Efeu - Die Kulturrundschau
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17.12.2025. Allseitige Begeisterung über die von Christian Thielemann dirigierte Jubiläumsaufführung von Alban Bergs "Wozzeck" in Berlin - van ist insbesondere von der Besetzung beglückt. Herta Müller taucht in der Zeit tief in András Viskys Arbeitslagerroman "Die Aussiedlung" ein. Der Tagesspiegel ärgert sich darüber, wie durch Xavier Naidoos Comeback Antisemitismus normalisiert wird. Wenig Freude hatten die Filmkritiker an James Camerons Blockbuster "Avatar 3": Während die Welt Indigenenkitsch diagnostiziert, hofft die gleichfalls enttäuschte FAZ, dass der Film mit seinem Erfolg das Kino rettet.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.12.2025
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Film

Mit "Avatar: Feuer und Asche" bringt James Cameron den dritten Teil seiner Fantasy-Science-Fiction-Saga rund um die außerirdische Welt Pandora in die Kinos. Mit dem ersten Teil 2009 löste er den mittlerweile quasi wieder beerdigten 3D-Boom aus. Nur erzählerisch und popkulturell schlugen der Film und sein Sequel (2022) keine Funken, sondern stellten lediglich Überbietungswettbewerbe dar. "Im Vergleich zu den Vorgängern scheint das ultrahochaufgelöste 3D in den Bewegungen deutlich flüssiger und weniger kontrastreich zu sein", schreibt Kamil Moll im Filmdienst. "Doch wirklich neue, ungesehene Welten oder neue immersive Versuchungen bietet der Film ... überraschenderweise überhaupt keine. Stattdessen liegt nur allzu bald der Gedanke nahe, dass James Cameron nicht mehr Schöpfer spielen will, sondern längst zum selbstgenügsamen Ehrenbewohner auf Pandora geworden ist, der durch seinen eigenen Kosmos spazieren möchte."
Auch Jan Küveler von der Welt hat wenig Freude an dem "Indigenenkitsch" dieser Erzählwelt: "Eine lustige Pointe" dieses Öko- und Natuverbundenheitsmärchens im All sei es, "dass ausgerechnet die naturverbundenen Na'vi in Wahrheit per Motion-Capturing computergenerierte High-Tech-Wesen sind". Tatsächlich ja bemerkenswert, findet Tobias Sedlmaier in der NZZ, dass die ökologisch grundierte Technikkritik dieser Saga komplett verpufft, anders als das noch bei Camerons "Terminator"-Filmen der Fall war: Diese Filme bieten "nichts, worüber man im Anschluss intensiv hätte diskutieren können, ... nichts, was über die technischen Gestaltungsmittel hinaus geistig in die Zukunft wies".
Andreas Busche vom Tagesspiegel ist beeindruckt, welche Freiheiten Cameron in Hollywood heute noch genießt: Der vorliegende Film wurde schon vor Jahren zeitgleich mit dem zweiten Teil gedreht, summa summarum dürfte das Budget für beide Filme irgendwo in der Nähe von einer Milliarde Dollar liegen. "Camerons Vision von Kino erweist sich aber auch als immer unvereinbarer mit den Anforderungen der Streamingplattformen, die mehr Interesse an Inhalten ('content') und weniger an (kostspieligen) ästhetischen Positionen haben." Dieser Film "ist die Antithese zu diesem Streaming-Paradigma." Auch deshalb muss man dieser Reihe Erfolg wünschen, auch wenn man ihr eigentlich keinen Erfolg wünschen will, seufzt FAZ-Kritiker Andreas Kilb im dialektischen Dilemma. Denn "deren Erfolg (die Teile vier und fünf sind schon in Vorproduktion) wird mitentscheidend dafür sein, ob Hollywood weiterhin Bestand hat" und "erhalten bleibt, was Kino auch sein kann: all das, was 'Avatar' nicht ist." Weitere Besprechungen gibts in der SZ und im Standard.
Weiteres: Felix Lenz erinnert in der FAZ an Sergei Eisensteins Filmklassiker "Panzerkreuzer Potemkin", der vor 100 Jahren in die Kinos kam. Karl Gaulhofer spricht in der österreichischen Presse mit Edgar Reitz über dessen in Deutschland bereits vor einigen Wochen gestarteten Film "Leibniz". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst zum Tod von Rob Reiner (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Eva Victors "Sorry, Baby" (taz, FD, mehr dazu bereits hier) und die Ausstellung "Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum in Berlin (Jungle World, mehr dazu bereits hier).
