Efeu - Die Kulturrundschau
Biss in den atonalen Apfel
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29.01.2025. Die FAZ springt mit Johan Simons' Adaption von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Schauspiel Bochum "leichtfüßig über alle Genregrenzen." Außerdem berichtet sie entgeistert über die Untiefen der Kulturpolitik in Russland, wo Museumsmitarbeiter in Wehrertüchtigungslagern fitt gemacht werden. In der Welt erklärt Regisseurin Mareike Engelhardt, weshalb auch Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben, Täterinnen sind. Die atonale Musik hat die Menschheit definitiv schlauer gemacht, denkt sich die SZ während einer John-Adams-Interpretation des Pianisten Víkingur Ólafssons.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.01.2025
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Bühne

Zweitausend Seiten Elena Ferrante auf die Bühne bringen, geht das überhaupt? Johan Simons versucht es derzeit am Schauspiel Bochum. Hubert Spiegel hat sich die Theaterversion des "Meine Geniale Freundin"-Romanzyklus für die FAZ angeschaut und ist ziemlich überzeugt vom Ergebnis: "Sechs Stunden lang fesseln Simons und sein Ensemble das Publikum mit ihrer Mischung aus Milieustudie und Gesellschaftspanorama, schicken es vom Parkett auf die Bühnenplätze oder umgekehrt, sorgen in zwei Pausen mit Wein und Pasta für frische Kräfte und projizieren das Bühnengeschehen auf eine Leinwand, auf der auch Ausschnitte italienischer Filmklassiker zu sehen sind, von De Sicas 'Fahrraddieben' über Fellinis 'Achteinhalb' bis zu Bertoluccis '1900'." In den besten Momenten springt diese Adaption "leichtfüßig über alle Genregrenzen, und das Romanepos findet als Indoor-Straßentheater im Geist der Arte povera mit Hightech-Equipment seinen Weg auf die Bühne."
Als szenische Lesung (und ohne Puppen) bringt das Puppentheater Magdeburg Peter Weiss' Stück "Die Ermittlung" über den ersten Frankfurter Auschwitzprozess auf die Bühne. Holk Freytags Regie gewinnt dem Klassiker des Dokumentartheaters neue Facetten ab, meint nachtkritik-Autor Michael Laages: "In größeren und kleineren Gruppen kommen Darstellerinnen und Darsteller (...) an die Lesepulte nach vorne; zwischen ihnen und dem Domchor hinten, in der Tiefe vor der Apsis, ruht das optische Zentrum der Aufführung - mehrere Dutzend sorgsam und sozusagen in Reih' und Glied umgestürzte Stühle. Ist von einem realen, namentlichen bekannten Auschwitz-Opfer die Rede, wird ein Stuhl im Stühlemeer aufgestellt; damit der oder die Tote wieder einen Platz bekommt in der Welt. Aber zum Schluss, im atemnehmenden 'Gesang von den Feueröfen', werden alle Sitzgelegenheiten zu einem großen Stühleberg übereinander geschichtet. Wie ineinander verkrallt sind sie das Bild, das bleibt - wie ein Leichenberg in der Gaskammer."
Außerdem: Wolfgang Behrens denkt auf nachtkritik über die natürliche Feindschaft zwischen Dramaturgen und Schauspielern nach.
Besprochen werden Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ohne Schatten" an der Deutschen Oper Berlin (FAZ, van, nmz, "eine berührende, kluge und humorvolle Kunstphantasie"), Barbora Horákovás "Zauberflöte"-Grusical an der Wiener Staatsoper (Standard, "inspirierte, Repertoire-kompatible Konsensregie"), Claudia Bauers Jelinek-Inszenierung "Krankheit oder moderne Frauen" am Wiener Volkstheater (Welt, "für Jelineks Parodiedauerfeuer hat Bauer nicht die richtigen Mittel parat") und Georg Plass' "Lear"-Inszenierung am Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße (Standard, "oft dominiert Überinszenierung das subtile Spiel").
