Efeu - Die Kulturrundschau
Es beginnt eine gedankliche Autolyse
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02.05.2026. Die Jury der Biennale von Venedig ist zurückgetreten, FAZ und Welt weinen ihr keine Träne nach. In der FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erzählt Florentina Holzinger, was sie für den österreichischen Pavillon geplant hat. Wenig originell findet die Welt James Vanderbilts Film "Nürnberg", aber Russell Crowe als Hermann Göring ist toll. Die SZ feiert den Schauspieler Thomas Schmauser, der beim Theatertreffen als explosiver Mephisto bewundert werden kann. Welt und taz unterhalten sich mit dem Regisseur Sebastian Hartmann, der mit gleich zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
02.05.2026
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Kunst
Die Jury der Biennale von Venedig ist nach Kritik an ihrer Entscheidung, Russland und Israel von der Auswahl für die Löwen auszuschließen, zurückgetreten. Niklas Maak weint ihr in der FAZ keine Träne nach: Dass der israelische Künstler Belu-Simion Fainaru "einer der vielen liberalen Menschen in Israel sein könnte, die Aussöhnung mit den Palästinensern erträumen ... dass man, wenn der Krieg je enden soll, auf beiden Seiten Menschen wie Fainaru braucht, der seit drei Jahrzehnten jüdische und arabische Künstler zusammenbringt - all das war der Jury egal. Er kommt aus Israel, er kriegt keinen Preis. Diese Argumentation zeigt, wie heruntergekommen Teile der Kunstszene sind, die einerseits mit unendlichen Wortgirlanden und großer Differenzierungswut das Recht auf individuelle heteronormative Lebensgestaltung verteidigen und jede Form von klischeehafter Verallgemeinerung als faschistisch anprangern - aber dann alle Menschen wegen ihrer Herkunft etwa aus Israel über einen Kamm scheren".
Auch Marcus Woeller ist in der Welt froh über den Rücktritt der Jury: "Eine Jury ist nicht dafür da, geopolitische Sanktionen im Gewand ästhetischer Urteile auszusprechen. Sie soll Werke sehen, Vergleiche treffen, Urteile begründen. Wenn sie stattdessen Herkunftsstaaten moralisch vorsortiert, entzieht sie der Kunst die Autonomie, die sie im Namen der Menschenrechte zu verteidigen vorgibt." Der Goldene Löwe soll jetzt vom vom Publikum verliehen werden, berichtet Peter Richter in der SZ: "Ob so ein Publikumsvotum dann weniger politisch gefärbt ist, darf man allerdings schon aus den Erfahrungen mit dem Eurovision Song Contest bezweifeln."
In der FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erklärt Nikolai Klimeniouk, warum es nicht dasselbe ist, ob Israel oder Russland an der Biennale teilnehmen. Während der israelische Künstler in Opposition zur rechten Regierung Netanjahus steht, wird der russische Pavillon von der Kommissarin Anastasia Karneeva kuratiert: "Seine Steuerung wurde neu organisiert, mit dem Ziel, Russlands Einfluss in der zeitgenössischen Kunst auszubauen und Goldene Löwen zu gewinnen. Die operative Kontrolle ging an die Firma Smart Art, die Karneeva gemeinsam mit der Tochter des russischen Außenministers, Jekaterina Winokurowa, gegründet hatte. Karneeva selbst ist Tochter des Vizechefs des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, dessen Chef Sergej Tschemesow zu den engsten Vertrauten Putins gehört."
Ebenfalls in der FAS stellt Maak noch das Programm der Biennale vor und lässt sich von Florentina Holzinger erzählen, was sie für den österreichischen Pavillon plant: "Ihre neue Arbeit in Venedig heißt 'Seaworld Venice', die ganze Laufzeit über werden Performerinnen im Pavillon sein, im Wasser", erzählt im Holzinger. "In Venedig, an der Adria, wo sich Superyachten und Flüchtlingsschiffe begegnen, die durch Reichtum abgeschirmten, perfekten und die ausgesetzten Körper, bekommt es eine andere Wendung. ... Venedig reinige sich jeden Tag durch Ebbe und Flut, sagt Holzinger, das abfließende Wasser bei Ebbe trage den Dreck fort aus den Kanälen. Wenn die Meeresspiegel weiter ansteigen und der Moses-Damm zum Schutz der Lagune fast täglich geschlossen werden müsste, wäre es damit vorbei; Ende des Jahrhunderts könnte es so weit sein. Die Seaworld handelt von beidem: vom Traum von karibisch grünem Wasser und maledivenweißen Stränden und von der Angst vor Verunreinigung, Keimen im Wasser, schwimmenden Exkrementen".
