Efeu - Die Kulturrundschau

Alphatiere und Peitschenknaller

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08.07.2014. Die taz feiert eine Selbstverbrennung beim filmhistorischen Festival Ritrovato. Taz, Welt und Berliner Zeitung schunkeln mit Dolly Parton. Tex Rubinowitz beschreibt in der Welt seine beinhart stalinistische Schreibschule. So toll wie 1789 war 1968 nun wahrlich nicht, schnaubt die FAZ nach einem "Prinz Friedrich von Homburg" in Avignon, der der nachtkritik neue ästhetische Perspektiven eröffnete. Das waren Zeiten, als Künstler andere Künstler durchsetzten, seufzt die Welt in der Willi-Baumeister-Retrospektive.

Bühne


(Foto: Christophe Raynaud de Lage)

Reichlich missmutig berichtet Gerhard Rohde in der FAZ vom Festival von Avignon, wo sich gerade Giorgio Barberio Corsetti daran versucht, Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" mit dem Geist der Achtundsechziger zu verbinden: "Ein Thema, welches das ganze Festival in diesem Jahr durchzieht, mon dieu!, so toll wie 1789 war 1968 ja doch wahrlich nicht!", ächzt da der Kritiker, der überdies auch an den Schauspielern kein gutes Haar lässt: "Es wurde chargiert, was das Zeug hielt." Mais au contraire, schallt es aus der Nachtkritik dem Frankfurter Blatt entgegen: "Mit großartigen Schauspielern, die trotz der starken Windstöße bis zum Abbruch mit hoch stilisierter, poetischer Sprache überzeugten, ist dem Regisseur eine Produktion geglückt, die dem Festival in Avignon neue ästhetische Perspektiven eröffnet. Den Duktus des Gründers Jean Vilar, Poesie und Politik zu verschmelzen, führt diese Regiearbeit mustergültig fort", schreibt Elisabeth Maier restlos begeistert.

Außerdem: Joseph Hanimann hat sich für die SZ in Avignon das von Festivalleiter Oliver Py inszenierte Stück "Orlando ou l"impatience" angesehen: "Theater wird hier gefeiert als die einzige Kunstform des Spiels mit dem Spiel. Das Zeigen ist Teil des Gezeigten." Für die Nachtkritik hat Lea Kosch ein "Faust II" gewidmetes Festival im Münchner Residenztheater besucht: "Innovative Regie-Ideen hatte der diesjährige Marstallplan nur wenige zu bieten. Vielleicht müssen die Jungen erst noch an ihrer Wildheit arbeiten." In der SZ berichtet Reinhard J. Brembeck vom Festival in Aix-en-Provence, wo sich die Streiks der Techniker und Bühnenarbeiter auch in den Inszenierungen widerspiegeln, so etwa in einer Aufführung von Mozarts "Zauberflöte": Regisseur "McBurney zeigt auf schwarzer, fast leerer Bühne den brutalen sozialen Umbruch. ... Hier entsteht ein moderner Staat, dessen humanistische Ansprüche so rigide sind wie die absolutistischen der Vergangenheit. Was angesichts der aufgewühlten Situation in Aix umso mehr auffällt."

Besprochen werden Sonja Trebes "Rigoletto"-Inszenierung am Staatstheater Kassel (FR) und Christian Stückls Inszenierung des "Sommernachtstraums" in Oberammergau (FAZ) .
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Film

Beim filmhistorischen Festival Ritrovato in Bologna kann man noch live bei der Vorführung durchbrennendes Filmmaterial erleben, begeistert sich Lukas Foerster in der taz. "Gerade dieser Moment des radikalen Bruchs des Bilderflusses, diese spontane Selbstvernichtung kinematografischer Raumzeit, [brachte] auf den Punkt, warum das "Cinema Ritrovato" vor allem in der letzten Zeit zu einem, wenn nicht zu dem zentralen europäischen Filmfestival geworden ist: Hier kann man noch, Jahr für Jahr aufs Neue, jene radikale Sterblichkeit nachvollziehen, die dem Kino eignete, solange es von jeweils singulären Trägermedien abhängig war: Jede Filmkopie hat ein eigenes Leben, jede stirbt, wenn sie nur lange genug (...) durch die Projektoren gerattert ist, ihren eigenen Tod."

Tolle Frisur, was? Ein Ausschnitt aus Robert de Niros Taxifahrerlizenz von 1976, die Dan Colman für Open Culture ausgegraben hat: "As part of De Niro"s meticulous preparation for "Taxi Driver", writes Andrew J. Rausch in "The Films of Martin Scorsese and Robert De Niro", the actor spent some weekends as a cabbie. On one occasion, a passenger recognized him and asked him if he was Robert De Niro. The passenger, who also happened to be an actor, then quipped: "Well, that"s acting. One year the Oscar, the next you"re driving a cab!" (I"d really like to believe that story is true.)"

Roland Huschke spricht in der SZ mit der Filmkomikerin Melissa McCarthy, deren aktueller Film "Tammy" gerade im Kino läuft. Christine Käppeler amüsiert sich im Freitag mit der professionell erstellten Web-Serie "High Maintenance", in der ein Fahrradkurier Marihuana ausliefert. Hier die aktuellste Folge:

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Literatur

Bachmann-Preisträger Tex Rubinowitz zeigt sich im Interview mit der Welt etwas genervt von dem ganzen Rummel um seine Person, spielt dann aber brav mit und nutzt die Gelegenheit, an seinen Freund, den verstorbenen Wolfgang Herrndorf zu erinnern: "Ohne ihn und das Forum der "Höflichen Paparazzi", wo Alphatiere und Peitschenknaller wie Kathrin Passig und er die Meinungsführerschaft innehatten, hätte ich nie geschrieben. Das war eine beinhart stalinistische Schreibschule. Aber ich wusste, dass Herrndorf meine Sachen mochte. Den Duktus und den Flow habe ich im Forum gelernt."

