Efeu - Die Kulturrundschau
Immer da, wo die Action passierte
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25.11.2025. Die Filmwelt trauert um den Schauspieler Udo Kier: der konnte Bösewichte wie kein anderer, erinnert die SZ. Die FAZ schaut dank des Sanierungsentwurfs der heneghan peng architects in den Himmel über der Berliner Gedächtniskirche. Die NZZ freut sich über kuriose Klangperformances beim "Forward"-Festival für zeitgenössische Musik in Berlin, bei dem auch schonmal gefaucht und geschnurrt wird.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
25.11.2025
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Film
Udo Kier ist gestorben. Entdeckt von Visconti, mit Rollen bei Fassbinder, Lars von Trier, Christoph Schlingensief oder Gus van Zandt - aber auch, zu Beginn seiner Karriere, in Filmen wie "Schamlos", "Hexen bis aufs Blut gequält" oder "Die Insel der blutigen Plantage" - war er einer der wenigen deutschen Schauspieler, die international reüssieren konnten. Und er war ein großer Darsteller des Bösen: Nazis konnte er wie kaum ein anderer, erinnert Philipp Bovermann in der SZ. Kier hatte noch ein großes Talent: "Leute treffen, offenbar eher zufällig, so jedenfalls klang das später in seinen Erzählungen. Wie er etwa einmal in einem Flugzeug von Rom nach München gesessen sei und der Mann neben ihm erzählt habe, er sei Filmregisseur und plane gerade einige Horrorfilme für Andy Warhol. Ach, das treffe sich günstig, habe Kier gesagt, er sei zufällig Schauspieler." Und schwupps, spielte er bei Warhol, genauso wie er bei Fassbinder gespielt hatte, den er zufällig mit 16 Jahren getroffen hatte. "Die beiden lebten zeitweise sogar in derselben WG in München-Schwabing. Udo Kier war immer da, wo die Action passierte, wo die Kunst in die Nacht der Traurigkeit und Einfalt hinaus blökte. Er umgab sich mit Malern und wilden Performance-Künstlern, drehte wildes Zeug, Filme mit Titeln wie 'Spermula' (1976). Über diesen Weg - nicht den des filmgeförderten Einfühlungskinos, sondern der Exploitation - näherte er sich dem Zentrum des Bösen."
Als Kier Anfang der Neunziger in die USA ging, "bekam er auch Hollywoodrollen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "nun festigte sich das Image eines Schauspielers, der mit markanten Kurzauftritten fast besser aufgehoben war, als wenn er mit seiner überlebensgroßen Aura einen ganzen Film aus dem Lot brachte". Er "wirkte übrigens noch in einem der besten Filme dieses Jahres mit, Kleber Mendonça Filhos in Cannes mehrfach ausgezeichnetem 'The Secret Agent', der vom Schicksal eines Wissenschaftlers während der Militärdiktatur Brasiliens Ende der Siebziger erzählt. Ein guter Grund, ins Kino zu gehen, denn dort läuft er weiterhin", empfiehlt Tim Caspar Boehme in der taz. Weitere Nachrufe schreiben Daniel Kothenschulte in der FR, Cosima Lutz in der Welt, Jin Yu Young in der NYT, Sian Cain im Guardian und Andreas Busche im Tagesspiegel.
Und hier "Der wunderbare Udo Kier" bei Arte:
Weiteres: Die deutsche Serie "Auf Fritzis Spuren - Wie war das so in der DDR?" hat den Emmy als beste Auslandsproduktion für Kinder geholt, meldet Zeit online. So schlecht geht's dem deutschen Film gar nicht, findet David Steinitz in der SZ nach einem Blick auf die Zuschauerzahlen 2025. Besprochen wird der zweite Teil von "Wicked" (NZZ)
Als Kier Anfang der Neunziger in die USA ging, "bekam er auch Hollywoodrollen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "nun festigte sich das Image eines Schauspielers, der mit markanten Kurzauftritten fast besser aufgehoben war, als wenn er mit seiner überlebensgroßen Aura einen ganzen Film aus dem Lot brachte". Er "wirkte übrigens noch in einem der besten Filme dieses Jahres mit, Kleber Mendonça Filhos in Cannes mehrfach ausgezeichnetem 'The Secret Agent', der vom Schicksal eines Wissenschaftlers während der Militärdiktatur Brasiliens Ende der Siebziger erzählt. Ein guter Grund, ins Kino zu gehen, denn dort läuft er weiterhin", empfiehlt Tim Caspar Boehme in der taz. Weitere Nachrufe schreiben Daniel Kothenschulte in der FR, Cosima Lutz in der Welt, Jin Yu Young in der NYT, Sian Cain im Guardian und Andreas Busche im Tagesspiegel.
