Efeu - Die Kulturrundschau
Erinnerung ist ein zirkuläres Wesen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.11.2025. Nachtkritik und FAZ hören in Karin Henkels Hamburger Adaption von Ágota Kristófs "Das große Heft" den Überlebenden des Hamburger Feuersturms zu. Die NZZ lernt in Cyrill Boss' und Philipp Stennerts "Nibelungen"-Serie einen fast menschlichen Hagen kennen. Auch für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist das Risiko eines Museumseinbruchs allgegenwärtig, erfährt der Tagesspiegel im Interview mit Leiterin Marion Ackermann. Den palästinensischen Dichter Yousef el-Qedra stellt die Zeit vor.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.11.2025
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Bühne

Simon Strauss zeigt sich in der FAZ nachhaltig beeindruckt: "Wie viel Distanz können wir zu unseren Erinnerungen bewahren? Ab wann wird Nähe zum Erlebten zur Qual? Bühnenbildnerin Katrin Brack findet darauf mit einem dreh- und wendbaren Stahlkreis aus Lautsprechern, Scheinwerfern und Ventilatoren eine symbolische Antwort: Die Erinnerung ist ein zirkuläres Wesen, das uns mit unterschiedlicher Technik aus unterschiedlicher Richtung unerwartet anfällt. (…) Kristofs Satz über einen toten Soldaten, dem 'wegen der Raben die Augen fehlen', wird einem noch eine Weile nachgehen."
Weiteres: Peter Laudenbach porträtiert in der SZ den ukrainischen Regisseur Star Zhyrkov. Besprochen werden "Das Ende des Westens" von Lars Werner, Regie führt Łukasz Ławicki am Staatstheater Oldenburg (Nachtkritik), "Das Ende ist nah" von Amir Gudarzi, inszeniert von Sara Ostertag am Wiener Schauspielhaus (FAZ, taz), Emmanuel Carrères "V13", inszeniert von Stefan Kimmig am Schauspiel Köln (taz), Thom Luz' Inszenierung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" am Opernhaus Zürich (Nachtkritik) und an der Oper Graz inszeniert Ute Engelhard Verdis "Rigoletto" (Standard).
Film

"Sehenswert für Film- wie für Opernfreunde" ist die neue "Nibelungen"-Serie von Cyrill Boss und Philipp Stennert, freut sich Christian Wildhagen in der NZZ. "Bildgewaltig" adaptiert das Regisseur-Duo Wolfgang Hohlbeins "Nibelungen-Saga", in der die Figur des Hagen, anders als bei Wagner, kein ganz so böser Bösewicht ist. Gijs Naber in der Rolle des Hagen kann den Kritiker hier vollständig überzeugen: "Der niederländische Schauspieler setzt die Figur in ein anderes, weniger nachtschwarzes Licht. Er gibt dem vermeintlichen Monster menschliche Züge und einen knorrigen, nicht bloss negativen Charakter. Wie in Hohlbeins Roman ist Hagen hier Waffenmeister am Wormser Hof des Burgunderkönigs Gunther und strenggenommen dessen Vasall. In Wahrheit hält er das Reich zusammen, der Mann in der zweiten Reihe ist der einzige rational agierende Politiker unter lauter Hitzköpfen."
In der FAZ erinnert sich der Regisseur Niki Stein an seinen Lehrer, den vor Kurzem verstorbenen Filmemacher Hark Bohm (unsere Resümees), bei dem er in Hamburg im "Aufbaustudium Film" studierte. Den Studiengang hatte Bohm selbst ins Leben gerufen: "Hark Bohm war ein typischer Hanseat mit Bürgersinn, bestens vernetzt in der sozialdemokratisch regierten Stadt, und hier schon früh unterwegs in der Filmpolitik. Er initiierte die Hamburger Filmförderung, die die erste ihrer Art war, mit klarem Blick auf einen unabhängigen Autorenfilm, und auch das Hamburger Filmfest, als Konkurrenz zu München... Dass so einer sich berufen fühlte, die Filmausbildung in Deutschland, die aus seiner Sicht falsch lief, auf neue Füße zu stellen, war da nur folgerichtig." In der FR schreibt Daniel Kothenschulte den Nachruf, in der taz schreibt Jan Feddersen.
Besprochen werden Edgar Wrights Film "The Running Man" (SZ, taz), Howard Gordons Serie "The beast in me" (Welt) und Lynne Ramsays Thriller "Die my love" (Zeit Online).
