Efeu - Die Kulturrundschau

Nachtarbeit ist nun für alle Pflicht

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15.05.2019. Mit Jim Jarmuschs Zombie-Parabel "The Dead Don't Die" eröffneten gestern die Filmfestspiele in Cannes vielleicht etwas routiniert, aber mit einer einer supercoolen Tilda Swinton.  Die Welt ärgert sich, wie das Festival die Presse gängelt. In der NZZ bedauert Wim Wenders, dass mit dem feedbacklosen Streaming die Kinoerfahrung hopsgeht. Guardian und ArtNews werfen einen ersten Blick auf die bemerkenswert unkontroverse Whitney Biennale in New York. Die SZ lauscht dem dunkles Knarren von Kontrafagott und Horn in Erich Kongolds "Die Tote Stadt".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2019 finden Sie hier

Film

Top-besetzte, wenn auch milde Zivilisationskritik: "The Dead Don't Die"

Mit Jim Jarmuschs Zombiefilm "The Dead Don't Die" wurde gestern Abend das Filmfestival in Cannes eröffnet, mit dem bewährtem Personal des amerikanischen Independent-Kinos: Tilda Swintion, Chloe Sevigny, Bill Murray, Steve Buscemi, Adam Driver und Chloe Sevigny, selbst die Musiker Tom Waits und Iggy Pop sind angetreten. Diese Besetzung ist tatsächlich "ein Traum für sich", meint SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh: "Tilda Swinton ist einfach cool, und das soll sie hier auch sein. Und Bill Murray und Adam Driver sind natürlich immer gut, egal, was sie machen. Hier müssen die beiden irgendwann Zombies en masse enthaupten." Allerdings scheitere die "milde Zivilisationskritik" dann doch daran, dass sie die tatsächliche Realität kaum zu packen kriegt. In der FAZ erklärt Verena Lueken das ganze für "eher schlicht". Im Standard führt Bert Rebhandl allgemein durch Jarmuschs Kino.

In der Welt ärgert sich Hanns-Georg Rodek sehr darüber, an welche kurze Leine das Festival die Kritiker mittlerweile nimmt, die die Filme nun erst nach ihrer Festivalpremiere zu sehen bekommen. In den Zeitungen erscheinen die Kritiken damit je nachdem mitunter arg verspätet und auch online erst spät in der Nacht "und werden damit erfahrungsgemäß erst am nächsten Tag gelesen. Gewinner sind die elektronischen Medien, die sich in Heute oder den Tagesthemen mit Bildern vom roten Teppich vergnügen - Glanz und Glamour, wie es die Sponsoren verlangen. ... Nachtarbeit ist nun für alle Pflicht." Für die Welt interviewt auch Arianna Finos Festivalleiter Thierry Frémaux.

Rüdiger Suchsland, extra früh angereist, genießt derweil das süße Leben an der Croisette in vollen Zügen, wie er auf Artechock berichtet. Neben Brasserie-Tipps gibt er auch Mutmaßungen zur Jury zum Besten: "Erste Bauernregel: Wenn Schauspieler Präsidenten sind, sind die Entscheidungen gut, wenn gute Regisseure präsidieren, sind sie schlecht. ... Zweite Bauernregel: Viele Regisseure in der Jury führen zu schlechten Preisen. Weil Regisseure Alphatiere sind, und sich die Alphatiere gegenseitig lahmlegen. In dieser Jury sind sieben Regisseure. Von neun Mitgliedern. Gab es je so viele? Vier Frauen, fünf Männer. Aber: Beide Schauspieler sind Frauen. Also ein Übergewicht an männlichen Regisseuren. Kein Asiate darunter, was meines Erachtens die Chancen der zwei Asiaten schwächt. Das kann also nix werden."

Er habe keinen Netflix-Account mehr, erzählt Wim Wenders unter anderem im umfangreichen NZZ-Gespräch, das Antje Stahl anlässlich der Eröffnung einer (mittlerweile allerdings auch schon wieder abgebauten) Installation mit dem Filmemacher in Paris geführt hat: Als Mitglied zahlreicher Akademien ertrinke er ohnehin schon in obligatorisch zu sichtenden Filmen. Zwar "arbeiten für Netflix viele gute Regisseure und Schauspieler und machen tolle Filme. Aber Streaming ist eine merkwürdig feedbacklose und anonyme Kultur. Als Filmemacher sitzt man nicht mehr vor seinem Publikum oder hat die Chance, mit einem Film mitzureisen, mit den Leuten zu sprechen und zu verstehen, wie sie den Film fanden. Es ist ein schöner Akt, dieses Abgeben eines Films ans Publikum, und den aufzugeben, finde ich bitter. Das ist mein einziges Ressentiment: dass die Kinoerfahrung hopsgeht."

