Efeu - Die Kulturrundschau
Lesen? Das ist verboten
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14.11.2025. Das dänische Architekturbüro Bjarke Ingels Group gewinnt den Wettbewerb für Hamburgs neue Oper: Sieht aus wie Klingsors Zaubergarten - und teurer wird's bestimmt auch, mault die SZ. Hier wird eine neue architektonische Gattung begründet, freut sich indes Zeit Online. Die FAZ erklärt, weshalb es keinen Nachwuchs in der Architektur gibt. In Le Point gibt Kamel Daoud sein erstes Telefongespräch mit dem endlich aus der Haft entlassenen Boualem Sansal wieder. Die FR begegnet in Frankfurt dank August Gaul einem Orang-Utan auf Augenhöhe.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.11.2025
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Architektur

Das dänische Architekturbüro Bjarke Ingels Group gewinnt den Wettbewerb für Hamburgs neue Oper in der Hafencity, für die der Unternehmer Michael Kühne etwa 340 Millionen Euro bereitstellen will. Till Briegleb hatte in der SZ bei der Präsentation allerdings nicht den Eindruck, dass das ausreichen wird. Skeptisch schaut er auch auf den Entwurf, "der das Gebäude als Klingsors Zaubergarten verkleidet. Die hypnotisch kreiselnde Großstruktur legt sich einen neuen Park wie einen mehrfach geschlungenen Schal um den Leib. ... Aus Drohnensicht verschwindet das Musiktheater völlig unter Wegen und Gewächsen. Von Stadt und Wasser dagegen ergibt die neue Oper eher das Bild eines fallenden Stapels Teller kurz vor dem Aufschlag."
Kann man sich für den Moment nicht einfach mal freuen, fragt Hanno Rauterberg bei Zeit Online. Schlicht "epochal" nennt er den Entwurf, denn "das eigentlich Spektakuläre des Entwurfs ist das Gemäßigte. Auf verhaltene Weise ungewöhnlich, unübersehbar, aber nicht triumphal. Ein Wahrzeichen, das weniger Zeichen sein möchte als eine gelebte gesellschaftliche Wahrheit - dieses paradoxe Versprechen bestimmt den Plan. Und könnte eine neue architektonische Gattung begründen. Ingels spricht vom 'humble icon', einer demütigen Ikone." In der taz schreibt Gernot Knödler.
Mit seinen 51 Jahren ist Bjarke Ingels, dessen Büro 700 Architekten, Planer und sonstige Mitarbeiter, verteilt über Standorte auf drei Kontinenten zählt, vergleichsweise jung, hält Matthias Alexander in der FAZ fest. Sind die großen internationalen Baumeister ansonsten doch meist über achtzig Jahre alt. Woran liegt es, dass es kaum Nachwuchs gibt? "Fragt man Architekten, dann ist immer wieder zu hören, dass es heute viel schwieriger geworden sei, ein großes Büro neu aufzubauen. Wer große Aufträge erhalten möchte, muss in der Regel Hunderte Mitarbeiter in der Hinterhand haben, die die Detailarbeit übernehmen, hinzu kommen die Investitionen in die technische Infrastruktur. Junge Büros werden zu den einschlägigen Wettbewerben daher erst gar nicht eingeladen. Organisch mit immer größeren Projekten zu wachsen, wie es Bjarke Ingels gelungen ist, ist ungeheuer schwierig geworden. Hinzu kommt, dass immer weniger Nachwuchskräfte die Rolle der Rampensau anstreben, die heute in Dubai und morgen in Chicago mit großer Geste Entwürfe präsentiert, die sie allenfalls oberflächlich kennt."
Literatur
Boualem Sansal ist in Berlin, fliegt aber heute oder morgen schon nach Paris. Kamel Daoud publiziert in Le Point ein kleines Telefongespräch, das sie geführt haben: Es gehe ihm eher gut, sagt Sansal, "ein Jährchen im Gefängnis wird mich nicht kaputtmachen."
"KD: Aber sag mal, was hast du denn in diesem Jahr gelesen?
BS: Gelesen?
KD: Hattest du die Möglichkeit oder die Freiheit zu lesen oder nicht?
BS: Lesen? (überrascht lachend) Das ist verboten. Es gibt nur religiöse Bücher oder arabische Bücher. Das ist alles, was es dort [im Gefängnis, Anm. d. Red.] gibt. Aber es gibt einen geheimen Buchhandel, man bezahlt mit Zigaretten oder Keksen. Damit kann man welche bekommen." Sansal würdigt in dem Gespräch auch den deutschen Anteil an seiner Befreiung: "Ich hoffe, dass sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien dank Deutschland und unserer Diplomatie weiterentwickeln werden."