Außerdem zur Biennale: In der FAS porträtiert Karen Krüger den Präsidenten der Venedig-Biennale, den zum Islam konvertierten Schriftsteller Pietrangelo Buttafuoco: "Meloni holte den ehemaligen Funktionär der Fronte della Gioventù, der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), der sie auch selbst angehörte, als ideologische Wunderwaffe in die Lagune." Ronya Othmann besucht den syrischen Pavillon, den Sara Shamma bespielt, die schon mit dem Assad-Regime gut konnte. Yelizaveta Landenberger trifft in Berlin die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova und ihren Betonhirsch, den sie gerade noch vor der russischen Invasion im Donbas retten konnte, auf dem Weg zur Biennale: "Im Pokrowsker Park war der Origami-Hirsch auf einem Sockel montiert, auf dem zu Sowjetzeiten noch ein atomwaffenfähiges Su-7-Kampfflugzeug als Zierobjekt stand. In Venedig wird Kadyrovas Skulptur nun an einem Kran hängend in den Giardini zu sehen sein - im Schwebezustand, so wie die Sicherheitsgarantien, die der Ukraine nach dem Zerfall der UdSSR zugesagt worden waren."
Georg Baselitz ist tot. Arno Widmann schreibt in der FR einen fröhlichen Nachruf. "Wer auf Baselitz' farbenfrohes Spätwerk schaut, der kommt keine Sekunde auf die Idee, diese energische, lebensbejahende, hoffnungsfrohe Kunst sei angesichts des nahenden Todes entstanden. Ich weiß nicht, ob sie aus der Leugnung des Laufs der Dinge entstanden oder aber ein Produkt des Stolzes sind. Stolz darauf, den Kopf oben behalten zu haben, statt sich von der Neigung zu Melancholie oder Depression - angesichts des offensichtlich unaufhaltsamen Schwindens der Kräfte - unterkriegen zu lassen. Es sind Bilder der Stärke. Nicht nur der Stärke des Georg Baselitz. Sie erzeugen auch im Betrachter Stärke, jedenfalls den Gedanken, dass man sich nicht der Schwerkraft des Niedergangs hingeben muss."
In der FAZ schreibt Stefan Trinks den Nachruf auf Georg Baselitz, und Robert von Lucius schreibt zum Tod des Konzeptkünstlers Timm Ulrichs. Weitere Nachrufe auf Baselitz Julia Encke in der FAS und Till Briegleb in der SZ.
Weitere Artikel: In der Welt wünscht sich der ehemalige Museumsleiter Stephan Berg etwas weniger "tugendhafte Überhitzung" und etwas mehr "Ambiguitätstoleranz" bei Ausstellungsmachern. Andreas Platthaus begeistert sich in der FAZ für Barbara Anita de Gasc' renoviertes Gemälde "Anna Amalia und ihre Söhne" im Wittumspalais in Weimar. Laura Helena Wurth schildert in der FAS Eindrücke vom Gallery Weekend in Berlin. Michaela Nolte berichtet im Tagesspiegel von der Messe für zeitgenössische Kunst im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof.
Besprochen werden die Ausstellungen "Unter die Haut. Tattoos im Blick" in den Opelvillen Rüsselsheim (FAS), eine Retrospektive des Malers Giovanni Segantini, "Je veux voir mes montagnes", im Pariser Musée Marmottan (FAS) und "Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat" im Frankfurter Städel (Welt).
Auch Marcus Woeller ist in der Welt froh über den Rücktritt der Jury: "Eine Jury ist nicht dafür da, geopolitische Sanktionen im Gewand ästhetischer Urteile auszusprechen. Sie soll Werke sehen, Vergleiche treffen, Urteile begründen. Wenn sie stattdessen Herkunftsstaaten moralisch vorsortiert, entzieht sie der Kunst die Autonomie, die sie im Namen der Menschenrechte zu verteidigen vorgibt." Der Goldene Löwe soll jetzt vom vom Publikum verliehen werden, berichtet Peter Richter in der SZ: "Ob so ein Publikumsvotum dann weniger politisch gefärbt ist, darf man allerdings schon aus den Erfahrungen mit dem Eurovision Song Contest bezweifeln."
