Efeu - Die Kulturrundschau
Wie ein Bacon'sches Schlafzimmer
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10.06.2025. SZ und Welt sind schier überwältigt, wenn Barrie Kosky in Salzburg eine ganz eigene Vivaldi-Oper kreiert, in der Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky in einer Fülle aus Klangfarben brillieren. Die FR schwelgt in Frankfurt in den Arbeiten von 26 japanischen Künstlerinnen der 1950er Jahre bis heute. Die SZ trifft in Lübeck Thomas Manns Enkel Frido Mann, der glaubt, dass sein Großvater die heutige Welt nicht mehr verstanden hätte. Die NZZ schaut sich im Met in New York um, das gerade für zwei Milliarden renoviert wird.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
10.06.2025
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Bühne

Es klingt wie eine Sensation: Die Uraufführung einer Vivaldi-Oper mit dem Titel "Hotel Metamorphosis" mit Angela Winkler, Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky auf der Bühne der Salzburger Pfingstfestspiele. Zu verdanken ist das Regisseur Barrie Kosky und Dramaturg Olaf A. Schmitt, die aus diversen Opern Vivaldis, zwanzig Arien, vier Ensembles, ein paar Chören, darunter zwei neu erfundenen, ein Pasticcio zusammenstellten, erklärt uns Egbert Tholl in der SZ. Unterlegt ist das Werk mit Geschichten aus Ovids "Metamorphosen", und die Mischung gelingt prächtig, staunt Tholl. Man hört "nur (gut ausgewählt) umfassend betörende Musik, voller melodischer Einfälle und viel Raffinesse in der Instrumentation. Im Orchester 'Musiciens du Prince - Monaco' spielen auch Salterio und Chalumeau mit, eine Zither das eine, eine Art Ur-Klarinette das andere. Unter Capuano zaubert das Orchester eine Fülle an Farben, an poetischen Einfällen, meist fein und leicht, oft zart wie ein Gespinst."
Ein "kluges wie wunderschön visualisiertes Barockopernexperiment", jubelt auch Manuel Brug in der Welt: Musikalisch erlebt Brug ein "vehementes Plädoyer für Vivaldi nicht als Notenserienfabrikanten, sondern farbenreichen, rhythmisch mitreißenden Innovator und Klangpsychologen". Aber auch das schauspielerische Element überzeugt: "Statt Rezitative steuert die große, alte Angela Winkler als fluider Orpheus im Anzug verbindende wie erklärende Ovid- wie Rilke-Texte bei. Oper als beglückendes Nachdenken über die abendländische Zivilisation, kontemplativ, packend, immer wieder mitreißend durch die Originalität der Ideen wie überraschungsvoll ideal passenden Soundfiles. Einen besonders opulenten Auftritt haben zu Beginn des zweiten Teils Otto Pichlers energetisch stringent choreografierte Tanztruppe und der tolle Projektchor Il Canto d'Orfeo. Denn der bekiffte Narziss verliert sich in einer Sixties-Orgie im Fellini-Satyricon-Look, die auch ein Kleiderfest für den sonst mit seinen Damenroben prunkenden Klaus Bruns ist."
Als "Stück der kommenden Stunde" erlebt Judith von Sternburg (FR) an der Oper Frankfurt derweil Aileen Schneiders Inszenierung von Aribert Reimanns 1956 uraufgeführter Oper "Melusine", die, basierend auf einem Stück von Yvan Goll von Naturzerstörung im Kapitalismus erzählt: Schneider verbindet die "durchaus ironisierten Märchenelemente und das bedrohlich Gegenwärtige/Zukunftsweisende eines zerstörten Ökosystems zu einem feinen, selbst einen Futurismus der 20er Jahre noch sanft hineinbauenden Science-Fiction-Drama. (…) Die Sci-Fi-Atmosphäre bekommt Reimanns Musik, die selbst aus der Zukunft herüberwinkt, namentlich in der Titelpartie, einem gleißend hohen, gezackten und dramatisch aufreibenden Sopran." Auch FAZ-Kritiker Wolfgang Fuhrmann sieht eine Oper "die die Zerstörung der Natur anklagt, ohne belehrend und platt zu wirken, in der die Ausbeutung der Umwelt zum Untergang in einem Flammenmeer führt und der es dennoch gelingt, zugleich eine vielschichtige und poetisch-rätselhafte Geschichte zu erzählen."