Literatur

Weiteres: Rüdiger Görner erinnert sich in der FAZ daran, wie Marcel Reich-Ranicki 1999 in Frankfurt erstmals aus seiner Autobiografie "Mein Leben" las. Besprochen werden unter anderem András Viskys "Die Aussiedlung" (NZZ, Zeit), Juliane Baldys "Frau Fünf" (taz), Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (Welt), Josefine Rieks' "Wenn auch das gefällt" (Standard), Colombe Schnecks "Lügen im Paradies" (NZZ) und Viktorie Hanišovás "Sonntagnachmittag" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

"Wozzeck" wird 100 und Christian Thielemann dirigiert die Jubiläumsaufführung an der Staatsoper Unter den Linden, wo Alban Bergs Büchner-Oper 1925 zum ersten Mal öffentlich vorgeführt worden war (unsere Resümees). Die Feuilletons sind hingerissen von dem Ergebnis. Andrea Breths unauffällige Inszenierung findet Manuel Brug in der Welt zwar nicht der Rede wert. Macht aber nichts, im Gegenteil. Denn: "So können die Klänge mühelos die Szene beherrschen. Und Christian Thielemann dirigiert sie so romantisch wie abwägend. Da blühen die Kantilenen, da entfalten sich prachtvoll die vielen Momente der Soloinstrumente. Er leitet das liebevoll im Detail, doch gelassen voranschreitend. Und immer textdeutlich. Das klingt offener, vielfältiger als sonst, zerfällt aber nie in die Summe seiner raffinierten Einzelteile. Thielemann staunt - und das Publikum staunt mit, folgt aufmerksam dem faszinierenden Spiel der stolzen Staatskapelle."
Albrecht Selge findet in van auch für Breths Inszenierungsstrategie, die dem Stück "viel Raum lässt", lobende Worte. Vor allem jedoch bejubelt er einen "Cast schon nah an Traumbesetzung. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Hauptmann und Stephen Milling sind Muster an präziser, ungemein verständlicher Deklamation. Der umwerfende Tambourmajor von Andreas Schager, diesen Sänger, den man, finde ich, nicht nicht lieben kann, mag fast zu charmebolzig für eine derartige Kotzbrockenfigur sein. Aber das trägt sein Gran dazu bei, dass man sie noch besser versteht, die arme Marie, prekäre alleinerziehende Mutter und Träumerin und Mordopfer, eine Frau, die von Anja Kampe wahrlich berührend auf die Bühne gebracht wird, fern aller schrill-'expressionistischen' Ausstellung." Bojan Budisavljević ist auf nmz gleichfalls ausgesprochen zufrieden: "Absolute Musik eben." Konrad Muschik widmet sich in seiner taz-Besprechung mehr der Oper selbst als der aktuellen Berliner Aufführung. Für die Zeit besucht Christine Lemke-Matwey die Aufführung gemeinsam mit der Grünen-Politikerin Ricarda Lang.
Im FAZ-Interview mit Christian Gampert schildert die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Hadar Galron, die das israelische Isra-Drama-Theaterfestival leitet, die Herausforderungen bei der Durchführung des Festivals, die durch internationale Boykotte (unser Resümee) erschwert wird. Außerdem erklärt sie, was Trumps Friedensplan in Israel auslöste: "Ja, plötzlich brach Frieden aus. Das war sehr seltsam. Ich dachte immer, nur Kriege brechen aus; hier brach dank Donald Trump auf einmal Frieden aus. Aber das ist natürlich keine Patentlösung - wir müssen wirklich ein großes Durcheinander aufräumen. Das, was sie uns angetan haben, und das, was wir ihnen angetan haben. Vielleicht versetzt uns das Theater in die Lage, uns diesem Chaos zu stellen und uns nicht gleich wieder abzuwenden."