Kunst
Dass Friedrich Merz sich bei einer privaten Stiftung ein Gemälde für sein Büro geliehen hat, findet Nicola Kuhn im Tagesspiegel reichlich befremdlich: "Zur fragwürdigen Angelegenheit wird des Kanzlers Bilderwahl, wenn man erfährt, dass der Leihvertrag mit der in Bonn ansässigen privaten Stiftung für Kunst und Kultur geschlossen wurde, deren Vorsitzender der Impresario Walter Smerling ist. Sie unterhält das Museum Küppersmühle in Duisburg, dessen Präsentationen vornehmlich auf Leihgaben privater Sammler zurückgehen." Smerling hat erst vor wenigen Wochen die Unterstützung des Kulturstaatsministers Weimer für eine Schau zur 250-Jahr-Feier der US-Unabhängigkeit gesucht: "Die Politik der kurzen Wege, von einer Etage des Kanzleramts zur anderen, hat hier demnach nicht verfangen. Aus Mangel an finanzieller Unterstützung muss Smerling nun seine Jubiläumsschau auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, wie er auf Nachfrage mitteilt."
Birgit Rieger interviewt Marion Ackermann, die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ebenfalls für den Tagesspiegel, zum Thema Sicherheit in den Berliner Museen. Ideal ist die Situation wie im kürzlich beraubten Louvre auch hier nicht: "Man darf nie behaupten, es kann nichts passieren. Sicherheit ist ein Prozess. Man muss permanent daran arbeiten. Auch die Methoden der Verbrecher werden immer ausgefeilter. Die Frage ist, wie viel der Gesellschaft die Sicherheit der Museen wert ist? Allein eine Vitrine der höchsten Widerstandsklasse kostet enorm viel Geld."
Weiteres: Ulf Erdmann Ziegler macht sich für Monopol Gedanken über die Paris Photo. Frauke Steffens berichtet in der FAZ von der Wiedereröffnung des Breuer Buildings in Manhattan, einst Museum, jetzt Auktionshaus. Wie Gerüche den Besuch eines Kunstmuseums verändern, eruiert Uwe Ebbinghaus ebenfalls für die FAZ im Kunstpalast Düsseldorf und in der Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte."
Birgit Rieger interviewt Marion Ackermann, die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ebenfalls für den Tagesspiegel, zum Thema Sicherheit in den Berliner Museen. Ideal ist die Situation wie im kürzlich beraubten Louvre auch hier nicht: "Man darf nie behaupten, es kann nichts passieren. Sicherheit ist ein Prozess. Man muss permanent daran arbeiten. Auch die Methoden der Verbrecher werden immer ausgefeilter. Die Frage ist, wie viel der Gesellschaft die Sicherheit der Museen wert ist? Allein eine Vitrine der höchsten Widerstandsklasse kostet enorm viel Geld."
Weiteres: Ulf Erdmann Ziegler macht sich für Monopol Gedanken über die Paris Photo. Frauke Steffens berichtet in der FAZ von der Wiedereröffnung des Breuer Buildings in Manhattan, einst Museum, jetzt Auktionshaus. Wie Gerüche den Besuch eines Kunstmuseums verändern, eruiert Uwe Ebbinghaus ebenfalls für die FAZ im Kunstpalast Düsseldorf und in der Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte."
Architektur
Das ehemalige Hauptquartier der jugoslawischen Streitkräfte in Belgrad ist im Krieg heftig beschossen worden, wurde 2005 unter Denkmalschutz gestellt und soll jetzt möglicherweise von der Trump-Familie gekauft werden. Diese Ankündigung hat in Serbien große Proteste ausgelöst, wie Michael Martens in der FAZ weiß: "Es ist durchaus möglich, dass die Ruine zu einem Symbol des Widerstands gegen die Herrschaft Vučićs in Serbien werden könnte. Aber die Symbolträchtigkeit ihrer Vergangenheit liegt vor allem darin, dass von diesem Gebäude, als es noch keine Ruine war, die Befehle in Kriegen ausgingen, die in den Neunzigerjahren mehr als 130.000 Menschen das Leben kosteten. ... Die Zerstörung war eine (manche sagen: überfällige) Folge der Politik, die hinter diesen Mauern geplant wurde."
Musik
Die Feuilletons beschäftigen sich heute mit dem Rapper Haftbefehl: Sonja Zekri erläutert in der SZ, warum Haftbefehls Texte gerade "nicht Ausdruck mangelnder Sprachfähigkeit" sondern, "im Gegenteil, eine hochartifizielle Kunstsprache" sind - auf den Unterrichtsplan müssen sie aber trotzdem nicht gleich, findet sie. Alexander Menden und Joachim Hentschel waren ebenfalls für die SZ bei einem Haftbefehl-Konzert in Osnabrück. In der NZZ denkt Daniel Haas über die Gemeinsamkeiten zwischen Rap und Schlager nach. Besprochen wird das Album "Soiz" der österreichischen Künstlerin Anna Buchegger (taz).