Besprochen werden Annette Luboschs Inszenierung des Musicals "Hello, Dolly" bei den Burgfestspielen Bad Vilbel (FR), Chris Jägers Inszenierung von Purcells "King Arthur" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Leo Meiers Kammerspiel "Fünf minuten stille" am Schauspiel Frankfurt (FR), Maurice Ravels "Konzert für die linke Hand", getanzt vom Ballett am Rhein unter der Leitung von Choreografin Bridget Breiner an der Oper Duisburg (FAZ), die Performance "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" von Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln (FAZ), das Live Art Festival auf Kampnagel in Hamburg (taz), Jan Friedrichs Stück "Onkel Werner" bei den Autor:innentagen in Berlin (taz), die 10. Ausgabe der Programmreihe Macht Kritisches Theater (MKT) im Berliner Ringtheater, bei für ein antifaschistisches Theater geworben wurde (taz), Holger Potockis Inszenierung von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" am Oldenburgischen Staatstheater (taz) und Alexander Flaches Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" Am Theater Alternburg in Gera (nachtkritik).
Kunst

Man möchte sofort nach Frankfurt reisen, ins dortige Fotografie Forum, das unter dem Titel "I'm So Happy You Are Here" nicht weniger als 26 japanische Fotografinnen von den 1950er Jahren bis heute präsentiert. Auch FR-Kritikerin Sylvia Staude staunt über die Bandbreite der Künstlerinnen, die sich in der von Männern beherrschten japanischen Fotoszene kaum durchsetzen konnten. Etwa die Fotografien von Kon Michiko, die oft surreal erscheinen: "Indem sie ein Kleid, einen Hut, einen BH aus organischem Material nachbaut oder damit verziert. Das sind oft Fischskelette. Von einem Hut ragt wie eine Feder keck ein Fischschwanz -, auch Insekten." Rästelhaft wirken auch die Bilder von Komatsu Hiroko: "Sie nutzt die alte Technik des Fotogramms, eine partielle direkte Belichtung eines lichtempfindlichen Materials ohne Kamera. Dafür wurden Gegenstände auf dieses Material gelegt. Komatsu nun 'nutzt' Lebendiges, bildet auf diese Weise zum Beispiel Tauben ab, die auf dem Material stehen. Da muss man schon gut hinsehen, aber man erkennt die Tiere."
Guardian-Kritiker Jonathan Jones hatte gedacht, die Kunst habe ihre Schockkraft verloren, dann aber betritt er die Sommerausstellung der Londoner Royal Academy, wo nicht nur aus Textilien gefertigte Tierkadaver von Tamara Kostianovsky an Ketten hängen, sondern auch Tracey Emin ihr neuestes, laut Jones bestes Werk präsentiert: "Es ist ein großes Gemälde mit den drei Kreuzen auf dem Hügel von Golgatha. Christus wird von zwei anderen gekreuzigten Figuren flankiert, von denen eine eine Frau ist - die einzige Abweichung von der ikonografischen Tradition. (…) Die geschwungene dunkle Linie, die den weißen Halbkreis des Hügels von Golgatha umschließt, erinnert stark an die Art und Weise, wie Francis Bacon seine Figuren in abstrakten Räumen einschloss. Wie ein Bacon'sches Schlafzimmer steht diese karge Hügelkuppe für das Gefängnis der Existenz, das wir alle teilen. Die beiden anderen Opfer - zwei Diebe, wie es in der Bibel heißt - teilen das Schicksal Christi, der an massive Kreuze genagelt wurde. Tun wir das nicht alle, sagt Emin."
Weitere Artikel: In der taz resümiert Sophie Jung die Feierlichkeiten zum siebzigjährigen Jubiläum der documenta, bei denen kaum über ruangrupa gesprochen wurde - und erst recht nicht über die Frage, "wie man damit umgehen soll, wenn Kunst in Propaganda umschlägt, wenn ihr Spekulatives, Offenes, Nachdenkliches, das hier vorher von allen beschworen wurde, in Feindbilder umkippt."
Besprochen wird außerdem die dritte Ausgabe der Helsinki-Biennale, bei der "der globale Süden mit dem indigenen Norden" zusammentrifft, dabei aber "aufs Verstehen und Interagieren - und die Schönheit der Natur" fokussiert, wie sich Hilka Dirks in der taz freut.
