Efeu - Die Kulturrundschau

Starren in Abgründe

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11.09.2026. Gerhard Richter bekommt einen eigenen Pavillon in Qatar, meldet Monopol: Der einzig richtige Ort, findet er. In der FR erzählt der Regisseur Jan-Christoph Gockel von seinen Gesprächen mit russischen Soldaten, in denen doch noch ein Gewissen zu schlummern scheint. Dass Yuval Abrahams und Rachel Szors Film "Naza", in dem IDF-Ehemalige über den Gazakrieg sprechen, im Wettbewerb in Venedig gezeigt wird, schadet dem Festival, findet Zeit Online. Die FAZ tankt ein wenig Restenergie mit Franz Marc in Düsseldorf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2026 finden Sie hier

Kunst

Es ist immer wieder erstaunlich, wer alles korrumpierbar ist: Ausgerechnet Gerhard Richter, Schöpfer unter anderem des Birkenau-Zyklus, wird das neue Prestigeprojekt von Qatar, verkündete Scheicha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa al Thani, Chefin der zentralen Kulturbehörde Qatar Museums und Schwester des regierenden Emirs gestern in der Neuen Nationalgalerie in Anwesenheit von Klaus Biesenbach. "In der Nähe des Museums für Islamische Kunst wird ein sechseckiges Bauwerk namens 'Doha Pavilion' stehen, das von Richters Künstlerbuch 'Patterns' (2011) und seinen 'Strip'-Bilder inspiriert ist und sie auch beherbergen wird", erfahren wir von Ingo Arend bei Monopol. Richter selbst ließ verlauten: "Architektur und Geschichte der Stadt inspirierten mich zu der Idee für einen Pavillon, der die thematischen Stränge dieses Werkes in sich vereinigen würde. Doha ist der richtige und gleichzeitig der einzige Ort für meinen Pavillon". Kritische Einwände wurden auf der Pressekonferenz von der Scheicha weggelächelt, berichtet Arend: "Die Journalisten-Frage, wie Gerhard Richters Aufarbeitung des Holocaust - etwa in seinem 'Birkenau'-Zyklus von 2014 - zu einem Land passe, das die Hamas unterstützt habe, gab die Scheicha mit dem Verweis auf die knieende Hitler-Figur und die Asche im Feuerlöscher zurück, mit der Maurizio Cattelan in seiner gerade eröffneten Schau die Frage nach der deutschen Verantwortung aufgenommen hatte."

Franz Marc: "Der tote Spatz". 1905. Privatbesitz. Bildquelle: Wikipedia

Wem jetzt nach "Eskapismus" zumute ist, dem rät Stefan Trinks in der FAZ zum Besuch der großen Franz-Marc-Retrospektive im Düsseldorfer K20, deren erklärtes Ziel es ist, "etwas Erhebendes als Antidot zum täglichen Starren in Abgründe zu bieten." Dabei zeigt die "fulminante" Schau, dass Marc weit mehr war als nur ein Maler fröhlicher Tierbilder, notiert Trinks etwa mit Blick auf das frühe Gemälde "Der tote Spatz" von 1905, "dessen noch leicht nach oben weisende Flügel eine Restenergie oder Auferstehungshoffnung bis zuletzt aufzuweisen scheinen und ein geradezu unheimliches Echo im aufgewühlten erdfarbenen Hintergrund erzeugen. … Am 'Toten Spatz' zeigt sich, warum selbst heute, 110 Jahre nach Marcs Tod, die Tierbilder unmittelbar berühren: Man kennt und teilt instinktiv viele der Gefühle, die hinter und in ihnen stecken." In der Welt enthüllt Boris Pofalla zwölf vermeintlich unbekannte Fakten über Marcs Leben.