Literatur
Noch nie habe es so viele Übersetzungen palästinensischer Lyrik ins Französische gegeben wie seit dem Krieg in Gaza, lernt Ann-Kristin Tlusty von dem Arabisten Richard Jaquemond. Der hat Gedichte des palästinensischen Dichters Yousef el-Qedra übersetzt, den sie bei Zeit Online vorstellt. El-Qedra, 42 Jahre alt, ist aus Gaza geflohen und lebt heute in Marseille. "Im Exil bietet die arabische Sprache Yousef el-Qedra nicht länger ein Zuhause. 'Die Wörter bedeuten nichts mehr', sagt er. Das Wort Haus, zum Beispiel. Früher habe er damit Sicherheit, Familie, Intimität verbunden. Heute denkt er bei Haus an Ruinen, Leichen. 'Alles ist zerstört.' Was macht ein Lyriker, der seine Sprache an einen Krieg verloren hat? 'Der Krieg ist in meine Texte eingedrungen, so wie er in mein Leben eingedrungen ist.' El-Qedras Texte handeln nun von Hunger, dem Wind, dem Regen, der ins Zelt dringt, eine knappe, bildreiche Sprache: 'Ein Lied ohne Melodie ist Hunger / Ein Tanz in der völligen Leere'."
Allzuviel Aufsehen hat die "Begnadigung" Boualem Sansals in den deutschen Medien nicht gerade ausgelöst - dabei war sie ein Erfolg Frank-Walter Steinmeiers. Claus Leggewie fasst in der FR nochmal zusammen: "Der Schriftsteller wurde zum Spielball algerisch-französischer Querelen, die der damalige rechtsgerichtete Innenminister Bruno Retailleau durch sein Vorhaben eskalierte, restriktive Maßnahmen gegen die seit Jahrzehnten laufende Einwanderung algerischer Migranten zu ergreifen. Auch die französische extreme Linke bekleckerte sich nicht mit Ruhm und gab Sansal eine Art Mitschuld an seiner Verhaftung, weil er sich mit Islamfeinden eingelassen habe."
Unsere Bücher der Saison sind online! Thomas Pynchon liefert eine metafiktionale Detektivgeschichte mit Jazz, Nazis und Agenten. Mit Verena Keßler werden wir zum wilden Grizzly im Gym. Nora Haddada erzählt von der unwahrscheinlichen Liebe zwischen einer propalästinensischen und einem proisraelischen Linken. Andras Visky führt uns ins stalinistische Rumänien. Bei den Sachbüchern kam Amat Levins Geschichte Afrikas groß raus, und bei den Politischen Büchern der Versuch der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, mit "Zerstörungslust" den Rechtsextremismus zu verstehen. Hier also unsere Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher im Herbst 2025.
Weitere Artikel: In der FR drückt Claus Leggewie seine Erleichterung über die Freilassung Boualem Sansals (unsere Resümees) aus und wünscht ihm alles Gute. Besprochen werden Charly Hübners Jules-Verne-Lesung von "20.000 Meilen unter den Meeren" (FAZ), Alan Moores Roman "Das Große Wenn" (Tagesspiegel) und Josefine Rieks Roman "Wenn euch das gefällt" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Allzuviel Aufsehen hat die "Begnadigung" Boualem Sansals in den deutschen Medien nicht gerade ausgelöst - dabei war sie ein Erfolg Frank-Walter Steinmeiers. Claus Leggewie fasst in der FR nochmal zusammen: "Der Schriftsteller wurde zum Spielball algerisch-französischer Querelen, die der damalige rechtsgerichtete Innenminister Bruno Retailleau durch sein Vorhaben eskalierte, restriktive Maßnahmen gegen die seit Jahrzehnten laufende Einwanderung algerischer Migranten zu ergreifen. Auch die französische extreme Linke bekleckerte sich nicht mit Ruhm und gab Sansal eine Art Mitschuld an seiner Verhaftung, weil er sich mit Islamfeinden eingelassen habe."
Unsere Bücher der Saison sind online! Thomas Pynchon liefert eine metafiktionale Detektivgeschichte mit Jazz, Nazis und Agenten. Mit Verena Keßler werden wir zum wilden Grizzly im Gym. Nora Haddada erzählt von der unwahrscheinlichen Liebe zwischen einer propalästinensischen und einem proisraelischen Linken. Andras Visky führt uns ins stalinistische Rumänien. Bei den Sachbüchern kam Amat Levins Geschichte Afrikas groß raus, und bei den Politischen Büchern der Versuch der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, mit "Zerstörungslust" den Rechtsextremismus zu verstehen. Hier also unsere Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher im Herbst 2025.Weitere Artikel: In der FR drückt Claus Leggewie seine Erleichterung über die Freilassung Boualem Sansals (unsere Resümees) aus und wünscht ihm alles Gute. Besprochen werden Charly Hübners Jules-Verne-Lesung von "20.000 Meilen unter den Meeren" (FAZ), Alan Moores Roman "Das Große Wenn" (Tagesspiegel) und Josefine Rieks Roman "Wenn euch das gefällt" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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