Efeu - Die Kulturrundschau

Modellanordnung menschengemachten Übels

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2024. Die FAZ betritt mit der Kunst von Almut Heise das Uncanny Valley. Wie Kunst und Identitätssuche auch in der Diktatur funktionieren können, lernt Monopol von Ana Lupas. Die nachtkritik entdeckt das klimakritische Potenzial von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" in einer Theaterinszenierung von Max Lindemann. Die Académie Goncourt setzt ihren Preis für algerische Literatur im nächsten Jahr aus, Grund ist das Verbot von Kamel Daouds ebenfalls nominiertem Buch in Algerien. Laura Nyro war so etwas wie eine Prototyp-Songwriterin der sechziger Jahre, staunt die taz. Und Nan Goldin hat ihr Dia doch noch reingekriegt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2024 finden Sie hier

Kunst


Almut Heise: Zwei Galeristen, 2003. Bild: Pinakothek der Moderne.


Brita Sachs befällt in der FAZ beim Betrachten von Almut Heises Zeichnungen und Gemälden in der Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne ein Uncanny Valley-Gefühl: Fast klaustrophobisch kommen ihr die Interieurs der biederen Nachkriegszeit vor, die Heise in einer Variation verschiedener Stile malt. Für sie passt diese Kunst "in keine Stilschublade. Eine gute Portion Pop-Art, Züge der Neuen Sachlichkeit, von Realismus, ja Verismus verschmelzen zu ihrer persönlichen Ausdrucksweise. Auch ein Schuss Surrealismus fehlt nicht: Zum Beispiel steht ein und derselbe 'Kunsthändler' zweimal im Raum; glaubt man der Künstlerin, sei Weihnachten gewesen und keine Möglichkeit, Leinwand für ein zweites Bild des Mannes zu kaufen."

Kunst unter Ceausescu musste mit Subtilität arbeiten, plakativer Eigensinn war nicht geduldet. Ana Lupas' Ausstellung "Intimate Space - Open Gaze" im Kunstmuseum Liechtenstein zeigt Hilka Dirks für Monopol aber, wie eine kreative Rebellion aussehen kann, die auf der Suche nach der eigenen Identität ist: "In einem besonders beeindruckenden Raum der Schau reihen sich übermalte Plakate mit dem Gesicht der Künstlerin aneinander. Es sind übrig gebliebene Ausstellungsposter einer Schau von 1998. Die Serie "Selfportrait" von 2000 stammt aus dem späten Werk der Künstlerin und ist ebenfalls zum ersten Mal überhaupt öffentlich ausgestellt. Wie ein zeichnerisches Tagebuch übermalte Lupas die Drucke, erweiterte ihr Gesicht um Schichten, ergänzte ganze Personas; ganz so, als sei sie nach dem jahrzehntelangen Reparieren der gesellschaftlichen Identität ihres Umfelds auf der Suche nach ihrer ganz eigenen Form, ihrem Sein, ihrem eigenen Selbst - mit gnadenloser Intensität."

Nach der Auseinandersetzung zwischen der Neuen Nationalgalerie und Nan Goldin, die dem Museum unter anderem aufgrund eines nachträglich eingefügten Dias Zensur vorgeworfen hatte (unsere Resümees), haben sich die Kontrahenten nun offenbar auf einen Kompromiss geeinigt, berichtet Hanno Hauenstein in der FR. In einer Mail an Klaus Biesenbach hatte Goldin nun geschrieben ihr gegenüber sei "angedeutet worden, dass das Museum seine Finanzierung verlieren könne, sollte das Dia in der Ausstellung bleiben. (...) Goldins Mail an das Museum angefügt ist ein Bild eines Dias, mit Bitte, dieses nun nachträglich einzufügen: 'Jetzt ist es an Ihnen, zu zeigen, dass Sie mich nicht zensieren', so Goldin. In einer internen Mail, die noch am selben Abend unter anderem an SPK-Präsident Hermann Parzinger und hochrangige Mitarbeiter des Bundesministeriums für Kultur und Medien versendet wurde, fragt Klaus Biesenbach: 'könnte/dürfte/wollte man das dia einfügen, da es nun die israelischen Opfer auch nennt?'"
Nachdem Nan Goldin der Neuen Nationalgalerie Zensur bezüglich eines Dias in ihrer Ausstellung vorgeworfen hatte (unser Resümee), ist nun ein Dia nachträglich eingefügt worden, das folgende Aufschrift trägt, wie Hanno Hauenstein in der FR schreibt: "In Solidarität mit den Menschen in Gaza, im Westjordanland, im Libanon und mit den israelischen Opfern des 7. Oktober."

