Efeu - Die Kulturrundschau
Von schwerster Bedeutungsschwangerschaft
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2025. Die Kritiker sind nicht sehr überzeugt von der revueartigen Betulichkeit, mit der Theresa Thomasberger am Deutschen Theater Berlin Hannah Arendts Leben erzählt. August Diehl, der in Kirill Serebrennikows Film Josef Mengele spielt, will im Welt-Interview nicht unter den Tisch fallen lassen, dass Monster wie Mengele doch Menschen sind. Die taz hofft mit unabhängigen Berliner Kinos, dass mehr Filmklassiker endlich digitalisiert werden. Percy Everett verzweifelt im FAZ-Gespräch ob der Zensur in den USA, die Maya Angelou verbietet und Hitler erlaubt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
27.10.2025
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Bühne

Auch Nachtkritikerin Simone Kaempf ist nicht so begeistert. "Was sind nun die drei Leben der Hannah Arendt?", fragt sie: "Gemeint sind die drei Sphären Denken, Lieben, Handeln, zu denen Hannah Arendt aus ihren eigenen Erfahrungen so klare Erkenntnisse zog. Aber in dem revueartigen Gemisch des Abends vermittelt sich das nur bedingt. Gesungen wird auch, einmal sehr berlinernd, dann eine schauerliche Moritat. Als komplettes Witzfigurenkabinett kommen die Männer weg. (…) Hannah Arendt ist derzeit wieder überall im Munde, aber vielleicht ist es einfach keine gute Idee, sie auch noch zur Bühnenfigur zu erheben. Schon erst recht nicht als eine, die im Spagat aus Komik und Ernst verortet wird." Im Tagesspiegel ist Christine Wahl ebenfalls unterwältigt.
Nur Peter Laudenbach weiß in der SZ Positives zu berichten: "Wer sich hier nicht in die Kant-Leserin aus Königsberg, die messerscharfe Analytikerin des Totalitarismus, die jüdische Migrantin, die radikale Dissidentin verliebt und sofort ihr Gesamtwerk lesen will, ist vermutlich etwas stumpf im Kopf und im Herzen. Die Streber-Frage, ob man sich dem Denken der Philosophin über die Erzählung ihres Lebens im Jahrhundert der Gewalt und der Diktaturen nähern darf, kann man sich schenken."
Nazanin Noori bringt Paul Celans "Todesfuge" und weitere seiner Gedichte auf die Bühne des Gorki-Theaters: Nachtkritikerin Esther Slevogt sitzt vor Pathos peinlich berührt im Zuschauerraum und wundert sich, warum viele der Texte auf Englisch vorgetragen werden: "Das Englische ebnet Schroffheiten und Sprachwiderstände des Originals ins Kompatible ein - das tonlose Pathos, mit dem die Texte vorgetragen werden, die stoischen Mienen (und leider auch die zunehmend von schwerster Bedeutungsschwangerschaft gezeichneten Akteur*innen) erwecken die Texte nicht, sondern nutzen sie eher als Material für die Simulation irgendwelcher Stimmungen und Abgründe, die aber stets nur Pose bleiben."
Weiteres: Katrin Bettina Müller besucht für die taz eine Probe von Marcos Moraus Ballett "Wunderkammer" an der Komischen Oper Berlin.
Besprochen werden: Maximilian Schafroths "Wachse oder weiche" an den Münchner Kammerspielen (taz, Nachtkritik), Mable Preachs "Unfiltered!" am Schauspielhaus Zürich (NZZ),
Nina Spijkers Inszenierung von Johann Strauss' "Eine Nacht in Venedig" läuft an der Wiener Volksoper (FAZ), das Musical "Cold Case: Gretchen brennt" von Lotte Schubert und Thorsten Drücker am Schauspiel Frankfurt, inszeniert von Jana Fritzsche (FR), Molières "Menschenfeind" in der Fassung von Botho Strauß, inszeniert von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik) und Ildikó Gáspár inszeniert Kleists "Die Marquise von O und -" am Deutschen Theater Berlin (FAZ, Tagesspiegel).
