Efeu - Die Kulturrundschau
Dieser Putin will geknuddelt werden
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.07.2025. Die propagandistische Trickfilmserie "Sandpit" präsentiert einen niedlichen Putin mit Kulleraugen - und zielt damit womöglich nicht nur auf russische Kinder, sondern auch auf westliche Erwachsene, meint Zeit Online. Die Welt schwärmt von "La Callisto", einer Barockoper Francesco Cavallis voller "Crossdresser, Metrosexuellen und Transen", beim Festival in Aix-en-Provence. Wird KI die Musikbranche killen? Der Standard fürchtet, mit Blick auf den Erfolg der komplett algorithmischen Band The Velvet Sundown: ja.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
09.07.2025
finden Sie hier
Bühne

Viel Freude hat Welt-Autor Manuel Brug auf dem Aix-en-Provence Festival mit Francesco Cavallis Barockoper "La Callisto", die dort als szenische Premiere zur Aufführung kommt. Nichts Menschliches ist diesem über dreieinhalb Jahrhunderte alten Stück Musiktheater fremd, auf dem Programm stehen unter anderem: "Teilzeitlesben, Crossdresser, Metrosexuelle, Transen, Immergeile, Dauerkeusche, Verliebte, Verrückte". Ausstattung und Choreographie sind hochklassig, und doch: "So fein ziseliert sich hier die subtile Personenregie von Jetske Mijnssen entfaltet und so edel es aussieht - die Bestie Mensch im feinen Gewand geht sich trotzdem beständig im Liebeswahn an die Gurgel. Und am Ende ersticht diesmal Kallisto ihren Verführer Jupiter." Peter Sellars an gleicher Stelle aufgeführtes Multimedia-Stück "The Nine Jewelled Deer" lässt Brug derweil kalt.
Anja-Rosa Thömig ist ebenfalls in Aix-en-Provence und schreibt für die FAZ über eine Kammerfassung von Benjamin Brittens "Billy Budd" sowie über Christoph Loys Charpentier-Inszenierung "Louise". Auf nmz schließlich bespricht ein weiterer Aix-Besucher, Joachim Lange, die dortige "Don Giovanni"-Aufführung.

Wiebke Hüster ist in der FAZ sehr angetan von John Neumeiers Stück "Die kleine Meerjungfrau", das die Hamburger Ballett-Tage eröffnet. Die Besetzung ist, wie in Hamburg gewohnt, absolut makellos. Die Titelfigur wird von Xue Lin gegeben. Sie "tanzt den Schmerz der auf ihren neuen Füßen unbeholfenen Meerjungfrau an Land sehr bewegend. Neumeier setzt sie sogar in einen Rollstuhl, später zeigt er sie in einer Kammer gefangen, ein Bild für ihre Einsamkeit unter den Menschen und ihre unerwiderte Liebe. Das sind großartige Momente. Sie sind deshalb so ergreifend, weil Neumeier seine ganze Empathie diesem Wesen schenkt, das sich wünscht, tanzen zu können."
Weitere Artikel: Michael Bartsch fragt sich in der taz, warum die Neue Bühne Senftenberg in Südbrandenburg ihren Leiter Daniel Ris loswerden will und vermutet: Er könnte sich zu deutlich gesellschaftskritisch positioniert haben. Shirin Sojitrawalla geht gerade im Sommer gerne ins Theater, lernen wir in der nachtkritik. Für Backstage Classical unterhält sich Axel Brüggemann per Podcast mit Katharina Wagner, der Chefin der Bayreuther Festspiele über die angespannte Finanzlage.
Besprochen werden das von Paula Romy am Berliner Renaissance-Theater mit Katja Riemann inszenierte ein-Frau-Science-Fiction-Stück "Division" (BlZ, nachtkritik), das von Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bestückte Programm "Freshhh 2025" (FR) und "Die Lauchhammer Files" am TD Berlin (Tsp).
Kunst
Peter Richter besucht für die SZ die große Schau in der Hamburger Kunsthalle zu dem vor fünfzig Jahren auf hoher See verschollenen Konzeptkünstler Bas Jan Ader (siehe auch hier). Die Schau präsentiert einen, der heute fehlt, findet Richter, nicht zuletzt, weil sich in vielen Arbeiten Spielerisches und Ernstes miteinander verbinden: "In Hamburg haben sie eine Installation wieder aufgebaut, bei der graue Betonblöcke an dürren Stricken bedrohlich über Blumentöpfen, Eiern, Geburtstagstorten, Porträts lieber Menschen baumeln: 'Light vulnerable objects threatened by eight cement bricks'. Das ist ein Sinnbild wie aus dem Barock, wo zum Beispiel die berühmten holländischen Stillleben ja auch nur deswegen die Daseinsfreude so herausstreichen, um etwas über die Todesnähe zu erzählen."
