Efeu - Die Kulturrundschau

Blaue Adern wie Flüsse

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18.10.2025. Die Hochliteratur wird zum Nischenangebot, konstatiert die SZ besorgt nach der Frankfurter BuchmesseBurhan Qurbanis Hamburger Inszenierung seines Stücks "Die Verwandlung" über (post)-migrantische Schicksale lässt die Nachtkritik aus unruhigen Träumen erwachen. Die FAZ stellt die ukrainische Künstlerin Dariia Kuzmych vor, in deren Werk Flucht wie gebrochene Knochen, zerrissene Muskeln und Weinreben aussieht. Die FAZ berichtet außerdem, wie der puertoricanische Superstar Bad Bunny in USA für Wirbel sorgt. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2025 finden Sie hier

Literatur

Für das New-Adult- und Romance-Segment hat die Frankfurter Buchmesse "diesmal ihre glamouröse Festhalle hergerichtet", um dem Andrang der Fans Herr zu werden, berichtet Marie Schmidt in der SZ. Doch "zwischen Genretiteln, Fachbüchern und Ratgebern scheint die Hochliteratur allmählich zum Nischenangebot, zum special interest, zu schrumpfen. ... Aus dem versammelten Literaturbetrieb hört man denn auch immer wieder den Satz: 'Literatur funktioniert nicht mehr.'" So "stellt sich die Frage immer dringender, wie man es schaffen kann, dass die Bereiche der viel gelesenen und der ästhetisch anspruchsvollen Literatur nicht immer weiter auseinanderklaffen, zu einander fremden Subkulturen werden. Und wie sich die Kunst neben aller willkommenen Unterhaltung auf dem Buchmarkt behaupten kann. Zumal die Bedingungen des Büchermachens schwieriger werden, durch steigende Herstellungskosten, die Druckereienkrise und womöglich auch das teure Wettbieten unter den Verlagen um wenige besonders begehrte Spitzentitel im Jahr."

Dirk Knipphals berichtet in der taz vom Kritikerempfang des Suhrkamp Verlags auf der Frankfurter Buchmesse, der nicht mehr in der mittlerweile verkauften Unseld-Villa stattfand, sondern im Holzhausenschlösschen: "Die Aura der Klettenbergstraße ist zwar unwiederbringlich dahin, keine knarrenden Sofas, auf denen schon Beckett saß, kein Warhol-Goethe an der Wand, aber die neue Location ist dann doch halt ein guter Ort, um sich auszutauschen und dabei das Gefühl abzuholen, dass es in der Branche, allen Widrigkeiten zum Trotz, immer noch viele kluge, engagierte Menschen gibt, die Bücher schreiben, verlegen und lesen wollen."

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Martina Meister porträtiert in der WamS den französischen Comicautor Fabcaro, der den am 23. Oktober erscheinenden neuen Asterix-Band getextet hat. In Deutschland ist er weitgehend unbekannt, in Frankreich mit einem beachtlichen, auch Romane umfassenden Werk "seit 2015 ein Superstar. Damals erschien 'Zaï, Zaï, Zaï, Zaï', Untertitel 'Ein Road-movie'. Der Plot dieser Graphic Novel ist komplett absurd" und handelt von einem Comicautor, der sich von einer Petitesse aus in ein wahnwitziges Szenario verstrickt. "Als neuer Kafka wurde er gefeiert, das Buch als sozialkritische Darstellung einer Gesellschaft, die falsche Prioritäten setzt. Zum Bestseller wurde es, weil sich eine ganze Generation im tragikomischen Schicksal dieses Losers wiedererkannte." 