Musik
Maxi Broecking porträtiert in der taz Angelica Sanchez, die beim Jazzfest Berlin in zwei unterschiedlichen Formationen auftritt und sich dafür interessiert, "wie die Verästelungen der Nervenbahnen in Klangsysteme übersetzt werden können". Anna Weiß spaziert für die SZ mit dem Berliner Chansonnier Tristan Brusch durch Neukölln bis zum Tempelhofer Feld. Stefan Michalzik resümiert in der FR das Deutsche Jazzfestival 2025 in Frankfurt. "Die Popwelt hat plötzlich Spaß an der Ehe", schreibt Julian Theilen in der Welt angesichts dessen, dass mit Taylor Swift, Lana Del Rey, Dua Lipa und Charli XCX gerade ein ganzer Schwung millionenschwerer Popstars vor den Traualtar zieht. Im Standard erinnert Christoph Irrgeher an Johann Strauß, der vor 200 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden Maria Kanitz' und Lukas Becks Buch "Lauter Hass" über "Antisemitismus als popkulturelles Ereignis" (FR), eine Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl und dessen Kokainsucht (SZ), ein Auftritt von Diana Krall in Wien (Standard) und Wolfgang Muthspiels Album "Tokyo" (Standard).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Schütte über den "Cold Song" von Klaus Nomi:
Besprochen werden Maria Kanitz' und Lukas Becks Buch "Lauter Hass" über "Antisemitismus als popkulturelles Ereignis" (FR), eine Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl und dessen Kokainsucht (SZ), ein Auftritt von Diana Krall in Wien (Standard) und Wolfgang Muthspiels Album "Tokyo" (Standard).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Schütte über den "Cold Song" von Klaus Nomi:
Film
Jan Küveler spricht für die Welt mit dem Schauspieler August Diehl, der aktuell in Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" zu sehen ist. Ursprünglich hatte er kein Interesse, den fürchterlichen KZ-Arzt zu spielen, sagt er. "Warum sollte man jemandem wie Mengele eine Plattform geben? Warum sollte man sich an den erinnern?" Doch dann "dachte ich: Ist das nicht eigentlich gefährlich, so zu denken? Sich nicht erinnern zu wollen." Aber "vielleicht ist das gar nicht wahr. Dass zwar, was er getan hat, monströs ist, aber das ganze Problem doch darin liegt, dass diese Menschen eben nicht nur Monster sind, sondern Menschen" und "diese Menschen wären als Einzelpersonen gar nicht so groß geworden, hätte es nicht ein System gegeben, das sie gebraucht und auch nach dem Krieg unterstützt hat. Wir haben sehr viel darüber gesprochen, Kirill, Olivier und ich: dass bestimmte Systeme bestimmte Menschentypen brauchen. Oft Menschen, die leer sind, ohne Vision, ohne Empathie - Psychopathen. In solchen Systemen werden sie zu Ärzten, Polizisten, Richtern. Sie bekommen eine Funktion."
Überall sterben die Kinos, in Berlin werden welche gegründet. Oder zumindest vor zehn Jahren noch, denn da gingen Il Kino, Wolf und Kino Zukunft an den Start, die sich seitdem als feste Bank der Berliner Arthouse- und Indie-Kinolandschaft etabliert haben. Katharina Böhm hat für die taz mit Carla Molino, Verena von Stackelberg und Sven Loose gesprochen, die die drei unabhängigen Kinos jeweils betreiben - über Fallstricke und Risiken, aber auch unerfüllte Hoffnungen beim Kinomachen, etwa die, dass durch die Digitaliserung Klassiker greifbarer werden könnten: "Das ist kaum möglich, weil die Sachen nicht digitalisiert worden sind oder eine einmalige Vorführung um die 150 Euro kostet für Verschlüsselung und digitales Cinema Package. Dazu die Rechte für den Film selbst. Einen Klassiker einmal zu zeigen, kann bis zu 500 Euro kosten. Das macht meine Vorstellung davon, wie wir mit Filmgeschichte umgehen, schon etwas kaputt. ... An die analogen Kopien kommt man wiederum nicht ran, weil sie nur noch an Museen verliehen werden. Viele Kopien wurden zerstört, weil sie Platz brauchen und die Filmlager nicht mehr da sind. So passieren ständig kleine Tode und Neuentstehungen in der Kinowelt."