In der FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erklärt Nikolai Klimeniouk, warum es nicht dasselbe ist, ob Israel oder Russland an der Biennale teilnehmen. Während der israelische Künstler in Opposition zur rechten Regierung Netanjahus steht, wird der russische Pavillon von der Kommissarin Anastasia Karneeva kuratiert: "Seine Steuerung wurde neu organisiert, mit dem Ziel, Russlands Einfluss in der zeitgenössischen Kunst auszubauen und Goldene Löwen zu gewinnen. Die operative Kontrolle ging an die Firma Smart Art, die Karneeva gemeinsam mit der Tochter des russischen Außenministers, Jekaterina Winokurowa, gegründet hatte. Karneeva selbst ist Tochter des Vizechefs des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec, dessen Chef Sergej Tschemesow zu den engsten Vertrauten Putins gehört."
Ebenfalls in der FAS stellt Maak noch das Programm der Biennale vor und lässt sich von Florentina Holzinger erzählen, was sie für den österreichischen Pavillon plant: "Ihre neue Arbeit in Venedig heißt 'Seaworld Venice', die ganze Laufzeit über werden Performerinnen im Pavillon sein, im Wasser", erzählt im Holzinger. "In Venedig, an der Adria, wo sich Superyachten und Flüchtlingsschiffe begegnen, die durch Reichtum abgeschirmten, perfekten und die ausgesetzten Körper, bekommt es eine andere Wendung. ... Venedig reinige sich jeden Tag durch Ebbe und Flut, sagt Holzinger, das abfließende Wasser bei Ebbe trage den Dreck fort aus den Kanälen. Wenn die Meeresspiegel weiter ansteigen und der Moses-Damm zum Schutz der Lagune fast täglich geschlossen werden müsste, wäre es damit vorbei; Ende des Jahrhunderts könnte es so weit sein. Die Seaworld handelt von beidem: vom Traum von karibisch grünem Wasser und maledivenweißen Stränden und von der Angst vor Verunreinigung, Keimen im Wasser, schwimmenden Exkrementen".
Außerdem zur Biennale: In der FAS porträtiert Karen Krüger den Präsidenten der Venedig-Biennale, den zum Islam konvertierten Schriftsteller Pietrangelo Buttafuoco: "Meloni holte den ehemaligen Funktionär der Fronte della Gioventù, der Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI), der sie auch selbst angehörte, als ideologische Wunderwaffe in die Lagune." Ronya Othmann besucht den syrischen Pavillon, den Sara Shamma bespielt, die schon mit dem Assad-Regime gut konnte. Yelizaveta Landenberger trifft in Berlin die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova und ihren Betonhirsch, den sie gerade noch vor der russischen Invasion im Donbas retten konnte, auf dem Weg zur Biennale: "Im Pokrowsker Park war der Origami-Hirsch auf einem Sockel montiert, auf dem zu Sowjetzeiten noch ein atomwaffenfähiges Su-7-Kampfflugzeug als Zierobjekt stand. In Venedig wird Kadyrovas Skulptur nun an einem Kran hängend in den Giardini zu sehen sein - im Schwebezustand, so wie die Sicherheitsgarantien, die der Ukraine nach dem Zerfall der UdSSR zugesagt worden waren."
Georg Baselitz ist tot. Arno Widmann schreibt in der FR einen fröhlichen Nachruf. "Wer auf Baselitz' farbenfrohes Spätwerk schaut, der kommt keine Sekunde auf die Idee, diese energische, lebensbejahende, hoffnungsfrohe Kunst sei angesichts des nahenden Todes entstanden. Ich weiß nicht, ob sie aus der Leugnung des Laufs der Dinge entstanden oder aber ein Produkt des Stolzes sind. Stolz darauf, den Kopf oben behalten zu haben, statt sich von der Neigung zu Melancholie oder Depression - angesichts des offensichtlich unaufhaltsamen Schwindens der Kräfte - unterkriegen zu lassen. Es sind Bilder der Stärke. Nicht nur der Stärke des Georg Baselitz. Sie erzeugen auch im Betrachter Stärke, jedenfalls den Gedanken, dass man sich nicht der Schwerkraft des Niedergangs hingeben muss."
