Efeu - Die Kulturrundschau

Gegen die Bequemlichkeit des sinnhaften Deutens

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12.11.2025. Bundespräsident Steinmeier bittet seinen Amtskollegen Abdelmadjid Tebboune um Begnadigung von Boualem Sansal, melden die Zeitungen. Die SZ fragt, ob deutsche Verlage heimlich Literatur aus Israel boykottieren. Die FR bestaunt in Berlin die ersten Readymades der Literatur, geschaffen von Raoul Hausmann. Die taz empfiehlt die Kompositionen von Emilie Mayer als Mittel gegen Novemberblues. Außerdem gratulieren die Zeitungen Neil Young zum Achtzigsten und David Szalay zum Booker-Prize.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2025 finden Sie hier

Literatur

Titelblatt des Jeune Indépendant von gestern.
Der französisch-algerische Autor Boualem Sansal, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist wegen einer Meinungsäußerung nun seit einem Jahr in Haft. Auch die Krebserkrankung Sansals hat das Militär- und Präsidialregime unter Abdelmadjid Tebboune bisher nicht bewegt, Sansal freizulassen. Ein Gericht bestätigte im Juli seine Haftstrafe von fünf Jahren. Kommt nun Bewegung in die Sache? Die algerische Tageszeitung Le Jeune Indépendant meldet: "Der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier hat Abdelmadjid Tebboune gebeten, den seit einem Jahr inhaftierten Schriftsteller Boualem Sansal zu begnadigen. Aufgrund seines 'Alters' und seines 'schlechten Gesundheitszustands' könnte dem Autor gestattet werden, sich zur medizinischen Behandlung nach Deutschland zu begeben, betont die deutsche Diplomatie. Dies geht aus einer gestern veröffentlichten Erklärung des Präsidialamtes hervor." Tebboune kennt das deutsche Gesundheitssystem gut, weil er sich hier auch behandeln lässt. Auch in der SZ gibt es bereits eine Meldung.

Farid Alilat zitiert in Le Point aus einer algerischen Tickermeldung, in der auch ein Statement Steinmeiers weitergegeben wird: "Ich habe meinen algerischen Amtskollegen gebeten, Boualem Sansal zu begnadigen. Diese Geste wäre Ausdruck eines humanitären Geistes und einer aufgeklärten politischen Vision und würde auch meine enge persönliche Beziehung zu Präsident Tebboune und die ausgezeichneten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern widerspiegeln."

Beteiligen sich deutsche Belletristik-Verlage heimlich am kulturellen Boykott Israels - indem schlicht kaum noch Bücher aus dem Hebräischen übersetzt werden, fragen Marle Gundlach und Felix Stephan in der SZ. Die Zahlen zumindest sind eindeutig, die Anzahl der Übersetzungen ist seit 2024 eingebrochen. Auch die Betroffenen haben eine klare Meinung: "Sie bekämen zu hören, sagen die Israelis, dass hebräische Literatur im Moment schwer zu vermarkten sei und die Nachfrage spürbar abgesunken. Dass man befürchte, vor den Buchläden und in den Kommentarspalten könnten sich antiisraelische Proteste Bahn brechen, wenn man ausgerechnet jetzt hebräische Literatur in die Schaufenster stelle. Sie fühlen sich also, in einem Wort, in Sippenhaft genommen für die Kriegsführung einer rechtsnationalen Regierung, die kaum jemand so scharf, präzise und beharrlich kritisiert wie sie selbst, die israelischen Autoren, Verleger, Publizistinnen." Gundlach und Stephan glauben allerdings eher den deutschen Verlegern, die das Ende der Jerusalemer Buchmesse, einen Generationenumbruch im israelischen Literaturbetrieb und anderes als Gründe anführen.