Und hier "Der wunderbare Udo Kier" bei Arte:
Weiteres: Die deutsche Serie "Auf Fritzis Spuren - Wie war das so in der DDR?" hat den Emmy als beste Auslandsproduktion für Kinder geholt, meldet Zeit online. So schlecht geht's dem deutschen Film gar nicht, findet David Steinitz in der SZ nach einem Blick auf die Zuschauerzahlen 2025. Besprochen wird der zweite Teil von "Wicked" (NZZ)
Architektur

Falk Jaeger ist in der FAZ restlos überzeugt vom Entwurf der heneghan peng architects aus Dublin zur Sanierung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Elf Millionen stehen für die Sanierung und eine Neukonzeption der Gedenkhalle zur Verfügung: "Der 'hohle Zahn', wie der Volksmund den Turm mit dem schräg abgebrochenen Turmhelm tituliert hatte, bekommt keine Füllung. Vielmehr werden ein nach dem Krieg aus statischen Gründen eingezogener Zwischenboden und der Dachdeckel geöffnet, sodass man aus der Ebene +1 in den Himmel sehen kann." Mit einem "gläsernen Aufzug" kann man dann auf die zweite Ebenen in 21 Metern Höhe fahren, erklärt Jaeger. "Von dort aus führen Treppenläufe bis über den Glockenstuhl ins oberste Turmgeschoss mit Panoramablick. Doch es geht noch weiter, denn über eine Wendeltreppe, öffentlich zugänglich nur mit Führung und Extraticket, erreicht man die Ebene +5 auf 60 Meter Höhe im Inneren des oben offenen Turmhelmrelikts. Diese Ebene hatten heneghan peng als einziges Team im Wettbewerb öffentlich zugänglich gemacht, wohl in der berechtigten Annahme, dass der Höhepunkt zur Publikumsattraktion in der City West werden wird."
Bühne
In der NZZ freut sich Bernd Noack über einen "grandiosen, eiseskalten, wahnsinnigen" Richard III., gespielt von Nicholas Ofczarek, in Wolfgang Menardis Shakespeare-Inszenierung im Wiener Akademietheater. Besprochen wird außerdem Barrie Koskys Inszenierung des Händel-Oratoriums "Saul" an der Oper Köln (in Kooperation mit dem Glyndebourne Festival) (FR).
Musik
In der NZZ ist Marco Frei sehr froh, dass Sebastian Nordmann, designierter Leiter des Lucerne Festivals, auch am spätherbstlichen "Forward"-Festival für zeitgenössische Musik festhalten will, das gerade zum letzten Mal unter der Leitung von Michael Haefliger stattfand. "Kein anderes Festival dieser Größe und dieser internationalen Ausstrahlung bietet einen derart geschützten, selbstbestimmten Raum", in dem nicht immer alles gleich gelingen muss, so Frei. "Manches darf auch verstören oder irritieren, belustigen oder verärgern - wie etwa bei 'Hirn & Ei'. So lautet der Titel eines Werks von Carola Bauckholt für Schlagquartett, das die diesjährigen 'Forward'-Konzerte einläutete. Die einstige Schülerin von Mauricio Kagel zählt zu den führenden Stimmen für musiktheatralische Klangperformance, und in 'Hirn & Ei' werden selbst Regenjacken Teil der performativen Aktion. Glücklich, wer Humor besitzt - in diesem Sinn hat das Werk sinnstiftend in den Eröffnungsabend eingestimmt. Über das skurril-virtuose Tuba-Solo 'Ruinen' von Georges Aperghis ging es schließlich bis zur Uraufführung von 'other spaces' für Ensemble von Neo Hülcker. Das neue Werk machte aus der Luzerner Theater-Box eine Art Kleintierzoo, in dem gefaucht und geschnurrt, gequietscht und gekratzt wurde."
Weitere Artikel: Lotte Thaler berichtet in der FAZ über die Herbstfestspiele "La Grande Gare" in Baden-Baden. In der FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Reggae-Musikers Jimmy Cliff, in der NZZ Jean-Martin Büttner, in der FAZ Edo Reents. In der taz möchte Benjamin Moldenhauer Musiker wie Konstantin Wecker und Til Lindemann, die mit sehr jungen Mädchen geschlafen haben, nicht dämonisieren: Dies verstelle "den Blick auf das leider Sturznormale, das Gängige des ganzen Falls".
