The Clock", die anhand von filmhistorischen Aufnahmen von Uhren durch einen ganzen Tag führt und von tazler Max Eulitz bemerkenswert missverstanden wird.
Musik
Der Cellist und Musikdozent Lucas Fels schwärmt in der FAZ von der Musik des Komponisten Morton Feldman, der vor hundert Jahren geboren wurde. Er erinnert sich an erste Proben in den Achtzigern: "Das genaueste Zusammenspiel" war eine Herausforderung: "am Anfang und am Ende jeder Note, das akribische Aushören der Intonation, der ausgewogen leisen Dynamik, die Differenzierung zwischen den rhythmisch genau notierten und frei notierten Teilen des Stücks". Manche Kompositionen "brachten uns an eine kammermusikalische Grenze, so anders, als wir es bis dahin kannten. Es zählt, von jeder und jedem umgesetzt, der einzelne Taktwechsel, der Rhythmus, jeder einzelne Ton, Akkord, Klangfarbe. Es gilt, zuzuhören und jeden Moment des Stücks auch gemeinsam, vom Pult des anderen ausgehend zu denken, zu begreifen und nachzuempfinden. Gelingt dies, dann - und nur dann - entsteht durch Feldmans Musik dieser unvergleichliche Zustand: schwebend, zeitlos, von purer Schönheit."
Außerdem: Elmar Krekeler schreibt in der Welt zur Geschichte des Akkordeons, das zum "Instrument des Jahres" gewählt wurde. Stephanie Grimm (taz) und Jakob Thaller (Standard) erinnern an David Bowie, der vor zehn Jahren gestorben ist. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Joachim Hentschel (SZ) schreiben zum Tod des Grateful-Dead-Gitarristen Bob Weir. Gerrit Bartels (Tsp) und Julian Weber (taz) schreiben Nachrufe auf den Fehlfarben-Bassisten Michael Kemner.
Besprochen werden das neue 84-CD-Box-Set mit Aufnahmen von Friedrich Gulda (Welt, mehr dazu bereits hier), Thees Uhlmanns Konzert in der Elbphilharmonie in Hamburg (Zeit Online), eine CD von Quatuor Diotima mit Aufnahmen von Kompositionen von Helmut Lachenmann (FAZ), ein neues Album von Lucinda Williams (FAZ), ein neues Album von Nightmares on Wax (FR) und die Box "1985: The Miracle Year" mit Live- und weiteren Aufnahmen der Post-Hardcore-Legende Hüsker Dü ("Alles, was man hier an Glück und Melodie findet, liegt nicht an der Oberfläche, sondern muss dem umfassenden Krach sozusagen abgerungen werden", schwärmt tazler Benjamin Moldenhauer). Wir hören rein:
Außerdem: Elmar Krekeler schreibt in der Welt zur Geschichte des Akkordeons, das zum "Instrument des Jahres" gewählt wurde. Stephanie Grimm (taz) und Jakob Thaller (Standard) erinnern an David Bowie, der vor zehn Jahren gestorben ist. Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Joachim Hentschel (SZ) schreiben zum Tod des Grateful-Dead-Gitarristen Bob Weir. Gerrit Bartels (Tsp) und Julian Weber (taz) schreiben Nachrufe auf den Fehlfarben-Bassisten Michael Kemner.
Besprochen werden das neue 84-CD-Box-Set mit Aufnahmen von Friedrich Gulda (Welt, mehr dazu bereits hier), Thees Uhlmanns Konzert in der Elbphilharmonie in Hamburg (Zeit Online), eine CD von Quatuor Diotima mit Aufnahmen von Kompositionen von Helmut Lachenmann (FAZ), ein neues Album von Lucinda Williams (FAZ), ein neues Album von Nightmares on Wax (FR) und die Box "1985: The Miracle Year" mit Live- und weiteren Aufnahmen der Post-Hardcore-Legende Hüsker Dü ("Alles, was man hier an Glück und Melodie findet, liegt nicht an der Oberfläche, sondern muss dem umfassenden Krach sozusagen abgerungen werden", schwärmt tazler Benjamin Moldenhauer). Wir hören rein:
Literatur
Im Standard-Essay tut sich der Schriftsteller Stefan Kutzenberger schwer mit der Vorstellung, dass man Bücher in den Wettbewerb um eine Auszeichnung schicken kann oder gar sollte, "denn Kunst kann alles sein, nur nicht messbar, sonst wäre sie keine". Mladen Gladic sorgt sich in der Welt um die Zukunft der Übersetzungszunft, nachdem der auf Liebesromane spezialisierte, französische Verlag Harlequin angekündigt hat, beim Übersetzung zukünftig auf KI zu setzen. Sebastian Borger (FR) und Paul Jandl (NZZ) erinnern an Agatha Christie, die vor 50 Jahren gestorben ist. Lukas Kapeller (Standard), Hans Peter Roth (Berner Zeitung) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Science-Fiction-Autor Erich von Däniken.
