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15.12.2025. Die Nachtkritik berichtet vom israelischen Theaterfestival "Isradrama" - und über den Boykott israelischer Künstler in Europa. Jens Balzer beobachtet in Zeit online mit Sorge die Verschmelzung von Fiktion, KI und Fanfiction bei Disney. Die Frankfurter Zeitungen vertiefen sich in "Das Bildnis des Dorian Gray" an den Frankfurter Bühnen. Aus den dunklen Kellerecken des britischen Postpunk kommt möglicherweise ein großer neuer Star, hofft der Standard: Sofia Isella.
Sehr eindrücklich berichtet Matthias Naumann für die nachtkritik von dem israelischen Theaterfestival Festival "Isradrama". Viele Produktionen setzen sich in unterschiedlichsten Weisen mit dem 7. Oktober auseinander. Diese Produktionen wird man in Europa kaum sehen können - weil ein nicht ausgesprochener Boykott an europäischen Bühnen betrieben wird, so Neumann. Der Boykott ist auch anderweitig spürbar: "Aufführungsrechte zu verweigern, ist eine stille Methode des Boykotts, die niemand öffentlich skandalisiert, die anscheinend jedoch zahlreich praktiziert wird. Hört man sich in diesem November 2025 in der israelischen Theaterszene um - während in Europa die Hetze gegen Israel unvermindert weitergeht, als gäbe es keinen Waffenstillstand -, wird einem schnell deutlich, wie isoliert israelische Künstler*innen zur Zeit sind. Die Zahl der Kooperationen mit europäischen und nordamerikanischen Theatern ist merklich zurückgegangen, ebenso Einladungen zu Festivals, Residenzen. Eine Abgeschnittenheit von Europa macht sich bemerkbar, die gerade diejenigen trifft, die sich als linke, kritische Künstler*innen gegen die rechte israelische Regierung stellen."
Szene aus "Das Bildnis des Dorian Gray" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Robert Schittko Eine "kluge Bühnenfassung" von Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" sieht FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen am Schauspiel Frankfurt. Ran Chai Bar stellt in seiner Inszenierung das Dreiergespann Basil, Lord Henry und Dorian in den Mittelpunkt. Zu den "stärksten des Abends" gehört diese Szene: "Dorian hat Basil und Henry in ein schäbiges Eastend-Theater mitgenommen, wo das Mädchen auf der Bühne steht, in das er sich verliebt hat und das er heiraten will. Nun starren sie auf die Bühne im Stück, also in die Richtung der Frankfurter Zuschauer, die wiederum einzig in den Gesichtern der drei einen Abglanz davon erhaschen, wie Dorians Freundin spielt. Das tut sie offensichtlich katastrophal, wie sich rasch in den anfangs vorfreudigen, dann mutig um Begeisterung ringenden und schließlich resignierten Mienen der drei ganz exzellent abzeichnet. Dorian nimmt seiner Verlobten das Versagen übel und lässt es sie spüren. Als er am nächsten Tag die Nachricht von ihrem Selbstmord erhält, versucht er zu weinen. Und kann es nicht."
Judith von Sternburg ist in der FR vor allem von der Darstellung Henrysbeeindruckt: "Ihm gehört gewissermaßen das künstliche, stilisierte Feld, das die Regie bereitet. Ihm als der unmenschlichsten der drei Figuren, einem Scheusal, so kalt und gleichgültig, dass es schon wieder ganz nett ist. Stefan Graf spielt das fulminant, eine Karikatur, aber eine gekonnte. Wörter, die er nicht mag ('Treue'), vernichtet er beim Sprechvorgang. Ihm ist es zu verdanken, dass die Anfangssequenz, das Kennenlernen, das Umgarnen des Lamms, dermaßen glüht, dass der folgende Discoabend mit Eurythmics' 'Sweet Dreams' eine echte Spannungsentladung bringt."
Besprochen werden Claus Nicolai Six' Inszenierung von "Lecken3000" am Burgtheater Wien (nachtkritik, taz), Claus Guths Inszenierung des Musicals "Cabaret" im Münchner Residenztheater (SZ), Miriam Ibrahims Inszenierung von "Rezitativ" nach der Erzählung von Toni Morrisson am Residenztheater München (nachtkritik), David Böschs Inszenierung von Ödön von Horváths Stück "Der jüngste Tag" am Schauspielhaus Graz (nachtkritik), Angeliki Papoulias Inszenierung von Euripides Stück "Hekabe" am Schauspielhaus Zürich (NZZ) und Holger Schultzes Inszenierung von Tennessee Williams' Stück "Die Katze auf dem heißen Blechdach" am Theater Heidelberg (nachtkritik).
