Efeu - Die Kulturrundschau

Wichtelschar von kriegerischen Pygmäen

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29.11.2025. Vielleicht ist Christian Marclays "The Clock" der beste Film überhaupt, überlegen die Kritiker ob des 24-stündigen Mammutwerks. Claude Lanzmanns "Shoah" bekommt eine Ausstellung im Jüdischen Museum, die FAS ist beeindruckt. Enrico Lübbes Inszenierung von Lukas Rietzschels Stück "Der Girschkarten" überzeugt die Kritiker in Leipzig durch Schauspielkunst und intellektuellen Furor. Die FAZ ärgert sich über den Bärendienst, den Louis C.K. und Woody Allen der Literatur erweisen. Der Sound der New Yorker Band Say She She geht für die taz einfach richtig gut rein.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2025 finden Sie hier

Film

Eine von sehr, sehr vielen Uhren in Christian Marclays "The Clock".

Nichts weniger als "vielleicht der beste Film der Welt" ist Christian Marclays "The Clock" laut Tagesspiegel-Autorin Birgit Rieger. Das monumentale, ganze 24 Stunden lange Werk, das sich entlang von Uhrzeiten durch die Filmgeschichte hangelt (oder umgekehrt), findet nun seinen Weg in die Berliner Nationalgalerie. Dort könnte der Andrang groß sein. Denn, so Rieger: "'The Clock' ist ein Publikumsrenner. Das Gefühl, das viele Besucher beschreiben: Sie wollten nur kurz bleiben und sind irgendwie hängen geblieben. Die so kunstvoll aneinander montierten Filmausschnitte, oft nur wenige Sekunden lang, entfaltet einen ungeheuren Sog." Freilich: "'Niemand soll sich verpflichtet fühlen volle 24 Stunden zu bleiben', sagt Marclay, der zur Eröffnung nach Berlin gekommen ist. Das sei ungesund. Alle hätten schließlich auch ein Leben."

Aber wie soll das überhaupt klappen: einen Film schauen, der einen ganzen Tag lang dauert? Bert Rebhandl geht in der FAS näher auf die Präsentation in der Nationalgalerie ein: "Marclay geht es um Konzentration, und er legt großen Wert auf die Sound-Ebene. Deswegen wird ein dunkler Raum in den transparenten Kubus von Mies van der Rohe gebaut, und man sieht eine Single-Channel-Installation, die man während des klassischen Tageseintritts also tagsüber besuchen kann. Zweimal wird es die Möglichkeit geben, einen gesamten Durchlauf des Films zu verfolgen, man kann sich dann über 24 Stunden hinweg einteilen, wie oft man vorbeischauen kann, oder auch ein sehr langes Picknick planen." Für die SZ trifft sich Johanna Adorján mit Marclay.

Einem anderen Mammutwerk der Filmgeschichte, nämlich Claude Lanzmanns "Shoah", widmet das Jüdische Museum Berlin derzeit eine Ausstellung. "Claude Lanzmann - Die Aufzeichnungen" präsentiert nicht den Film selbst, sondern Audio-Aufnahmen vor allem von Interviews, die der Regisseur vorab zu Recherchezwecken angefertigt hatte. FAS-Autor Jonathan Guggenberger ist ziemlich beeindruckt: "Die 26 Zeitzeugengespräche, die aus dem Archivmaterial montiert wurden, hört man im Ausstellungsraum via Audioguide. Auf anthrazitgrau umrandeten Screens laufen parallel dazu die Transkripte. Die Ausstellung ist schlicht gestaltet, was gut ist. In diesem Raum spricht nur die Geschichte. Und zwar in Form von Gespenstern. Losgelassen von Lanzmanns Kassettenbändern, rücken sie unvermittelt nahe und lassen uns in der konzentrierten Atmosphäre der Ausstellungshalle zu Mithörern schmerzhaft privater Gespräche werden."