Weitere Artikel: Im Netz zürnen zahlreiche "Game of Thrones"-Fans, da die Drehbuchqualität der letzten Staffel angeblich zu wünschen übrig lasse, berichtet Katja Belousova in der Welt. In der taz reicht Jenni Zylka einen Nachruf auf Doris Day nach (weitere Nachrufe im gestrigen Efeu). Besprochen werden Nikolaus Geyrhalters Essayfilm "Erde" (Standard), Neil Jordans Psychothriller "Greta" mit Isabelle Huppert (Welt), Yuen Woo-Pings Martial-Arts-Film "Master Z: The Ip Man Legacy" (SZ) und die HBO-Miniserie "Chernobyl" (Welt).
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Kunst

Forensic Architecture: Triple Chaser auf der Whitney Bienniale 2019. Bild: Forensic Architecture

Am Freitag eröffnet in New York die Whitney Biennale, die wichtigste Schau amerikanischer Gegenwartskunst. Nach den Aufregungen um Dana Schutz' Gemälde des ermordeten Emmett Till vor zwei Jahren scheint die Schau diesmal auf Nummer sicher zu gehen, glaubt Guardian-Kritikerin Nadja Savey, die vergeblich nach Kontroversen suchte: "Dem politischen Aufruhr und den sich ankündigenden Wahlen zum Trotz ist widerständige Kunst überraschend spärlich repräsentiert. 'Die KünstlerInnen folgen nicht Trump, sie blicken auf die Geschichte, die anderen Geschehnisse im Land, sie denken darüber nach, wie das, was wir gelernt oder nicht gelernt haben, uns helfen kann, und blicken dann nach vorn', erklärt Kuratorin Jane Panetta." Immerhin: Forensic Architecture gehen in ihrem Video "Triple Chaser" den Spuren des Tränengas nach, mit dem Warren Kanders, ein umstrittener Vorstand des Museums, sein Geld verdient. Auch in den ArtNews beschreibt Andrew Russeth die Schau als "ein elegantes, aber gefahrloses Porträt unserer Zeit". Nicole Eisenmans gigantische Prozession auf dem Dach jedoch hat ihn beeindruckt: "Es ist nicht klar, ob dies eine Feier ist, ein Trauermarsch oder etwas ganz anderes. Es ist auch unmöglich zu wissen, wohin sie gehen, aber man spürt, dass sie genau da hin wollen."

Weiteres: Der Tagesspiegel meldet, dass die vor zwei Wochen wegen Statikproblemen geschlossene Berlinische Galerie weiter zu bleibt.

Besprochen werden die Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt" im Ephraim-Palais in Berlin (SZ), zwei Ausstellungen zum Thema Exil des Porzellankünstler Edmund De Waal in der Scola Canton und im Ateneo Veneto in Venedig  (FAZ), eine Schau zu Antonio Gisberts Historiengemälde "Erschießung von Torrijos und seinen Gefährten" von 1888 im Prado in Madrid (FAZ), eine Ausstellung des Malers Hanns Schimansky in der Galerie Inga Kondeyne in Berlin (Tsp)
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Stichwörter: Whitney Biennale

Bühne

Erich Korgolds Oper "Die tote Stadt" Foto: Theater Bremen

Bisher hat Julia Spinola in der SZ Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt für ein spätromantisches Werk gehalten, das zu Unrecht vergessen wurde. In der Bremer Fassung von Yoel Gamzou und Armin Petras erlebt sie eine verästelte Seelenmusik, die ihr den Atem raubt: "So unsentimental und kristallin gehärtet wie jetzt in Bremen hat man das Werk noch nicht gehört. Alles bloß sensualistisch Dekorative tritt in den Hintergrund. Gamzou scheint mit einem Röntgenblick auf den Grund dieser hypertrophen Partitur zu blicken, um ihre Nervenkontrapunktik bloßzulegen. Die Fülle charakteristischer Klangfarben steht ganz im Dienst der dramatischen Entwicklung: das gläserne Kolorit der Celesta, die alle Zuckerfee-Süße abstreift, ein dunkles Knarren von Kontrafagott und Horn in tiefer Lage über einer fahlen Streicherquinte, die jenseitigen Farben des Harmoniums, die perkussiven Zuspitzungen."

Weiteres: In der taz berichtet Michael Bartsch, wie die AfD im sächsischen Freiberg dem Theater Veranstaltungen vorschreibt beziehungweisen verbietet.

