Im Kino
Julia Roberts tanzt am Abgrund
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
15.10.2025. Ein prätentiöses Milieu darf auch prätentiös gefilmt werden: In Luca Guadagninos "After the Hunt" brechen nach dem Missbrauchsvorwurf einer jungen Studentin soziale und zwischenmenschliche Gräben auf.Während des Vorspanns fühlt man sich wie in einem alten Woody-Allen-Film. Die schlichten weißen Titel (Schriftart Windsor) auf schwarzem Grund und der smoothe Jazz-Song Tony Bennetts, der dazu erklingt, ähneln Allens charakteristischen Eröffnungen zu sehr, um bloß Zufall zu sein. Zwar spielt "After the Hunt" nicht in New York, sondern im Dunstkreis der Elite-Uni Yale, aber auch in Luca Guadagninos Film steht ein etwas selbstgenügsames und spleeniges Bildungsbürgertum im Zentrum. Bei einem kultivierten Dinner am Anfang diskutiert die halbe Belegschaft der Philosophischen Fakultät über das, was die Welt und das Institut bewegt. Es geht um Geschlechtergerechtigkeit, den woken Zeitgeist sowie darum, wer wohl die heiß begehrte Festanstellung bekommt. Gesprochen wird dabei eloquent, gewitzt, auch ein bisschen provokant und stets mit dem etwas eitel wirkenden Bewusstsein fürs Publikum und die eigenen Wirkung.
Zwei Frauen stechen besonders heraus. Zum einen die Gastgeberin und Professorin Alma (Julia Roberts), die eher sporadisch am Gespräch teilnimmt und mit maskenhaft unlesbaren Gesichtszügen und erhabener Pose über allem thront. Ihren Mann, den exzentrischen Psychotherapeuten Frederik (Michael Stuhlbarg), fragt sie später, ob sie nach außen herzlos wirke. Sein Kompromissvorschlag: "vielleicht ein bisschen unnahbar". "After the Hunt" wird Almas kühle Fassade zunehmend bröckeln lassen.
Eine andere Frau aus der Runde ist daran maßgeblich beteiligt: die deutlich jüngere Studentin Maggie (Ayo Edebiri), die dem Gespräch halb missmutig, halb eingeschüchtert zuhört. Sie ist die einzige Schwarze in der Runde und der Film führt sie ein, indem er von einer afrikanischen Holzfigur auf dem Kaminsims zu Maggies irritiertem Gesicht schneidet - und die junge Frau damit als Außenseiterin in einem Milieu etabliert, das sich als aufgeklärt und reflektiert begreift, die eigenen Privilegien aber nur bedingt hinterfragt.
Laut wie eine Zeitbombe tickt es im Prolog, der einen typischen Tag von Alma im Schnelldurchlauf zeigt. "After the Hunt" führt jedoch zu keiner großen Explosion, sondern widmet sich einer schleichenden Verunsicherung mit regelmäßigen Eskalationen. Bereits beim Dinner lenkt Guadagnino den Blick auf das diffuse, professionell distanzierte, aber auch vertraut freundschaftliche Verhältnis zwischen den Studenten und ihren Lehrern. Am nächsten Abend steht die aufgelöste Maggie vor der Tür ihrer Professorin und behauptet, Almas jüngerer Kollege und sehr guter Freund Hank (Andrew Garfield) hätte sie nach dem Abend missbraucht. Von nun an fühlt sich Alma genötigt, für eine der beiden Seiten Partei zu ergreifen, und gerät dadurch auf ein von Kulturkämpfen, Generationenkonflikten und Karriere-Kalkül durchsetztes Minenfeld.
Der Tony-Bennett-Song aus dem Vorspann handelt vom Glück, das ein neugeborenes Kind bringt und ist, wie sich schnell herausstellt, sarkastisch gemeint. Die äußerst achtsame, aber nicht unbedingt umsichtige jüngere Generation versucht verkrustete Strukturen aufzubrechen, gefällt sich aber auch in der Rolle des Königsmörders. Allmählich legt das Drehbuch von Nora Garrett verschiedene Schichten der Figuren frei, was sie jeweils in verändertem Licht erscheinen lässt. So erfahren wir, dass Maggie nicht nur heimlich in Alma verliebt ist, sondern es auch mit der Wahrheit nicht immer genau nimmt und noch dazu die Tochter sehr wohlhabender Eltern ist, die die Uni finanziell unterstützen.