In der FAZ schreibt Stefan Trinks den Nachruf auf Georg Baselitz, und Robert von Lucius schreibt zum Tod des Konzeptkünstlers Timm Ulrichs. Weitere Nachrufe auf Baselitz Julia Encke in der FAS und Till Briegleb in der SZ.
Weitere Artikel: In der Welt wünscht sich der ehemalige Museumsleiter Stephan Berg etwas weniger "tugendhafte Überhitzung" und etwas mehr "Ambiguitätstoleranz" bei Ausstellungsmachern. Andreas Platthaus begeistert sich in der FAZ für Barbara Anita de Gasc' renoviertes Gemälde "Anna Amalia und ihre Söhne" im Wittumspalais in Weimar. Laura Helena Wurth schildert in der FAS Eindrücke vom Gallery Weekend in Berlin. Michaela Nolte berichtet im Tagesspiegel von der Messe für zeitgenössische Kunst im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof.
Besprochen werden die Ausstellungen "Unter die Haut. Tattoos im Blick" in den Opelvillen Rüsselsheim (FAS), eine Retrospektive des Malers Giovanni Segantini, "Je veux voir mes montagnes", im Pariser Musée Marmottan (FAS) und "Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat" im Frankfurter Städel (Welt).
Literatur

Die österreichische Schriftstellerin Raphaela Edelbauer schreibt nicht nur Romane, sondern betreibt auch einen YouTube-Kanal, auf dem sie Einblicke in ihr Schreiben und den Literaturbetrieb gibt. Katharina Mittelstaedt interviewt sie für die Zeit, auch zu der Frage, was der Betrieb von ihren Videos hält: "Ich bin halt die Erste, die das macht. Es ist unkonventionell und wirkt nicht ernst zu nehmend auf viele, weil sie es für lächerlich halten, Social Media zu machen. Manche finden es auch anmaßend, wenn ich zum Beispiel erkläre, wie man gute Dialoge schreibt. Aber ich wüsste nicht, was der Unterschied ist, ob man das an der Universität erzählt oder auf YouTube. Ich glaube, am Ende hat es vor allem etwas mit Gatekeeping zu tun."
Weitere Artikel: Die Forscher Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich von der Universität Bern verraten in der LitWelt, wieso es so wichtig ist, dass wir uns unsere Lektürefähigkeiten erhalten. Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn stellt in der LitWelt seine Biografie in Büchern vor. Jan Wiele trauert in der FAZ um den Literaturkritiker Volker Hage. Für die FR schreibt Jürgen Verdofsky den Nachruf. Gerrit Bartels erinnert im Tagesspiegel an den langjährigen Literaturchef des Spiegels. Das Literaturhaus Leipzig bleibt, meldet die FAZ, es wird in Zukunft kommunal gefördert. Simon Strauß erinnert in der FAZ an die Autorin Gerlind Reinshagen, die vor hundert Jahren geboren wurde. Christian Metz schreibt in der FAZ über seine Faszination für die Lyrikerin Nadja Küchenmeister.
Besprochen werden unter anderem Lukas Mi-Sa Nguyen Eggers "Vielleicht im Sommer" (LitWelt) , Judith Schalanskys "Marmor, Quecksilber, Nebel: Woraus die Welt gemacht ist" (taz) und Tomer Gardis "Liefern" (Standard). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Statius' "An den Schlaf":
"Welches Verschulden, du sanftester unter den Himmlischen, büß ich,
Welches Fehl, daß allein ich Armer nach deinen Geschenken
Darbe, o Schlaf?
..."