Besprochen werden Mónica Calles Choreografie bei den Wiener Festwochen "Ensaio para uma Cartografia" ("Zu sehen sind souveräne Anarchistinnen in einer genialen feministischen Performance", freut sich Helmut Ploebst im Standard), Nikolaus Habjans Inszenierung von Carl Maria von Webers "Oberon" im Theater an der Wien (Standard) und  Astrid Lindgrens "Brüder Löwenherz" bei der Jungen Woche im Staatstheater Wiesbaden (FR).
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Literatur

Schriftsteller Alex Capus erinnert sich in der NZZ daran, wie er als junger Mann in einer nebligen Nacht einmal dem Schriftsteller Peter Bichsel durch die Gassen Solothurns in eine Kneipe gefolgt ist, der dort zu später Stunde eine Anekdote über den Schriftsteller Gottfried Keller zum Besten gab, die sich ihrerseits in den nebligen Gassen Zürichs abspielte. Weiteres: In der SZ gratuliert Alex Rühle der Münchner Verlegerin Antje Kunstmann zum 70. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Lew Tolstois "Krieg im Kaukasus. Die kaukasische Prosa" (NZZ), Alina Bronskys "Der Zopf meiner Großmutter" (FR, Dlf Kultur hat mit der Autorin gesprochen), Anselm Nefts "Die bessere Geschichte" (taz), Isolde Schaads Erzählband "Giacometti hinkt" (NZZ), Gerhard Fritschs Tagebuch "Man darf nicht leben, wie man will" (NZZ), Akane Shimizus Manga "Cells At Work!" (Dlf Kultur),und Alan Hollinghursts "Die Sparsholt-Affäre" (FAZ).

Und für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder zahlreiche Bücher vom Nachttisch - hier alle Besprechungen im Überblick.
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Stichwörter: Manga

Musik

Lars Fleischmann wagt in der taz einen Tabubruch: Ein neues Album von Holly Herndon einfach mal nicht überschwänglich positiv besprechen. Zwar "flickert und flackert es an allen Ecken, Stimmen schichten sich übereinander, verschmieren, leiern und kommen wieder zusammen", doch wirke das Album mit seiner transhumanistischen Euphorie bemerkenswert rasch ausgereizt: "Nervige Dauer-Unterkühlung durchzieht den Sound. So fällt 'Proto" im Vergleich zu den Vorgänger-Alben ab, die ebenso konzept-schwer geraten waren, aber dies gerade durch klangliche Leichtigkeit und simple Schönheit kompensierten." Wir hören dennoch rein:



Mit leicht ironischer Kante bespricht Jens Balzer das neue, schlicht nach sich selbst benannte Album von Rammstein (hier bereits erste Besprechungen), aus dem der ZeitOnline-Kritiker diese Quintessenz zieht: "Kein Sex macht hässlich, böse und rechts, aber wer in erotischer Weise mit sich im Reinen ist, von dem hat der Rest der Welt keine Aggression zu befürchten. ... Und in der Art und Weise, in der sich die Band mit dieser hypermaskulinen Reformulierung des Kosmopolitismus auf eine Position jenseits aller etablierten Debattenlinien begibt, könnte man tatsächlich einen Zugewinn an politischer Reflexionskraft erahnen." Wohlgemerkt - im Konjunktiv gesprochen.

SZ-Kritikerin Juliane Liebert kritisiert nach einer langen Würdigung der Band insbesondere die Reflexe mancher ihrer Feuilletonkollegen, wenn es um die Band geht: "Wer die Ästhetik von Rammstein als zynisches Marketing einstuft, das sich um gedankliche Konsistenz, Missverständnisse und Konsequenzen nicht schert, sondern einfach mit der größtmöglichen Provokation die größtmögliche Aufmerksamkeit generiert, der verkennt, dass die komplexe Dialektik von Gegenkultur und Affirmation, von Revolution und Warenhaftigkeit der Kern von Pop sind. Selbst wenn Rammstein eine zynische Marketingmaschine wären, bliebe immer noch die Frage: Was sind sie außerdem? Und solange man darauf nicht 'Nichts!' antworten kann, bleiben sie interessant."

Weitere Artikel: Jonathan Fischer stellt in der SZ das ghanaische Hip-Hop-Comedy-Duo Fokn Bois vor, dessen "subversiver Aktionismus" die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrem Land aufspießt. Christoph Dallach spricht für die Zeit mit Jazzgitarrist George Benson. In der NZZ führt Ueli Bernays durch die Welt des K-Pop, südkoreanische Popmusik also, die gerade mit astronomischen Klickzahlen in den Onlineportalen den Westen erobert und sich nach innen durch rigorose Disziplin auszeichnet. Johannes Laubmeier (Tagesspiegel) und Klemens Patek (Presse) schreiben zum Auftakt des Eurovision Song Contests in Tel Aviv. Malte Hemmerich berichtet in der FAZ von den Wittener Tagen für Neue Kammermusik.

Besprochen werden das neue Album von Capital Bra (FR), neue Popveröffentlichungen, darunter ein von Jochen Distelmeyer zusammengestellter Sampler mit seinen wichtigsten Einflüssen (SZ), und das neue Album "Under Pressure" der Kölner Band Von Spar, die sich, ursprünglich als Postpunk-Band gegründet, laut Tagesspiegel-Kritiker Christian Schröder mittlerweile souverän zwischen Neo-Krautrock und Yacht-Pop bewegt. Für ein Lied kam auch Lætitia Sadier von Stereolab ins Studio:

Archiv: Musik