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15.04.2025. Der Berliner Senat überlegt, die ehemaligen Ost-Berliner Theater umzustrukturieren, berichtet die taz, Theatermacher bangen um ihre Jobs. Die NZZ lässt sich in London von Tuschezeichnungen Victor Hugos auf Wendeltreppen in die Hölle führen.Die FAZ zeichnet Mario Vargas Llosas Wandel vom glühenden Linken zum passionierten Liberalen nach.
Pen, brown ink and wash, black ink and wash and crayon on cardboard. 15.8 x 22.2 cm. Maisons de Victor Hugo, Paris / Guernsey. Photo: CCØ Paris Musées / Maison de Victor Hugo. NZZ-Kritikerin Marion Löhndorf versinkt in der Royal Academy of Arts in London in den "meist hingetuschten, dunklen Visionen von imaginären Schlössern, Monstern und Meereslandschaften", die der französische Schriftsteller Victor Hugo zu Papier brachte - nicht als Text, sondern als Zeichnung. Denn nach dem tödlichen Bootsunfall seiner Tochter Léopoldine versank der Dichter in eine schwere Depression, erzählt Löhndorf, zehn Jahre lang schrieb er nicht, sondern zeichnete: "Immer wieder kommt Victor Hugo auf das Wasser zurück, auf kenternde Schiffe, Stürme auf dem Meer. 'The Lighthouse at Casquets' (1866) ähnelt keinem Leuchtturm, sondern einer am Meer gelegenen Wendeltreppe zur Hölle. Hugo selbst nannte sich einen 'homme océan', einen Mann des Meeres." In einem Bild "von 1850, das einen gigantischen Pilz über einer apokalyptischen Landschaft zeigt, verwendete er Tinte, Kohle, Kreide und Gouache. In anderen arbeitete er mit verlaufenden Tintenflecken, er verwendete Schablonen und collagenhafte Elemente - eine Briefmarke etwa - und seine eigenen Fingerabdrücke."
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Christina Dimitriadis: "J'ai perdu mon Euridice - Ach, ich habe meine Eurydike verloren" in der Schwartzschen Villa in Berlin (tsp) und die Ausstellung "Abstrakt Konkret - Materie Licht und Form" mit Fotografien von Kilian Breier in der Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin (FR).
Die Feuilletons liefern weiter Nachrufe auf MarioVargasLlosa (unser erstes Resümee hier). Mit seinen Interventionen gelang ihm "das rare Kunststück: ein kulturell progressiver und politisch konservativer Schriftsteller zu sein, dem alle Seiten sein Engagement abnahmen, weil es echt war und mutig vertreten wurde", schreibt Paul Ingendaay in der FAZ: "Persönlicher Charme verband sich mit intellektueller Neugierde und einem Wirkungswillen, der in der literarischen Welt kaum Parallelen kennt." Vargas Llosa "war der ideale globale Intellektuelle auf den Podien der westlichen Welt und vielleicht der letzte Vertreter seiner Art, der ausschließlich auf traditionelle Medien vertraute: das gedruckte oder gesprochene Wort." Er "war einer der letzten Autoren aus jener alten Zeit, die noch den Anspruch an sich und ihre Bücher stellten, den 'totalenRoman' zu schreiben", hält Volker Weidermann in der Zeit fest: "Die Gesellschaft in ihrer Komplexität abzubilden, Zeitromane zu schreiben, in denen sich die wesentlichen gesellschaftlichen, politischen Strömungen abbilden und die Unterströmungen der verschwiegenen Taten und Untaten der vorherigen Generationen." Eine Eichendorff21-Liste finden Sie hier.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wie Grass und Böll hat auch Vargas Llosa den Literaturnobelpreis nicht zuletzt für sein politisches Engagement erhalten, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ - und skizziert kursorisch den Wandel des glühenden Linken zum passionierten Liberalen, der sich auch an einer politischen Karriere versucht, daran aber gescheitert ist. "Jetzt, zum Zeitpunkt seines Todes, haben rund um die Welt Männer Regierungsverantwortung inne, die dem Charakter von Vargas Llosa entsprechen: selbstverliebt, kompromisslos, patriarchalisch. Nur dass keiner von ihnen so hinreißende Bücher wie 'Die Stadt und die Hunde' oder 'Gespräch in der Kathedrale' geschrieben hat. Beide Romane sind mehr als ein halbes Jahrhundert alt, aber sie haben standgehalten. Und werden es über alle politischen Sympathien für oder Aversionen gegen ihren Autor hinweg auch weiterhin tun." Gregor Dotzauer staunt im Tagesspiegel, "welche literarischen und politischen Wechselfälle" Vargas Llosa im Zeitlauf seines Lebens erlebt hat. "Die Sympathien, die er zuletzt für Rechtspopulisten wie den Brasilianer Jair Bolsonaro oder den Argentinier Javier Milei bekundete, fallen aber wohl unter eine Form von Altersstarrsinn."