Johanna Adorján unterhält sich für die SZ mit dem Künstler Hans Hemmert über Kunst als Einladung zum Denken. Die taz stellt die Kuratorin Hoor al-Qasimi vor, die von Art Review zur mächtigsten Person im Kunstbetrieb ernannt wurde. Nicht mal die britischen Medien haben besonders viel Notiz genommen von Jasleen Kaur, die nicht nur den Turner-Preis gewonnen, sondern in ihrer Dankesrede auch für BDS geworben hat. Für Marion Löhndorf in der NZZ ein klares Zeichen dafür, dass der Preis an "Strahlkraft" verloren hat.

Besprochen werden: Die Ausstellung "Wüste-Dschungel/Omega Und Tunnel" mit Werken von Thomas Scheibitz in der Galerie Sprüth Magers (Berliner Zeitung), "Semiha Berksoy. Singing in Full Color" im Hamburger Bahnhof (tagesspiegel), die Aleksandra Domanović-Retrospektive in der Kunsthalle Wien (FAZ) und "Urformen - Eiszeitkunst begreifen" in der Archäologischen Staatssammlung München (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

"Früchte des Zorns." Volkstheater München. Foto: Arno Declair.
John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" ist eigentlich ein "frühes Klima-Epos", stellt Nachtkritikerin Anne Fritsch in Max Lindemanns Inszenierung am Volkstheater München fest. Das eigentlich fruchtbare Land Kaliforniens gibt nicht genug her für alle, die dort Arbeit suchen, bei Lindemann wird das zu einer "Modellanordnung menschengemachten Übels": "Dem Regisseur geht es weniger um Einfühlung als um Verstehen, um das Erkennen von Zusammenhängen. Hier gibt es keinen Theaterzauber. Für alle sichtbar werden an den Seiten Kostüme gewechselt, werden Bärte angeklebt und abgenommen. Wer nicht überlebt, geht nach seinem Bühnentod einfach zur Seite ab. Immer wieder treten die Spieler*innen aus ihren Rollen, um von den Seiten das Geschehen zu kommentieren und in größere Zusammenhänge einzuordnen. Diese Perspektivwechsel vom Individuellen zum Allgemeinen gibt es auch bei John Steinbeck, wie dieser Abend überhaupt erstaunlich nah an der Tonalität seiner Vorlage bleibt."

Besprochen werden: "Die Insel der Perversen" von Rosa von Praunheim in der Regie von Heiner Bomhard am Deutschen Theater (Tagesspiegel) und "Lichtspiel" nach dem Roman von Daniel Kehlmann am Volkstheater München (Artechock), die Regie übernimmt Christian Stückl.
Archiv: Bühne

Literatur

"Die französische Académie Goncourt hat ihre internationale Auszeichnung für Literatur aus Algerien - die 'Choix Goncourt de l'Algérie' - für das kommende Jahr ausgesetzt", meldet die FAZ unter Berufung auf Berichte in französischen Medien. Die Akademie "akzeptiere nicht, dass 'Houris' von Kamel Daoud, einer der Romane auf der Liste, über die die Juroren abstimmen müssen, in Algerien verboten sei und sein Verleger von der Buchmesse verbannt wurde, sagte sie in einer Erklärung."