Weitere Artikel: In der SZ gibt Peter Laudenbach einen Überblick über die Berlin Art Week. Im Tagesspiegel erklärt Udo Badelt am Beispiel der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung, wie man einen Künstlernachlass vorbildlich verwaltet. Ende 2027 soll sogar ein eigenes Museum in Plüschow in Mecklenburg-Vorpommern, entworfen von Francis Keré eröffnen. Im Standard meldet Katharina Rustler, dass Lonnie Bunch, Leiter des Smithsonian, die Institution verlässt. Noura bint Mohammed Al Kaabi, Staatsministerin im Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate, träumt drei Monate vor Eröffnung des Guggenheim Abu Dhabi von noch mehr kultureller Expansion, wie sie im Monopol-Gespräch mit Elke Buhr verrät: "Vielleicht werden die Bohrinseln eines Tages Kunstinstallationen werden... Ich wünsche mir, dass irgendwann Kuratorinnen aus den VAE nach Deutschland kommen und dort Ausstellungen machen..."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "The Defeated: The Aesthetics of Resistance 2026" in der Stockholmer Bonniers Kunsthalle, die Peter Weiss' Dokuroman "Ästhetik des Widerstands" mit Werken moderner Kunst zusammenbringt, um nach einer "Vision eines Widerstands gegen den Faschismus" zu suchen: Dass mit der Arbeit "Oracles" des tschechischen Künstlers Zbyněk Baladrán ein Werk zur Israelkritik prominent platziert wird, "während solche zum erstarkenden Rechtspopulismus, dem eigentlichen Gegner, fehlen", verleiht der Ausstellung allerdings eine "merkwürdige Unwucht", meint Ingo Arend in der taz.
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Film

"NAZA" von Yuval Abraham und Rachel Szor

Mit ihrem pro-palästinensischen Dokumentarfilm "No Man's Land" hatten Yuval Abraham und Rachel Szor auf der Berlinale 2024 für eine große Kontroverse gesorgt. Nun zeigt Venedig ihren neuen Film "Naza". Für diesen sprechen die beiden auf einem Dach in Tel Aviv nachts mit ehemaligen IDF-Datenanalysten über den Gazakrieg. Der Begriff "Naza" ist dabei die Bezeichnung für Kollateralopfer. "Auf der IDF-Todesliste, so behauptet der Film, stehen rund 40.000 Hamas-Verdächtige", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Die Ziele würden von der KI empfohlen, die sämtliche Handys im Gaza-Streifen überwache und in deren Daten nach einem 'Hamas-Profil' suche; eine Fehlermarge von bis zu 15 Prozent sei einkalkuliert. ... Der Algorithmus - so behauptet es der Film - (vor)entscheidet also über Leben oder Tod. Den Angriffsbefehl geben Menschen, nachdem vorher der NAZA-Wert berechnet wurde: Wie viele Kollateral-Tote könnte ein Angriff kosten? Es gab, sagen die Insider in Abrahams Film, verschiedene Quoten je nach Wichtigkeit des Ziels; zeitweise wurden bis zu 500 unbeteiligte Tote für einen Hamas-Führer bei einem Schlag in Kauf genommen."

"Bei manchen hört man Stolz über die Effizienz des Systems heraus", schreibt Katja Nicodemus in der Zeit, "bei anderen ein inneres Kopfschütteln, zu diesem System zu gehören. Bei wieder anderen glaubt man unter den sachlichen Schilderungen eine Vorstufe von Reue zu spüren." Allerdings findet es Nicodemus auch "effekthascherisch", dass dieser Film im Wettbewerb und nicht außer Konkurrenz gezeigt wird: "'Naza' hat keine künstlerische dokumentarische Form, und als investigatives Dokument muss er sie auch nicht haben. ... Die kalkulierte Vermischung von Kunst und investigativem Aktivismus schadet allen: dem Festival, dem Film selbst - und der Jury." Weitere Kritiken in FR, Standard und SZ.