Weitere Artikel: Elke Linda Buchholz schreibt im Tagesspiegel zum 25. Jubiläum der Berliner Kunstkirche St. Matthäus. Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit dem c/o Berlin-Gründer Stephan Erfurt. Harff-Peter Schönherr berichtet in der taz über ein partizipatives Projekt des Kunstorts M.1 in Hohenlockstedt.
Besprochen werden die Stundenbuch-Ausstellung "Les Très Riches Heures du Duc de Berry" im französischen Schloss Chantilly (FAZ), Marius Berceas Schau "New Tenant Sunshine Noir" in der Bukarester Jecza Galerie (monopol), die Ausstellung "European Realities" im Museum Gunzenhauser Chemnitz (taz) und "A Heart Beats - Queere ukrainische Kunst im Fokus" im Berliner Schwulen Museum (taz).
Weitere Artikel: Elke Linda Buchholz schreibt im Tagesspiegel zum 25. Jubiläum der Berliner Kunstkirche St. Matthäus. Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit dem c/o Berlin-Gründer Stephan Erfurt. Harff-Peter Schönherr berichtet in der taz über ein partizipatives Projekt des Kunstorts M.1 in Hohenlockstedt.
Besprochen werden die Stundenbuch-Ausstellung "Les Très Riches Heures du Duc de Berry" im französischen Schloss Chantilly (FAZ), Marius Berceas Schau "New Tenant Sunshine Noir" in der Bukarester Jecza Galerie (monopol), die Ausstellung "European Realities" im Museum Gunzenhauser Chemnitz (taz) und "A Heart Beats - Queere ukrainische Kunst im Fokus" im Berliner Schwulen Museum (taz).
Literatur
David Steinitz verweist in der SZ auf Recherchen im Observer, nach denen Raynor Winns (eben mit Gillian Anderson verfilmtes) Buch "Der Salzpfad" über ihre Erfahrungen als Obdachlose offenbar über weite Strecken erfunden ist. Björn Hayer schreibt in der FR einen Nachruf auf den Schriftsteller Franz Hodjak.
Besprochen werden der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll (online nachgereicht von der Literarischen Welt), Robert Seethalers und Rattelschnecks gemeinsames Buch "Trotteln" (taz), Ralf Rothmanns Erzählungsband "Museum der Einsamkeit" (NZZ), Nenad Veličkovićs "Nachtgäste" (NZZ), Juan S. Guses "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (FR), Susan Bernofskys Biografie über den Schriftsteller Robert Walser (TA) und Mischa Mangels "Die Vergegenwärtigung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll (online nachgereicht von der Literarischen Welt), Robert Seethalers und Rattelschnecks gemeinsames Buch "Trotteln" (taz), Ralf Rothmanns Erzählungsband "Museum der Einsamkeit" (NZZ), Nenad Veličkovićs "Nachtgäste" (NZZ), Juan S. Guses "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (FR), Susan Bernofskys Biografie über den Schriftsteller Robert Walser (TA) und Mischa Mangels "Die Vergegenwärtigung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film

Mit der bislang noch nicht ausgestrahlten Trickfilmserie "Sandpit" will der russische Medienmogul Wladimir Solowjow nach eigener Aussage "das Kinderfernsehen nicht nur revolutionieren, sondern im Sinne der russischen Propaganda politisieren", schreibt Raoul Löbbert auf Zeit Online. Geschehen soll dies über den Kniff, die Mächtigen der Welt, inklusive Putin selbst, im Kulleraugen-Look zu zeigen - und das, obwohl diese Ästhetik "autoritären Systemen wesensfremd" ist. Doch "vielleicht ist die russische Jugend in Wahrheit auch gar nicht das Zielpublikum. Schließlich funktioniert die Niedlichkeit in Sandpit nach dem Kindchenschema des deutschen Zoologen und Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Kulleraugen lösen, wie Lorenz in den Vierzigerjahren beschrieb, im (erwachsenen) Betrachter einen emotionalen Beschützerreflex aus." In 'Sandpit' "wird Putin unschuldig und harmlos gemacht mit den Mitteln der KI. Kurz: Dieser Putin will geknuddelt werden. Adressat sind demnach auch, ja vielleicht vor allem die kriegsmüden Teile der westlichen Öffentlichkeit, die, dem einseitig enthemmten Kriegsgeschehen in der Ukraine zum Trotz, nach Belegen dafür suchen, dass von Russland weniger Gefahr ausgeht, als die Sicherheitsexperten behaupten."
