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13.11.2025. Boualem Sansal ist nach der Begnadigung bereits in Deutschland eingetroffen: "Letztlich war es Deutschland, das Boualem Sansal - und Algerien - einen Ausweg bot", muss der Figaro konzedieren. Im Standard findet der in Bulgarien geborene Schriftsteller Dimitré Dinev den Begriff "migrantische Literatur" demütigend und "rassistisch". Zum wirklichen Skandal taugte die Raubkunst-Affäre bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nicht, muss die SZ nach einem Expertenbericht einräumen. VAN beerdigt das repräsentative Zeitalter des Klassischen Konzerts. In seinem Film "Yes" über Israel nach dem 7. Oktober bricht Regisseur Nadav Lapid alle Tabus, staunt die FR.
Boualem Sansal ist in Deutschland eingetroffen, meldet unter anderem der WDR. Ein Militärflugzeug hat ihn gestern Abend nach Berlin gebracht. Die "Gnade" kam schließlich über den Umweg einer Initiative Frank-Walter Steinmeiers zustande, der sich vielleicht am Nawalny-Modell inspirierte. In Frankreich ist die Erleichterung groß. "Jetzt geht es nicht darum, nach den Gründen für seine Freilassung zu fragen", sagtKamel Daoud in einem kurzen Gespräch mit Le Point, "sondern einen Schriftsteller in einem freien Land willkommen zu heißen. Die Inhaftierung von Boualem sagt weniger über das aus, was er schreibt, als darüber, was aus Algerien geworden ist und was es sein sollte." Martin Schult, der beim Börsenverein den Friedenspreis organisiert, hat sich unablässig für Sansal eingesetzt und stand mit dem Bundespräsidialamt im steten Austausch. Heute begrüßt er zusammen mit Claus Leggewie im Perlentaucher Sansal in Deutschland: "Salut Boualem! Wichtig für uns ist: Es hat sich erwiesen, dass man auch in aussichtslos scheinenden Fällen nicht verzagen und niemals aufgeben darf." Erste Kommentare in Frankreich klingen etwas verlegen: "Letztlich war es Deutschland, das Boualem Sansal - und Algerien - einen Ausweg bot", muss der Figaro konzedieren. Mehr dazu in unserer Meldung.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Drei Jahre nach dem Attentat auf ihn legt Salman Rushdie mit "Die elfte Stunde" erstmals wieder ein belletristisches Werk vor. Volker Weidermann trifft für die Zeit auf einen erstaunlich optimistischen Rushdie, der sich auch weiterhin den Mund nicht verbieten lässt und bereits seinen Hundertsten plant. Nur mit Blick auf die Zukunft der USA verliert Rushdie den Optimismus, auch weil Schriftsteller und Intellektuelle plötzlich so leise sind: "Zunächst haben wir in den USA ja keine große Tradition des politisch engagierten Schriftstellers. … Es gibt einen brutalen Angriff auf die Kultur in diesem Land. Es ist völlig klar, dass die aktuelle Regierung Kultur als Feind betrachtet. (…) Die Kultur hat einfach Angst. Der Antritt dieser Regierung hat ein enormes Trauma verursacht in der ganzen kulturellen Szene. In der Welt der Kunst, Erziehung, Bildung. Es wird überall Geld gestrichen, beim Radio, Fernsehen, bei Stipendien. Der Angriff ist umfassend. Es hat eine Weile gedauert, bis die Menschen das realisiert haben. Aber der Widerstand beginnt genau jetzt."