Weiteres: Viktoria Großmann berichtet für die SZ von den alle zwei Jahren in der Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec stattfindenden "LiteraturtagenanderNeiße", wo polnische und deutsche Literaten miteinander in Austausch treten. Bezirzt und bestrickt - nicht zuletzt wegen des "Genius Loci" - berichtet Alfred Schlienger in der NZZ vom Literaturfestival Eventi letterari Monte Verità. Die SchriftstellerinValerieFritschschreibt für den Standard über ihre liebsten Spazier- und Museumsgänge in Wien. Michael Martens berichtet in der FAZ von einem Vortrag des Ernst-Jünger-BiografenHelmuthKiesel in Bad Saulgau zum Thema "Kälte und Empathie bei den Brüdern Jünger".
Besprochen werden MikołajŁozińskis "Stramer" (ZeitOnline), Pierre Jarawans "Frau im Mond" (FR), AlessandroFerraris und FlaviaScuderis Comicbiografie über MarleneDietrich (Tsp), OliverHilmes' "Ein Ende und ein Anfang. Wie der Sommer 45 die Welt veränderte" (online nachgereicht von der Welt) und FeridunZaimoglus "Sohn ohne Vater" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden PaoloSorrentinos "Parthenope" (JungleWorld, mehr zum Film bereits hier), die Netflix-Serie "Adolescence" (FAZ), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Your Friends and Neighbors" (taz) und die letzte Staffel von "The Handmaid's Tale" (SZ).
Nach einem Treffen zwischen Berlins Bürgermeister Kai Wegner, der Staatssekretärin für Kultur, Sarah Wedl-Wilson und Vertretern der Bühnen und Orchester "sind die Ängste groß", berichtet Marie Frank in der taz: "Im Raum steht eine Umwandlung in eine gemeinnützige GmbH, wie beim Berliner Ensemble und der Schaubühne, oder in eine Stiftung öffentlichen Rechts nach dem Vorbild der Stiftung Oper in Berlin. Betroffen von den Planungen sind die Volksbühne, das Gorki-Theater, das Deutsche Theater, das Theater an der Parkaue und das Konzerthaus - allesamt ehemalige Osttheater." In Westberlin gibt es allerdings auch nur noch ein Ensembletheater, die Schaubühne. Dennoch: "Die Angst der Beschäftigten vor einem Stellenabbau ist mit Blick auf die Überführung der Opern in eine Stiftung nicht unbegründet. Nach jahrelangem Streit über den Unterhalt der drei Opernhäuser wurde 2004 ein Kompromiss geschlossen: Statt eines der Häuser zu schließen, sollte hinter den Kulissen gespart werden, indem die Deutsche Oper, die Komische Oper, die Staatsoper Unter den Linden, das Staatsballett Berlin und der Bühnenservice in der Stiftung Oper in Berlin zusammengeschlossen wurden. Laut Verdi wurden im Zuge dessen über 100 Menschen entlassen."
Weitere Artikel: In der Welt vergleicht Manuel Brug zwei Inszenierungen von Modest Mussorgskys Oper "Chowanschtschina": Calixto Bieitos am Théatre de Genève (wahrt klug die Mitte zwischen Überzeitlichkeit und aktuellen Anspielungen auf die Zustände im gegenwärtigen Moskau) und Simon Mc Burney in Salzburg (ein "eher lähmendes Fanal"). Michael Bartsch berichtet in der taz vom Theaterprojekt "Inside Outside Europe" in Chemnitz, das das Thema Migration verhandelt.