Besprochen werden eine Palestrina-Konzertreihe mit den Tallis Scholars unter Peter Phillips in Berlin ("Drei Abende hintereinander Palestrina zu hören, lässt ahnen, was den Polyphonie-Kritikern wirklich sauer aufstieß", bekennt Katharina Granzin in der taz. "Diese Musik hatte sich so weit verselbständigt, dass sie die Sprache nurmehr als Klangmaterial benutzte und sich ansonsten selbst genug war. Palestrina schrieb unter anderem 104 ganze Messen, 104-mal auf denselben Text. Das musste ja irgendwann zur absoluten Musik werden. Aber kann die noch gottgefällig sein?"), ein Konzert von Roxette in Frankfurt (FR), ein Sibelius-Konzert des Helsinki Philharmonic Orchestra unter Jukka-Pekka Saraste in Frankfurt (FR) und das neue Album von Kreisky, die "wieder Richtung gepflegter Argwohn abgebogen" sind, wie Jannik Eder im Standard schreibt. Wir hören rein:
Weitere Artikel: Lotte Thaler berichtet in der FAZ über die Herbstfestspiele "La Grande Gare" in Baden-Baden. In der FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Reggae-Musikers Jimmy Cliff, in der NZZ Jean-Martin Büttner, in der FAZ Edo Reents. In der taz möchte Benjamin Moldenhauer Musiker wie Konstantin Wecker und Til Lindemann, die mit sehr jungen Mädchen geschlafen haben, nicht dämonisieren: Dies verstelle "den Blick auf das leider Sturznormale, das Gängige des ganzen Falls".
Besprochen werden eine Palestrina-Konzertreihe mit den Tallis Scholars unter Peter Phillips in Berlin ("Drei Abende hintereinander Palestrina zu hören, lässt ahnen, was den Polyphonie-Kritikern wirklich sauer aufstieß", bekennt Katharina Granzin in der taz. "Diese Musik hatte sich so weit verselbständigt, dass sie die Sprache nurmehr als Klangmaterial benutzte und sich ansonsten selbst genug war. Palestrina schrieb unter anderem 104 ganze Messen, 104-mal auf denselben Text. Das musste ja irgendwann zur absoluten Musik werden. Aber kann die noch gottgefällig sein?"), ein Konzert von Roxette in Frankfurt (FR), ein Sibelius-Konzert des Helsinki Philharmonic Orchestra unter Jukka-Pekka Saraste in Frankfurt (FR) und das neue Album von Kreisky, die "wieder Richtung gepflegter Argwohn abgebogen" sind, wie Jannik Eder im Standard schreibt. Wir hören rein:
Literatur
Weitere Artikel: Uwe Wittstock spricht im Interview mit der FR über sein letztes Jahr erschienenes Buch "Marseille 1940", das mit dem Literaturpreis des Comité d'action de la Résistance ausgezeichnet wurde. Jan Wiele gratuliert der Schriftstellerin Connie Palmen in der FAZ zum Siebzigsten.
Besprochen werden Gabriel Zuchtriegels "Pompejis letzter Sommer" (NZZ), Dagmar Leupolds Roman "Muttermale" (Zeit), John Irvings Roman "Königin Esther" (Zeit online), Hermann Hesses Briefe von 1958 bis 1962 (FAZ), PeterLichts Band "Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen" (FAZ) und Aldous Huxleys Essay "Zeit der Oligarchen" (SZ).
Besprochen werden Gabriel Zuchtriegels "Pompejis letzter Sommer" (NZZ), Dagmar Leupolds Roman "Muttermale" (Zeit), John Irvings Roman "Königin Esther" (Zeit online), Hermann Hesses Briefe von 1958 bis 1962 (FAZ), PeterLichts Band "Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen" (FAZ) und Aldous Huxleys Essay "Zeit der Oligarchen" (SZ).
Kunst

Völlig hingerissen ist Stefan Trinks in der FAZ von der Ausstellung "Linie und Idee" im Martin von Wagner Museum der Würzburger Residenz. Er kann hier eine "staunenswerte Vielfalt der mit atemberaubend sicherem Qualitätsblick" vom Maler und Kunstsammler Martin von Wagner zusammengetragenen Zeichnungen aus Barock und Renaissance entdecken. Aus der immensen Sammlung, die von Wagner dem Museum 1857 vermachte, wurden nun 77 besonders "schräge" oder künstlerisch herausragende ausgestellt: "Giulio Romano fängt wie in einem fotografischen Schnappschuss eine 'Tigerin im Sprung' in einer lavierten Federzeichnung ein, die nicht nur vor gespannter Energie fast birst, vielmehr auch die Geschwindigkeit der Raubkatze anzeigt, indem ihre Zitzen vom Flugwind an die Seite des Körpers gedrückt werden. Am abgründigsten aber bleibt die 'Mumifizierte Katze' eines anonymen Florentiner Künstlers der Zeit, der die feline Mumie wohl der ägyptischen Katzengöttin Bastet ebenso wie Da Carpi seine Bronzerosse mit Leben füllt, indem er die Wiedergängerin vom Friedhof der Kuscheltiere ihr Köpfchen zur Rechten neigen lässt, als fixierte sie Beute."
Besprochen werden die Ausstellung "Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900" im Leopold-Museum in Wien (NZZ), die Ausstellung "Carl Schuch und Frankreich" im Frankfurter Städel (SZ) und die Ausstellung "Emilio Vedova - Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen" im Kunsthaus Dahlem (Tsp).
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