Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Anlass zur Dissidenz, zum Krawall

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18.12.2025. Die Kritiker sind untröstlich über den überraschenden Tod des Filmemachers Rosa von Praunheim, der die Schwulenbewegung in die Mitte der Gesellschaft trug: So einen wie ihn gibt es nur einmal, seufzt die FAZWolfram Weimers "Investitionsbooster" für den deutschen Film ist eine Farce, errechnet die Welt. Monopol lauscht in einer New Yorker Ausstellung der Stille in den Selbstporträts der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck. Zeit Online hört sich angeekelt den Antisemitismus im Deutschland-Song von Rapper Kollegah an, der vor allem Rechte begeistert. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2025 finden Sie hier

Film

Rosa von Praunheim, 2012 (Bild:

Michael Mayer, CC BY 2.0)

Ein schwerer Verlust: Rosa von Praunheim ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Und das durchaus überraschend: Vor nicht einmal einer Woche hatte er noch seinem langjährigen Lebenspartner das Ja-Wort gegeben, bis zuletzt am Rohschnitt seines neuen Films gearbeitet und noch am Tag vor seinem Tod, wie die Regisseurin Julia von Heinz auf Zeit Online schreibt, "von den vier Filmideen erzählt, die du deinem Redakteur nächste Woche vorstellen wirst". Mit 150 Filmen und zahlreichen öffentlichen, auch in der Szene nicht immer unumstrittenen Interventionen hat er in Deutschland die Anliegen der Schwulenbewegung wie wohl kein zweiter in die Mitte der Gesellschaft getragen und das Leben in der Bundesrepublik damit nachhaltig und deutlich zum Besseren verändert. "Man wird seinesgleichen nie mehr sehen", seufzt Andreas Platthaus in der FAZ. Der Perlentaucher seufzt mit.

Von Praunheim "liebte das Unerwartete, das Unkonventionelle, das eventuell nur für ihn Naheliegende", schreibt Jan Feddersen in der taz und ruft "die Wucht" in Erinnerung, "mit der Rosa die deutsche Kultur ... seit Ende der sechziger Jahre aufmischte", insbesondere mit der Ausstrahlung seines TV-Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Es war der "ästhetische Gründungsakt der bundesdeutschen Schwulenbewegung. ... Schwules, so Praunheim, war nix zum Schämen, sondern zum Stolzsein, ein Anlass zur Dissidenz, zum Krawall, zum lauten Sein als Abschied von den Zeiten, die als Tyrannei der Diskretion verstanden werden können."



"Cineastische Meisterwerke hat er zwar selten hervorgebracht", stellt Tilman Krause in der Welt fest, "aber viele freche, fröhliche Porträts von starken, nicht selten durchgeknallten Frauen oder verhaltensauffälligen, selbstredend überwiegend homosexuellen Männern. Sowie jede Menge flinke Zeitgeistprotokolle." Er war "ein Vorreiter", schreibt David Steinitz in der SZ: "Mit Filmen wie 'Die Bettwurst' holte er die in den USA an der Ostküste längst schwer im höchsten Kurs befindliche Camp-Ästhetik nach Deutschland und wurde zu einem der wichtigsten Protagonisten des Neuen Deutschen Films." Nicht zuletzt wegen seines kreativen Furors: "Er war derjenige, der einfach Filme machte, als andere noch umständlich ihre Förderanträge ausfüllten", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Avantgarde und Unterhaltung, Aufklärung und Bezauberung waren in seinem immensen Filmwerk keine Gegensätze." Für Artechock führt Rüdiger Suchsland sehr umfangreich durch Leben und Werk von Praunheims.



Die ARD hat Rosa von Praunheims Film über Rex Gildo und ein Porträt von 2022 wieder online gestellt. Tagesspiegel und Zeit Online bringen Bilderstrecken. Außerdem hat der Tagesspiegel hier und dort historische Reaktionen auf von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers..." aus dem Archiv geholt. Der NDR bietet ein ausführliches Radiogespräch von 2022. Der Dlf hat zwei große Radiogespräche über Leben und Werk: hier von 2020, dort von 2023. Außerdem erschien dort am 7. Dezember im Rahmen der "Denk ich an Deutschland"-Reihe von Praunheims womöglich letzte Wortmeldung in den Medien.