Weiteres: Marius Nobach resümiert im Filmdienst vor allem die deutschen Produktionen, die beim Filmfest München gezeigt wurden. Besprochen werden Dirk Laabs' dreiteilige Arte-Dokumentation "World Wide Hate" über weltweit vernetzten Rechtsterrorismus (Zeit Online, FAZ), die dritte Staffel der Netflix-Dokuserie "Tour de France: Unchained" (NZZ), Marta Savinas "Primadonna" (Standard) und James Gunns Neustart des "Superman"-Franchise (FAZ).
Musik
Da werden Milli Vanilli glatt zu einer Feier der gelebten Authentizität: Die Alternativrock-Band The Velvet Sundown hat in den letzten zwei Monaten mit zwei Alben (das dritte steht bereits unmittelbar bevor) buchstäblich aus dem Nichts die Streamingplattformen weltweit erobert - und ist von vorne bis hinten doch nichts anderes als ein reines KI-Produkt (wobei der Streaming-Erfolg nach Recherchen von Watson wohl durch gezielten Bot-Einsatz erzwungen worden sein könnte). Zu hören gibt es "Nebenbeihörer nicht allzu sehr störende Nullachtfünfzehn-Lieder", schreibt Christian Schachinger im Standard. Aber wenigstens muss das Management keine Musiker und deren Grillen betütteln, kommentiert er gallig. Zudem helfen KI-Musiker den Streamern "beim Einsparen anteiliger Tantiemenauszahlungen des gesamten Einnahmekuchens. Zwar werden schon jetzt reale Künstler und Künstlerinnen mit einem Hungerlohn abgespeist. Aber wo von den Betreibern dieser Plattformen noch mehr Geld zu holen ist, dort wird es auch geholt werden. Die Gier wird die Welt im Gleichschritt mit KI killen."
"Die Musik schafft es, eigentlich keine zu sein", schreibt Michael Pilz in der Welt über The Velvet Sundown, "es sind Songs ohne Eigenschaften". Was Pilz zu grundsätzlichen Fragen anregt: "Ist das falsch? Können 1,1 Millionen irren? ... Wo sind bei Spotify die Hinweise auf Komponisten und Autoren, Produzenten und Verleger? Wer betreibt ihre Accounts bei Instagram, Facebook und X? Ist es 1,1 Millionen gleichgültig, dass es die Band nicht gibt oder auch vielleicht doch? Und wenn es sie nicht gäbe, was kann man dagegen haben? Wenn es doch nur Streams sind, also klingende Datenströme, die mit irgendwelchen Clouds verwehen? ... Wer sich hinter The Velvet Sundown auch verbergen mag: Die Band ist groß genug, um alle offenen Fragen zu verhandeln."
Weiteres: Sara Peschke plauscht für die SZ mit Smashing-Pumpkins-Sänger William Corgan. Jan Wiele plaudert in der FAZ mit Will Smith, der demnächst mit einem neuen Hiphop-Album auf Deutschlandtournee kommt. Besprochen werden ein Bildband zum Leben des Komponisten Gabriel Fauré (online nachgereicht von der FAZ), Neil Youngs "Talking to the Trees" (Jungle World), Herbie Hancocks Auftritt in München ("ein großer Abend", schwärmt Andrian Kreye in der SZ) und das neue Album der Sparks (FR).
"Die Musik schafft es, eigentlich keine zu sein", schreibt Michael Pilz in der Welt über The Velvet Sundown, "es sind Songs ohne Eigenschaften". Was Pilz zu grundsätzlichen Fragen anregt: "Ist das falsch? Können 1,1 Millionen irren? ... Wo sind bei Spotify die Hinweise auf Komponisten und Autoren, Produzenten und Verleger? Wer betreibt ihre Accounts bei Instagram, Facebook und X? Ist es 1,1 Millionen gleichgültig, dass es die Band nicht gibt oder auch vielleicht doch? Und wenn es sie nicht gäbe, was kann man dagegen haben? Wenn es doch nur Streams sind, also klingende Datenströme, die mit irgendwelchen Clouds verwehen? ... Wer sich hinter The Velvet Sundown auch verbergen mag: Die Band ist groß genug, um alle offenen Fragen zu verhandeln."
Weiteres: Sara Peschke plauscht für die SZ mit Smashing-Pumpkins-Sänger William Corgan. Jan Wiele plaudert in der FAZ mit Will Smith, der demnächst mit einem neuen Hiphop-Album auf Deutschlandtournee kommt. Besprochen werden ein Bildband zum Leben des Komponisten Gabriel Fauré (online nachgereicht von der FAZ), Neil Youngs "Talking to the Trees" (Jungle World), Herbie Hancocks Auftritt in München ("ein großer Abend", schwärmt Andrian Kreye in der SZ) und das neue Album der Sparks (FR).
Kommentieren