Weitere Artikel: In der NZZ erzählt Isabelle Noth, wie Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman "Das Versprechen" (verfilmt als "Es geschah am helllichten Tage" mit Heinz Rühmann und Gerd Fröbe) Ende der 50er Jahre mithalf, sexuelle Gewalt an Kindern zu enttabuisieren. Jürgen Kaube schreibt in der FAZ zum zweihundertsten Todestag des Dichters Jean Paul. Ebenfalls in der FAZ berichtet Marc Zitzmann von Streit um die Leitung des Comicfestivals von Angoulême.
Besprochen werden Mopsa Sternheims Roman "Im Zeichen der Spinne" (taz), Anthony Hopkins' Autobiografie "We Did Ok, Kid" (NZZ), Antje Schrupps "Unter allen Umständen frei" (FR), Josephine Johnsons "Ein Jahr in der Natur" (FR), Juliette Faures "The Rise of the Russian Hawks" (NZZ), Volker Weidermanns Buch "Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens" (SZ), Frédéric Neyrats "La Condition Planétaire" (FAZ) sowie Jörg Blechs und Matthias Rilligs "Mutter Erde" (FAZ).
"KD: Aber sag mal, was hast du denn in diesem Jahr gelesen?
BS: Gelesen?
KD: Hattest du die Möglichkeit oder die Freiheit zu lesen oder nicht?
BS: Lesen? (überrascht lachend) Das ist verboten. Es gibt nur religiöse Bücher oder arabische Bücher. Das ist alles, was es dort [im Gefängnis, Anm. d. Red.] gibt. Aber es gibt einen geheimen Buchhandel, man bezahlt mit Zigaretten oder Keksen. Damit kann man welche bekommen." Sansal würdigt in dem Gespräch auch den deutschen Anteil an seiner Befreiung: "Ich hoffe, dass sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien dank Deutschland und unserer Diplomatie weiterentwickeln werden."
Weitere Artikel: In der NZZ erzählt Isabelle Noth, wie Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman "Das Versprechen" (verfilmt als "Es geschah am helllichten Tage" mit Heinz Rühmann und Gerd Fröbe) Ende der 50er Jahre mithalf, sexuelle Gewalt an Kindern zu enttabuisieren. Jürgen Kaube schreibt in der FAZ zum zweihundertsten Todestag des Dichters Jean Paul. Ebenfalls in der FAZ berichtet Marc Zitzmann von Streit um die Leitung des Comicfestivals von Angoulême.
Besprochen werden Mopsa Sternheims Roman "Im Zeichen der Spinne" (taz), Anthony Hopkins' Autobiografie "We Did Ok, Kid" (NZZ), Antje Schrupps "Unter allen Umständen frei" (FR), Josephine Johnsons "Ein Jahr in der Natur" (FR), Juliette Faures "The Rise of the Russian Hawks" (NZZ), Volker Weidermanns Buch "Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens" (SZ), Frédéric Neyrats "La Condition Planétaire" (FAZ) sowie Jörg Blechs und Matthias Rilligs "Mutter Erde" (FAZ).
Kunst

"Tiere sind auch nur Menschen" ist die aktuelle Ausstellung im Frankfurter Liebighaus mit lebensechten Tierskulpturen von August Gaul benannt - und der Titel ist hier Programm, stellt Sylvia Staude in der FR fest - entwarf der Bildhauer seine Werke doch mit so viel Hingabe, als gestalte er Menschen: "Gleich zu Anfang setzen Kurator Vinzenz Brinkmann und Projektleiter Jakob Salzmann ein Zeichen: Die Porträtbüste des Orang-Utans 'Jumbo' ließen sie direkt neben einer Büste Marc Aurels aufstellen, als wäre der Primat ebenfalls ein römischer Denker gewesen. Und alles, was August Gauls Kunst auszeichnet, ist hier schon zu sehen, die Liebe zum Detail, unter anderem in jedem zotteligen Fellstrang, besonders aber der Ausdruck der tiefliegenden Augen, der durchaus grüblerisch, vielleicht auch melancholisch gedeutet werden kann."
In der taz rät Katharina Granzin zum Ausflug in den Kunstverein Schwerin, wo derzeit unter dem Titel "8 erweiterte portraits" Fotografien der Österreicherin Cora Pongracz im Dialog mit anderen Fotografinnen ausgestellt werden. Pongracz, die zum Kreis des Wiener Aktionismus gehörte, nahm sich in der Porträtserie als Autorin völlig zurück: "Pro porträtierter Person sollten es genau sieben Fotos sein, davon zwei, auf denen die Frauen sich in selbstgewählter Pose fotografieren ließen, und weitere fünf mit frei assoziierten Motiven, denen sich die Abgebildeten persönlich verbunden fühlten. Die Porträtierten wurden zu Gestalterinnen des eigenen Bildes. Auf der formalen Ebene wird aber auch deutlich, dass die Fotografin ihrerseits lustvoll mit den stilistischen Möglichkeiten fotografischer Gestaltung spielte. Zwischen spontaner Schnappschussästhetik und hochgradig stilisierter Künstlichkeit ist alles dabei. Etliche der porträtierten Frauen präsentierten sich vor Pongracz' Kamera nackt oder halbnackt, schließlich glaubte frau sich in den siebziger Jahren endlich sexuell befreit."