Themenwechsel: Hanns-Georg Rodek hat für die Welt nachgerechnet, was an dem "Investitionsbooster" dran ist, den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit seinem Konzept der "freiwilligen Selbstverpflichtung" für Streamer, private sowie öffentlich-rechtliche Anstalten zur Investition in den deutschen Film verspricht. Rodeks Ergebnis: nichts. Schaut man auf die Zahlen, dann liegen Weimers anvisierte 15,3 Milliarden auf fünf Jahre sogar unter dem, was ohnehin investiert wird: "Weimers 'Investitionsbooster' ist eigentlich ein Freibrief für Sender und Streamer, weniger für den deutschen Film auszugeben als bisher." In Frankreich und 16 weiteren EU-Staaten ist es hingegen ganz selbstverständlich, dass die Streamer verbindlich und gesetzlich klar geregelt re-investieren müssen, erinnert Rodek.

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Weiteres: Diese Woche startet Sergei Loznitsas Verfilmung von Georgi Demidos Kurzroman "Zwei Staatsanwälte": In der FAZ spricht Yelizaveta Landenberger mit dem Regisseur (hier das Resümee in unserer Debattenrundschau). SZ-Kritiker David Steinitz "läuft es kalt den Rücken" herunter, als er Rob Reiners "Being Charlie" wieder sichtet: In dem 2015 unabhängig produzierten Film versuchen der vor wenigen Tagen mutmaßlich von seinem Sohn ermordete Regisseur und eben jener Sohn ihr schwieriges Verhältnis aufzuarbeiten. Und: Warner Bros. lehnt das Übernahmeangebot von Paramount ab und bevorzugt Netflix, melden die Agenturen.

Besprochen werden Eva Victors "Sorry, Baby" (Perlentaucher, Artechock, online nachgereicht von der Welt, mehr dazu bereits hier), Ousmane Sembènes auf DVD restaurierter Klassiker "Ceddo" (taz), Lucile Hadzihalilovics Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis" (FD, ArtechockStandard), Joy Gharoro-Akpojotors lesbischer Liebesfilm "Dreamers" (Tsp), Edward Yangs wiederaufgeführter taiwanesischer Klassiker "Yi Yi" von 2000 (Artechock), Kleber Mendonça Filhos Polit-Thriller "O Agente Secreto" (Standard), James Camerons "Avatar: Fire and Ash" (Perlentaucher, Artechocktaz, FR, mehr dazu bereits hier), neue ARD- und Sky-Serien über Mozart (taz, online nachgereicht von der Welt) und Dominik Grafs Buch "Sein oder Spielen. Über Filmschauspielerei" (FAZ, mehr dazu bereits hier).
Archiv: Film

Kunst

Helene Schjerfbeck "Self-Portrait", 1912. Foto: Yehia Eweis / Finnish National Gallery

Eine "spürbare Stille" umgibt die Bilder der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die Monopol-Kritikerin Stephanie Buhmann im Metropolitan Museum in New York bewundert. In Nordeuropa sehr bekannt, ist Schjerfbeck (1862-1946) in den USA noch wenigen ein Begriff. Die "stille Sensation" ihrer Bilder sollte das ändern, hofft die Kritikerin: "Die innere Ruhe und die fast verblasst wirkenden Farben scheinen jedenfalls wie von langen Wintern geprägt. Diese Atmosphäre spiegelt sich nicht nur in ihren Landschaften und Stillleben, sondern auch in der konsequenten Hinwendung zum eigenen Bild." Sicher ist, "dass Schjerfbeck ab Mitte 40 einige ihrer berührendsten Werke schuf, darunter dutzende Selbstporträts. Nirgends zeigt sich ihr Blick auf das Wesentliche so eindringlich wie hier, wo sie ihr Altern in Etappen festhielt, parallel zu einem persönlichen Prozess seelischer Reifung."