Literatur
25 Jahre Perlentaucher - wir fragen Kritiker: Wohin geht die deutschsprachige Literatur, welche Bücher der letzten 25 Jahre hinterließen am meisten Eindruck? Den Auftakt machte Ijoma Mangold, heute bringen wir die Antwort von Judith von Sternburg. Die Kritkerin der FR nennt Romane von Brigitte Kronauer, Georg Klein, Ulrike Krechel, Reinhard Jirgl und Eva Menasse. "Drei Fünftel, Kronauer, Klein und Menasse, enthalten Rätsel, bei denen sich die Kritikerin leichtfertigerweise einbildet, sie ausgeknobelt zu haben", sie "sind also ganz klar aus literarischen (sprachlichen, ästhetischen) Gründen auf der Liste, obwohl sie dazu spannend, witzig, traurig, schockierend sind. Zwei Fünftel, Krechel und Menasse, sind aus politischen Gründen auf der Liste. ... Diese fünf Bücher könnten gemeinsam ein wenig Dummheit austrocknen zu Gunsten von mehr Offenheit, Spielraum, Lebensfreude und mehr vernünftiger Angst. Und wenn man es selbst schon nicht kann, so ist es doch gut zu wissen, dass Menschen das können: so schreiben."In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" widmet sich Niklas Maak René Trintzius' 1929 in Frankreich erschienenem Roman "Deutschland", "in dem ein modernes, lichtes Deutschland als idealer Gegenentwurf zum Frankreich seiner Zeit", nachgerade als sozialdemokratisches Utopia im Zeichen der Neuen Sachlichkeit erscheint. "Heute wirkt dieser Roman, der am Beispiel eines fast karl-mayschen Fantasie-Deutschlands durchexerziert, was eine ideale Demokratie ihren Bürgern bieten muss, aktueller denn je - zumal in einer Situation, in der die großen Demokratien verlernt zu haben scheinen, ihren Nachbarn mit Neugier, Wohlwollen oder, wie im Fall von 'Deutschland', sogar Euphorie entgegenzutreten. Dass die deutsch-französischen Beziehungen lahmen, dass die letzten Regierungschefs keine ikonischen Bilder und gemeinsamen Erzählungen geschaffen haben ... ist angesichts der neuesten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten kein gutes Zeichen. Von Trintzius' 'Deutschland' kann man lernen, dass Völkerverständigung auch mit der Projektion positiver Erwartungen auf den Nachbarn zu tun haben könnte."
Weitere Artikel: Der Tages-Anzeiger hat Titus Arnus SZ-Gespräch mit dem österreichischen Bestseller-Autor Daniel Glattauer online nachgereicht. Besprochen werden unter anderem Jonas Lüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (FR, FAZ), Raphaëlle Reds "Akikou" (FR), eine Ausstellung in der British Library über schriftliche Selbstzeugnisse eigenwilliger und selbstbewusster Frauen im Mittelalter (taz), Bela B Felsenheimers "Fun" (Standard, SZ), Maja Lundes "Für immer" (Presse) und Edouard Louis' "Monique bricht aus" (SZ).
Der Standard bringt sein monatliches Gedicht von Clemens J. Setz:
"Es gab ihn ja schon in der Kindheit, auf jedem
Weihnachtsmarkt, neben all dem normalen
reglosen Spielzeug ..."
Kunst
Erschreckendes berichtet Kerstin Holm in der FAZ über den Stand der Dinge in der russischen Kulturpolitik. Reihenweise werden Museumsleiter entlassen, die nicht zu 100% auf Putin-Linie einschwenken. Ein regierungseigenes Programm mit dem harmlosen Namen "Verwaltungshochschule in der Kultursphäre" geht derweil einen Schritt weiter und macht Museumsmitarbeiter fitt für den ideologischen Kampf: "Teil des Programms sind Trainingsaufenthalte im Wehrertüchtigungslager 'Stal' (zu Deutsch: Stahl) in der Nähe von Nischni Nowgorod, das der kriegsbegeisterte und deswegen mit westlichen Sanktionen belegte Schriftsteller Sachar Prilepin leitet. Deren Teilnehmer werden in Uniformen gesteckt, üben mit Kalaschnikow-Attrappen Angriffsoperationen im waldigen und im urbanen Gelände, die Handhabung von Drohnen und Erste Hilfe im Feld."