Rüdiger Suchsland staunt auf Artechock über Ilya Khrzhanovskys Großprojekt "Dau", das gestern in der FR noch schwer verrissen wurde (unser Resümee): Dieser Film schafft es, "in Farben und Atmosphäre unbewusste Erinnerungen zu wecken, das 20. Jahrhundert wiederaufleben zu lassen. So ist das eigentlich seit Bernardo Bertolucci, seit '1900' und 'Der letzte Kaiser' niemandem geglückt." Olaf Möller sieht es auf critic.de ein wenig differenzierter: Das ist "Kino mit großem K, aber auch ein Flickwerk, das dramaturgisch nicht funktioniert, weil die verschiedenen Gestaltungszugänge sich nicht zu einer allen Brüchen und Synkopen zum Trotz geschlossenen Form fügen wollen." tazler Tim Caspar Boehme kommt benommen aus dem Kino: "Die Permanenz von Gewalt und Sex in dieser rekonstruierten UdSSR erschöpft mehr, als dass sie erschreckt."

Mehr vom Lido: Rüdiger Suchsland feiert auf Artechock Hirokazu Koreedas "Look Back". Felicitas Kleiner (Filmdienst) sieht Casey Afflecks "Company" und Florian Zellers "Bunker" mit Penélope Cruz und Javier Bardem sowie an dieser Stelle Alex Gibneys Dokumentarfilm "Musk", gegen den der dort nicht eben positiv porträtierte Tech-Milliardär nun eine Klage angekündigt hat. Schnellen Überblick verschafft der Kritikenspiegel von critic.de.

Abseits vom Lido: Die Welt hat Jan Küvelers Gespräch mit dem Regisseur Darren Aronofsky online nachgereicht, der sehr interessiert daran ist, KI für seine Filme einzusetzen. Thomas Willmann spricht für Artechock mit Rainer Stefan, dessen auf Horror und Science-Fiction spezialisiertes Fantasy Filmfest mittlerweile zum 40. Mal durch Deutschland tourt. Sascha Kellermann empfiehlt auf critic.de Radley Metzgers SM-Kunsterotikfilm "The Image", der heute im Filmrauschpalast in Berlin zu sehen ist. Außerdem empfiehlt das SZ-Feuilletonteam Bücher, mit denen man den 11. September und dessen Folgen besser verstehen kann, darunter "Vice - Der Zweite Mann" mit Christian Bale als Dick Cheney.

Besprochen werden Güner Balcıs Doku über den Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, der nach 60 Jahren in den USA nach Deutschland zurückkehrt (Zeit Online), Quentin Dupieuxs Animationsfilm "Le vertige" (Perlentaucher), Fabrice Aragnos "Le Lac" (Perlentaucher), Jonatan Etzlers "Bad Apples" (Artechock), die letzte Staffel der ARD-Serie "Bablyon Berlin" (Welt, FAZ), Alicia MacDonalds Komödie "Finding Emily" (FAZ) und Emin Alpers vorerst nur in der Schweiz startender Film "Salvation" (NZZ). 

Und an diesem Tag: Eine der schönsten Aufnahmen des World Trade Centers gelang Klaus Lemke 1973 für seinen wunderbaren TV-Film "Sylvie" - der Umflug wirkt heute wie eine insistierende Rekonstruktion, auf dem Dach drehten sie ein Foto-Shooting - noch bevor das World Trade Center fertiggestellt war. 

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Bühne

Der Regisseur Jan-Christoph Gockel wird den "Schwejk" am Schauspiel Frankfurt inszenieren, zuerst im Original nach Jaroslav Hašek, dann nach Bertolt Brecht und schließlich in einer dritten Version unter dem Titel "Bachmut". Im FR-Gespräch mit Judith von Sternburg erzählt er von den Gesprächen, die in Vorbereitung für das Stück anonym mit russischen Soldaten geführt wurden: "Das sind unter anderem die Gedanken und die Reflexionen eines Soldaten, der nach seinem Dienst auf das schaut, was er getan hat. Vor zwei Tagen gab es noch einmal einen Kontakt. Er wurde gefragt: 'Würdest du zustimmen, wenn der Krieg jetzt endet, dass die Leute, die sich schuldig gemacht haben, ins Gefängnis gehen?' Darauf sagte er: 'Fuck, was? Dann müsste ich ja ins Gefängnis.' Und dann fing er an zu überlegen. Na gut, dann müsste auf jeden Fall die Regierung ins Gefängnis. Und für Leute wie ihn, sagte er, gebe es doch Spezialisten, die das beurteilen müssten. Das Völkerrecht also. Da ist Reflexionsraum, und man sieht auch, dass diejenigen recht haben, die sagen: So brutal und diktatorisch es zugeht, da gärt trotzdem etwas."
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Literatur