Weiteres: Hannes Hintermeier besucht für die FAZ den Fotografen Hubertus Hierl, der 1966 eine berühmte Serie von den Reaktionen Picassos auf einen Stierkampf schoss. Besprochen wird die Ausstellung "The Woman Question: 1550 - 2025" im Muzeum Sztuki Nowoczesnej in Warschau (FAZ) und die Ausstellung "The desire for being many" in der Alpha Nova galerie futura (taz).
Archiv: Kunst

Literatur

Besprochen werden unter anderem Anna Seghers' "Ich will Wirklichkeit. Liebesbriefe an Rodi 1921-1925" (NZZ), James Tureks und Erik Weisers Wimmelbild-Buch "Das Entdeckerbuch" (FAZ.net), die Memoiren der Pussy-Riot-Musikerin und -Aktivistin Maria Aljochina (FAZ) und Natascha Wodins "Die späten Tage" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Erinnert sich noch jemand an den Rapper Felix Blume, der als Kollegah vor ein paar Jahren durch antisemitischen Schrott aus der unteren Schublade aufgefallen war? Der legt nun unter seinem bürgerlichen Namen ein Comeback hin, mit dem Lied "Deutschland" und fischt darin mit larmoyant-verheultem Patriotismus am rechten Rand. Das freut vor allem die AfD und einschlägige rechtspopulistische Netz-Schleudern, schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. Bemerkenswert, "dass Blumes Verwendung antisemitischer Tropen für diese Begeisterung keinen Hinderungsgrund bietet". Das zeigt, "dass der in rechten Kreisen zuletzt gern gepflegte Philosemitismus - sei es aus Zustimmung für die Regierung von Benjamin Netanjahu, sei es, weil man damit Stimmung gegen die pauschal zu Antisemiten erklärten Muslime im Lande machen kann - eben lediglich eine Maskerade ist".

Natürlich fehlt in Blumes Track auch das "Denk ich an Deutschland"-Heine-Zitat nicht. "Dass Heine als Jude im Deutschen Bund große Nachteile erfuhr und das Gedicht, in dem er vor allem von seiner Mutter erzählte, im Pariser Exil verfasste, wird ignoriert", schreibt Johann Voigt in der taz. "Kollegah macht - genauso wie die AfD und die Neue Rechte - passend, was für ihre Argumentation passend gemacht werden muss. Was bleibt, ist ein Stück schlecht produzierte Musik mit Haus-Maus-Reimen. Der pure Populismus."

Weitere Artikel: "Erleichterung, Zuversicht, Freude" war beim Eröffnungskonzert in der nach vielen Jahren und (natürlich) mit viel Verspätung wiedereröffneten Bonner Beethovenhalle zu hören, schreibt Hubertus Spiegel in der FAZ. Auf Backstage Classical resümiert Guido Krawinkel den Abend. Im Dlf Kultur führt Anja Reinhardt "hinter die Kulissen" der Beethovenhalle.

Besprochen werden neue Bücher zur Geschichte des deutschen Popjournalismus (taz), Mavis Staples' Album "Sad And Beautiful World" (FR), ein Liederabend mit Franz-Josef Selig im Frankfurter Opernhaus (FR) und ein Konzert von Nazareth in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik

Architektur

Die Lobby von Sotheby's im ehemaligen Gebäude des Whitney Museums in New York. Foto: Herzog & de Meuron.

"Ein architektonisches Juwel des 20. Jahrhunderts erstrahlt in neuem Glanz", freut sich NZZ-Kritiker Hubertus Adam über den Umbau des ehemaligen Whitney Museums in New York durch das Schweizer Architekturbüro "Herzog & de Meuron". Der Bau des ungarischen Architekten Marcel Breuer aus dem Jahr 1966, der nun vom Aktionshaus Sotheby's genutzt wird, ist eine Ikone der Architekturgeschichte, erinnert der Kritiker. Die Schweizer treten "diskret hinter Breuer zurück". "Filigrane Vitrinen für Kleinobjekte im Erdgeschoss ruhen reversibel auf bisherigen Bänken und Tresen. Helle, kleinere Galerieräume sind rückwärtig im Eingangsgeschoss und anstelle früherer Büroräumlichkeiten im mit mehr als fünf Metern Raumhöhe eindrucksvollen dritten Obergeschoss entstanden. Verspiegelte VIP-Logen darüber ermöglichen es Bietern, die unerkannt bleiben wollen, vor Ort an den Auktionen teilzunehmen."
Archiv: Architektur