Efeu - Die Kulturrundschau

Herzige kleine Geschichten

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24.03.2026. Russland will in seinem Biennale Pavillon einen "Raum für Dialog und Austausch" schaffen: Die taz findet das ziemlich zynisch. Die FAZ ist in der Den Haager Ausstellung "Birds" ein wenig orientierungslos, erfreut sich aber am exquisiten "Distelfink" von Carel Fabritius.  Die Zeitungen diskutieren das Ballett "Nurejew" an der Deutschen Oper: Warum hat sich Choreograf Yuri Possokhov nie zu seinen Engagements in Russland geäußert, fragt die taz. Die FR ist begeistert von der Opulenz, die FAZ findet die Inszenierung altmodisch. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2026 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Nurejew" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Carlos Quezada

Schon am Samstag in der SZ begeistert besprochen (unser Resümee), liefern heute fast alle anderen Zeitungen die Kritiken zu Yuri Possokhovs und Kirill Serebrennikovs Ballett "Nurejew" des Berliner Staatsballetts nach. Der Ton ist insgesamt etwas gedämpfter, doch taz-Kritikerin Hilka Dirks ist jedenfalls vom ersten Akt fasziniert: "Und da betritt er die Bühne: der junge Nurejew, hier noch vorsichtig, tastend verkörpert durch David Soares, dem Ersten Tänzer des Berliner Staatsballetts. Das Publikum entspannt sich merklich. Es ist die Waganowa-Ballettakademie in Leningrad, in der Nurejew sich hier versucht, er selbst zu werden. Alexander I. Puschkin bildet ihn dort aus. So wie Nurejews Leben nimmt der erste Akt nun Fahrt auf. Er zeigt den Tänzer im Begriff, den eigenen Ausdruck zu entwickeln, seinen Abschluss zu machen, zeigt seine ersten Versuche am Theater und seinen Drang nach Freiheit (...)" Einen "merkwürdigen" Beigeschmack hat das Ganze für Dirks allerdings auch: Choregraf Possokhov inszeniert immer noch am Bolschoi-Theater, an dem das Stück 2023 verboten wurde, und will sich diesbezüglich auch nicht äußern. 

In der FR bewundert Sylvia Staude die aufwendige Inszenierung "mit allem Pomp und in aller Pracht". Außerdem ist "David Soares ein großartiger, strahlender Nurejew, auch wenn seine Schönheit von anderer, zarterer Art ist." FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster findet das Stück "trotz großartiger Bilder und bewegender" Augenblicke eher "tanzhistorisch".

Besprochen werden außerdem Stefan Bachmanns Inszenierung von Thornton Wilders Stück "Wir sind noch einmal davongekommen" am Wiener Burgtheater, Edward Clugs Inszenierung von Jean-Philippe Rameau "Castor et Pollux" an der Oper Genf (NZZ), Julia Riedlers Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Theater Freiburg (Welt) und in einer Doppelbesprechung Martin G. Bergers Inszenierung von Clémence de Grandvals Oper "Mazeppa" an der Oper Dortmund und Olivier Pys Inszenierung von Édouard Lalos Oper "Le Roi d'Ys" an der Opéra du Rhin in Straßburg (Welt).
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Musik

"Wow! Das ist wirklich verdammt gut", staunt Maurice Summen in der taz über "A Plea", die Single-Auskopplung aus dem Debüt-Soloalbum "Honora" des Red-Hot-Chilli-Peppers-Bassisten Flea. Leider fällt der Rest des ziemlich jazzigen Albums nicht ganz so überzeugend aus, sondern wirkt eher wie ein Kessel Buntes: "So spielt er auf diesem Album nicht nur Bass, sondern auch Trompete und bläst etwa das legendäre 'Maggot Brain' von Funkadelic. Der Track 'Frailed' klingt wie 90er-Jahre-Electronic zwischen Drum-'n'-Bass-Breakbeat und TripHop-Einschläferung! ... Thom Yorke taucht auf dem Album als Gastsänger auf, genau wie Nick Cave", doch was "leider fehlt, ist ein zweites 'A Plea'. Hätte Flea es tatsächlich geschafft, ein ganzes Album auf diesem Niveau mit seiner Spitzenband einzuspielen, es wäre ein Werk für alle Ewigkeiten geworden. Aber gerade im weltweiten Jazz-Universum gibt es aktuell so unfassbar viel gute Musik, dass das Crossover-Album unseres liebsten Funky-Punks eher wie eine große Ehrerweisung an den Jazz klingt. Ein virtuoser oder innovativer Jazzkünstler ist Flea eben nicht."

Aber schon wirklich toll, wie geschmeidig sich Flea mit seinen über 60 Jahren durch das Video zu "A Plea" tänzelt (bei Netflix ist übrigens gerade eine gar nicht schlechte Doku über die Red Hot Chili Peppers zu sehen): 



Weitere Artikel: Das Comeback der K-Pop-Stars BTS, deren Konzert am vergangenen Samstag weltweit womöglich "Milliarden" gesehen haben, könnte man durchaus "vielleicht zwischen Beatlemania und Mondlandung" hängen, mutmaßt David Pfeifer in der SZ, und "in Seoul selbst ist das Comeback quasi ein Staatsakt". Natalie Lange plaudert im Tagesspiegel mit Popstar Robyn.

