Efeu - Die Kulturrundschau

Ein diffuses Wir-Gefühl

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2025. Die Kritiker besuchen eine rechte Buchmesse in Halle und sind verwirrt: warum werden hier "formschöne Zigarrenschneider" gezeigt? Die taz entdeckt im Weltkulturenmuseum Frankfurt die Comics afrikanischer Zeichnerinnen und ihre SheroesJean Nouvel schuf für die Fondation Cartier laut Tagesspiegel eine Arena für radikale Kunsteinfälle. Stefan Kaegi rettet in "Die Zauberformel von Zürich" am dortigen Schauspielhaus laut Nachtkritik und pünktlich zu Weihnachten die Gletscher und den Frieden.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2025 finden Sie hier

Literatur

Etan Comics, Zufan, 2003


Für die taz schaut sich Carmela Thiele im Weltkulturenmuseum Frankfurt Comics aus Afrika an: Die Ausstellung "Sheroes" zeigt Arbeiten von Autorinnen aus Südafrika, Kenia, Nigeria, Ghana, Kamerun, Äthiopien, Madagaskar und Uganda - die "empowern und erweitern den Horizont", freut sich Thiele: "'Zum Teil leben die Comicmacherinnen, mit denen wir gearbeitet haben, in der Diaspora: in Frankreich oder in den USA. Und trotzdem sagen viele, dass schwarze Heldinnen unterrepräsentiert sind', so Kuratorin Julia Friedel (...) Zu sehen sind handgezeichnete Comic-Panels, Animé, Videos, die über die afrikanische Graphic-Novel-Szene berichten und viele Comic-Bände, die das Publikum in die Hand nehmen kann. Von der Decke hängen Sprechblasen. Wer spricht? Die Autorinnen und Sheroes natürlich. Das Moongirl Dede etwa, ein Wassergeist aus der 16-teiligen Serie 'Moongirls' der ghanaischen Autorin Akosua Hanson: 'In Moongirls kämpfen queere afrikanische Sheroes für ein Afrika, das frei ist vom Patriarchat, Neokolonialismus, Homophobie und vielen anderen Problemen.'"

Am Wochenende fand die rechte Buchmesse "Seitenwechsel" auf dem Messegelände in Halle an der Saale statt (unser Resümee). Bernhard Heckler berichtet für die SZ von katastrophaler "Infrastruktur und Logistik" - und auch inhaltlich ist das Ganze, Redebeiträge von Alexander Gauland, Matthias Matussek und Gloria von Thurn und Taxis inklusive (um nur einige zu nennen), ziemlich unerträglich - aber auch ein bisschen skurril: "Das Compact-Magazin hat den pompösesten Stand auf der Messe, mit dem Alleinstellungsmerkmal 'farbige Trennwände' in einem ansonsten sehr weißen Buchmessebild. Neben Büchern und Magazinen gibt es Kleidung, Kunst und Alltagsgegenstände zu kaufen. Zum Beispiel Kappen mit der Aufschrift 'Make Germany Great Again', formschöne Zigarrenschneider oder kleine, kunterbunte Aquarelle. Für zehn Euro erwirbt der Besucher die naive Malerei eines Baums auf einer Mini-Leinwand. Die ausstellende Künstlerin sagt: 'Das ist der goldene Baum. Ihnen viel Glück und viel Gold in Ihrem Herzen.'"

Hier wird ein diffuses Wir-Gefühl beschworen, stellt FAZ-Kritikerin Julia Encke fest. Bei den Redebeiträgen auf dem Podium gibt es kaum Widerspruch oder Diskussion, etwas, wovon Buchmessendiskussionen eigentlich leben: "Alles, was im geschlossenen Raum der Halle passiert, vollzieht sich im Gestus der Selbstgewissheit und Selbstfeier, in Spott und Häme gegen 'die anderen'. Es sind nicht nur 'alte weiße Männer' zu sehen, sondern auch viele Frauen und, gerade da, wo Influencer auftreten, junge Menschen. Am Samstag sitzen die sogar auf dem Boden und stehen dicht gedrängt, als mit Götz Kubitschek der als Influencer 'Shlomo' bekannte Aron Pielka vermummt mit weißer Maske in einem der Konferenzräume auftritt. Bekannt für rassistische und islamfeindliche Positionen, war er von 2024 bis 2025 wegen Volksverhetzung inhaftiert."