Film

Ein Angriff Chinas? Das ist eine Gefahr, mit der man in Taiwan tatsächlich leben muss. Die Serie "Zero Day Attack" (Amazon Prime) erzählt davon, und das gar nicht mal schlecht, meint in der Zeit Fabian Peltsch, der bei der Premiere in Berlin dabei war: "Cheng Hsin-mei, die Produzentin von 'Zero Day Attack', erklärte der BBC, sie wolle 'das taiwanische Volk warnen, dass der Krieg wirklich bevorsteht'. Wer jedoch Actionkino erwartet, bei dem die Raketen vom Himmel regnen, verkennt das politische Selbstbild Taiwans. Die ersten 40 Minuten der in Berlin gezeigten Folge sind ein Kopfsprung in den politischen Alltag der noch jungen Demokratie. Die Zuschauer werden Zeuge einer Präsidentschaftswahl, aus der die vormalige Bürgermeisterin von Taipeh als knappe Siegerin hervorgeht. Wie in der Wirklichkeit ist die Politiklandschaft Taiwans auch in der Serie pluralistisch, mitunter vertrackt und unübersichtlich. Die Parlamentarier sind durchaus offen für Handgreiflichkeiten, wenn sie sich nicht einig werden - auch das deckt sich mit der Realität."
Weiteres: Jennifer Lawrence plaudert im Interview mit dem Standard über ihren neuen Film "Die My Love", Mutterschaft und das gesellschaftliche Klima in Trumps Amerika. Besprochen werden Edgar Wrights Actionfilm "The Running Man" mit Glen Powell (SZ, Welt), eine Netflixdoku über Eddie Murphy (SZ), Nadav Lapids Film "Yes" (FAZ, Perlentaucher) und die Netflixserie "The Beast in Me" mit Claire Danes (Welt).
Bühne

Durchaus verdienstvoll findet Nachtkritiker Falk Richter, dass sich der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov in seiner Adaption von Saša Stanišićs Roman "Herkunft" am Berliner Ensemble von der Vorlage löst und Stanišićs Flucht-Erfahrungen aus Jugoslawien ins Allgemeine ausweitet: "Die Migrationserfahrungen der Erzählerfigur in Heidelberg (und später seine Integration in die deutsche Hochkultur) kommen zwar vor, bleiben aber am Rande, das Zentrum des Abends ist ein nicht unkritisches Umkreisen von Heimatkonstruktionen. 'Zugehörigkeitsgefühl!' spuckt Marina Galic (die mit gestreiftem Pullover und Seitenscheitel eine gelungene Kopie des Autors Stanišić abgibt) einmal angewidert aus. 'Jetzt ist mal gut hier!'" Aber, meint Richter, "das ist alles sehenswert, wirklich eine Antwort darauf, was 'Herkunft' dem Theater zu sagen hat, gibt es nicht."
Besprochen werden Alexej Ratmanskys Choreografie zu Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" in Kopenhagen (SZ, mehr hier) und Sebastian Hartmanns Adaption von Choderlos de Laclos' Roman "Gefährliche Liebschaften" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
Musik
Schock in der Zürcher Tonhalle! "Gerade spielt das Tonhalle-Orchester unter seinem Musikdirektor Paavo Järvi eine besonders sehnsuchtsvolle, himmelstürmende Passage im Finale der sogenannten 'Auferstehungssinfonie', da bricht draußen im Foyer ein Tumult los. Unter lautem Stampfen und mit ordinärem 'Tschingbum!' marschiert eine offenkundig schwer angeheiterte Truppe vor den Türen auf und stört die andächtige Konzentration im Saal." Das gehört zu Mahlers Zweiter, versichert in der NZZ Christian Wildhagen, immer noch ganz hingerissen von dem Konzert. "Die Stelle ist der gewagteste Moment in diesem ohnehin kühnen Werk: Nie zuvor sind das Profane und das Erhabene in der Musik so unvermittelt aufeinandergeprallt; ... Es ist gerade der Mut zur drastischen Zuspitzung solcher Schlüsselmomente, der die Qualität von Järvis Interpretation ausmacht. Aus langjähriger Erfahrung weiß Järvi, wie sehr Mahler in der Zweiten die Traditionen der Sinfonie aufbricht, indem er sie um theatralische und oratorienhafte Elemente erweitert."
Weitere Artikel: Sylvia Prahl erzählt in der taz, wie die Compilation "Emmi Aid" entstand, mit der der Musikjournalist und -manager Martin Hossbach die Initiative zur Rettung des Emmauswalds in Berlin-Neukölln unterstützen wollte. Ebenfalls in der taz porträtiert Merle Zils die Chemnitzer Musikerin Gwen Dolyn.
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