Weitere Artikel: Für die FR blättert Arno Widmann in Johann Heinrick Mercks Rezensionen aus dem 18. Jahrhundert. In der Welt berichtet Andreas Breitenstein von den Leukerbader Literaturtagen. In der FAZ staunt Hannes Hintermeier über den sensationellen Erfolg der Autorin Hanni Münzer, die mit ihren selbstverlegten E-Book-Romanen seit Monaten die Downloadcharts anführt.

Besprochen werden eine von Vittorio Magnago Lampugnani herausgegebene "Anthologie zum Städtebau" (NZZ), eine Monografie des Fotografen Sergio Larrain (NZZ), Sibylle Lewitscharoffs Krimi "Killmousky" (NZZ), Eiríkur Örn Norddahls "Böse" (FR), Faramerz Dabhoiwalas "Lust und Freiheit" (Berliner Zeitung), Bastien Vivès" Comic "Die Liebe" (Tagesspiegel), Elias Canettis "Buch gegen den Tod" (Zeit), Pat Barkers "Tobys Zimmer" (SZ), Esther Dischereits "Blumen für Otello" (taz) und Ulrike Draesners "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

Jan Feddersen von der taz erliegt dem trashig-patenten Charme von Country-Ikone Dolly Parton, die in Berlin gerade einen sehr augenzwinkernden Auftritt absolviert hat. Dabei war "gut zu erkennen, was sie zu einer Macht im Entertainment gemacht [hat]. Die 68 Jahre junge Frau ist von feinster Warmherzigkeit. ... Alles Gequalm um das Authentische, das Echte, das Natürliche ist durch ihre schiere Existenz pulverisiert. Sie weiß sich moralisch, und das heißt biografisch, auf der richtigen Seite." Michael Pilz (Welt) fühlte sich wie auf einem "mütterlichen Liederabend". Und auch Thomas Kröter von der Berliner Zeitung ist schwer angerührt: "Die ganze bunte Dolly-Gemeinde, sie kuschelt sich in das universelle Versprechen, geliebt zu werden. Schunkel." Auf Youtube schunkeln wir mit:



Von ungleich feineren, sehr sinnlichen Genüssen berichtet unterdessen Eleonore Büning in der FAZ, die sich in Ludwigsburg von Christina Pluhar bearbeitete Konzerte, darunter das "Stabat Mater" von Giovanni Battista Pergolesi, angehört hat: "Männer-Sopran und Männer-Alt, einander jagend im Fugato, einander umschlingend und übertrumpfend mit virtuosen Trillern, Passagen und langen, noch längeren Liegetönen, einander verlierend in Konkurrenz zueinander, einander umarmend in Symbiose: diese Mariensequenz ist eine zutiefst erotische Musik."

Außerdem: Für The Quietus spricht John Freeman mit den Elektro-Tüftlern von To Rococo Rot. Neue Zollbestimmungen machen Orchestern die Einreise in die USA schwer, berichtet Gregor Etscheit in der taz. Rainer Hermann porträtiert in der FAZ die kurdische Sängerin Aynur. Thorsten Keller führt in der FR ein großes Jubiläumsgespräch mit den Fantastischen Vier, die 25-jähriges Bestehen feiern.

Besprochen werden Sia Furlers "1000 Forms of Fear" (Zeit) und Lana Del Reys neues Album "Ultraviolence", das Klaus Birnstiel im Freitag zum Philosophieren über den Kitsch anregt.
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Design

Kein Wunder, dass die Franzosen aus der WM rausgeflogen sind - bei den Schuhen, schnaubt Barbara Möller in der Welt: "Man kann sich richtig vorstellen, wie sich der arme Giroud - Nationaltrainer Deschamps: "In der Luft ist er stark!" - auf dem Weg zum Tor verzweifelt fragte: Ich weiß, ich schieß mit links, aber ist links nun pink oder türkis?"
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Stichwörter: Pink, WM

Kunst



In Frankreich galt Willi Baumeister Ende der vierziger Jahre als der deutsche Picasso, Künstlerfreunde wie Fernand Léger trugen nicht wenig dazu bei, ihn bekannt zu machen, lernt Hans-Joachim Müller (Welt) in der Baumeister-Retrospektive, die nach Stuttgart jetzt in Duisburg gezeigt wird: "Man kann das heute unter der Regie des großen Geldes kaum noch ermessen, wie sich damals Szenen bildeten und kulturelle Milieus durchsetzten. Dass es einmal nicht Sammler und Spekulanten waren, die die Hitzewellen auslösten, dass die Künstler noch selber ihre Betriebstemperaturen regulierten, es klingt wie eine Mär aus vorgeschichtlicher Zeit. So gesehen ist es ein nicht geringes Verdienst der großen Baumeister-Ausstellung, die nach ihrer Stuttgarter Premiere nun im Duisburger Museum Küppersmühle angekommen ist, das Werk erstmals im europäischen Kontext zu zeigen und mit einer Fülle von bislang unpubliziertem Material den internationalen Rang des Künstlers aufzupolieren."

Besprochen wird außerdem Paul Chans Ausstellung "Selected Works" im Schaulager Basel (FAZ).
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