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David Szalay hat, wie unter anderem Michael Wurmitzer im Standard durchgibt, für seinen Roman "Was nicht gesagt werden kann" den Booker Prize gewonnen. Die Feuilletons sind ziemlich angetan von diesem Buch, das seiner Hauptfigur István durch verschiedene, nicht zuletzt sexuelle Eskapaden folgt. "Er spricht wenig, dieser István, hauptsächlich sagt er 'Okay', und so scheint sein Leben bisweilen fremdgeleitet. Doch was Szalay hier in knappen Dialogen und schlichter Prosa macht, ist nichts anderes, als zu zeigen, wie äußere Umstände, Zufälle und Gelegenheiten ein Leben formen, und dass vieles weniger über die Ratio als über den Körper und das Begehren läuft." "Szalays Kunst", meint Christiane Lutz in der SZ, "liegt darin, Sprache auf ihr oft unschönes Gerüst zu reduzieren. Wie auf einem Röntgenbild nur die Knochen zu sehen sind, ist in dem Roman nur das zu lesen, was zwar alles zusammenhält, aber roh wirkt, unvollständig. Die Leerstellen füllt Szalay, indem er sie stehen lässt, der Körper um das Gerüst entsteht beim Lesen."

Außerdem: Jan Wiele gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Frank Witzel zum 70. Besprochen werden unter anderem der fünfte Band der Brautbriefe Sigmund Freud und Martha Barnays' (FAZ), Frank Verstraete und Céline Broeckaerts "Warum niemand die Quantentheorie versteht" (FAZ), Samantha Schweblins "Das gute Übel" (FR), Salman Rushdies "Die elfte Stunde" (SZ), Nevra Ebrahimis "Und Federn überall" (Tagesspiegel), Lee Yuris "Broccoli Story" (Welt) und Clemens Marschalls "Wilde Wanda" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Lutz Bacher, Yamaha, 2010. Exhibition view, Lutz Bacher: Burning the Days. © Astrup Fearnley Museet, 2025. Photo: Christian Øen

Die vor sechs Jahren verstorbene Künstlerin Lutz Bacher gilt als "berühmteste Unbekannte der Gegenwartskunst" und beeinflusste viele andere Künstler, weiß Boris Pofalla (Welt) und freut sich, dass das Astrup Fearnley Museum in Oslo ihr die längst überfällige Retrospektive "Burning the Days" ausrichtet. Geheimnisvoll bleibt die Amerikanerin dennoch, denn die "erschöpfende Selbstauskunft", die Kunst heute meist prägt, verweigert sie konsequent, so Pofalla, aber: "Das Tolle ist: man muss fast nichts über Lutz Bacher wissen, um ihre Kunst zu rezipieren. Die Werke sind enigmatisch, aber von einer dichten und zugleich offenen Psychologie. In einem kleineren Saal stehen Figuren in Gestalt von Bisons, die Bacher ebenfalls appropriiert hat ('Bison', 2012). Es ist nicht bekannt, zu welchem Zweck sie dienten. Auf einem Gerüst aus Holzlatten und Hühnerdraht wurden ihre Köpfe und Schultern mit Pappmachée geformt und dann bemalt. ... Gerade weil der Zweck nicht genau bekannt ist, begreift man sie als Zeugnisse einer bestimmten Zeit und Kultur."

200 teils nie gezeigte Werke des Wiener Dadaisten Raoul Hausmann sind derzeit in der Berlinischen Galerie zu sehen, und in der FR ist Ingeborg Ruthe glücklich, denn die Schau ist nicht nur die bisher umfassendste Hausmann-Ausstellung, sondern auch noch brillant kuratiert, lernt sie den Provokateur hier doch auch als Suchenden kennen: "Er kreierte mit seinen Plakatversen die ersten Readymades der Literatur, trat als exzentrischer Tänzer und mit scharfzüngigen Lautgedichten auf. Dann baute er krude 'synästhetische' Apparaturen, verfasste experimentelle Schriften, ergründete in Aktionen das Verhältnis von Körper, Klang und Raum. Es kündigte sich bereits an, was der ab 1933 für die Nazis 'Entartete' als Experimentator dann im französischen Exil nach der Flucht zu einer ganz eigenen Kunstform des Beiläufigen entwickelte: Mittels Fotoapparat verband er das Sehen ohne die damals übliche formale Konstruktion mit dem Haptischen: subtil, geradezu zärtlich."