Die SZ druckt Eva Illouz' Marbacher Schiller-Rede. Sie versucht, Donald Trump unter Lektüre des "King Lear" auf die Spur zu kommen. Vor allem aber benennt sie eine Eigenschaft Trumps, die ihrer Meinung nach zu selten thematisiert wird. Seine Tendenz zu rückhaltloser Selbstbeweihräucherung: "Eigenlob ist eine Lüge, die zugleich unwahr und aufrichtig ist. Die Möglichkeit, zwischen Lügen, Übertreibungen und einer Wahrheit zu unterscheiden, bricht hier zusammen. Aus diesem Grund kann das selbstschmeichelnde Subjekt typischerweise nicht zwischen Realität und ihrer Übertreibung oder Verzerrung unterscheiden. Es hat die menschliche Fähigkeit zur Selbstreflexion verloren."

Besprochen werden unter anderem Dieter Stiefels Buch "Daniel Swarovski-'Es hätte können, alles ganz anders kommen'" (SZ), Jan Röhnerts "Wildnisarbeit. Schreiben, Tun und Nature Writing" (FR) und Sanna Marins "Hope in Action" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

In einem Kurzinterview mit der NZZ erklärt der französische Karikaturist Jean Plantureux, warum er Nicolas Sarkozy, den er immer wieder angeprangert hat, nach dessen Verurteilung verteidigt: "Ich habe seit seinem Abschied aus dem Élysée 2012 so ziemlich alle Artikel über die Vorwürfe gegen ihn gelesen. Und ich bin bis heute nicht überzeugt davon, dass er tatsächlich Geld vom libyschen Diktator Ghadhafi angenommen hat. Wenn ich davon überzeugt gewesen wäre - glauben Sie mir -, ich hätte meine Sarkozy-Zeichnungen mit dem Kärcher angefertigt."

Weitere Artikel: Nicola Kuhn besucht für den Tagesspiegel Barani Shira Guttsman, deren Ururgroßvater Kunstsammler war und von den Nazis enteignet wurde: Guttsman hat sich auf die Suche nach seinen Gemälden gemacht. Lisa-Marie Berndt stellt bei Monopol Nieves González vor, die Künstlerin, die das neue Albumcover von Lily Allen gestaltet hat.
Archiv: Kunst

Architektur

Alexandra Wach besucht für den Tagesspiegel den Museumsneubau der Pariser Fondation Cartier, entworfen von Jean Nouvel (mehr hier). Errichtet wurde das Haus ursprünglich schon 1855: "Bereits in der Phase als Geschäftshaus und nach dem Einschlag einer Lancaster-Bomber 1943 wurde das Gebäude umgebaut. In den 1970er Jahren folgte im Innern eine vollständige Entkernung, sodass nur noch eine Hülle übrigblieb. Nouvel hat den gesamten Innenraum um fünf vertikal bewegliche Plattformen herumgebaut, die an die Bedürfnisse von Künstlerinnen oder Kuratoren angepasst werden können. Mitunter lassen sich die lichtdurchfluteten Räume, oft vier oder fünf Ebenen gleichzeitig, überblicken." Jean Nouvels Arbeit ist ein "Museum als öffentliche Arena, die radikale Kunsteinfälle beinahe auf den Straßen des historischen Stadtkerns verhandelt und wie eine verspielte Botschaft aus der Zukunft wirkt. Damit ist zweifellos ein weiterer Schritt getan für Paris als gegenwärtig am weitesten ausstrahlenden Ort der Kunst."

Gerhard Matzig ist in der SZ nicht begeistert, wenn er sich die Entwürfe des Laboratory for Visionary Architecture (LAVA) für Berlins Bewerbung für die Expo 2035 anschaut. Irgendwie war alles schon mal da, Innovationsgeist findet Matzig keinen: "Dabei ist es nicht verkehrt, geodätische Kuppeln und Zeltlandschaften als erprobte Konstruktionen für die Raumlösungen von morgen einzusetzen. Es ist auch nicht verboten, sein Tamagotchi zu streicheln, Rubiks Würfel zu malträtieren und sich einen Toast Hawaii zu machen. Es ist aber kein Form-Katalysator, wenn selbst die Zukunft aussieht wie ihr Schatten. Aus dem aufregenden, vitalisierenden Futurismus von einst ist ein Sedativum geworden. Wir flüchten in die nostalgische Komfortzone der ästhetischen Vergangenheit, weil uns die Kraft fehlt zu einer eigenen, zeitgemäßen Utopie. Zu einem Bild, das zum Versprechen und zum gesellschaftlichen Zielpunkt werden kann. Zur Schubkraft der Transformation. Erfindet doch mal wieder etwas wirklich Neues. Bitte."
Archiv: Architektur

Bühne

"Die Zauberformel von Zürich." Bild: Zoé Aubry.