Besprochen werden Rosalías Auftritt in Zürich (NZZ), ein von Riccardo Chailly dirigiertes Konzert in Wien des Filarmonica dela Scala mit Pianist Alexandre Kantorow (Standard), ein Konzert von Khatia Buniatishvili in Frankfurt (FR), Meredith Monks Auftritt bei der Berliner MaerzMusik (FAZ, mehr dazu bereits hier) und neue avancierte Rockmusik, darunter Kim Gordons "Play Me" ("es fliegen die postmodernen Fetzen", schreibt Christian Schachinger im Standard).
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Stichwörter: Flea

Kunst

Carel Fabritius: Der Distelfink, 1654. (Bild: gemeinfrei, Quelle)

Nicht so ganz zufrieden ist Kai Spanke (FAZ) nach dem Besuch der Ausstellung "Birds" im Mauritshuis in Den Haag. Die Auswahl der Exponate wirkt auf ihn ein wenig zu willkürlich, "ein leicht verdauliches, mitunter überraschendes Allerlei". Ein paar Highlights sind aber definitiv dabei. Die "Sensation" ist Carel Fabritius' Ölgemälde "Der Distelfink" aus dem Jahr 1654, das man vom Cover von Donna Tartts gleichnamigem Roman kennt: "Der Vogel - wegen seiner roten Maske und der Vorliebe für Disteln dient er auf Marienbildnissen und Kreuzigungsszenen oft als Symbol für die Passion Christi - sitzt auf einer Stange und trägt eine Kette am Fuß. Er ist in Untersicht dargestellt, und Fabritius hat seine Gestalt exakt erfasst. Das ist keine Selbstverständlichkeit, bis heute sind nicht viele Künstler in der Lage, das Verhältnis von Form und Größe bei Vogelillustrationen genau zu treffen."

In der taz reagiert Yelizaveta Landenberger auf einen Artikel von Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg (unser Resümee) über die Teilnahme Russlands an der Biennale in Venedig. Rauterberg hatte argumentiert, dass man in der Konsequenz auch Ländern wie China oder Saudi-Arabien die Teilnahme verweigern müsse. Außerdem bestünde die Möglichkeit, dass Künstler den Pavillon für subversive Staatskritik nutzten. Schön wär's, entgegnet Landenberger, angesichts des Versuchs, ein Musikfestival im russischen Pavillon zu inszenieren: "Mitwirken werden 38 MusikerInnen aus verschiedenen Regionen Russlands sowie aus Argentinien, Brasilien, Mali und Mexiko. Durch die Begegnung verschiedener Kulturen will das Projekt laut Beschreibung 'einen Raum für Dialog und Austausch schaffen und das Gefühl einer internationalen Gemeinschaft stärken'. Wahrhaft zynisch in Zeiten, da der Kreml einen imperialen Angriffskrieg führt und zugleich überproportional viele Angehörige indigener Völker und Minderheiten Russlands an der Front verheizt."

Besprochen wird die Brancusi-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin (SZ), die Ausstellung "The Screen" im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe und die Ausstellung "Anna Barham: 'delirious mantra' im Badischen Kunstverein (beides taz).
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Film

Marie-Luise Goldmann resümiert in der Welt die Wiener Diagonale, wo österreichische Filme laufen. Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah bei dem Festival unter anderem Gregor Centners Dokumentarfilm über den rechtsextremen Verleger Götz Kubitschek, der darin immer mal wieder "seinen simplen Geist entlarvt". Die FR spricht mit Laura Dern, die aktuell in der Beziehungskomödie "Is this Thing On?" zu sehen ist. Besprochen wird Paolo Sorrentinos "La Grazia" (Standard, mehr dazu hier).
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Literatur

Bei seiner aktuellen Europatour (hier unser erstes Resümee) hat Salman Rushdie auch Halt beim Festival "Literatur im Nebel" im niederösterreichischen Heidenreichstein gemacht. Dort sprach er "auch über seine Irritation, dass sein Schicksal als Hassobjekt des Islamismus und seine literarische Produktion so scheinbar unentwirrbar miteinander verflochten sind", berichtet Hans Rauscher im Standard: "'Wenn du heute über die Welt schreibst, wie sie ist, dann kannst du die öffentlichen Ereignisse nicht weglassen. Ich beschreibe in meinem Buch, wie ich lieber mit einem Glas Wein am Ufer des Flusses unter einem Baum sitzen und herzige kleine Geschichten schreiben würde - aber es war nicht möglich.'" Rushdie "entwickelt so nebenher eine Theorie des modernen Schreibens: Die Arena des öffentlichen Lebens und die Arena des Privatlebens seien heute viel enger zusammengerückt. Er habe versucht, Bücher ohne Politik zu schreiben, aber das sei heute einfach nicht möglich. Vor 200 Jahren habe Jane Austen noch Romane schreiben können, ohne auf die napoleonischen Kriege einzugehen."

Außerdem: Leonie C. Wagner liefert in der NZZ Eindrücke von ihren Schlendereien übers Gelände der Leipziger Buchmesse. Lars von Törne schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Comiczeichner Hermann Huppen.

Besprochen werden Katerina Poladjans eben mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman "Goldstrand" (Intellectures), Safae el Khannoussis "Oroppa" (FR), Viktor Jerofejews "Die neue Barbarei" (FAZ) und Nawal El Saadawis erstmals auf Deutsch vorliegendes Buch "Die Frau und Sex", das im Original bereits 1971 veröffentlicht und eines der wichtigsten Bücher des arabischen Feminismus wurde (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Stichwörter: Rushdie, Salman