Weiteres: Marian Wilhelm fragt sich im Standard bange, wie lange das Wiener Hotel Interconti noch als Festivalzentrale für die Viennale genutzt werden kann. Besprochen werden Laura Poitras' auf der Viennale gezeigtes Porträt "Cover-Up" des Journalisten Sy Hersh (Standard), Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." (Standard) und Scott Coopers Springsteen-Biopic "Deliver Me From Nowhere" (Welt).
Überall sterben die Kinos, in Berlin werden welche gegründet. Oder zumindest vor zehn Jahren noch, denn da gingen Il Kino, Wolf und Kino Zukunft an den Start, die sich seitdem als feste Bank der Berliner Arthouse- und Indie-Kinolandschaft etabliert haben. Katharina Böhm hat für die taz mit Carla Molino, Verena von Stackelberg und Sven Loose gesprochen, die die drei unabhängigen Kinos jeweils betreiben - über Fallstricke und Risiken, aber auch unerfüllte Hoffnungen beim Kinomachen, etwa die, dass durch die Digitaliserung Klassiker greifbarer werden könnten: "Das ist kaum möglich, weil die Sachen nicht digitalisiert worden sind oder eine einmalige Vorführung um die 150 Euro kostet für Verschlüsselung und digitales Cinema Package. Dazu die Rechte für den Film selbst. Einen Klassiker einmal zu zeigen, kann bis zu 500 Euro kosten. Das macht meine Vorstellung davon, wie wir mit Filmgeschichte umgehen, schon etwas kaputt. ... An die analogen Kopien kommt man wiederum nicht ran, weil sie nur noch an Museen verliehen werden. Viele Kopien wurden zerstört, weil sie Platz brauchen und die Filmlager nicht mehr da sind. So passieren ständig kleine Tode und Neuentstehungen in der Kinowelt."
Weiteres: Marian Wilhelm fragt sich im Standard bange, wie lange das Wiener Hotel Interconti noch als Festivalzentrale für die Viennale genutzt werden kann. Besprochen werden Laura Poitras' auf der Viennale gezeigtes Porträt "Cover-Up" des Journalisten Sy Hersh (Standard), Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." (Standard) und Scott Coopers Springsteen-Biopic "Deliver Me From Nowhere" (Welt).
Literatur
Im FAZ-Gespräch mit Sandra Kegel zeigt sich der US-Schriftsteller Percival Everett völlig verzweifelt, was den politischen und gesellschaftlichen Zustand seiner Heimat betrifft: Vor den Augen der Öffentlichkeit haben sich die USA in einen Polizeistaat verwandelt, der die Opposition durch Zermürbung und Zensur in die Knie zwingt. "Wenn in der Air Force Academy die Bücher der afroamerikanischen Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou nicht gelesen werden dürfen, Hitlers 'Mein Kampf' aber schon, dann sollte das alle Amerikaner empören. Stattdessen finden viele Demokraten die Brandmarkung von Büchern als subversiv irgendwie schmeichelhaft. Das befremdet mich." Aber "das Verbot von Büchern, egal welcher Art, ist der erste Schritt in ein faschistisches Regime." Denn Lesen "bewirkt genau das, was Faschisten nicht wollen: Bildung und kritisches Bewusstsein. Deshalb werden die Hochschulen attackiert. Sie wollen nicht, dass wir lesen."
