Efeu - Die Kulturrundschau

Eine dritte Zugehörigkeit

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04.11.2025. Wie trauert Albert Camus um Algerien, fragt Dan Diner in seiner Sigmund-Freud-Preisrede, abgedruckt in der FAZ.  FAZ und FR schälen den Boris in Keith Warners Frankfurter "Boris Godunov"-Inszenierung aus dem Fabergé-Ei. Monopol lernt in einer Ausstellung in Frankfurt, was "Solastalgie" bedeutet. Die Kritiker lassen sich von Kleber Mendonça Filhos Palme-d'Or-Gewinner "The Secret Agent" über die  brasilianische Militärdiktatur in eine paranoide Grundstimmung bringen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2025 finden Sie hier

Film

Wagner Moura in "The Secret Agent"


Der brasilianische Filmemacher Kleber Mendonça Filho gewann mit "The Secret Agent" im Mai die Goldene Palme von Cannes. Jetzt kommt der Film, der 1977 während der Militärdiktatur spielt, bei uns in die Kinos. Vordergründig geht es um eine kleine Gruppe Außenseiter, die einem Fremden (Wagner Mouros) helfen, ein Verbrechen aufzuklären. Doch dieser Film ist viel mehr als ein Politthriller, versichert ein begeisterter Andreas Busche im Tagesspiegel: "Eine paranoide Grundstimmung schwingt in den panoramischen Panavision-Bildern von Kamerafrau Evgenia Alexandrova mit. Konterkariert wird das latente Unbehagen durch die saturierten Farben, die eher an den gegenkulturellen Idealismus der Tropicalismo-Bewegung der späten 1960er Jahre denken lassen. So wie mit den Stimmungen spielt Mendonça auch mit den Genres: Die Verunsicherung ist auf allen Ebenen von 'The Secret Agent' intendiert."

Auch SZ-Kritikerin Aurelie von Blazekovic ist schwer beeindruckt von der Welt, die ihr Mendonça eröffnet: "In 'The Secret Agent' entsteht ein kompositorisches Ganzes aus Siebzigerjahre-Farben und Musik, beeindruckend sind aber vor allem die Details. Der deutsche Schneider Hans und seine Geheimlyrik! Das Paar aus Angola! Die Nachbarin! Wie dieser Film Szene für Szene Welten eröffnet, wie er einen einnimmt, hineinzieht, staunen lässt - die Fähigkeit des Kinos, das zu vollbringen, ist Teil der Geschichte. Marcelos Schwiegervater betreibt in Recife ein Stadtkino. Da rennen die Leute panisch aus den Horrorfilmen oder haben Sex im Kinosessel. Der kleine Sohn von Marcelo lebt bei diesen Kinobetreiber-Großeltern und hat Albträume vom Filmplakat für 'Der Weiße Hai'. Er malt es in einer kindlichen Bewältigungsstrategie immer wieder ab, will den Film sehen, darf aber nicht, wenn es nach dem Vater geht."

Weiteres: In der taz resümiert Fabian Tietke das Dokumentarfilmfestival in Leipzig. Besprochen werden eine ARD-Serie zum Cybermobbing, "Schattenseite" (Welt), Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (NZZ) und Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" (NZZ).
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Musik

Maurice Summen berichtet in der taz vom Jazzfest Berlin 2025. In der FAZ annonciert Vanessa Fatho eine Konzerttour der Originalband von Falco. Besprochen werden ein Konzert des Israel Philharmonic Orchestra in Frankfurt (FR) und Anna Bucheggers Album "Soiz", die mit ihrer poppigen Mischung aus "Clown, Couture und Tracht" Standard-Kritiker Christian Schachinger nicht unbeeindruckt gelassen hat.

Hier was zum Reinhören:

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Literatur

Dan Diner hat am Sonntag in Darmstadt den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhalten. In seiner Rede, die die FAZ heute abdruckt, denkt er bemerkenswerter Weise über Albert Camus und Algerien nach. Im wesentlichen liest er nochmal Camus' hinterlassenen Roman "Der erste Mensch": "Anhand des 'Ersten Menschen', obschon ein Torso, ist zu erkennen, dass dessen Protagonist im Romanfragment sich als neuen Menschen zu erschaffen sucht, als Mensch ohne eine ihn behindernde Vergangenheit und mit offener, in Freiheit gestalteter Zukunft. Diese Verwandlung, diese 'Zweite Geburt' im Sinne Arendts sucht Camus auf die im Kampf miteinander verkeilten Kollektive zu übertragen, um daraus eine dritte Zugehörigkeit zu begründen - eine Zugehörigkeit des Ortes statt der Abstammung, ein Algerien jenseits von Kolonialismus und Nationalismus, gar jenseits von Europäern und Arabern." Diner stellt keine expliziten Parallelen zur Gegenwart oder gar zu Israel her, dennoch ist man versucht, sie hineinzulesen: "Camus' 'Erster Mensch' ist eine Schrift der Trauer", schreibt er. Und "Camus ist im Prozess der Trennung vom französischen Algerien begriffen, dessen sinnloses Bewahren ihm bewusst ist."