"Beuys pur" gibt es derzeit in der Kunsthalle Tübingen zu sehen, und dabei fokussiert die Ausstellung "Bewohnte Mythen" vor allem auf das zeichnerische - "sagenhafte" - Frühwerk, das der spätere Aktionskünstler als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg schuf, freut sich Katinka Fischer in der FAZ: "Die Exponate mit dem höchsten Wiedererkennungswert stammen aus der Legion seiner Tierdarstellungen: Hasen, Hirsche, Bienen und Elche, auch so manches Mischwesen. Zauberinnen, Hexen, Feen oder Nornen geben Mythen und Märchen Gestalt. Pflanzen spielen ebenfalls eine Rolle: Mit wenigen violetten Aquarellpinselstrichen kommen im Jahr 1953 'Blumen' zu bemerkenswert sinnlicher Kraft. Ein wie der heilige Sebastian mit Pfeilen durchbohrter 'Kranker Baum' indes lässt schon 1955 den politischen Aktivisten erahnen, als der Beuys in den Achtzigerjahren, nachdem er das Zeichnen so gut wie eingestellt hat, bekannt wird."

Weitere Artikel: Die aus 100 Kilo Gold gegossene Toilette, die Maurizio Cattelan 2016 anfertigen ließ und "America" betitelte, wird kommende Woche bei Sotheby's in New York versteigert, meldet Jörg Häntzschel in der SZ. Besprochen wird außerdem die schlicht "Kunstausstellung" betitelte Retrospektive mit Werken von Hans-Peter Feldmann im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

Für den Tagesspiegel porträtiert Tom Mustroph die Schauspielerin Marina Galic, die als neues Ensemblemitglied im Berliner Ensemble ebendort die Hauptrolle in der Bühnenadaption von Saša Stanišić' Roman "Herkunft" spielen wird.

Besprochen werden Michail Glinkas Oper "Ruslan und Ljudmila" an der Hamburger Staatsoper (backstage classical, Welt, mehr hier) und Mathieu Bertholets Inszenierung "Gilberte de Courgenay" von Rudolf Bolo Mäglin & Anderen am Zürcher Theater am Neumarkt (NZZ, nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film

Außer Rand und Band: Jennifer Lawrence in Lynne Ramsays "Die, My Love"

Ambivalent fallen die Reaktionen auf Lynne Ramsays "Die, My Love" aus, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft. Kraftvoll ist die Geschichte eines jungen Paares, dessen Liebesglück nach der Geburt eines Sohnes zerbricht, durchaus, findet Andreas Kilb in der FAZ. Vor allem Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence ist außer Rand und Band. Viele tolle Szenen hat die unter anderem nachts durch Wälder streifende und sich ums Haar ins Koma saufende Hauptfigur. Solche Momente sind zwar "großes Kino, aber in 'Die My Love' erschlagen sie sich gegenseitig, weil Lynne Ramsay es versäumt, sie in eine Erzählung einzufügen. Wenn Grace an postpartaler Psychose leidet, krankt Ramsays Film an akuter Formlosigkeit. Er entfaltet die Tragödie einer scheiternden Liebe nicht, er haut sie uns um die Ohren. Gegen diese Bilderprügelei bleibt auch Jennifer Lawrence machtlos."

Arabella Wintermayr hingegen ist in der taz sehr angetan von einem Film, der "nicht verstanden, sondern ertragen" werden will. Sehr gern taucht sie ein in einen Film, "der kompromisslosen Übersetzung innerer Zustände in Bilder und Klänge, in eine Form von Kino, die das Unsagbare nicht erklärt, sondern fühlbar macht. Lynne Ramsays Film stemmt sich gegen die Sprachlosigkeit ebenso wie gegen die Bequemlichkeit des sinnhaften Deutens - und findet in der Verzweiflung seiner Protagonistin eine eigene, wilde Form der Wahrheit." Für die SZ bespricht Kathleen Hildebrand den Film.