Architektur
Das Metropolitan Museum of Art in New York befindet sich in einem großen Umbau, Flügel für Flügel soll bis 2030 neu renoviert werden, berichtet Susanna Petrin in der NZZ. Alle Zweifel, ob sich so ein gigantisches Projekt (2 Milliarden insgesamt) lohnt, werden für Petrin vertrieben, wenn sie den Michael C. Rockefeller Wing für Kunst aus Afrika, Ozeanien und das alte Amerika betritt, den der thailändische Architekt Kulapat Yantrasast gestaltet hat: "Wo früher Jalousien die Räume verdunkeln mussten, um die Objekte vor UV-Strahlen zu schützen, darf dank neuen Technologien nun Tageslicht durch die Glasfassade hinein scheinen. Wo zuvor zahlreiche Stellwände waren, kann ein großer Teil der Objekte in frei im Raum stehenden Glaskästen von allen Seiten angeschaut werden. So viel Licht und Luft lassen die Schönheit der Gegenstände neu zum Vorschein treten. Es sind zurzeit mehr als 1800 Objekte aus fünf Kontinenten und Hunderten von Kulturen, zahlreiche sind erst in den letzten Jahren neu hinzugekommen."
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Hannes Hintermeier von der Sanierung des Klosters Beuerberg in der Gemeinde Eurasburg.
Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Hannes Hintermeier von der Sanierung des Klosters Beuerberg in der Gemeinde Eurasburg.
Literatur

Weitere Artikel: Die Feuilletons, unter anderem Tagesspiegel, Standard und SZ, melden, dass der britische Schriftsteller Frederick Forsyth im Alter von 86 Jahren verstorben ist. In der FAZ berichtet Yelizaveta Landenberger weiter über den Skandal um den Schweizer Preis für russischsprachige Literatur "Dar": dem auf der diesjährigen Shortlist stehenden Schriftsteller Denis Besnossow wurde Mithilfe bei Propaganda-Maßnahmen des Regimes vorgeworfen (unser Resümee).
Besprochen werden unter anderen Melara Mvogdobos Roman "Großmütter" (FR), Ulrich Specks Sachbuch "Der Wille zur Weltmacht. Wie Russland und China die freiheitliche Ordnung attackieren" (FAZ) und Isabel Kreitz' Graphic Novel "Die letzte Einstellung" (tsp), Margaret Goldsmith' erstmals auf Deutsch erscheinender Berlin-Roman "Good-Bye für heute" aus dem Jahr 1920 (tsp). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Musik
Weltweit gibt es ein "Riesenbedürfnis nach Bach", sagt Hans-Christoph Rademann, Leiter der Bach-Akademie Stuttgart, dessen Projekt "Vision Bach: Mit Bach das Leben begreifen" mit Bach-Kantaten aus dessen Leipziger Amtsjahr als Thomaskantor 1723/24 nun auf CD erscheint, im FAZ-Gespräch mit Jan Brachmann. Dabei gehe es nicht um den christlichen Glaubenshorizont von Bachs Musik, so Rademann: "Es wird in den Kantatentexten viel verhandelt, sogar, dass man seine Steuern zahlen müsse, der Umgang mit dem Geld wie mit dem Nächsten. Jedes Mittel, das den Menschen darauf hinweist, dass er Nächstenliebe üben müsse, ist doch zu begrüßen. Das ist kein alleiniges Thema des Christentums oder der Kirche, sondern ein gesamtgesellschaftliches. (…) Es wird auf unterschiedlichsten Wegen nach Sinn gesucht. Es gibt, auch in anderer Literatur oder in Musik, die Gott nicht direkt anspricht, das Thema der "überirdischen Empfindung". Das muss etwas mit der Seele zu tun haben."
Besprochen wird Valentin Garvies Kompositionszyklus "Onda errante", gespielt vom Ensemble Modern (FR), das Debütalbum "Addison" des amerikanischen Pop-It-Girls Addison Rae (SZ) und das Album "Spanish Leather" von Álvaro Lafuente Calvo, der als "guitarricadelafuente" auftritt (FAZ).
Besprochen wird Valentin Garvies Kompositionszyklus "Onda errante", gespielt vom Ensemble Modern (FR), das Debütalbum "Addison" des amerikanischen Pop-It-Girls Addison Rae (SZ) und das Album "Spanish Leather" von Álvaro Lafuente Calvo, der als "guitarricadelafuente" auftritt (FAZ).
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