Rosa Schmidt-Vierthaler in der Presse und Tobias Sedlmaier in der NZZ blicken auf die nun zu Ende gehende Serie "Stranger Things" zurück. David Steinitz spricht in der SZ mit Christoph Maria Herbst über dessen Paraderolle "Stromberg". Valerie Dirk blickt im Standard auf eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum Wien, die der schwedischen Regisseurin Mai Zetterling gewidmet ist. Christian Meyer würdigt in der SZ die im Alter von 94 Jahren verstorbene Schauspielerin Ingrid van Bergen. Kira Kramer nimmt sich in der FAZ noch einmal Matthieu Kassovitz' Banlieu-Klassiker "La Haine" vor. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ Woody Allen zum Neunzigsten.

Besprochen werden der neue Frankfurt-Tatort "Licht" (FAZ, FR), der Dokumentarfilm "Politzek - Voices that Defy the Kremlin" von Manon Loizeau, Jekaterina Mamontowa und Sascha Kulajewa (FAZ), ein Dokumentarfilm über den österreichischen Rockstar Wolfgang Ambros (taz), die Netflix-Dokuserie "The Beast in Me" (taz), "Zoomania 2" von Jared Bush und Byron Howard (critic.de), Ivette Löckers Dokumentarfilm "Unsere Zeit wird kommen" (Standard) und Joachim Triers "Sentimental Value" (taz).
Archiv: Film

Kunst

"Der schlafende Herkules und die Pygmäen", Lucas Cranach d.J., 1551, Foto: Elke Estel, Hans-Peter Klut.


Herkules ist Sinnbild für sehr männliche Männer, Hans-Joachim Müller kann seine Mythologisierung jetzt für die WamS im Dresdner Zwinger nachvollziehen - mit einigen auch ungewöhnlichen Bildern in der Ausstellung "Herkules. Held und Antiheld": "Dass er vom Maler Peter Paul Rubens auch mal sturzbetrunken überrascht wurde, hat seiner Sixpack-Muskulatur keinen Schaden getan. Unsere Lieblingsbilder aber stammen von Lucas Cranach, der den Herakles schlafen, vermutlich schnarchen lässt, während eine Wichtelschar von kriegerischen Pygmäen den unverletzbaren Leib attackiert. Dass er darüber erwacht, kann nicht ausbleiben. Und auch nicht, dass er das Mikrovolk gleich wie die lästigen Fliegen verscheucht. Aber das Beste ist doch, wie er dabei aus dem Bild schaut mit der schönen Aufforderung: 'Bin ich nicht gut …?'"

Weiteres: Auf der Art Basel Miami Beach stellt Marcus Woeller für die WamS fest: Der Kunstmarkt und seine Messen sind angespannt. Berit Dießelkämper freut sich in der Zeit über die Wiederauferstehung des Studio Museums, das in Harlem Schwarze Kunst ausstellt. Nicht-europäische Besucher des Louvre zahlen ab Januar 32 Euro Eintritt, das ist eine Steigerung von 45 Prozent, bemerkt der Tagesspiegel. Das zusätzliche Geld soll in die Renovierungsarbeiten fließen.


Besprochen werden: Die Ausstellungen "Roger Melis - Fotografie" im Leonhardi-Museum Dresden (FAZ) und Chris Noltekuhlmanns "Berlin Night After Glow" in der Berliner Torstraße 66 (Monopol).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Der Girschkarten". Foto: Rolf Arnold.


FAZ
-Kritiker Andreas Platthaus amüsiert sich mit der "Verwirrung des Vertrauten", die Lukas Rietzschels Komödie "Der Girschkarten" (frei nach Anton Tschechow), stiftet. Enrico Lübbe bringt das Stück am Schauspiel Leipzig auf die Bühne - mit tollen Schauspielern, wie Platthaus hervorhebt: "Komödiantentum erfordert mehr Schauspielgeschick als Tragödiendarstellung. Weil wir eh mit dem Schlimmsten rechnen, das Lustige also für gekünstelt halten. Wenn es dann natürlich daherkommt, ist es große Kunst. Und die beherrscht das Septett im 'Girschkarten' in Vollendung. Allen voran Katja Gaudard als Großmutter. Gaudard ist wie Lisa-Katrina Mayer als Dunja frei engagiert worden für diese Leipziger Inszenierung, während die anderen fünf Schauspieler dem festen Ensemble des Hauses angehören. Und Gaudard, im wahren Leben noch keine fünfzig, gibt ihre alte Dame mit einer greisen Zerbrechlichkeit voller winziger Manierismen, die man nicht anders nennen kann als eine Sensation."