"Die Zauberformel von Zürich" am Zürcher Schauspielhaus, geschrieben und inszeniert von Stefan Kaegi von Rimini Protokoll, ist ein hochpolitisches (Vor-)Weihnachtsstück, lobt nachtkritikerin Valeria Heintges. Acht Kinder zwischen elf und vierzehn Jahren wollen die Welt verbessern: Sie "nehmen das Publikum mit auf eine (zuweilen etwas ausufernde) Parforcetour, vom Zürcher Pfauen zu den (Berufs-)Wunsch-Stationen jedes Einzelnen und am Schluss sogar ins Berner Bundeshaus. Lisa Zutavern etwa wünscht sich eine größere Wohnung für ihre Familie. Und so steigen sie ein ins Puppenhaus, ausgerüstet mit Bluescreen-Technik und Handykamera. Schauen in Zutaverns Wohnung und in die des Nachbarn (der bewohnt ganz allein sechs Zimmer!), um die Ursachen der Wohnkrise zu untersuchen. (…) Und lassen sich von Kuzma Ignatiev Kyiv zeigen, aus dem der vor drei Jahren nach Zürich geflohen ist. Nur um am Ende festzustellen, dass sich niemand um die Rettung der Gletscher, die Hilfe für Arme oder ein Ende des Krieges einsetzt. Also nehmen sie die Sache selbst in die Hand."

Besprochen werden außerdem Rachid Ouramdanes "Contre-Nature" auf dem Tanzfestival Rhein-Main (FR), "Die ganze Welt ist eine Bühne. Shakespeares Narren", ein Theaterabend mit Marian Kindermann am Neuen Theater Halle (FAZ), "Taxi nach Drüben" von Philipp Löhle am Theater Ulm (nachtkritik), die Doppelaufführung "Das eingebildete Tier" von Valère Novarina, inszeniert von Julie Grothgar, "Ein anderes Blau" von Charlotte Sprenger am Theater an der Ruhr (nachtkritik) und "Josephine Baker" von Monika Gintersdorfer und La Fleur, inszeniert von ersterer am Theater Freiburg (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

Die russische Pianistin Elena Bashkirova, die das Jerusalem Chamber Music Festival leitet, und Michael Blumenthal, früherer US-Finanzminister unter Jimmy Carter und späterer Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, wurden mit dem Internationalen Mendelssohn-Preis zu Leipzig ausgezeichnet, berichtet Jan Brachmann in der FAZ. In der NZZ resümiert Inna Hartwich die Kontroverse um den deutschen Pianisten und Dirigenten Justus Frantz und dessen Putin-Freundschaft (unsere Resümees). 

Besprochen werden das Album "John & Yoko / Plastic Ono Band: "Power To The People"" (FAZ) und Cyrille Dubois' Vertonung von "Gabriel Dupont: The Complete Songs" (FAZ).
Archiv: Musik

Film

Josef Hader und  Sigi Zimmerschied in "Sturm kommt auf." Foto: ZDF/Fabio Eppensteiner


In Matti Geschonnecks ZDF-Film "Sturm kommt auf" spielt der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader den Juden Julius Kraus, der durch den aufkeimenden Nationalsozialismus in einem kleinen österreichischen Dorf bedroht wird. Im Zeit-Online-Interview mit Arno Makowsky unterhält sich Hader über sein Rollenprofil (introvertiert und mit "einer gewissen Lakonie") und die akutelle politische Situation: "Ich finde, wir müssen versuchen, aus dem gegenseitigen Verurteilen herauszukommen. Die Leute in meinem Heimatdorf sagen, dass sie bestimmte Themen vermeiden, damit man sich nicht zerstreiten muss. Die reden lieber irgendwas Unverbindliches, damit sie nicht sagen müssen: Du bist ein kompletter Depp. Ich bin dafür, dass man eine klare Haltung hat, aber miteinander redet. Die wechselseitige Empörung ist der Brennstoff, mit dem sich die Konflikte immer weiter erhitzen." 

"Vertraut und trotzdem schockierend" findet Judith von Sternburg den Film, wie sie in der FR festhält: "Das Böse gewinnt das Spiel auf ganzer Linie (...) Weil nackte Gewalt und Einschüchterung immer funktionieren, wenn die Gegenwehr nicht ganz enorm ist."

Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Regisseur Roland Emmerich zum Siebzigsten. Für die taz resümiert Wilfried Hippen die Nordischen Filmtage Lübeck. In der NZZ schreibt Marion Löhndorf über die zahlreichen Verfilmungen des bewegten Lebens Richard Burtons.  

Archiv: Film