Besprochen wird unter anderem Katja Lange-Müllers "Unser Ole" (online nachgereicht von der FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

"Sie war Singer-Songwriterin Nummer eins", schreibt Detlef Diederichsen in der taz über Laura Nyro, die das Genre in den Sechzigern - noch vor Joni Mitchell! - quasi im Alleingang aus der Taufe hob und deren Werk nun einer Luxus-Edition erschlossen wird. Ihr Debüt von 1967 zeigt noch "eine Art weiterentwickelten sophisticated Sixties-Girl-Pop, in dem eine Menge Jazz, Blues, Gospel und Broadway steckt. Das Ganze gesungen von ihrer mächtigen Dreieinhalb-Oktaven-Stimme, über die die britische Musikjournalistin Lilian Roxon in ihrer 'Rock Encyclopedia' 1969 schrieb: Laura Nyro 'ist eine 20-jährige weiße New Yorkerin, die singt wie eine 55-jährige Schwarze aus Mississippi.'" Auf späteren Alben "tritt die charmante Mädchenhaftigkeit des Debüts immer mehr in den Hintergrund, es wird düsterer und vor allem dramatischer. Die Songs sind Miniopern voller unerwarteter Tempo- und Tonartwechsel, kunstvoll durchkomponiert und -arrangiert." Und trotzdem: "Laura Nyro hatte nie einen Hit." Hier einige Auszüge aus ihrem Auftritt beim Monterey Festival 1967.



Im SZ-Gespräch mit Reinhard J. Brembeck zeigt sich John Eliot Gardiner zu seinem Comeback ein Jahr nach dem Ohrfeigeneklat zuversichtlich, dass er sich künftig besser im Griff habe: "Ich meldete mich bei einem Programm für kognitive Verhaltenstherapie an, es geht um Wut-Management und ergänzende Therapien, darum, zu verstehen, warum ich die Kontrolle verloren habe. ... Ich habe das Gefühl, ich kenne mich heute besser als zuvor. Und ich werde einen Musiker nicht noch einmal derart schlecht behandeln. Ich hatte ursprünglich mal gehofft, zum MCO zurückkehren zu können, wie es auch die Mehrheit der Sänger und Musiker gehofft hatte. Aber mir wurde klar, dass das Management und der Vorstand des Orchesters sich damit schwertaten. Also trat ich zurück."

Weitere Artikel: Johanna Schmidt ist in der taz sehr genervt von den Spotify-Wraps, die gerade überall geteilt werden. Ähnlich geht es Christian Schachinger im Standard. Michael Stallknecht (NZZ) und Max Nyfeller (FAZ) gratulieren dem Komponisten Beat Furrer zum 70. Geburtstag. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Sänger Marc Seaberg.

Besprochen werden Nik Nowaks Klangkunst-Album "A War of Decibels" über Sound als Waffe in der Kriegsführung (taz), Porridge Radios neues Album "Clouds In The Sky" (FR), ein von Christian Mácelarus dirgiertes Konzert in Frankfurt der Pianistin Beatrice Rana mit dem Orchestre National de France (FR) und Myles W. Jacksons Studie "Broadcasting Fidelity. German Radio and the Rise of Early Electronic Music" (FAZ).
Archiv: Musik

Film

Valerie Dirk verneigt sich im Standard vor der Schauspielerin Saoirse Ronan, die aktuell in Nora Fingscheidts, auf Artechock besprochenen Alkoholikerinnendrama "The Outrun" zu sehen ist. Mariam Schaghaghi erzählt in der NZZ von ihrer Begegnung mit Tilda Swinton. Auf Artechock geht die Diskussion um Basel Adras, Yuval Abrahams, Hamdan Ballals und Rachel Szors Westjordanland-Dokumentarfilm "No Other Land" mit einem Beitrag von Dunja Bialas weiter.

Besprochen werden Aaron Schimbergs "A Different Man" (Artechock, FAZ), Omer Fasts "Abendland" (Artechock), Klaudia Reynickes "Reinas - Die Königinnen" (Artechock), die zweite Staffel von Holger Karsten Schmidts ARD-Polizeiserie "Die Toten von Marnow" (Welt), die Apple-Serie "Before" (FAZ), die Amazon-Serie "The Agency" (Freitag), die Paramount-Serie "Zorro" (FAZ), die ZDF-Serie "Fünf Freunde" (FAZ) und die Netflix-True-Crime-Serie "Cold Case: Wer ermordete JonBenét Ramsey?" (Presse).
Archiv: Film