Film

Wenn man die Welt draußen ausblendet und sich ganz auf die Schönheit der Mode und das amüsante Spiel von Meryl Streep und Anne Hathaway einlässt, dann lässt sich David Frankels "Der Teufel trägt Prada 2" wirklich ganz gut sehen, findet Axel Timo Purr bei Artechock: "Man möchte diesen Film deshalb eigentlich immer wieder in Zeitlupe sehen, ihn gezielt anhalten, um die Momente 'stofflicher' Ekstase voll auszukosten. Das ist natürlich purer Eskapismus, aber einer, der sich seiner selbst bewusst ist. Dazu gehört dann auch nicht nur einfach ein Happy End, sondern ein Märchen-End, in dem nicht einmal die Bösen ganz ganz und gar abgestraft werden. Und vielleicht liegt ja dann darin die eigentliche Modernität dieses Films, ist er doch nicht so ganz aus der Zeit gefallen: in seinem Mut zur totalen, ja fast schon grotesken Unwahrscheinlichkeit. In einer Gegenwart, die von Unsicherheit und Fragmentierung geprägt ist, bietet er eine klare, fast altmodische Antwort: Wir brauchen diese Geschichten. Wir brauchen ihre Überhöhungen, ihre Schönheit, ihre Versprechen". Weitere Besprechungen in FAZ und der BlZ.
Weitere Artikel: Fritz Göttler erinnert in der SZ an "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" von Lotte Reiniger, den ersten Animationsfilm der Kinogeschichte, der vor hundert Jahren erschienen ist. Der Standard fasst die Kritiker am Michael-Jackson-Biopic "Michael" zusammen. Dunja Bialas ist für Artechock auf den Kurzfilmtagen Oberhausen unterwegs.
Besprochen werden die Apple-Serie "Widow's Bay" (Wams), die Netflix-Serie "Should I Marry a Murderer" (taz), die Amazon-Prime-Serie "Das Geisterhaus", basierend auf dem Roman von Isabel Allende (FAZ), der Zürich-Tatort "Könige der Nacht" (FAZ, SZ, FR, NZZ), "Tom und Jerry: Der verlorene Kompass" (SZ), die Thrillerserie "Secret Service" auf Magenta TV (SZ) und die HBO-Serie "Half Man" (NZZ).
Bühne

Der Schauspieler Thomas Schmauser hat letztes Jahr die drei bedeutendsten deutschen Theaterpreise gewonnen. Seine "flackernd feinnervige Schauspielkunst" kann man demnächst auch beim Theatertreffen in Berlin bewundern, wo er als "Mephisto" in Jette Steckels Inszenierung für die Münchner Kammerspiele auftritt, erzählt Christine Dössel (SZ) in ihrem Porträt des Schauspieler: "Der 53-Jährige verkörpert die Figur völlig vor- und werturteilsfrei. Als Theater-Maniac, der er auch selbst ist, stürzt er sich radikal - mit schlaffem Leib und wunder Seele - in den Absolutismus dieses Charakters, der die Kunst über alles setzt und glaubt, als Schauspieler der Politik entkommen zu können. Höfgens Credo: 'Es gibt kein Außerhalb von Theater.' Sein Körper weiß es besser und reagiert auf seine eigene Weise. Knickt ein, schlottert vor Angst, wabbelt, zappelt. Schmausers Höfgen hat epileptische Panikattacken, wie auch Gründgens sie hatte, und er liebt heimlich Männer, so wie jener. Die Bandbreite, mit der Schmauser das spielt, von steifer Verdruckstheit bis hin zu explosiven An- und Ausfällen, ist enorm und hat etwas schmerzhaft Pathologisches."

Ebenfalls zum Theatertreffen eingeladen ist Sebastian Hartmann - und zwar gleich zwei Mal: mit seiner Inszenierung des "Hauptmanns von Köpenick" am Staatstheater Cottbus und der Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Serotonin" am Hans Otto Theater in Potsdam. Jakob Hayner hat ihn für die Welt getroffen und ist beeindruckt von Hartmanns Kunstverständnis: "Hartmann wird nachgesagt, einer der letzten Romantiker des Theaters zu sein. Einer, der noch an die Kunst glaubt. Man versteht jedenfalls, was gemeint ist, wenn er von der Metaphysik des Theaters spricht. 'Die Kunst hat einen schöneren Klang, wenn sie mit der Seele in Kontakt tritt, nicht mit einem Diskurs', sagt Hartmann. 'Der Rest ist Realpolitik. Die bringt uns nur als Konsumenten zusammen, aber nicht als Menschen, die in ihrem Wesen immer mehr zurückgedrängt werden.'"