Besprochen werden Vasily Barkhatovs Inszenierung von Bellinis Oper "Norma" an der Staatsoper Berlin (FAZ), das Tanzstück "Anaconda" der israelischen Choreografin Reut Shemesh am Stadttheater Gießen (FR) und Fritzi Wartenbergs Inszenierung von Mareike Fallwickls Stück "Sisi" am Burgtheater Wien (unser Resümee) (FAZ).
Beethovens Neunte mal ohne festlichen Anlass und ohne Fokus auf den Schluss zu hören ist auch mal ganz frisch, findet Christian Wildhagen in der NZZ. Die Möglichkeit, die Sinfonie "einmal ohne Überbau und auch ohne all den Ballast ideologischer Vereinnahmungen" zu erleben, bot sich die Möglichkeit beim LucerneFestival unter dem Taktstock von FranzWelser-Möst, in dessen "stringenter Lesart das Stück wirklich eine Sinfonie in der Tradition der Wiener Klassik ist, kein Weltanschauungsoratorium mit dreiteiliger musikalischer Vorrede. ... Der finstere Kopfsatz wird zum Pandämonium, zum vorerst ausweglosen Ringen mit der Materie. Darauf antwortet das nicht minder fatalistisch getönte Scherzo, das sich hier, mit allen Wiederholungen gespielt, zu einem fast manisch anmutenden Perpetuum mobile auswächst. ... Wenn nach dem gelösten Ausklang des Satzes das Finale mit der sogenannten 'Schreckensfanfare' hereinbricht, ist das in dieser Aufführung kein Bruch, eher eine letzte Zuspitzung der zuvor in der Musik aufgeworfenen Fragen." Und schließlich doch die "Ode": "Welser-Möst spielt in dieser entscheidenden Passage, die den Umschwung ins Positive bringt, seine ganze Erfahrung und insbesondere seinen souveränenÜberblick über das Stück aus. So erscheint auch der für die Musikgeschichte wegweisende erste Einsatz von Singstimmen im Rahmen der Sinfonie nicht als Show-Effekt, sondern wie einezusätzlicheKlang- undSinnebene."
Popstar KatyPerry ist gestern ins All geflogen. Zwar nur für zehn Minuten, aber sichtlich werbewirksam - insbesondere auch, weil die Besatzung durch die Bank weiblich war. Tazlerin Jenni Zylka bleibt dennoch skeptisch, zumal bei dem Ausflug vornehm unerwähnt blieb, "dass privates suborbitales Reisen eigentlich nur ein repräsentatives Hobby für die reichsten Prozent der Gesellschaft ist und damit nichts bringt außer kolossalerEnergieverschwendung. ... Die stolz als 'erste weibliche Raumfahrtmission' titulierte Aktion stellt somit eher eine weitere Eskapade extremst gut situierter Gesellschaftsdamen dar." Stefan Weiss sieht es im Standard ähnlich: "Identitätspolitische Anliegen wie der Kampf um Gleichstellung werden als Legitimationsbasis gekapert, um munter weiter ausbeuten zu können. Um es klar zu sagen: Weltraumtourismus ist verwerflich, auch wenn Frauen im Shuttle sitzen." Und so sieht man mal wieder: "Stars, so sehr zeitgeistig und reflektiert sie uns in einem bestimmten Moment erscheinen wollen, halten den Moralvorstellungen, die man auf sie projiziert, häufig nicht Stand." Christian Schachinger nimmt den Weltallflug derweil im Standard zum Anlass für einen kleinen Streifzug durch die Geschichte des Nahverhältnisses zwischen populärer Musik und Weltraumfantasien. Frank Sinatra wollte ja schließlich schon 1954 zum Mond geflogen werden:
Außerdem: Corina Kolbe porträtiert für die NZZ den Dirigenten LorenzoVitti, dessen Social-Media-Präsenz eher nicht zu Klischeevorstellungen über seinen Berufsstand passt. Andrea Silenzi spricht für die Welt mit BryanFerry über dessen neues Album.
Besprochen werden diverse Buch- und Musikveröffentlichungen zur Geschichte des britischen Indielabels élRecords (taz), John Glaciers "Like a Ribbon" (FR), ein Wiener Konzert von TwentyOnePilots (Standard) und DavidMurrays Jazzalbum "Birdly Serenade" (online nachgereicht von der FAZ).
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