Tobias Lehmkuhl resümiert für Zeit Online Adania Shiblis Auftitt beim Internationalen Literaturfestival Berlin, wo die Autorin aus ihrem neuen Roman "Täuschung" las. Tilman Spreckelsen (FAZ) und Willi Winkler (SZ) schreiben Nachrufe auf den Literaturkritiker Karl Corino. Außerdem empfiehlt das SZ-Feuilletonteam Bücher, mit denen man den 11. September und dessen Folgen besser verstehen kann, darunter Nico Walkers Roman "Cherry".

Besprochen werden unter anderem Christian Buckards "Café Babylon. Berlin, Romanisches Café 1913-1933" (FAZ, hier unsere Leseprobe), Clemens Böckmanns "Das richtige Leben des Alvaro Maderholz" (FR), Souvankham Thammavongsas "Frag nach Susan" (FR) und Jean Rolins "Joséphine" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Einerseits ist das natürlich erfreulich, wenn die Berliner Philharmoniker Bilanz ziehen und stolz verkünden, welchen Wert sie Berlin liefern, schreibt Karl Keller auf Backstage Classical. Doch sind solche Kalkulationen mindestens ein zweischneidiges Schwert: "Jede Rechnung dieser Art verschiebt den Streit von der Kunstfreiheit zur Zweckmäßigkeit - und dort ist Kultur nicht geschützt. Das Wirtschaftlichkeitsargument ist dann kein Ziel mehr, sondern ein praktischer Türöffner. Die Freiheit der Kunst steht im Grundgesetz. Wer sie beschneiden will, muss damit rechnen, in Karlsruhe zu landen. Wer das Geld streicht, braucht nur eine Mehrheit. Ein Orchester, das sich selbst zum 'effizienten Kulturbetrieb' erklärt, hat die Diskussion damit freundlicherweise schon in den kleineren Raum verlegt."

In den Neunzigern zählte die amerikanische Punkband Team Dresch zur Speerspitze von Riot Grrrl und Queercore, nach dreißig Jahren kehrt die Band nun in Originalbesetzung mit dem neuen Album "Furthermore" zurück. Die Platte "aktualisiert die Haltung des Quintetts angesichts einer Gegenwart, die weltweit von Rechtsruck, einem Rollback von sexueller Selbstbestimmung und Hassattacken auf queere Menschen gekennzeichnet ist", schreibt Jana Sotzko in der taz. "Insbesondere das Debütalbum 'Personal Best' gilt als Musterbeispiel explosiver Punkenergie, mit dem Auftaktsong 'Fagetarian and Dyke' als Einfallstor in eine Ästhetik der Dringlichkeit. Im Vergleich beginnt 'Furthermore' verhaltener, macht aber mit dem vertrackten Rhythmus der Vorabsingle "One Song" deutlich, dass das Songwriting aktuell mindestens so smart ist."



Weitere Artikel: Stefan Frommann spricht für die Welt mit Popstar Tove Lo. Besprochen werden Ty Segalls neues Album "Chrome" (taz) und ein von Manfred Honeck dirigiertes Dvořák-Konzert des Pittsburgh Symphony Orchestra in Wien (Standard).

Und an diesem Tag: dieser Liebesbrief der Beastie Boys aus dem Jahr 2004 an New York

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