Weitere Artikel: Jens Uthoff berichtet in der taz vom ukrainischen Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Ulrich Gutmair geht für die taz mit der philippinischen Autorin Patricia Evangelista auf der Frankfurter Buchmesse eine rauchen. In Frankfurt sprach Christiane Körner über ihre Neuübersetzung von Anatoli Kusnezows Roman "Babyn Jar", berichtet Christian Geyer in der FAZ. Richard Kämmerlings flaniert für die Welt mit Michael Angele über den Stuttgarter Platz in Berlin, über den dieser gerade ein Buch geschrieben hat. Gerrit Bartels hat sich für den Tagesspiegel die Auftritte der Schriftstellerin Caroline Wahl auf der Frankfurter Buchmesse angesehen. Anatol Regnier schreibt in der FAS über die schweren Probleme, die Heinrich Mann damit hatte, im amerikanischen Exil Bücher zu veröffentlichen. Eckardt Köhn erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ von dem Gespräch, das er 1978 mit der hochbetagten Helen Hessel, Witwe des Schriftstellers Franz Hessel, über deren Freundschaft mit Walter Benjamin geführt hat. Tilman Spreckelsen erinnert im "Literarischen Leben" der FAZ daran, dass erst eine günstige illustrierte Ausgabe ihrer gesammelten Märchen den bis dahin am Markt eher glücklosen Gebrüdern Grimm zum durchschlagenden Erfolg verhalf. In der SZ versuchen Viven Götz und Berit Kruse dem anhaltenden Erfolg von Fantasy-Liebesromanen mit den Methoden der Datenanalyse auf den Grund zu gehen. Außerdem verkündet die Jury des Tagesspiegel die zehn besten Comics des Quartals - auf Platz Eins: "Jakob Neyder" von Franz Suess.

Besprochen werden die ersten vier Bände von Hermann L. Gremlizas "Gesammelten Schriften" (taz), Irene Solàs "Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis" (taz), Zoran Drvenkars Krimi "Asa" (taz), Anne Serres "Einer reist mit" (taz), Maggie Nelsons "Pathemata" (taz), Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (taz), Thorsten Nagelschmidts "Nur für Mitglieder" (taz), Lina Schwenks "Blinde Geister" (taz), T. C. Boyles "No Way Home" (online nachgereicht von der Zeit), Ian McEwans "Was wir wissen können" (online nachgereicht von der Welt), Martin Oeschs Comic "Fleischeslust" (NZZ), Stephen Kings Neuerzählung von "Hänsel und Gretel" (Zeit) und Ulf Stolterfohts Lyrikband "Rückkehr von Krähe" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

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Yelizaveta Landenberger stellt auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ die ukrainische Künstlerin Dariia Kuzmych vor, die den Krieg in der Ukraine, in dem sowohl ihr Partner, ihr Vater als auch ihr Bruder kämpfen, in ihrem Werk verarbeitet, etwa in Aquarell-Skizzen, die sie "für eine große Installation im österreichischen Traiskirchen, einem Ort, der vor allem für sein Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge bekannt ist", machte: "Als die russische Vollinvasion begann, befand sich Kuzmych gerade in Wien und sollte ihren Beitrag vorbereiten. Sie beschloss, ihre Skizzen von gebrochenen Knochen, zerrissenen Muskeln und Weinreben auf große Segelstoffpaneele zu drucken. 'Körperreich, samtig, stechend, pochend' lautet der Titel ihrer Arbeit. Es sind Worte, die sowohl Wein als auch Schmerz beschreiben können. Österreich wirke auf sie unglaublich hedonistisch, das Erstaufnahmezentrum befinde sich inmitten von Weinreben. Dieser Kontrast habe sie interessiert, erläutert sie: 'Die traumatische Erfahrung trennt dich von der Welt ab. Sie ist wie ein Schleier vor den Augen, durch den du die Welt betrachtest.'"

Ausstellungsansicht: "Anatomie der Fragilität". Bild: Clemente Susini, Venerina (Liegende weibliche Figur mit abnehmbaren anatomischen Teilen), 18. Jh. (ca. 1782). Foto: Arnim Eisenhut (privat)