Weitere Artikel: Auf Anweisung Trumps stellt die Nationalgalerie in Washington ihre Gleichstellungsprogramme ein, erfahren wir in der FAZ von Frauke Steffens. Gleiches geschieht im Smithsonian Institute, so Maya Pontone auf hyperallergic. Annett Scheffel spricht für die Zeit mit sechs Künstlerin, die in den Bränden in Los Angeles ihre Häuser, Arbeitsstätten oder Kunstwerke verloren haben. Die Documenta hat die sechs Mitglieder ihres wissenschaftlichen Beirats ernannt, wie unter anderem der Standard berichtet. Ebenfalls im Standard lesen wir, dass die "Mona Lisa" im Louvre bald einen eigenen Saal erhält. Philipp Maier berichtet in der NZZ über den Diebstahl eines kulturell bedeutenden Goldhelms, der in Rumänien für Schlagzeilen sorgt.
Besprochen werden die Schau "Lobby Poems" im Wiener Palais Wilczek (Standard), die Gruppenausstellung "Swaying the Current" in der Berliner Zilberman Gallery (taz), die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin" in der Berliner Gemäldegalerie (FR), die Ausstellung "Hörner/Antlfinger: Parrot Terristories" in den Räumen des Tieranatomischen Theaters, Berlin (Tagesspiegel) und "A New Look at Cimabue" im Louvre (Tagesspiegel).
Weitere Artikel: Auf Anweisung Trumps stellt die Nationalgalerie in Washington ihre Gleichstellungsprogramme ein, erfahren wir in der FAZ von Frauke Steffens. Gleiches geschieht im Smithsonian Institute, so Maya Pontone auf hyperallergic. Annett Scheffel spricht für die Zeit mit sechs Künstlerin, die in den Bränden in Los Angeles ihre Häuser, Arbeitsstätten oder Kunstwerke verloren haben. Die Documenta hat die sechs Mitglieder ihres wissenschaftlichen Beirats ernannt, wie unter anderem der Standard berichtet. Ebenfalls im Standard lesen wir, dass die "Mona Lisa" im Louvre bald einen eigenen Saal erhält. Philipp Maier berichtet in der NZZ über den Diebstahl eines kulturell bedeutenden Goldhelms, der in Rumänien für Schlagzeilen sorgt.
Besprochen werden die Schau "Lobby Poems" im Wiener Palais Wilczek (Standard), die Gruppenausstellung "Swaying the Current" in der Berliner Zilberman Gallery (taz), die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin" in der Berliner Gemäldegalerie (FR), die Ausstellung "Hörner/Antlfinger: Parrot Terristories" in den Räumen des Tieranatomischen Theaters, Berlin (Tagesspiegel) und "A New Look at Cimabue" im Louvre (Tagesspiegel).
Film

Auch Frauen folgten vor zehn Jahren dem Ruf des IS, die Waffen in die Hand zu nehmen und für ein islamo-faschistisches Regime zu kämpfen. Mit "Rabia" hat die deutsch-französische Regisseurin Mareike Engelhardt über dieses Phänomen einen Film gedreht - es ist ihr Kinodebüt. Im Welt-Gespräch mit Hanns-Georg Rodek erzählt sie von jungen Frauen, die die Brutalitäten der Scharia kompromisslos durchsetzen. "Ein Vorurteil, das ich hatte, war, dass die Frauen notwendigerweise die Opfer waren und naiv dorthin fuhren, um sich mit einem Märchenprinzen zu verheiraten. Solche Aussagen haben Frauen in Prozessen oft benutzt, um Strafminderung zu erhalten. Unzählige Gespräche, die Journalisten und ich geführt haben, ergeben ein anderes Bild: Diese Frauen sind genauso radikalisiert wie die Männer. Sie sind informiert wie die Männer, sie sind brutal wie die Männer. Das ist ein wichtiger Punkt, der häufig untergeht: Gewalt ist nicht geschlechterspezifisch. Wir haben ein großes Problem damit, zu akzeptieren, dass Frauen genauso gewalttätig sein können, wie Männer - wenn die Umstände es ihnen erlauben. Auch Frauen sind Täterinnen."
