Efeu - Die Kulturrundschau

Geburt eines Meta-Theaters aus dem Geiste des Zynismus

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18.01.2016. Sind wir alle Arschlöcher? Eindeutig ja, meinte Theatermacher Milo Rau neulich in einem Essay über unseren "zynischen Humanismus", den er nun in einem aktuellen Theaterabend über die Flüchtlingskrise weiterdrehte. Die Kritiker stimmen zu. Die NZZ würdigt den Maler Gottfried Honegger, der fast hundertjährig gestorben ist. Im Welt-Gespräch vermutet deutsche Regisseur Martin Moszkowicz, dass Netflix nicht allzu viele deutschsprachige Serien herausbringen wird. Volltext rühmt den norwegischen Autor Tomas Espedal.

Bühne


Milo Rau: "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs"

Sind wir alle Arschlöcher? Eindeutig ja, meinte Theatermacher Milo Rau kürzlich in einem Essay in der SonntagsZeitung, in dem er als Vorarbeit zu seinem Theater-Essay "Mitleid - Die Geschichte des Maschinengewehrs" den "zynischen Humanismus" der dekorativen Anteilnahme am Schicksal der Flüchtlinge in den Blick nimmt. An der Berliner Schaubühne ist sein Theaterabend nun uraufgeführt worden.

Sandra Luzina vom Tagesspiegel dankt es Rau, dass er anders als Falk Richters umstrittenes, am selben Haus aufgeführtes Stück "Fear" nicht mit dem Finger auf rechte Demagogen zeigt: Vielmehr "attackiert er die Selbstgerechtigkeit und das Humanitätsgedusel von aufgeklärten Europäern und betrachtet auch die Mitleidsfabrikation des Theaters kritisch. Damit beute man das Leiden der Anderen aus, lautet sein Vorwurf." Doris Meierheinrich von der Berliner Zeitung staunt über Raus "Reflexionsspiel": Sie muss "diesem seltsamen Zwei-Monologe-Stück etwas sehr Besonderes bescheinigen, denn hier entsteht eine Art Theater zweiter Ordnung: die Geburt eines Meta-Theaters aus dem Geiste des Zynismus. Überhaupt der Zynismus! Er ist das heimliche Thema dieses herausfordernden, widersprüchlichen Abends und überraschenderweise ist er auch sein stärkstes Mittel. ... [Das Stück] führt zugleich die furchtbare Ökonomisierung der Anteilnahme vor." Auch Irene Bazinger von der FAZ fand den Abend hochinteressant: "Wie diese kühle theatralische Lektion in Sachen Politik und Geschäft erteilt wird, ist eine unbequeme und dabei elektrisierende Herausforderung."

Weiteres: Andrea Pollmeier war für die FR beim Frankfurter Festival "Fluchtpunkt Frankfurt". "Humor als Heimat": Im großen taz-Essay lässt Eckhard Henscheid seine Gedanken ums lachende Publikum bei Wagner, Polt und Jaeger kreisen.

Besprochen werden Matthias Hartmanns Regie-Comeback in Form der Dostojewski-Inszenierung "Der Idiot" in Dresden (SZ), Bastian Krafts "Schuld und Sühne"-Bearbeitung in Frankfurt (FR, FAZ), eine Dramatisierung von Klaus Manns "Mephisto" in Zürich (NZZ, Welt), Hakan Savas Micans Inszenierung von Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" am Maxim Gorki in Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Meg Stuarts Solo "Hunter" im Frankfurter Mousonturm (FR).
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Film

Der deutsche Regisseur Martin Moszkowicz hat gerade eine Serie - "Shadowhunters" - an Netflix verkauft. Aber die ist auf Englisch. Auf die Frage Hanns-Georg Rodeks von der Welt, ob er glaube, dass Netflix auch deutschsprachige Originalserien bringen werde, antwortet er: "Ich glaube, dass das noch eine Weile dauern wird - wenn es überhaupt dazu kommt, denn deren Geschäftsmodell heißt 'weltweit' mit über 70 Millionen Abonnenten. Ob man nur für deutsche Abos wirtschaftlich vernünftig produzieren kann, wage ich - derzeit - zu bezweifeln. Sollte man es trotzdem tun, dann vor allem aus Prestigegründen."

Besprochen werden der neue, von Marco Kreuzpaintner inszenierte "Polizeiruf" der von-Meuffels-Reihe (FR, Berliner Zeitung, FAZ, hier in der Mediathek), Jan Schmitts Dokumentarfilm "Mein Vater, sein Vater und ich" (taz), eine Verfilmung von Irène Némirovskys Roman "Suite française" (Welt) und Apichatpong Weerasethakuls "Cemetery of Splendour" (FAZ, SZ, unsere Kritik hier).
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Kunst


Gottfried Honegger, "Tableau Relief C 130" (1965), Foto: Koller Auktionen.

