Efeu - Die Kulturrundschau

Augenblick des Nichtstuns

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.10.2025. Yorgos Lanthimos hat mit "Bugonia" einen Film fürs digitale Endzeitalter gedreht, freut sich die taz. Die FAZ sorgt sich darum, dass digitale Kunst nicht genug gepflegt wird. Warum soll ausgerechnet Gazprom-Dirigent Currentzis die höchste österreichische Kunstauszeichnung erhalten, fragt backstageclassical. Geigenbogenbauer haben bald ein Problem, erklärt uns die FR angesichts eines neuen Naturschutzgesetzes, das das brasilianische Fernambukholz zum raren Gut machen wird. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2025 finden Sie hier

Kunst

Carel Fabritius - Die Torwache. © Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Foto: E. Walford

Hanno Rauterberg freut sich in der Zeit über die Wiedereröffnung des Staatlichen Museums Schwerin, das aufgrund einer Generalüberholung vier Jahre geschlossen war, und unternimmt einen kleinen Streifzug durch die außergewöhnlich reichhaltigen Bestände des Hauses. Ganz besonders angetan hat es ihm Carel Fabritius' Gemälde "Die Torwache", das "einen Mann mit Gewehr und Säbel zeigt. Einen aber, der nicht strammsteht, niemandem gehorcht. Denn sein Reich ist die Stille. (…) Es passiert nichts auf diesem Bild, es gibt auch keine Moral, die ergründet, keine Botschaft, die beherzigt werden will. Es ist ein Gemälde des 17. Jahrhunderts - und doch bis heute wunderbar unergründlich. In einem Augenblick des Nichtstuns öffnet sich die Kunst, und alle sind eingeladen, ihren inneren Bildern nachzuspüren.

Klaus Rössler macht sich in der FAZ Sorgen um das Überleben digitaler Kunst. Gar nicht so sehr in technischer Hinsicht: Ansätze zu einer Archivkultur auch für Online-Kunstwerke gibt es durchaus. Aber "was fehlt, ist oft die emotionale, soziale Pflege. Wie bei einer Skulptur, die restauriert werden muss, verlangt auch digitale Kunst Zuwendung, nicht nur technischen Erhalt. (…) Die Kunst der Renaissance liebte die Ruine. Sie war Zeichen vergangener Größe, aber auch Projektionsfläche für neue Ordnung. In der Romantik wurde sie zum Inbegriff des Erhabenen, als Symbol des Vergehens und der Ewigkeit zugleich. Vielleicht braucht auch die digitale Kunst eine solche Perspektive."

Außerdem: Till Fellrath und Sam Bardaouil unterhalten sich mit monopol-ler Felix von Boehm über die von ihnen kuratierte Taipeh-Biennale. Ebenfalls bei monopol porträtiert Elke Buhr Ken Nwadiogbu, der für den hauseigenen Young Generation Art Award 2026 nominiert ist.

Besprochen werden die Schau "Die Pazzi-Verschwörung. Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance" im Berliner Bodemuseum (FAZ), "Mensch Maschine: Return to Earth" im E-Werk Luckenwalde (taz), "Diane Arbus: Konstellationen" im Gropius Bau, Berlin (Welt) und die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (monopol).
Archiv: Kunst

Literatur

Eher skeptisch blickt Dirk Knipphals im taz-Kommentar auf den neuen Spiegel-Buchpreis, dessen zwanzig Nominierungen bereits am 8. Oktober verkündet wurden, während ab dem 3. November nach dem Adventskalenderprinzip die Platzierungen bekannt gegeben werden. "Dotiert ist der Preis darüber hinaus nicht, was für das Selbstbewusstsein des Magazins sprechen mag, dass eine Erwähnung in ihm schon Preis genug ist, aber dennoch fragwürdig bleibt. Hilft hier der Spiegel der Literatur - oder soll die Literatur dem Spiegel helfen? Man wird sehen."

