Efeu - Die Kulturrundschau
Metaphern für die verletzte Seele
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15.07.2024. Die SZ watet bei Roger Vontobels Inszenierung von "Der Diplomat" bei den Nibelungenfestspielen in Worms im Blut. Eine Ausstellung in Rom, die Louise Bourgeois' Werke neben die der Alten Meister stellt, bringt bei der Welt alle Sinne zum Vibrieren. Zeit Online findet in einer Ausstellung in Marbach heraus, was den Erfolg von Verleger Siegfried Unseld ausmachte. Der Freitag findet: Das Mysterium Taylor Swift ist gar keines. Und die FAZ gibt Entwarnung: Mit einer Übernahme von Literatur durch KI sei auch in Zukunft nicht zu rechnen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.07.2024
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Kunst

Alle Sinne "vibrieren" bei Welt-Kritikerin Gesine Borcherdt in der Ausstellung "Louise Bourgeois: Unconscious Memories" in der Galleria Borghese in Rom: Die Schau traut sich einiges, indem sie die Skulpturen der Avantgardistin neben die Werke der alten Meister stellt - und es funktioniert prächtig, jubelt Borcherdt: "Tatsächlich sind es ihre Stoffskulpturen, die noch aus der Werkstatt der Eltern stammen, die in der gesamten Schau hervorstechen: "mumienartige Köpfe aus kunstvoll bestickten, oft zusammengeflickten Teppichteilen sind wie blind starrende Wesen in der Sala degli Imperatori aufgestellt, inmitten repräsentativer Marmorbüsten und Berninis berühmter, vor Dynamik beinahe berstender Skulptur Raub der Proserpina. Bourgeois' Köpfe bilden Innenbilder, Metaphern für die verletzte Seele, die neben den idealisierten Abbildern großer Männer gespenstisch und kraftvoll erscheinen."
Weitere Artikel: In der FAZ erklärt Marc Zitzmann, warum Emmanuel Macrons Pläne, bei der Restaurierung von Notre Dame, Modernisierungen an den von Viollet-le-Duc gestalteten Kirchenfenstern vorzunehmen, nicht mit dem Denkmalschutz vereinbar sind und gestoppt werden müssen. SZ, FR und Tagesspiegel schreiben Nachrufe auf den amerikanischen Videokünstler Bill Viola. Marion Löhndorf besucht für die NZZ die Künstler Gilbert Prousch und George Passmore in London.
Besprochen werden zwei Ausstellungen zum 40-jährigen Bestehen des Braunschweiger Photomuseums: "Back to where we have started from" in der Städtischen Galerie Halle und "Erinnerungsbilder" im Museum für Photographie in Braunschweig (taz) und die Ausstellung "Van Gogh und die Sterne" Fondation Vincent van Gogh Arles (NZZ).
Film
Bühne

Blutig geht es bei den Nibelungenfestspielen in Worms immer zu, weiß SZ-Kritikerin Christine Dössel, aber Roger Vontobels Inszenierung von "Der Diplomat" setzt noch einen drauf. In dieser Version des Nibelungenmythos, verfasst von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, steht Dietrich von Bern als titelgebender Diplomat im Mittelpunkt, der Frieden zwischen den Burgundern und den Hunnen unter König Etzel stiften will. Sein Streben bleibt allerdings vergeblich, was Dössel schon zu Beginn unschwer erahnen kann: "Auf einem Stufen-Katafalk ist der Leichnam des Helden Siegfried aufgebahrt, der aber wundersamerweise nicht verrottet, sondern aus seiner Wunde am Rücken vor sich hin blutet, am stärksten immer dann, wenn Siegfrieds Mörder Hagen sich ihm nähert. Das Blut fließt und fließt. Signalrote Anzeige für begangene Verbrechen und Fanal für all das Blut, das noch vergossen wird." Für Dössel "ein komplexes Diskussions- und Überzeugungsstück" - das mitunter ein bisschen langatmig geraten ist.
In der taz ist Björn Hayer vor allem beeindruckt vom "wirkungsstarken Setting". Vontobel stelle "zweifelsohne sein besonderes Gespür für Stimmung und Timbre eines Textes unter Beweis. Man mag sich daher kaum einen beklemmenderen Ort als diesjährige Bühne ausdenken. Mäandert der Gesang zwischen elegischen und brachialen Intonationen, steigt von den Seiten permanent Rauch auf. Die Welt gleicht einem Drecksloch, um den Aufgebahrten herum versinkt man im Schlamm." Welt-Kritiker Christian Mayer ist größtenteils überzeugt von der Aufführung, die mit der hochaktuellen Frage, wie man einen Krieg beenden kann, auch eine sehr politische Komponente hat. In der FR schreibt Judith von Sternburg.
Weiteres: Es ist auch die Aufgabe der Kulturpolitik, Theaterschaffende vor übergriffigen Intendanten zu schützen, findet Axel Brüggemann bei Backstage Classical. Häufig blieben Politiker viel zu lange untätig. Manuel Brug teilt in der Welt seine Eindrücke von den Opernfestspielen in Aix-en-Provence. Silvia Stammen resümiert für die nachtkritik Albert Ostermeiers Veranstaltungsreihe "Stadion der Träume" im Münchner Fat Cat.
Literatur