Bestellen Sie bei eichendorff21! Verlage wollen viele und kurze Bücher, sagt der gerade für seinen 1.200-Seiten-Roman "Zeit der Mutigen" mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnete, in Bulgarien geborene Schriftsteller Dimitré Dinev im Standard-Interview. Denn "ein zu langer Roman braucht von allem viel: Papier, Pflege, PR, Geduld. Und das ist teuer." Außerdem ärgert er sich über den Begriff "migrantische Literatur": "Er ist eine der größten Demütigungen, ein Verrat, eine schriftstellerische Leistung wird so sofort diskriminiert. Wenn ein deutscher oder ein österreichischer Autor nach Amerika fährt und über den Arbeitsmarkt oder die Wirklichkeit dort schreibt, erzählt, wie er sich damit plagt, dort zu bleiben, dann kommentiert jeder, das sei ein existenzieller Roman oder ein Abenteuer. Niemandem würde in den Sinn kommen, zu sagen, das ist ein Migrantenroman. "
Weitere Artikel: Für die Zeit porträtiert Berit Dießelkämper Rama Duwaji, Ehefrau von Zoran Mamdani, neue First Lady von New York - vor allem aber Illustratorin: "In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit arabischer Kultur, Frauenrechten und Schwesternschaft sowie den humanitären Krisen im Sudan, Libanon und in Gaza, bei der sie auch das Wort 'Genozid' verwendet." Sehr viel kritischer liest sich ein Porträt in der Jüdischen Allgemeinen: "Dass sie, wie ihr Mann, Hass sät, übersieht man gern; dass ihre Kunst schwach und performativ ist, ebenso." Ebenfalls in der Zeit bittet Florian Illies Familie Mann zur Familienaufstellung. Rico Brandle liest für die NZZLukas Bärfuss' in der Schweizer Wochenausgabe der Zeit erschienenen Essay mit dem Titel "Die Schweiz als Kolonie", in dem er der Schweiz vorwirft, zum "Vasallenstaat der USA" geworden zu sein. Lars von Tönne (Tsp) berichtet von einem Eklat beim Festival International de la Bande Dessinée d'Angouleme, das wichtigste Event der europäischen Comicszene, das von vielen Akteuren boykottiert wird, nachdem Franck Bondou, Leiter des ausrichtenden Unternehmens 9ᵉArt+ undurchsichtige Buchführung, toxisches Management, Verschlechterung des künstlerischen Angebots und Verdacht auf Vetternwirtschaft vorgeworfen wurde.
Besprochen werden unter anderem Autobiografien von Patty Smith (SZ) und Anthony Hopkins (SZ), Sonja Eismanns Studie "Candy Girls. Sexismus in der Musikindustrie" (taz), Tomasz Różyckis "Feuerprobe" (FAZ), Oksana Maksymchuks "Tagebuch einer Invasion" (FAZ) und Salman Rushdies Erzählungen "Die elfte Stunde" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Eine "schrille Satire" sieht auch taz-Kritiker Tobias Obermeier in dem Film, der in seiner Überzeichnung die Absurdität des Kriegsalltags treffend darstelle: "Der Alltag in Tel Aviv wirkt schizophren. Yud bringt den Sohn in die Kita, Yasmin arbeitet im Tanzstudio, während wenige Kilometer entfernt der Gazastreifen in Schutt und Asche gelegt wird. Push-Benachrichtigungen über Bombardements, Tote und Verletzte krachen wie Raketen in den Alltag hinein. Zugleich ist die Regierungspropaganda allgegenwärtig. 'Die Armee lügt nicht', redet sich Yud ein. Der Ausweg aus dem Wahnsinn ist permanente Zerstreuung, Rastlosigkeit, der Zwang zum Eskapismus."
Eigentlich wollte er nach seinem Film "Synonyme" (unsere Resümees), der bei der Berlinale 2019 den Goldenen Bären gewann, keinen Film mehr über Israel machen, erklärt Nadav Lapid im Tagesspiegel-Interview mit Andreas Busche. Aber der 7. Oktober machte es für ihn notwendig, einerseits den Schmerz zu verarbeiten, und den Israeli gleichzeitig den Spiegel vorzuhalten: "Die israelische Gesellschaft huldigt einem Kult der Normalität. Die Israelis halten das für eine Tugend. Als wir noch Schüler waren, feierten wir oft Partys an Orten, an denen zuvor Terroranschläge verübt worden waren. Wir dachten, das sei mutig. Ich denke, dass der Versuch, das Unnormale zu normalisieren, eines der größten Probleme der israelischen Gesellschaft darstellt: die abnormalen Dinge, die uns widerfahren sind, aber vor allem die abnormalen Dinge, die wir anderen antun."
Weiteres: In der FAZ gratuliert Maria Wiesner der Schauspielerin Whoopi Goldberg zum Siebzigsten. Besprochen werden Lynne Ramsays Psychodrama "Die my love" (FR), Ken Cuperus' Serie "Mistletoe Murders" (FAZ) und Edgar Wrights Verfilmung von Stephen Kings Roman "The Running Man" (FAZ).