Guido Magnaguagno schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer, in Paris lebenden Malers Gottfried Honegger im alter von fast hundert Jahren und würdigt vor allem seine "Tableaux relief", "eine Kunstform in der Mittelzone zwischen Malerei und Skulptur, zuletzt auch Architektur, zwischen Fläche und realem Raum. Vermittlung auch zwischen Kunstwelt und Lebenswelt, zwischen Denken und Sehen. Die Schichten eines 'tableau relief' verbinden die Gesetze der Mathematik - wie jene seiner stupenden Computerzeichnungen von 1975 - mit den gewürfelten Zufallskonstellationen, die strenge Klarheit mit den Freuden der Unregelmäßigkeit."

In der Tagesspiegel-Reihe über Artefakte aus der Dahlemer Sammlung, die wegen des Umzugs ins Humboldt-Forum für geraume Zeit unzugänglich sein werden, schreibt Nicola Kuhn über den Stab der Maroons aus Surinam. Für eine Ausstellung in Aachen konnte ein bislang als verschollen geltendes Bild von Balthasar van der Ast wiederentdeckt, meldet Andreas Rossmann in der FAZ (mehr dazu in der Aachener Zeitung).

Besprochen werden die Ausstellung "Die schwarzen Jahre: Geschichten einer Sammlung 1933-1945" in der Nationalgalerie Berlin (SZ), Meinrad Schades Fotoband "Krieg ohne Krieg" (FR) und die Ausstellung "Under Fire" mit Hayyan Al Yousoufs Fotografien vom syrischen Bürgerkrieg in der Galerie Bunter Hund in Berlin (taz).
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Literatur

Thomas Lang rühmt bei volltext.net den norwegischen Erzähler und Essayisten Tomas Espedal, der ähnlich radikal aus seinem Leben erzählt wie Karl-Ove Knausgard: "Gewiss erzählt Tomas Espedal von lebensentscheidenden Momenten wie dem Tod seiner Frau. Doch er tut es auf sozusagen antidramatische Weise. Das alltägliche Dasein, wie wir es von uns selbst kennen, in seiner ganzen Banalität verleiht dem Geschriebenen genau die Wucht und Bedeutung, die früher aus der Zuspitzung und Verdichtung kam."

Weiteres: Die FAZ hat Annabelle Hirschs Text über Saul Bellows literarisches Chicago online nachgereicht. Besprochen werden neue Comics (The Quietus), Lou Andreas-Salomés "Mein Dank an Freud" (Jungle World), Radek Knapps "Der Gipfeldieb" (FR), Stephen Kings Thriller "Finderlohn" (Zeit) und Otto de Kats "Die längste Nacht" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Kleinschmidt über Adam Zagajewskis "Miłosz lesend":

"Wieder lese ich Ihre Gedichte,
geschrieben von einem Reichen, der alles begriffen hat,
und von einem Armen, dem das Haus genommen wurde,
..."
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Musik

"Das Leben auf der Höhe seiner Kunst und seines Images zu verlassen, ist das schwierigste, was einem schon zu Lebzeiten zur Legende erklärten Künstler gelingen kann", schreibt Cédric Rouquette in Slate.fr mit Blick auf David Bowie und sein Album "Blackstar". Und "Bowie ist vielleicht der beste Abgang der Popgeschichte gelungen. Der Abstand und die kritische Analyse seines letzten Werks werden es zeigen." einige Andere Beispiele fallen Rouquette immerhin ein, Jacques Brel zum Beispiel oder Johnny Cash.

Für keine gute Idee hält es Christian Schröder vom Tagesspiegel, die Hauptstraße in Berlin-Schöneberg in David-Bowie-Straße umzubenennen: Hierher war "Bowie gekommen, um vom Rock'n'Roll-Wahnsinn Abstand zu gewinnen und abzutauchen im bleigrauen Alltag der Mauerstadt. ... Wer David Bowie ehren möchte, der muss für die Erhaltung der Hauptstraße kämpfen." In der SZ würdigt Michael Moorstedt den überraschend verstorbenen Popstar unterdessen als Internetpionier, der bereits in den Neunzigern Songs und Live-Aufnahmen zum Download anbot und heutige Streamingservices vorhersah.

Weitere Artikel: Die im Prager Nationalmuseum zufällig gefundene, von Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieri komponierte Kantate KV 477a widerlegt erstmals ganz handfest die Legende von der erbitterten Konkurrenz zwischen Wolfgang Amadeus Mozart und Antonio Salieri, freut sich Werner M. Grimmel in der FAZ. Frederik Hanssen vom Tagesspiegel besucht die Studioaufnahmen der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker.

Besprochen werden ein Konzert von Maurizio Pollini und den Berliner Philharmonikern (Tagesspiegel), ein "Wandelkonzert" unter dem genialischen Dirigenten Teodor Currentzis und mit Begleitung von Sasha Waltz' Tänzern im Berliner Radialsystem (Elmar Krekeler von der Welt war nur halb begeistert), das Debüt von Cut Out Club (taz), das Berliner Konzert der Hinds (Tagesspiegel), ein Konzert der HR-Sinfoniker unter Hugh Wolff in Frankfurt (FR) und eine Tschaikowsky-Aufnahme von Elena Bashkirova (FAZ).
Archiv: Musik