Weiteres: Atif Mohammed Nour Hussein fragt in der nachtkritik, weshalb sich das deutsche Theater, aber auch die deutsche Literatur und das deutsche Kino nach 1945 so selten mit deutsch-jüdischem Leben auseinandergesetzt haben. Besprochen werden Marco Goeckes "Nussknacker"-Inszenierung am Ballett Basel (SZ; "die überzeugende Überschreibung eines Klassikers"), die Familienoper "Ich bin Vincent! Und ich habe keine Angst" am Theater an der Wien (Presse; "Die Musik ist effektvoll, bleibt aber distanziert"), Puccinis "Bohème" an der Wiener Staatsoper (Presse; "lauter Jubel, leise Enttäuschung", Standard; "erst erfrischend agil und pointiert, dann kurz süffig, dann elegant, danach poetisch") und die giftmordlastige Gaetano-Donzelli-Oper "Lucrezia Borgia" am Nationaltheater Mannheim (FR; "Roberto Rizzi Brignoli dirigiert mit der erforderlichen Verve").
Kunst

Zu einer einzigen, großen Caspar-David-Friedrich-Show hat das Pommersche Landesmuseum Greifswald seine Sammlung umgebaut, so Jan Brachmann in der FAZ. Eine "Galerie der Romantik" mit vorgeschalteter "Kapelle der Romantik" ist entstanden, beide arbeiten Friedrichs Werk multimedial auf. Der Preis des Personenkults: Die Vielfalt der Sammlung des Hauses bleibt weitgehend unsichtbar, neben Friedrich haben nur sehr wenige andere Künstler und kaum Künstlerinnen Platz, moniert Brachmann. Grundsätzlich ist er von einem solchen Vorgehen wenig angetan, im konkreten Fall lässt er jedoch Milde walten, weil die Kuratorin Birte Frenssen den Malerfürsten Friedrich auf kluge Art und Weise in neuem Licht erstrahlen lässt. Etwa die Art und Weise, wie sie "ein Bild exemplarisch in den Mittelpunkt" stellt: "Die Klosterruine Eldena im Riesengebirge wird wie in alten Theaterprospekten in ihre Bildschichten zerlegt, sodass man erkennt, wie Friedrich 'das Unendliche als sichtbares Geheimnis' durch Raumstaffelung erzeugt. Dreht man sich von dieser Installation um, sieht man das Bild im Original - wieder in einem abgedunkelten Andachtsraum."
Weiteres: Peter Kropmanns besucht für die FAZ in Paris zwei Ausstellungen zum Art déco (im Musée des arts décoratifs und in der Cité de l'architecture et du patrimoine). Elke Buhr fragt sich in monopol, was es zu bedeuten hat, dass auf dem Kunstmarkt 2025 insbesondere alte weiße Männer reüssierten - und sie selbst zum Baselitz-Fan mutierte. Stefan Trinks bespricht in der FAZ ein Buch über die Dada-Erfinderin Hannah Höch. Im Tagesspiegel wiederum rezensiert Elke Brüns einen Fotoband Wolfgang Kralows, der Kreuzberg vor dem Mauerfall zeigt.
Musik
Max Dax unterhält sich in der Welt mit dem Pianisten Víkingur Ólafsson über dessen neues Album "Opus 109". Er fokussiert damit auf Beethovens neue Schaffensphase nach einer künstlerischen Pause in den Jahren 1815 bis 1820. Dieses "Spätwerk ist unglaublich menschlich. Er lädt uns in 'Opus 109' ein, in seinen privatesten Raum einzutreten. In diesem Sinne ist er ein Pionier der Romantik und vielleicht der erste romantische Komponist der Geschichte. Aber das kosmische Element ist ebenfalls präsent. Denn genau in dem Moment, in dem man glaubt, in seinem Innersten zu sein, hat man zugleich das Gefühl, dass er das Universum widerspiegelt. Vor allem in seinen späten Kompositionen stellt er grundlegende Fragen: Was ist eine Komposition? Was ist ein Thema und was sind Variationen? In diesen letzten Werken transzendiert er sich selbst durch die menschliche Erfahrung. Da erreicht er das Kosmische durch barocke Erfindungen." Wir hören rein:
Xavier Naidoo ist zurück und gab in Köln ausverkaufte Comeback-Konzerte, eine Tour durch große Hallen ist angekündigt. War was gewesen? Mit immer abstruseren Verschwörungsfantasien, offen antisemitischen Tiraden, Sympathien fürs Reichsbürgermilieu und zusehends wirren Auftritten in der Öffentlichkeit hatte er sich schon vor Corona ins Aus manövriert. Ein halbgares Entschuldigungsvideo sollte 2022 das alles ungeschehen machen, aktuell laufen noch zwei Verfahren gegen ihn. Wirklich "angemessen entschuldigt hat sich Xavier Naidoo nie", kommentiert Sebastian Leber im Tagesspiegel. "Dass einem nun Menschen, die finanziell von Naidoos Comeback profitieren, das Gegenteil weismachen wollen, ist ökonomisch nachvollziehbar, aber trotzdem hochgradig unappetitlich." Naidoo aus nostalgischen Gründen weiterhin zu hören, findet Leber höchst verzeihlich. Aber eben nicht, auf seine Konzerte zu gehen: "Damit normalisiert man ihn und seine Entgleisungen." Michael Pilz rollt in der Welt nochmal Naidoos Abgleiten in den Irrsinn auf.