Im Interview mit der taz sprechen Hartmann und der Schauspieler Guido Lambrecht über Houellebecqs "Serotonin", aus dem sie ein fünfstündiges Solo für Lambrecht destilliert haben - was nicht nur wie ein Marathon klingt, sondern wohl auch einer ist: "Nach zwei Stunden kann Guido nicht mehr, das ist zu beobachten", sagt Hartmann. "Dann hört der Transport des Spielers auf. Dann beginnt der Spieler einsam zu sein, kommt in den Gedankenfluss. Für mich hat der Abend einen meditativen Charakter. Wenn man begreift, dass nichts anderes passiert, beginnt etwas Merkwürdiges. Man löst sich von seiner Erwartungshaltung. Halte ich das fünf Stunden aus? Das ist irgendwann egal. Es beginnt so etwas wie eine gedankliche Autolyse. Man fängt an, in sich selber zurückzufallen."
Weiteres: Volker Zander besucht für die taz den Sänger Josef Protschka, der vor 70 Jahren als Zwölfjähriger bei der Uraufführung von Karlheinz Stockhausens "Gesang der Jünglinge" die Vokalstimme beigetragen hatte. Besprochen werden Philippe Quesnes "Spooky Paradise" an der Berliner Volksbühne (nachtkritik, Tsp), Sasha Schewelews Inszenierung von Caren Jeß' "Heartship" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Alize Zandwijks Inszenierung des "Hamlet" am Theater Bremen (nachtkritik), die Uraufführung von Robert Seethalers "Vernissage" in der Inszenierung von Jana Vetten am Theater Bamberg (nachtkritik), Jakob Arnolds Inszenierung von Schnitzlers "Ruf des Lebens" im Schlosstheater Moers (nachtkritik), Anna-Elisabeth Fricks "Anatomy of Failing" am Theater Kiel (nachtkritik), die Uraufführung einer performativen Klassenfahrt: "Speed - Auf den letzten Metern" von Sarah Viktoria Frick, Martin Vischer und dem Ensemble am Landestheater Niederösterreich (nachtkritik), Yannic Han Biao Federers "Asiawochen" in Heidelberg (FR), die Ballett-Trilogie "Van Manen / Kylián / Goecke" am Theater Basel (NZZ) und Donizettis "Lucia di Lammermoor", "musterhaft gelungen" als "Lucie de Lammermoor" aufgeführt an der Opéra Comique in Paris (Welt).
Musik
In der taz lässt sich Yelizaveta Landenberger von Marko Halanevych, Mitglied der gerade durch Deutschland tourenden Kiewer Band DakhaBrakha, die musikalischen Besonderheiten der Ukraine erklären - und davon gibt es einige: "In den Karpaten gibt es fast keinen polyphonen Gesang. Er ist eher rhythmisch, und es geht um meditative Geschichten. Man sitzt da, hört zu und taucht in eine bestimmte Atmosphäre ein. In Polesien oder auch in der Region Dnipropetrowsk sind es laute, mehrstimmige Gesänge. Es gibt Lieder, die in der Region Luhansk aufgenommen wurden und die wir verwenden, es gibt Lieder aus Donezk und Cherson. Wir sind ziemlich divers für ein einziges Land." Gemeinsam mit Serhij Zhadan haben sie den Song "Ptakh" (Vogel) aufgenommen: "'Ptakh' ist seitdem für viele Ukrainer zu einem Symbol geworden, das uns damals wie heute Inspiration und Glauben an die Zukunft schenkt. Ein Vogel, wie jener biblische Vogel, der einen Ölzweig im Schnabel trägt und die Hoffnung vermittelt, dass Leben möglich ist. Die Hoffnung, dass wir, die Ukrainer, in unserem Land leben können - frei, demokratisch, glücklich. Wir arbeiten darauf hin."
Weitere Artikel: Martin Wittmann stellt in der SZ die iranische Sängerin Googoosh vor, die hierzulande fast unbekannt ist, in ihrer Heimat aber absoluten Legendenstatus hat: "Wer sich in ihrer Heimat verliebt, verliebt sich zu ihren Melodien, und wem das Herz gebrochen wird, findet Trost in ihren persisch-blumigen Chansons." Jan Paersch porträtiert in der taz den Produzenten und Musiker Farhot. Vanessa Fatho geht für die FAZ bei Rosalías Kölner Konzert in die Messe, Silvia Silko sieht das Konzert der Musikerin für den Tagesspiegel in Berlin. Volker Schmidt erlebt mit Tame Impala in Frankfurt ein reichlich beliebiges Konzert für die FR.
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