Die Marbacher Ausstellung wirkt auf Christoph Schröder von Zeit Online zwar "auf den ersten Blick unspektakulär", aber nichtsdestostrotz lohnt es sich, die Exponate genau zu lesen, denn sie zeigen auf, was Unselds verlegerischen Erfolg ausmacht, findet er: "Im Kern ist es möglicherweise das Gleichgewicht zwischen einem sicheren ökonomischen Gespür einerseits und andererseits der Fähigkeit, seinen Autoren das Gefühl größter Bedeutung zu geben. ... Die große Kunst Unselds bestand darin, diese Bedeutsamkeit auch außerhalb des Literaturbetriebs zu behaupten und zu installieren. Unseld redete seine Autoren groß, nach außen wie nach innen; ein sich permanent perpetuierender Prozess, der in einigen hochkomplexen Egos und in dem mündete, was bis heute Suhrkamp-Kultur genannt wird. Ein ganzes Land, das über mehrere Jahrzehnte hinweg seine intellektuelle Orientierung aus der Kraftquelle eines Verlags bezog." Die SZ dokumentiert außerdem die Eröffnungsrede von Ulla Berkéwicz.
Beim Symposium "PoetKI" wurde angeregt über das Für und Wider von KI im literarischen Prozess diskutiert, berichtet Cornelius Wüllenkemper in der FAZ. Der allgemeine Tenor ging wohl Richtung Entwarnung: Der Literaturwissenschaftler Simon Roloff gab etwa "zu bedenken, dass die Weiterentwicklung der Software längst an Grenzen stoße. Es fehle an Text-Nachschub" und da die "Sprachsoftware deswegen zunehmend auch mit KI-basierten Texten gefüttert werde, degeneriere das System." So steht für Wüllenkemper am Ende der Veranstaltung schließlich die "Erkenntnis, dass KI zwar nicht kreativ erzählen, aber immerhin Formulare, standardisierte Drehbücher oder eng regelbasierte Unterhaltungsliteratur simulieren kann. Das allerdings galt auch schon für die Schreibwerkstätten der Jerry-Cotton-Romane vor siebzig Jahren. Die Warnungen, die KI werde demnächst die Literaturszene oder das Feuilleton übernehmen, darf man getrost ignorieren." Um ein ähnliches Thema ging es auch bei einer Tagung in Köln, von der das Literaturfeature von Dlf Kultur zwei Gespräche dokumentiert.

Besprochen werden Rainald Simons erste Gesamtübersetzung auf Deutsch des chinesischen Epos "Vollständige Überlieferung von den Ufern der Flüsse" (Standard), der neue Band aus der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (Standard), der von Andrea Löw zusammengestellte Band "Deportiert" mit Erinnerungen deutscher Jüdinnen und Juden an den NS-Terror (FR), Anna Mitgutschs "Unzustellbare Briefe" (Standard), Janko Polić Kamovs' "Austrocknen" (NZZ), Rachel Cusks "Parade" (FR), José Henrique Bortolucis "Was von meinem Vater bleibt" (online nachgereicht von der FAS) und neue Hörbücher, darunter Robert Levins Lesung von Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Uwe Schütte über W. G. Sebalds "Unerschlossen":
"Der Urgroßvater
im bunten Rock ..."
Musik
Konstantin Nowotny amüsiert sich im Freitag über die mit teils schweren Geschützen auffahrenden Deutologien hiesiger Feuilletons zu Taylor Swifts Erfolg. Das wichtigste Detail entgeht aber allen, findet er: Vielleicht ist Swift ja auch "schlicht eine sehr gute Autorin sehr nahbarer Songs und zudem eine ausgezeichnete Sängerin und Tänzerin? Sagt ihr ein ganzer Stab von Produzenten und Managern, was gut ankommt und was nicht? Schaut sie einfach auf die Algorithmen, in einer Musikbranche, die so datengetrieben funktioniert wie noch nie zuvor? Und stammt sie nicht aus einer gehobenen Mittelschichtsfamilie, die ihren Erfolg von Anfang an mitgeplant hatte? Unerhört, wenn es so einfach wäre. Dann wäre Taylor Swift nämlich so erfolgreich, weil sie Pop begriffen hat. ... Ein düpierender Schlag für die deutsche Swiftologie."
Weitere Artikel: Gerald Felber berichtet in der FAZ von den Europäischen Wochen in Passau. Besprochen werden das neue Album von Eminem (FAZ, Welt, SZ), der von Andre Jegodka herausgegebene Sammelband "Kommst du mit in den Alltag?" über das prekäre Leben von Musikern (Jungle World), eine Ausstellung im Museum Schloss Doberlug über die Geschichte des DDR-Jugendclubs Extrem (FAZ), ein Auftritt von Cypress Hill (Standard) und das neue Album von Sorry3000 (taz).
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