Außerdem: Peter Blaha hat in der FAZ zwar Verständnis dafür, dass das hochgradig verschuldete Wien bei seinen zahlreichen Maßnahmen, den Schuldenberg nicht noch weiter anwachsen zu lassen, auch bei der Kultur den Rotstift ansetzen muss, aber dass es im Zuge neben namhaften Theaterbühnen auch ausgerechnet das "weltweit im Fernsehen übertragene Sommernachtskonzert" der Wiener Philharmoniker treffen soll, ärgert ihn dann doch. Arne Löffel spricht in der FR mit DJ Hell über dessen neues Album "Neoclash". Nadine Lange (Tsp) und Jakob Biazza (SZ) schreiben Nachrufe auf den früheren Deichkind-Musiker Malte Pittner.
Besprochen werden Kersty und Sandra Grethers Buch "Rebel Queens - Frauen in der Rockmusik" (FR) und ein Schubert-Abend mit der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi in Wien (Standard).
Xavier Naidoo ist zurück und gab in Köln ausverkaufte Comeback-Konzerte, eine Tour durch große Hallen ist angekündigt. War was gewesen? Mit immer abstruseren Verschwörungsfantasien, offen antisemitischen Tiraden, Sympathien fürs Reichsbürgermilieu und zusehends wirren Auftritten in der Öffentlichkeit hatte er sich schon vor Corona ins Aus manövriert. Ein halbgares Entschuldigungsvideo sollte 2022 das alles ungeschehen machen, aktuell laufen noch zwei Verfahren gegen ihn. Wirklich "angemessen entschuldigt hat sich Xavier Naidoo nie", kommentiert Sebastian Leber im Tagesspiegel. "Dass einem nun Menschen, die finanziell von Naidoos Comeback profitieren, das Gegenteil weismachen wollen, ist ökonomisch nachvollziehbar, aber trotzdem hochgradig unappetitlich." Naidoo aus nostalgischen Gründen weiterhin zu hören, findet Leber höchst verzeihlich. Aber eben nicht, auf seine Konzerte zu gehen: "Damit normalisiert man ihn und seine Entgleisungen." Michael Pilz rollt in der Welt nochmal Naidoos Abgleiten in den Irrsinn auf.
Außerdem: Peter Blaha hat in der FAZ zwar Verständnis dafür, dass das hochgradig verschuldete Wien bei seinen zahlreichen Maßnahmen, den Schuldenberg nicht noch weiter anwachsen zu lassen, auch bei der Kultur den Rotstift ansetzen muss, aber dass es im Zuge neben namhaften Theaterbühnen auch ausgerechnet das "weltweit im Fernsehen übertragene Sommernachtskonzert" der Wiener Philharmoniker treffen soll, ärgert ihn dann doch. Arne Löffel spricht in der FR mit DJ Hell über dessen neues Album "Neoclash". Nadine Lange (Tsp) und Jakob Biazza (SZ) schreiben Nachrufe auf den früheren Deichkind-Musiker Malte Pittner.
Besprochen werden Kersty und Sandra Grethers Buch "Rebel Queens - Frauen in der Rockmusik" (FR) und ein Schubert-Abend mit der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi in Wien (Standard).
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