Auch Nachtkritiker Tobias Prüwer ist sehr zufrieden mit der Entwicklung Rietzschels als Dramatiker: "Es geht um Retrotopien, die Flucht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, Zukunfts- und Veränderungsängste und den Aufschub von Entscheidungen. All das wird dem Publikum nicht aufs Auge gedrückt, sondern vielmehr gestreift innerhalb der Verhandlungen dieses Familienkonflikts. Das ist klug, weil nicht bevormundend. Rietzschel will kein Erklärstück zeigen, hat sich von der Feuilleton-Zuschreibung emanzipiert, erst Erklärbär für Ostdeutschland sein zu sollen, dann Stimme einer Generation. Er gibt Anstöße, ohne Antworten zu servieren. Das ist intellektuell anregend, kitzelt hermeneutisch."

Besprochen werden: Golda Bartons "Porneia" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik), Walter Moers' "Die Stadt der träumenden Bücher", inszeniert von Viktor Bodo am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (Nachtkritik) und Umberto Giordanos "Fedora" an der Deutschen Oper, Regie führt John Fiore (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Literatur

Die antiisraelische Bestsellerautorin Sally Rooney fürchtet, dass ihre Bücher aus britischen Buchläden verschwinden. Rooney hatte sich auch nach dem Verbot der Gruppe "Palestine Action" als terroristische Vereinigung weiterhin zu ihr bekannt. Haroon Siddique zitiert im Guardian eine Äußerung von ihr: "Wenn 'Palestine Action' zum Zeitpunkt der Veröffentlichung meines nächsten Buches immer noch verboten ist, dann wird dieses Buch für Leser auf der ganzen Welt und in Dutzenden von Sprachen erhältlich sein, aber nicht für Leser im Vereinigten Königreich, einfach weil niemand es veröffentlichen darf (es sei denn, ich bin bereit, es kostenlos zu verschenken)." Ein Kommando der Gruppe soll in eine Waffenfabrik eingedrungen sein und Polizisten mit Vorschlaghämmern attackiert haben. Siddique schreibt weiter: "Seit dem Verbot hat Rooney erklärt, sie beabsichtige, die Erlöse aus ihren Werken zur Unterstützung von Palestine Action zu verwenden, was sie dazu veranlasste, eine Reise nach Großbritannien zur Entgegennahme einer Auszeichnung aus Angst vor einer Verhaftung abzusagen."

Rainer Maria Rilkes 150. Geburtstag hält die Feuilletons weiter auf Trab. in der FR gratuliert Björn Hayer dem Dichter zum Jubläum, in der NZZ rekonstruiert Roman Bucheli die letzten Lebensjahre Rilkes im Wallisischen Siders. Ebenfalls in der NZZ findet sich ein besonderes Schmankerl: ein bisher unveröffentlichtes Rilke-Gedicht. Entstanden ist der Vierzeiler im Jahr 1919 als Widmung für die Dichterin Mara Corradini, in deren Nachlass Andreas Müller-Weiss ihn ausfindig gemacht hat. Wir zitieren im Volltext:

"Gesichter: Zifferblätter welches Zeigers?
Leid, Zorn und Jubel: Stunden welcher Zeit? -
Der Zeigefinger wandert Gott des Schweigers
über den Scheibenkreis der Einsamkeit."

Kai Sina bespricht in der der FAZ zwei Romane bekannter Comedians, gegen die beide im Zuge der #MeToo-Bewegung Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden: Louis C.K. und Woody Allen. Bislang liegen sowohl C.K.s "Ingram" als auch Allens "What's with Baum" nur auf Englisch vor. Sina stört sich in beiden Fällen an einer Tendenz zur nostalgischen Selbststilisierung. Schon die Begleitfotos in den Publikationen evozieren "ein auratisches Bild von Autorschaft, das seinen Ort tief im zwanzigsten Jahrhundert hat: raschelndes Papier und mechanischer Lärm statt Bildschirm, Textverarbeitung und Künstliche Intelligenz." Sina hält nicht viel von "Autoren, die wenig mehr zu bieten haben als Gesten des Rückzugs, des Rückblicks, der leisen Klage. Während man dies Woody Allen weniger zum Vorwurf machen kann - schließlich entstammt er der Welt, die er mit seinem Buch noch einmal zum Leben erweckt -, muss sich Louis C.K. diese Kritik schon gefallen lassen: Wenn nicht nur er 'Ingram' für einen großen Roman hält, sondern auch die Leser, dann hat er der Literatur einen Bärendienst erwiesen."