Sylvia Staude (FR) betrachtet fasziniert die Körper-Kunst, die der Kunstverein Frankfurt in der Ausstellung "Anatomie der Fragilität" zeigt. Alles andere als "perfekte Körper-Bilder" kann man hier sehen, im Gegenteil wird der Mensch in seiner Verletzlichkeit gezeigt - das ist manchmal auch etwas eklig: "Aus Bologna kommen anatomische Wachsfiguren von Clemente Michelangelo Sasini (1754-1814), am spektakulärsten wohl die 'Venerina'. Eine zarte Frau, deren Kopf (mit echtem Haar) zurückgebeugt ist, ihr Hals ist dadurch entblößt - gleichzeitig trägt sie eine Perlenkette. Gab es ein (totes) Modell, wollte man ihr damit einen Rest von Respekt erweisen, entblößt, wie sie ist? Denn ihr Brust- und Bauchraum sind offen, ihr zu Füßen liegt unter anderem das Gedärm. Einen hautlosen Arm gibt es in der Ausstellung, darauf blaue Adern wie Flüsse. Augäpfel gibt es, die in allerlei Richtungen blicken. Die Nerven wie Tentakel, als würden sich die Augen ankrallen am Gesicht." 

Weiteres: In der taz zeichnet Tilman Baumgärtel die Geschichte der "Copy Art" nach, Kunst, die mit Fotokopien arbeitet. Besprochen werden die Ausstellung "Künstlerinnen! Von Monjé bis Münter" im Kunstpalast Düsseldorf (FAZ), die Ausstellung "Diane Arbus. Konstellationen" im Gropius Bau Berlin (FAS, tsp) und die Ausstellung "Impressionismus in Deutschland. Max Liebermann und seine Zeit" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (NZZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Ukrainekrieg

Film

Vollkommen hingerissen ist der Filmkritiker Rüdiger Suchsland in seiner Kino-Kolumne auf Artechock von einem großen Gespräch, das Herta Müller dem Dlf gegeben hat. Die Schriftstellerin "formuliert in nuce, worum es uns heute gehen muss: Die Rückgewinnung des Ästhetischen. Das ist die wichtigste Forderung für unsere Zeit. Das Ästhetische muss unter all dem Wust der Zuschreibungen, unter all den politischen Pamphleten und Manifesten, unter all der Indienstnahme für soziale und ökologische, Gerechtigkeits- und Gleichstellungs-Anliegen wieder hervorgezerrt werden und für-sich herausgestellt. Das heißt ausdrücklich nicht, unpolitische Kunst zu fordern - ganz im Gegenteil! Es heißt, von der Kunst zu fordern, dass sie mehr ist, als nur ein politisches Pamphlet. Und dies herauszuarbeiten. Es heißt, dass Kunst nicht dadurch besser oder schlechter wird, dass sie 'die richtige' oder 'die falsche' Ideologie und politische Meinung ausdrückt. Es heißt das Ästhetische als etwas Besonderes im politischen Diskurs, der nicht notwendig ästhetisch ist, herauszustellen."

Außerdem: Josef Nagel gratuliert im Filmdienst der Cinémathèque française zum 90-jährigen Bestehen. Mariam Schaghaghi spricht für die FAZ mit Rebecca Miller über Martin Scorsese, über den sie für Apple eine Dokuserie gedreht hat. Jan Küveler spricht für die WamS mit Guillermo del Toro über dessen "Frankenstein"-Adaption, die kommenden Donnerstag in die Kinos kommt. In Berlin wurden Filme aus Jakutien gezeigt, eine tief im Osten Russlands liegende Region, von der selbst Russen im Westen nicht genau wissen, wo sie liegt, berichtet Yelizaveta Landenberger in der taz. Valerie Dirk sieht für den Standard auf der Viennale Filme über Mutterschaft. Axel Timo Purr führt auf Artechock durchs Programm der Afrikanischen Filmtage München. Rüdiger Suchsland schreibt auf Artechock einen Nachruf auf Diane Keaton (weitere Nachrufe hier). In der FAZ gratuliert Jürgen Kaube dem Schauspieler John Lithgow zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Werner Herzogs "Ghost Elephants", der auf der Viennale gezeigt wird (Standard), Scott Coopers Biopic "Springsteen: Deliver Me From Nowhere" (taz), Kelly Reichardts "The Mastermind" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Luca Guadagninos MeToo-Thriller "After the Hunt" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), Edward Bergers "Ballad of a Small Player" (Artechock, SZ), Laura Pianis "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (Artechock, Standard), die ARD-Doku "Calmeyers Dilemma - Juden retten im Schatten der Nazis" (FAZ), Agnieszka Hollands Kafka-Film "Franz K." (WamS) und Florian Frerichs' gleichnamige Verfilmung von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" (FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Müller, Herta