Anna Dreussi denkt in einem Standard-Essay über das Schreiben von Frauen über sich selbst nach. "Es ist einfach, einer Frau Eitelkeit vorzuwerfen. Es ist einfach, die Gedanken einer Frau als Oberflächlichkeiten abzutun. Ich will nicht aufhören, über mich selbst zu schreiben. Ich will nicht aufhören, vom Selbst anderer zu lesen. ... Die Texte, die wir lesen, entscheiden mit, in wen wir uns hinein versetzen können. Neue Perspektiven bedeuten auch mehrEmpathie. Das ordnet diese Welt neu. ... In einem Text kann ich ein Selbst verhandeln, über das ich manchmal keine Macht zu haben scheine. Ich fühle mich fremdbestimmt in einer Welt, die sich nicht nach mir richtet, die davon profitiert, auf mich herabzublicken. Durch das Schreiben lässt sich diese Fremdbestimmungzerlegen. Durch das Schreiben über mich kann ich mich betrachten und sehen, was mich geprägt hat."
Außerdem: Alexander Kluy führt im Standard durch Leben und Werk von JaneAusten, die vor 250 Jahren geboren wurde. Tilman Spreckelsen erinnert in der FAZ an die Wiederentdeckung mittelalterlicherLiteratur um 1800 und wie diese dem Publikum vermittelt wurde. Das Literatur-Team von Dlf Kulturverkündet die besten Kinder- undJugendbücherdesJahres. Besprochen wird unter anderem Jonas Hassen Khemiris "Drei Schwestern" (Standard).
Dionisio Gonzalez, Wittgenstein's Cabinet 10, 2021, Courtesy Taubert Contemporary Berlin. Foto: Dionisio Gonzalez, Sevilla. FAZ-Kritikerin Andrea Gnam schaut sich interessiert in der Ausstellung "Archistories. Architektur in der Kunst" in der Orangerie Karlsruhe um: "Auf direktem Weg gehen wir auf eine groß angelegte Videoinstallation von Julia Oschatz zu. Auf der einen Hälfte einer Wand sehen wir ein Raumraster, mit dickem weißem Strich auf schwarzem Grund aufgetragen, der Blick fällt in einen leeren, geometrisch konstruierten Innenraum, auf der anderen Hälfte läuft ein Video im Loop. Es zeigt fast den gleichen Raum, hier aber ist das Bodenraster des Innenraums zum sanft vibrierenden Boden einer Bühne geworden, in der die maskierte Künstlerin selbst in slapstickhafter Sisyphusarbeit die Wände bemalt und dabei unentwegt von einem Raumgehäuse ins nächste steigt."
Mit einer Milliarde Dollar hat sich Disney bei ChatAI eingekauft - und gestattet es Nutzern nun, bestimmte Figuren unter bestimmten Bedingungen für eigene KI-Videos zu verwenden. Besonders gelungene, auf diese Weise entstandene Werke könnten gar auf Disney+ ausgestrahlt werden. In der Branche sorgt der Deal für Skepsis und Bedenken, schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline. "Die Grenze zwischen professionellen und von Fans erzeugten Inhalten wird immer durchlässiger. Das kann man als Profi mit Recht beklagen. Doch trägt es vor allem der Tatsache Rechnung, dass Popkultur im Allgemeinen und Animationsfilme im Besonderen heutzutage vor allem dann gut funktionieren, wenn sie die Fans zum Mitmachen und zum Aneignen ihrer Inhalte animieren. ... Für Disney markiert dies auch den Abschluss einer grundlegend veränderten Geschäftspolitik, ein Wandel, für den der Konzern viele Jahrzehnte brauchte. Denn seit dem Durchbruch mit den ersten Micky-Maus-Filmen 1928 achteten der Firmenchef Walt Disney und später seine Nachfolger meist darauf, dass niemand Unbefugtes Gebrauch von den eigenen Figuren machte."
Michael Meyns berichtet für die taz vom RedSeaFilmfestival im saudi-arabischen Dschidda. In der Region ist Kino erst seit wenigen Jahren wieder erlaubt. Versucht sich da ein Regime mit Kultur eine freundliche Fassade zu zimmern? Meyns glaubt eher an eine Ausdifferenzierung der Geschäftsgrundlage im Zuge des sich neigenden Zeitalters fossiler Brennstoffe. Hier und da schimmert durch die lokalen Produktionen auch Gesellschaftskritik durch: "Gerade wenn die Figuren sich gegen Konventionen zur Wehr setzen, bricht das Publikum bei der Premiere in spontaneBeifallsbekundungen aus, die andeuten, welches subversivePotenzial eine ganz normale romantische Komödie in einem Land haben kann, in dem es erst seit sieben Jahren wieder Kino gibt. Saudi-Arabien wäre nicht das erste Land, in dem die Obrigkeit, die Zensurbehörden, unterschätzen, wie findige Filmemacher unterschwelligeBotschaften in ihre Geschichten schmuggeln."