Der Blattmacher Alf Mayer zählt zu jenen Internet-Idealisten, ohne deren beeindruckendes Engagement für die Möglichkeiten des Netz-Kulturjournalismus das Internet ein ärmerer Ort wäre. Sein CrimeMag, das in beeindruckender Konsequenz seit vielen Jahren jeden Monat neu erscheint und dabei gefühlt immer umfangreicher wird, legt davon beeindruckend Zeugnis ab. Das Onlinemagazin Gespenster der Freiheit hat ihm nun ein schönes Videoporträt spendiert:
Außerdem frisch im Netz: unser Bücherbrief mit Hinweisen zu den wichtigsten Büchern des Monats. Besprochen werden Ádám Bodors Erzählband "Waldohreule" (NZZ), Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (NZZ) und Peter Wawerzineks "Rom sehen und nicht sterben" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Der Blattmacher Alf Mayer zählt zu jenen Internet-Idealisten, ohne deren beeindruckendes Engagement für die Möglichkeiten des Netz-Kulturjournalismus das Internet ein ärmerer Ort wäre. Sein CrimeMag, das in beeindruckender Konsequenz seit vielen Jahren jeden Monat neu erscheint und dabei gefühlt immer umfangreicher wird, legt davon beeindruckend Zeugnis ab. Das Onlinemagazin Gespenster der Freiheit hat ihm nun ein schönes Videoporträt spendiert:
Außerdem frisch im Netz: unser Bücherbrief mit Hinweisen zu den wichtigsten Büchern des Monats. Besprochen werden Ádám Bodors Erzählband "Waldohreule" (NZZ), Leïla Slimanis "Trag das Feuer weiter" (NZZ) und Peter Wawerzineks "Rom sehen und nicht sterben" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Weitere Artikel: Die Washington National Opera hat das Kennedy Center for the Performing Arts verlassen, um sich nicht Trumps Neuausrichtungsplänen beugen zu müssen, meldet Sandra Kegel in der FAZ. Wiebke Hüster interviewt für die FAZ den Verleger Rudolf Rach zum Erbe Pina Bauschs. Die Deutschen tun sich schwer mit ihrem Opern-Erbe, befindet Manuel Brug in der Welt angesichts diverser Jubiläen, die dieses Jahr anstehen, die aber nicht unbedingt dafür sorgen, dass die Jubilare wie Albert Lortzing auch umfassend gespielt werden. Sylvia Staude interviewt den Tänzer und Choreografen Tony Rizzi für die FR.
Besprochen werden Jules Massenets Oper "Manon", inszeniert von Betrand de Billy an der Wiener Staatsoper (Standard), Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens", inszeniert von Nora Schlocker am Münchner Residenztheater (SZ) und die Oper "Sieg über die Sonne" nach Welimir Chlebnikow, Alexei Krutschonych, Kasimir Malewitsch und Michail Matjuschin, die Showcase Beat Le Mot, das Von Krahl Theater Ensemble, das Solistenensemble Kaleidoskop und Maya Dunietz im Berliner HAU auf die Bühne bringen (nachtkritik).
Kunst

Dass Joan Miró kein Englisch konnte, hat ihn nicht davon abgehalten, bedeutende Beziehungen zu anderen Malerinnen und Malern auf der anderen Seite des Atlantiks zu pflegen, sieht Hans-Christian Rößler für die FAZ in der Fundació Joan Miró in Barcelona. Die Ausstellung "Miró und die USA" zeigt einen "universellen Miró": "Seine amerikanischen Kollegen ermutigen den Katalanen, immer größere Skulpturen und Wandgemälde zu wagen - ein lang gehegter Traum. In Spanien ist das unmöglich, auf der anderen Seite des Ozeans findet er den Raum und die Mäzene dafür: Die monumentale Skulptur 'Mond, Sonne und ein Stern' erhebt sich auf der Brunswick Plaza in Chicago. Das Bronzemodell besitzt die Stiftung in Barcelona. Während er in Spanien mit Zensur und Polizeistaat zu kämpfen hatte, empfing 1959 der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower Miró im Weißen Haus, um ihn mit dem International Guggenheim Award auszuzeichnen. In den neugierigen USA herrschte Aufbruchstimmung."
Weiteres: Die Künstlerin Gabriele Stötzer wird mit dem Goslaer Kaiserring ausgezeichnet, meldet Monopol. Besprochen wird die Ausstellung "Daniel Spoerri: Wenn alle Künste untergehn" im Kunstmuseum Chur (NZZ).
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