Bühne

Szene aus "Die Verwandlung" am Thalia Theater Hamburg © Krafft Angerer

"Unruhige Träume" hat Nachtkritikerin Katrin Ullmann nach Burhan Qurbanis Inszenierung seines Stücks "Die Verwandlung" am Thalia Theater Hamburg. "Schrecklich gegenwärtig" erzähle Qurbani von (post)-migrantischen Schicksalen, kafkaesken Behördengängen, Entfremdung: "Die Szenen, die Qurbani aus dieser Dokumentar-Poesie erschafft, sind Skizzen. Sie zeigen flüchtige Zustände die in- und wieder auseinander fließen, oft unterlegt von ungutem Surren oder kratzenden Streichern. Es sind fahrige Begegnungen von Suchenden und Traumatisierten, von Behördendeutschen und Heimatlosen, von Helfenden, Vaterlosen und Enttäuschten. Von solchen, die die Nacht durchtanzen und welchen, die aus unruhigen Träumen erwachen. Selbstredend ist die Bühne ziemlich ungemütlich: Schwarz verkohlte Überreste eines Hauses hat Elisa Limberg darauf verteilt - sofort denkt man an Brandanschläge. Zwischen Sofa, Tisch und Stühlen reckt sich ein ungesundes Gebilde, ein wucherndes Geschwür, wie dichter, ewiger Rauch zur Bühnendecke."
Archiv: Bühne

Musik

Elena Witzeck berichtet in der FAZ von dem Trubel, den die Ankündigung, dass der puertoricanische Superstar Bad Bunny die Halbzeitshow des nächsten Super Bowls bestreiten wird, ausgelöst hat. Diese Zwischeneinlage ist bekanntlich jedes Jahr eines der zentralen popkulturellen Ereignisse in den USA - und Bad Bunny war in der Vergangenheit nie darum verlegen, Trump und dessen Einwanderungspolitik zu kritisieren. "Geplant ist nun eine Gegenveranstaltung zu Benitos Superbowl-Auftritt. Die Heimatschutzministerin droht mit Festnahmen der Abschiebebehörde ICE. Als wäre es das erste Mal, dass die amerikanische Einwanderungspolitik beim Superbowl kritisiert wird. ...  Mit Trolling-Posts und Kritik an dem geplanten Auftritt wurde in den letzten Tagen versucht, ehrwürdige Künstler wie Carlos Santana gegen Bad Bunny auszuspielen. In einer besonders herzlichen Umarmungsgeste ließ Santana mitteilen, er sehe das ganz anders. Überhaupt könne er nicht aufhören, Bad Bunnys Song 'Mónaco' zu hören. Worum es da geht? Um die Dekonstruktion alter Machtstrukturen. Wenn das mal kein Zufall ist."



Außerdem: Für "Bilder und Zeiten" der FAZ schaut Gerald Felber der Pianistin Tamara Stefanovich dabei über die Schulter, wie diese sich das Klavierkonzert von Rebecca Saunders erarbeitet. Erhard Grundl wirft in der taz Schlaglichter auf Leben und Werk von Bob Dylan, der kommende Woche für drei Konzerte nach Deutschland kommt. Jakob Biazza schreibt in der SZ einen Nachruf auf den früheren Kiss-Gitarristen Ace Frehley.

Besprochen werden das neue Album von The Last Dinner Party ("eine ausgezeichnete Popplatte, reich an Ideen, Hooks, Drama, glamourösen Anmaßungen und großen Emotionen", freut sich Annett Scheffel auf Zeit Online) und das neue Album von Tame Impala (SZ).

Archiv: Musik
Stichwörter: Super Bowl, Bad Bunny