Im taz-Gespräch mit Wilfried Hippen erklärt die Amerikanistin Sonka Hinders, warum Jeff Vandermeers vor zehn Jahren erschienener SF-Roman "Auslöschung" aufgrund seiner Story um eine Ökokatastrophe auch heute noch lesenswert ist. Besprochen werden unter anderem das neue "Asterix"-Abenteuer (FR), Jean Paulhans "Die Erfahrung des Sprichworts" (FAZ), Michail Prischwins "Tagebücher Bd. 3/1936" (NZZ), Séan Hewitts "Öffnet sich der Himmel" (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Nadia Buddes Neuübersetzung von Ludwig Bemelmans US-Kinderbuchklassiker "Madlen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Im taz-Gespräch mit Wilfried Hippen erklärt die Amerikanistin Sonka Hinders, warum Jeff Vandermeers vor zehn Jahren erschienener SF-Roman "Auslöschung" aufgrund seiner Story um eine Ökokatastrophe auch heute noch lesenswert ist. Besprochen werden unter anderem das neue "Asterix"-Abenteuer (FR), Jean Paulhans "Die Erfahrung des Sprichworts" (FAZ), Michail Prischwins "Tagebücher Bd. 3/1936" (NZZ), Séan Hewitts "Öffnet sich der Himmel" (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Nadia Buddes Neuübersetzung von Ludwig Bemelmans US-Kinderbuchklassiker "Madlen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst
Der Ärger mit der Sammlung Bührle geht weiter, wie Hubertus Butin in der FAZ kommentiert: Gerade wird sie im Kunsthaus Zürich ausgestellt, aber ob sie dort bleiben wird, ist unklar, hat sich das Haus doch darauf verpflichtet, keine Raubkunst auszustellen. Möglicherweise bleibt der eigens für die Sammlung initiierte Neubau bald leer und die unter Raubkunstverdacht stehenden Kunstwerke ziehen ab, ohne ein klares Ziel zu haben: "Jedes potentielle Museum wird sich bewusst sein, dass es ein vergiftetes Angebot bekommt. Der Makel der NS-Raubkunst wird weiterhin an der Sammlung Bührle haften, solange die Stiftung sich nicht ihrer Verantwortung stellt und die unabhängige Untersuchung der Herkunft ihrer Bilder nicht umfassend unterstützt. Ansonsten wird diese Werke wohl niemand haben wollen, seien sie auch noch so wertvoll."
Weiteres: Martina Meister interviewt Chris Dercon, den Direktor der Fondation Cartier, für die Welt. Zwei der mutmaßlichen Louvre-Diebe wurden festgenommen, meldet die FAZ. Die Zeit fasst noch einmal alles zu dem großen Raub zusammen.
Weiteres: Martina Meister interviewt Chris Dercon, den Direktor der Fondation Cartier, für die Welt. Zwei der mutmaßlichen Louvre-Diebe wurden festgenommen, meldet die FAZ. Die Zeit fasst noch einmal alles zu dem großen Raub zusammen.
Architektur
Dass Donald Trump den Ostflügel des Weißen Hauses hat abreißen lassen, ist Hilmar Klute in der SZ zufolge kein gutes Zeichen, was sowohl architektonische als auch demokratische Entwicklung in den USA betrifft: "Trumps Sinn für die Verlängerung seiner Politik in die Symbolik von Architektur und Landschaft ('Golf von Amerika') ist scharf ausgeprägt. Der Präsident hat offensichtlich vor, das Land von innen wie von außen seinen Maßstäben anzupassen, die bekanntlich nicht die Maßstäbe der noch weitgehend vernunftgesteuerten westlichen Kultur sind. Das Weiße Haus, das Roosevelt mit seinen weit gefassten Nutzungsrechten zu einem 'Haus des Volkes' werden ließ, wird in Zukunft vor allem einem Zweck dienen: der Selbstfeier einer politischen Klasse, die sich selbst bereichern möchte. Härte und billiger Prunk, kühler Pragmatismus anstelle zarter Anmut, das könnten die neuen ästhetischen Regeln für das Weiße Haus sein."
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