Außerdem: Daniel Klaus schreibt in der taz über "Filme gucken wie ein Profi". Ebenfalls in der taz denkt Annekathrin Kohout über die medialen Deutungskämpfe um die Schauspielerin Sydney Sweeney nach. Valerie Dirk stellt im Standard Überlegungen zur Spoiler-Angst in der Filmkritik an. Silvia Bahl unterhält sich im Filmdienst mit den Filmemachern Patricia Hector und Lothar Herzog über deren Dokumentarfilm "Das Ungesagte". Judka Strittmacher ärgert sich in der Berliner Zeitung über Kinogänger, die in Filmen über die NS-Zeit Popcorn verzehren. Besprochen wird der ARD-Thriller "Verschollen" von Daniel Harrich (FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Ramsay, Lynne, Die, My Love

Musik

Die Feuilletons gratulierend Neil Young erwartbar wohlwollend zum 80. In der FAZ huldigt Edo Reents einem Musiker, der sich nie auf seinem eigenen Erfolgsmodell ausruhte und es fast schon zu seinem Markenzeichen erhob, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen. In den 1970ern etwa war er derjenige, "der Akustik-Folk mit Country und elektrischem Rock auf noch einmal ganz andere Art amalgamierte, als dies Dylan zuvor getan hatte; jemand, der außergewöhnliche Empfindsamkeit und rockige, jederzeit zu deftiger Spielweise aufgelegte Härte gleichermaßen verkörperte, sensibler Hippie und Rock-Superstar, der seine von Sehnsüchten und Klagen über das verlorene amerikanische Paradies durchsetze Poesie mit einer bis dahin unüblichen, knabenhaft weichen Stimme vortrug und dem Genre damit einen geradezu femininen Einschlag gab. Nicht zufällig wurde er zur Mitte der Siebzigerjahre, die recht eigentlich sein Jahrzehnt waren, als 'Greta Garbo des Rock' bezeichnet." Für SZ-ler Willi Winkler ist Young schlicht "der beste Krachmeister im unvergänglichen Rock'n'Roll".

Eine tolle Wiederentdeckung präsentiert Katharina Granzin in der taz. Emilie Mayer war im 19. Jahrhundert eine angesehene, erfolgreiche und produktive Komponistin, später wurde ihr Werk kaum noch gespielt. Die Akademie für alte Musik hat in Berlin nun an drei Abenden alle erhaltenen Werke wiederaufgeführt. "Ein Festival für Emilie Mayer" heißt die Veranstaltung im Pierre-Boulez-Saal, und Granzin ist begeistert: "'Mitreißend' ist Mayers Musik sehr oft, von bezwingendem Schwung, gepaart mit Witz und Unerschrockenheit. Mitunter scheint sie sich selbst überbieten zu wollen im Erfinden immer neuer musikalischer Motive, die sie in provokantem Kontrast gegeneinander setzt. Oder sie zeigt, etwa in ihrer e-Moll-Symphonie, wie sich aus einem Null-Motiv, einem einzigen Ton, innerhalb nur weniger Takte eine musikalische Entwicklung generieren lässt, deren gewaltige Spannung sich in einem rasanten Tutti entladen muss. Ihre humoristisch zupackende C-Dur-Ouvertüre wiederum gehört in jede musikalische Hausapotheke als hochwirksames Mittel gegen Novemberblues."

Hören Sie selbst:



Außerdem: Graham Lack schreibt für nmz einen satirischen Brief ans ZDF anlässlich der Opus Klassik-Preisverleihung. Ebenfalls für nmz besucht Ralf-Thomas Lindner das PHŒNIX Festival im Hamburger MARKK. Christoph Irrgeher porträtiert im Standard den Jazz-Trompeter Thomas Gansch, der dieser Tage seinen 50. feiert. In der Presse erinnert Wilhelm Sinkovicz an den Wiener Komponist und Kulturmanager Thomas Schlee, der im Alter von 68 Jahren verstorben ist.

Besprochen werden ein Gastkonzert der Wiener Symphoniker in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel), ein Gastspiel des Gewandhausorchesters Leipzig im Wiener Musikverein (Presse), ein Wiener Konzert des Cloud-Rappers Yung Lean (Presse) sowie der den Neuköllner Emmauswald retten wollende Sampler "Tree Aid" (FR).
Archiv: Musik
Stichwörter: Young, Neil, Mayer, Emilie