Weitere Artikel: Der deutsche Filmnachwuchs zeigt sich beim Festival Max Ophüls Preis in Saabrücken politisch und provokativ, resümiert Wolfgang Hamdorf im Filmdienst. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Regisseur Matthieu Delaporte und der Schauspielerin Adèle Simphal über deren "Graf von Monte Christo" (unsere Kritik). Andreas Scheiner rät in der NZZ den Schweizer Filmemachern sich auf Zeiten einzustellen, in denen die Fördertöpfe versiegen. Christian Schröder (Tsp) und Harald Hordych (SZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Horst Janson. In Deutschland kennt man ihn ja vor allem als "Bastian" und von der "Sesamstraße", aber für diesen Perlentaucher bleibt er mit seinem Gastauftritt im britischen Horrorfilm als degenschwingender Vampirjäger Captain Kronos in Erinnerung:
Besprochen werden Brady Corbets Oscarfavorit "Der Brutalist" (taz), Frauke Lodders' Evangelikalen-Drama "Gotteskinder" (taz), Ramon Zürchers "Der Spatz im Kamin" (Presse) und Dougal Wilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (Standard).
Musik
Momentan tourt Víkingur Ólafsson mit John Adams' neuer Komposition "After the Fall" durch die Konzerthäuser dieser Welt. Der Titel bezieht sich auf Vorlesungen von Pierre Boulez, "in denen er postulierte, dass die Mittel der Avantgarde bereits selbst verbraucht seien", schreibt Michael Stallknecht in der SZ. "Wobei 'Sündenfall' eine deutlich zu deutsche, weil zu moralisierende Übersetzung ist, weil der Biss in den atonalen Apfel die musikalische Menschheit gleichzeitig schlauer gemacht hat, wie Adams nie bestreiten würde." Und das Werk selbst? "Den knapp dreißig Minuten würde gelegentliche Lüftung nicht schaden", auch "erscheint die etwas ungerichtete Tempofolge problematisch: Der erste Satz nimmt gleich zweimal Anlauf zur Beschleunigung, der langsame in der Mitte auch, ohne dass es wirklich Konsequenzen hätte. Endgültig auf Touren kommt so erst der letzte: Rauschende Klavierkaskaden, wild gezackte Streicherfiguren und hämmernde Akkordsäulen sorgen hier für viel Groove, der am Schluss unvermittelt abbricht, mit einem einzelnen wiederholten Harfenton über einem liegenden Streicherakkord."
Weitere Artikel: Harald Eggebrecht resümiert in der SZ den Helmut Lachenmann gewidmeten Schwerpunkt beim Heidelberger Streichquartettfest, bei dem der Meister zur großen Freude des Kritikers ausführlich über sein Leben und Werk sprach. Helmut Mauró macht sich in der SZ (online gestellt vom TA) Gedanken darüber, warum Saudi-Arabien bei Hollywoodkomponist Hans Zimmer eine neue Nationalhymne in Auftrag gegeben hat. Ronald Pohl gratuliert im Standard dem Schlagzeuger Robert Wyatt zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden ein Wiener Strauß-Abend, bei dem Wolfgang Mitterer die Kompositionen des Walzerkönigs mit den Mitteln der Neuen Musik bearbeitete (Standard), das Album "Queen and Elf" von Voision Xi (tazler Oliver Tepel tänzelt "leichtfüßig über unsicheres Terrain") und FKA Twigs' neues Album "Eusexua" ("Das Gegenteil von geil ist geil gemeint", stöhnt Christian Schachinger im Standard).
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