Was war nicht alles in die Wege geleitet worden, nachdem die SZ einen Datenbank-Auszug mit 200 als Raubkunst klassifizierten Werken der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geleakt - und den Staatsgemäldesammlungen hinsichtlich der Restitution Verschleierung vorgeworfen hatte (unsere Resümees). Generaldirektor Bernhard Maaz musste gehen, unter anderem wurde Meike Hopp, Leiterin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, mit einer Untersuchung beauftragt. Nun liegt der knapp achtseitige Bericht mit Verspätung vor - und Hopp kann die Vorwürfe nicht bestätigen, wie Jörg Häntzschel in der SZ einräumen muss: "Ihr Urteil: 'solide Recherchepraxis', 'methodische Tiefe'. Den von der SZ erhobenen Vorwürfen einer 'irreführenden oder verschleiernden Praxis' folgte sie nicht.'" Allerdings fand Hopp "das Vorgehen der bayerischen Provenienzforscher sei 'organisatorisch unzureichend strukturiert'", so Häntzschel, der über seine anklagenden Berichte kein Wort verliert.
Auch Bayerns Kunstminister Markus Blume erklärte erleichtert, "'Pauschale Pressevorwürfe' hätten sich 'nicht bestätigt', es habe 'kein grundsätzliches Versagen' gegeben", schreibt in der FAZ Hannes Hintermeier, der sich aber doch fragt, "was die vielen externen Experten und Kommissionen kosten? Und warum, wenn doch alles gar nicht so schlimm war, der Generaldirektor - dessen Name in der zweistündigen Sitzung kein einziges Mal erwähnt wurde - bei gleichen Bezügen ans Zentralinstitut für Kunstgeschichte versetzt wurde?"
München sollte sich schämen, ärgert sich Andreas Platthaus in der FAZ, denn der Nachlass von Loriot, der bisher in dessen Villa am Starnberger See aufbewahrt wurde, geht nun nach Frankfurt. Eine in München geplante "Pinakothek der Komik" kam nie zustande, und so nahm das Caricatura-Museum für Komische Kunst das Geschenk der Erben gerne an. Aber, so Platthaus, "es wird ein neues Domizil für Loriot brauchen … Zentrumsnahe soll es liegen, denn das Museum hat seinen Platz direkt neben dem Dom, und selbstverständlich will man die Anziehungskraft des Namens Loriot auch fürs Stammhaus nutzen, dessen Sammlungsschwerpunkt bislang auf den Arbeiten der Neuen Frankfurter Schule liegt, also dem Zeichnerkreis um die hier gegründeten Satirezeitschriften Pardon und Titanic: F. K. Waechter, F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler, Bernd Pfarr, Greser & Lenz und noch manche mehr. (…) Darin liegt auch ein potentielles Konfliktfeld, denn Loriots Popularität übersteigt die seiner Kollegen bei Weitem."
Weitere Artikel: Im großen Zeit-Interview mit Tobias Timm spricht Maurizio Cattelan, der den Preis der Nationalgalerie 2026 erhalten hat, über die dort geplante Ausstellung, Kunst als Therapie - und sein Werk "Comedian": "Da arbeite ich mein ganzes Leben und werde wegen einer beschissenen Banane in Erinnerung bleiben." In Berlin ist fast jedes dritte geförderte Atelier gefährdet, weiß Beate Scheder in der taz: "Für die Jahre 2024 und 2025 wurden die Mittel für die Atelierförderung drastisch gekürzt: Die Gelder für den Ausbau von Arbeitsräumen sanken um fast 85 Prozent von 21,35 Millionen auf 3,225 Millionen Euro."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Tiere sind auch nur Menschen. Skulpturen von August Gaul" im Liebieghaus, Frankfurt (FAZ) und die Ausstellung "Joseph Beuys. Bewohnte Mythen" in der Tübinger Kunsthalle (Welt, mehr hier).