Außerdem: Julia Encke spricht in der FAS mit Florian Illies über Thomas Mann. Mit T.C. Boyle unterhält sich FR-ler Steven Geyer. Marc Zitzmann erläutert in der FAZ die spezielle Beziehung des Schriftstellers Roger Caillois zu Steinen. Die Lyrikerin Daniela Seel denkt in der FAZ über eine gefällte Robinie und über Kleist nach. Ebenfalls in der FAZ erinnert Tilman Spreckelsen an die vor 200 Jahren im Alter von gerade einmal 17 Jahren verstorbene Dichterin Elisabeth Kulmann. Adam Soboczynski unterhält sich in der Zeit mit dem Schweizer Star-Autor Nelio Biedermann. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ dem Unionsverlag zum 50.

Besprochen werden u.a. Ishbel Szatrawskas Debütroman "Die Tiefe" (FAZ), Bernd Schuchters "Kleiner Atlas der nie geschriebenen Bücher (FAZ), Michal Ajvaz' "Die andere Stadt" (FAZ), Salman Rushdies "Die elfte Stunde (FAZ), Hans Wollschlägers "Der Fall Adam" (FAZ), Helga Schuberts "Luft zum Leben" (FAZ), Hisham Matars "Meine Freunde" (FAZ), Frank Trentmanns "Die bedrohte Republik" (FAZ), Natascha Wodins "Die späten Tage" (Zeit Online), Barbara Yelins "Die Giehse" (taz) und Hu Anyans "Ich fahr Pakete aus in Peking" (taz). Rico Bandle und Lucien Scherrer interviewen für die NZZ Bestsellerautor Ken Follett.

Im Rahmen der Frankfurter Anthologie stellt Ute Jung-Kaiser Albert von Chamissos Übersetzung eines Gedichts von Hans Christian Andersen vor: "Es geht bei gedämpfter Trommeln Klang. / Wie weit noch die Stätte, der Weg wie lang!"
Archiv: Literatur

Musik

Julian Weber feiert in der taz die New Yorker Band Say She She, die mit "Cut & Rewind" ein phänomenales Album vorlegt und nun für zwei Shows Deutschland besucht. Was ist so besonders an der siebenköpfigen, mit drei Sängerinnen aufwartenden Truppe? "Der Sound von Say She She ist temperamentvoll und zugleich elegant. Er sorgt für einen Sog, wie an der Eingangsschleuse von Kaufhäusern, wo einem von der stehenden Luft die Haare zu Berge stehen. (...) Warum funzt das so? Weil der Sound von Say She She zwar slick klingt, aber nie ehrfürchtig daherkommt oder gar selbstzufrieden, sondern als Wille, das angehäufte Knowhow prägnant in Szene zu setzen. Hier eine Gesangsharmonie, die dröhnt wie ein Sturmklingeln, dort ein Bassriff, das spritzt wie Bratfett."

Da müssen wir natürlich sofort reinhören:


Der Cellist Julius Berger erzählt in der FAZ über Karl Poppers Musikalität. Christoph Irrgeher freut sich im Standard auf eine Aufführung von Cornelius Cardews legendärem "The Great Learning", einem Mammutwerk der freien Klangentfaltung. Billy Idol wird 70, lesen wir bei Edo Reents in der FAZ.

Besprochen werden ein HR-Sinfoniekonzert mit Werken von Unsuk Chin, Dmitrij Schostakowitsch und anderen in der Alten Oper Frankfurt (FR), Uwe Dierksens Hörstück "Hirngespinste / Pipedreams" (FR), das neue Album von Cheap Trick namens "All Washed Up" (Standard) und "Poussière d'or", das neue Album des Schweizer Singer/Songwriters Stephan Eicher (NZZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Say She She