Besprochen werden die Ausstellung "Out of the Box" mit Schätzen aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste (NZZ), die Erinnerungen Alexander Gaulands (Welt), Boris Beckers Memoiren (FR), Irina Scherbakowas Moskauer Erinnerungen "Der Schlüssel würde noch passen" (FAZ), Miloš Vec' Biografie des Völkerrechtlers Wolfgang Preiser (FAZ) und Gerhard Barkleits Biografie des Atomphysikers Heinz Barwich (FAZ).
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Stichwörter: Diner, Dan, Camus, Albert

Bühne

Szene aus "Boris Godunow" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Ob der Zar Boris Godunow den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen nun ermordet hat oder nicht - darauf gibt es auch in Alexander Puschkins Drama "Boris Godunow" oder in der darauf basierenden Oper von Modest Mussorgski keine Antwort, erklärt Jan Brachmann in der FAZ. Überhaupt interessieren sich Regisseur Keith Warner und Bühnenbildner Kaspar Glarner nicht für eine konkrete Zeit. Die Handlung könnte im 17. Jahrhundert spielen oder im frühen 20., so Brachmann, "die Gemengelage aus Brutalität, Okkultismus ... und massenpsychotischer Rohheit ist zeitlos". Dennoch gibt es "starke Bilder", lobt der Kritiker. Großartig findet er insbesondere "die zwei letzten Bilder, wenn zunächst Boris in einem riesigen schwarz-silbernen Fabergé-Ei (das zugleich das Seelen-Ei des unsterblichen Koschtschej aus dem russischen Volksmärchen sein könnte) auf dem Thron sitzt, bis dann im Volksaufruhr nach seinem Tod die ganze Bühne voller großer Vogeleier ist."

Auch musikalisch ist das interessant, versichert Judith von Sternburg in der FR, denn die Inszenierung beruht auf einer Überarbeitung der Oper durch Dimitri Schostakowitsch: "Schostakowitsch gibt Schostakowitsch-Schlagwerk, -Xylophon, -Glockenspiel dazu, schärft die Musik leicht an. Dass die Oper Frankfurt damit gewissermaßen eine Rarität aufführt und sich viereinhalb Stunden dafür nimmt (mit zwei Pausen), muss auch niemanden beunruhigen. Das Grundmaterial ist das vertraute. Es gewinnt aber mehr Kontur, einen Hauch von 'Lady Macbeth von Mzensk' in den besonders bösen und annähernd grellen Szenen, und GMD Thomas Guggeis arbeitet das mit dem Opern- und Museumsorchester auch herausragend feinsinnig, feinliniert heraus."

Weiteres: SZ, FAZ und NZZ berichten über die ukrainischen Proteste, die Anna Netrebkos Auftritt als Donna Leonora in Giuseppe Verdis "La forza del destino" an der Oper Zürich begleiteten. Katrin Bettina Müller war für die taz auf dem "inkl.Festival" im Deutschen Theater Berlin unterwegs. Besprochen werden Elle Sofe Saras Choreografie "Láhppon/Lost" am Norwegischen Nationalballett (FAZ), Yana Eva Thönnes Inszenierung von Heinrich von Kleists "Zerbrochner Krug" am Theater Freiburg (FAZ) und Antú Romero Nunes' Inszenierung von "Was ihr wollt" am Berliner Ensemble (SZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Ausstellungsansicht Solastalgie
Asad Raza: Root sequence. Mother tongue, 2017, Foto: Jens Gerber

"Solastalgie" bezeichnet das Gefühl der Trauer über eine Umwelt, die sich durch den Klimawandel rasch verändert: Für Monopol wandert Katharina Cichosch durch die gleichnamige Ausstellung im Museum Giersch in Frankfurt, wo der Künstler Asad Raza einen Interieur-Forst angelegt hat: "Etwas Lebendiges ist in den Ausstellungsraum eingezogen. Olivenbaum und Fächerahorn haben ihre Blätter auf den roten Teppich geworfen; Nadelbäume bleiben auch im White Cube immergrün (...) Mitten in den künstlich angelegten Interieur-Forst wurden weitere Landschaften gehängt: Der Stadtwald, das Mainufer an der Gerbermühle, der Garten des benachbarten Liebieghauses, den Jakob Nussbaum 1922 im Winter festgehalten hat. Schnee, Blüten, Obstbaumwiesen."

Für Aufregung sorgte eine in der Galerie Gleis 4 in Basel ausgestellte Skulptur mit dem Titel "Saint or Sinner", meldet der Tagesspiegel mit dpa: Es ist eine recht lebensecht wirkende Figur von Donald Trump - in orangenem Häftlingsanzug, auf eine kreuzförmige Bahre geschnallt, die an die Liegen denken lässt, die bei Hinrichtungen mit Giftspritze verwendet werden. Sie stammt vom Künstler Mason Storm.

Besprochen wird Isaac Juliens Installation "All That Changes You. Metamorphosis" im Palazzo del Te in Mantua (FAZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Raza, Asad