Thikra: Night of Remembering" Foto: Camilla Greenwell Nur zu gern lässt sich Katrin Bettina Müller für die taz in den düsteren Sog von Akram Khans mythischer Choreografie "Thikra: The Night of Remembering" hineinziehen, die bei den Berliner Festspielen zur Uraufführung kam. Frauen sind hier Dämonen, Königinnen und Göttinnen, aber auch Trauernde. Was "wiederholt in die Erinnerung dringt und schmerzhaft durchlebt wird, ist Verlust. Einmal, zweimal und noch einmal und wieder ist es eine einzelne junge Frau, die niedersinkt. Eine Figur in Schwarz kommt hinzu, manchmal kriechend wie eine Spinne, vielleicht ist sie als Dämonin zu lesen. Sie scheint Leben geben und nehmen zu können. Gestenreich und mit vielen Grimassen, die eben an die Bilder von Dämonen erinnern, wacht sie über den gefallenen Körpern, beschwört etwas herbei, jagt etwas anderes in die Flucht, bewegt die Körper der Hingesunkenen wie steife Puppen. Und bringt sie manchmal auch wieder unter die Lebenden zurück."
Fünf Jahre ist es her, dass der Musiker Folkert Uhde bei VAN einen New Deal für die Musik- und Kulturszene forderte, der unter anderem faire soziale Absicherung und nachhaltige Strukturen mit einschließt. (Unser Resümee). Nun zieht er ebenda traurige Bilanz: Alles ist nicht zuletzt dank der Sparankündigungen viel schlimmer geworden, daher müsse die Kulturszene selbst anpacken, "Demut" zeigen und Angebote verändern, fordert er: "Wir brauchen viele verschiedene Formen und Formate, unterschiedliche Anfangszeiten, müssen Settings und Räume variieren und vor allem damit aufhören, das 'klassische Konzert' mit zwei Pausen, das mindestens 120 Minuten dauert, heilig zu sprechen. Wir haben alle weniger Zeit und mehr Arbeit, brauchen Babysitter, müssen vielleicht vor und nach dem Konzert noch etwas erledigen und neigen zu dauerhafter Erschöpfung. Deshalb: Weniger ist viel mehr! Und: Das repräsentative Zeitalter des Klassischen Konzerts neigt sich deutlich dem Ende zu. Wenn der Konzertbesuch aber als gesellschaftliche Verabredung zunehmend weniger funktioniert, müssen wir neue Gründe schaffen."
In der SZ atmet Harald Eggebrecht auf: Das Konzert des Israel Philharmonic Orchestra mit Chefdirigent Lahav Shani und Solopianist Igor Levit, die in der Münchner Isarphilharmonie das 5. Klavierkonzert in Es-Dur von Ludwig van Beethoven und die 5. Symphonie op. 64 von Peter Tschaikowsky gaben, verlief ohne größere Zwischenfälle dur. Zu erleben war stattdessen ein virtuoses Konzert: "Wer Lahav Shani und seinem Israel Philharmonic an diesem Abend zuhörte, erlebte eine orchestrale Glanzleistung, die davon geprägt war, selbst die dichtesten Klangballungen nicht als Lärm erscheinen zu lassen, sondern stets die Vielgliedrigkeit des Klangkörpers bis in feine Verästelungen hinein zu verdeutlichen. Der Eindruck, das symphonische Geschehen als groß angelegte Kammermusik zu verstehen, bei der alle gleichermaßen beteiligt sind, erfasste alle."
Weitere Artikel: In der FRschreibt Stefan Michalzik zum Tod des Jazzpianisten Christoph Spendel. In der SZ wird Andrian Kreye bei einem Kraftwerk-Auftritt in Nürnberg ganz nostalgisch. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit der Komponistin, Performerin, Improvisations- und Klangkünstlerin und Instrumentenbauerin Viola Yip, die ein aufblasbares, robotergesteuertes Instrument entwickelt hat. Jörg Scheller (NZZ) hört das neue Album "Dissonance Theory" der Schweizer Heavy Metal Band Coroner und stellt fest: Heavy Metal ist bürgerlich geworden: "Im Fokus heutiger Metal-Rezeption stehen neben Gesellschaftsthemen wie Gender oder Race vermehrt Virtuosität, Metal-Geschichte, die Nähe zu Klassik und Jazz sowie das Spannungsverhältnis zwischen emotionaler Intensität und technischer Präzision." Das wollen wir selber hören:
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