"After the Hunt" verhandelt gesellschaftliche Diskurse geschickterweise nicht wie in einem Aufsatz, verzichtet weitgehend auf effekthascherische Taschenspielertricks und plumpe Pointen. Vielmehr ist der Film von seinen Figuren her gedacht, und die bleiben konsequent widersprüchlich und ein wenig geheimnisvoll. Nur zögerlich enthüllt Guadagnino eine Geschichte aus Almas Jugend, die ihre heutigen Entscheidungen maßgeblich prägt. Und selbst am Ende wissen wir nicht so recht, was genau im Kopf dieser Frau vorgeht. Der Film erzählt schließlich von der Unfähigkeit, andere zu verstehen, sowie von unserem Hang, deshalb in sie hineinzuprojizieren, was wir sehen wollen oder wie wir selbst sind. Dank seiner mäandernden Erzählweise und seinen ambivalenten Figuren bleibt "After the Hunt" auf interessante Weise moralisch uneindeutig, sabotiert mit seinem Rumgeeiere aber auch gelegentlich den dichten Thriller, der in ihm steckt.
Regisseur Guadagnino hat genug Gelegenheit, seine Stärken auszuspielen, lässt sich aber auch immer wieder zu seinen berüchtigten Manierismen hinreißen. Die Szenen sind oft absichtlich undramatisch angelegt, die Kamera modelliert die Gesichter der Darsteller mit gekünstelten Schärfeverlagerungen oder schwenkt auf Buchcover ("Buddenbroocks") und am Ende entlässt der Regisseur uns mit einem peinlich unnötigen Meta-Moment in den Abspann. Die Stammkomponisten Trent Reznor und Atticut Ross haben diesmal eine modernistische Kammermusik mit abrupten dissonanten Ausbrüchen gefertigt, die dem Film jedoch ganz gut steht. Überhaupt könnte man argumentieren, dass ein Film über ein so prätentiöses Milieu vielleicht auch selbst ein wenig prätentiös sein darf.
Worin Guadagnino ein weiteres Mal besticht, ist seine Arbeit mit Schauspielern. Chloe Sevigny spielt eigentlich nur eine unbedeutende Rolle als verhuschte Institutsärztin mit betont unmodischer Wischmopp-Frisur, weiß die Aufmerksamkeit mit ihrem weirden Understatement aber immer wieder auf sich zu ziehen. Almas anfänglich reservierte Erscheinung rahmt der Film mit zweien auf sehr unterschiedliche Weise exaltiert spielenden Männern. Ehemann Frederik liebt und bekocht sie, nutzt sein weiches Lächeln aber auch als passiv-agressive Waffe. Ein Gespräch in der Küche, bei dem Alma und Maggie von Verbündeten zu Gegenspielerinnen werden, sabotiert er mit ohrenbetäubender Musik und nervigem Rumgepolter. Dem alten Drehbuchtrick, einem Gespräch durch Zeitdruck oder Störungen mehr Dringlichkeit zu verpassen, verleiht "After the Hunt" damit einen opulenten Dreh. Sein zumindest indirekter Gegenspieler ist Hank, der laut und expressiv ist, bewusst provoziert und Grenzen austestet, weil er weiß, dass er wegen seines Jungmänner-Charismas damit durchkommt.
Im Rampenlicht steht aber natürlich Julia Roberts und ihr Tanz am Abgrund. Nur einmal hört man das lebensfrohe raumfüllende Lachen, mit dem sie einst berühmt wurde. Tatsächlich hatten Roberts Figuren schon in Romantic Comedies wie "Notting Hill" und "Die Hochzeit meines besten Freundes" eine dunkle Seite, die sie in ein berechnendes Scheusal verwandelte. Immer stärker wird der Druck, den "After the Hunt" auf Alma ausübt, und immer verzweifelter und angriffslustiger werden ihre Reaktionen: Sie lügt, trinkt, frisst Tabletten, gibt sich machtsensibel und weiblich solidarisch, nur um im nächsten Moment - es sind die besten im Film - wieder eine unbedarfte Studentin gepflegt herunterzuputzen. Je tiefer Almas Maske rutscht, desto größer das Vernügen.
Michael Kienzl
After the Hunthttps://de.wikipedia.org/wiki/After_the_Hunt_(Film) - USA, Italien 2025 - Regie: Luca Guadagnino - Darsteller: Julia Roberts, Ayo Edebiri, Andrew Garfield, Michael Stuhlbarg, Chloë Sevigny u.a. - Laufeit: 139 Minuten.
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