Außerdem: Hollywood Reportermeldet, dass der für seine romantischen Komödien (u.a. "Harry und Sally") gefeierte Regisseur RobReiner und dessen Ehefrau mutmaßlich von deren Sohn ermordet wurden. Valerie Dirk empfiehlt im Standard eine Wiener Audrey-Hepburn-Filmschau.
Besprochen werden HafsiaHerzis Banlieue-Film "Die jüngste Tochter", der Ende des Monats startet (Jungle World), EdwardYangs taiwanesischer Filmklassiker "Yi Yi" aus dem Jahr 2000, der jetzt wieder in einigen Kinos zu sehen ist (taz), und die ARD-Serie "Mozart/Mozart" (Welt).
Ohne jahrelange Verspätung geht es in Deutschland nicht mehr: Die BonnerBeethovenhalle ist fertig saniert - sechs Jahre nach dem anvisierten Termin, Planungen gehen aufs Jahr 2007 zurück. Das Ergebnis immerhin kann sich sehen lassen, findet Alexander Menden (SZ). Die Halle "sieht weitgehend so aus, wie sie 1959 bei der Ersteröffnung gewirkt haben muss. Siegfried Wolskes Erstlingswerk hat ein offenesGepräge, der Grundgedanke war die Bescheidenheit und demokratische Gesinnung der noch jungen Bonner Republik. ... Der Konzertsaal selbst wirkt" nun "geradezu surrealmakellos. Das Mahagoni-Parkett ist durch geräucherte Eiche ersetzt." Auch an der zuletzt recht trockenen Akustik wurde gefeilt: Die "Rückwand ist von einem doppelten Kupfergewebe bedeckt, durch die der Klang gleichsam hindurchdiffundieren kann. Die lattenrostartigen Wandpaneele links und rechts des Podiums, die immer ein wenig an ein öffentlich-rechtliches Tonstudio erinnerten, wurden mit Gips unterfüttert. Das alles (plus neuer Nachhallanlage) ist auf größere bauakustische Homogenität und ein breiteresklangdynamisches Spektrum angelegt."
Christian Schachinger schwärmt im Standard von der Kunst SofiaIsellas. Die junge Musikerin hat schon im Vorprogramm von Taylor Swift gespielt, macht aber völlig andere Musik - und statt auf verklausulierte Botschaften setzt sie auf Konfrontation: Von Patriarchat und schlechtem Sex hat die Musikerin den Hals jedenfalls gestrichen voll. "Aus den dunklen Kellerecken des britischen Postpunk der späten 1980er-Jahre poltert eine Drum Machine. Zu einem knurrenden Bass gesellt sich gegen Ende ein Sirenenchor mit in die Ohren schneidenden Violin-Glissandi und einer verhallten, mit Phasereffekt versehenen Gruftierock-Gedächtnisgitarre. Sofia Isella spielt alles selbst ein. ... Darüber raunt Sofia Isella ganz knapp am Ohr im Stil von Billie Eilish. Allerdings werden deren vor zwei, drei Jahren populäre und das Gemüt der Hörerinnen und Hörer beruhigende "sensorische Meridian-Resonanzgeräusche" wie Schlucken, Räuspern und Zähneknirschen weggelassen. Dafür setzt es radikale Texte. ... Die ewige Sexualisierung junger weiblicher Körper, das männliche Starren. Sofia Isella legt in 'Above the Neck' Machtstrukturen offen."
Außerdem: Gregor Kessler resümiert in der taz die Veranstaltung "Alles bleibt gut" zu 45 Jahren Punk in Hamburg. Axel Brüggemann meldet auf BackstageClassical, dass der Kritiker ErnstStrobl gestorben ist.
Besprochen werden die ersten zwei Folgen der auf Disney+ gezeigten Dokuserie "End of an Era" über TaylorSwifts Welttournee (Standard), Konzerte aus der musica-viva-Reihe (FAZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Kompositionen von JohnAdams und BélaBartók (FR), ein Konzert der HR-Bigband (FR), ein Frankfurter Weihnachtsoratorium mit den AugsburgerDomsingknaben (FR) und die von StephanBenson eingelesene Hörbuch-Ausgabe von OzzyOsbournes Autobiografie (FAZ).
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