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Raoul Löbbert spricht für Zeit Online mit Didier Conrad und Fabcaro über deren neuen Comic "Asterix in Lusitanien". Die Auflagen, die ihnen gemacht werden, um dieses Traditionsformat weiterzuführen, seien gar nicht so hoch, erzählt Zeichner Conrad. "Vertraglich sind wir gegenüber den Erben nur dazu verpflichtet, die Comicreihe im ursprünglichen Geist weiterzuführen. Und Albert Uderzo meinte kurz vor seinem Tod einmal zu mir, dass es im Grunde nur zwei Regeln gibt, gegen die nie verstoßen werden darf. Erstens: Die Piraten müssen vorkommen. Und zweitens: Am Ende gibt es ein großes Festessen unter den Sternen." Eine Liebesgeschichte zwischen Asterix und Obelix wird es aber auch weiterhin nicht geben: "Im gallischen Dorf gibt es keinen Sex, egal ob hetero- oder homosexuell."

Weitere Artikel: Jakob Hessing gratuliert in der FAZ der Übersetzerin Ruth Achlama zum 80. Geburtstag. In der SZ blickt Aurelie von Blazekovic zurück auf 20 Jahre "Twilight", die Vampir-Romansaga von Stephenie Meyer, die damit den heutigen Boom an Romantasy-Literatur begründet hat.

Besprochen werden unter anderem Roland Schimmelpfennigs Gedichtband "Bericht von der Mondlandung" (FR), Chi Zijians "Das letzte Viertel des Mondes" (online nachgereicht von der FAZ), Bettina Flitners "Meine Mutter" (NZZ) und Katerina Poladjans "Goldstrand" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Emma Stone gibt ihren Entführern Konferenzteflon-Paroli: "Bugonia" von Yorgos Lanthimos

Der griechische Autorenfilmer Yorgos Lanthimos nimmt in seinen jüngeren Filmen "den Umweg des Absurden, um in Areale vorzudringen, in denen sich die Konturen der Wirklichkeit bisweilen umso klarer zeigen", schreibt Arabella Wintermayr in der taz. Von der Fantastik macht er sich dabei mit jedem Film etwas mehr frei: "Wenn man so will, arbeitet sich Yorgos Lanthimos also zunehmend direkter zu den Gegebenheiten unserer Wirklichkeit vor - oder ist es andersherum, und eine immer entrückter wirkende Welt kommt Yorgos Lanthimos entgegen?" Sein neuer Film "Bugonia" jedenfalls widmet sich "den ganz realen Weltentrückten unserer Zeit, den Verschwörungsgläubigen, den Misstrauensmissionaren im digitalen Endzeitalter."

Emma Stone, die künstlerisch mittlerweile eng mit Lanthimos verbandelt und auch die Produzentin seiner Filme ist, gibt in diesem losen Remake von Jang Joon-Hwans südkoreanischer Groteske "Save the Green Planet" von 2003 eine smarte Pharma-Unternehmerin, die von Durchgeknallten entführt wird, die in ihr ein Alien erkannt zu haben meinen, das eine Invasion vorbereitet. Doch "gegenüber ihren Entführern behält sie den kühlen Ton der Businessfrau bei, die gewohnt ist, dass es nach ihrem Willen geht", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Sie antwortet auf Teddys Alien-Beweisargumentationsketten also mit: 'I hear where you're coming from, and I respectfully disagree.' An diesem Konferenzteflon perlt alles ab. Die Mauer der verdrehten Argumente des Fake-News-Gläubigen kann aber auch dieser neuartige Dialekt nicht einreißen. Wörter sind verdreht, Sprache ist ohnmächtig." SZ-Kritikerin Sofia Glasl beobachtet in diesem Film eine "Weltuntergangsstimmung", welche "sich kaum noch von der realen Gesamtsituation unterscheidet. ... Verschwörungsideologen und Tech-Milliardäre teilen die Welt offenbar nun schon lange genug untereinander auf."

Weiteres: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit Eva Libertad über deren Film "Sorda", in dem eine gehörlose Frau ein Kind zur Welt bringt. Die Film und Medien Stiftung NRW gibt die fünf Nominierten für die besten Filmkritiken des Jahres bekannt: Auch unser Kritiker Lukas Foerster ist auf der Liste - wenngleich für eine Kritik beim Filmdienst. Wir wünschen viel Erfolg! 

Besprochen werden unter anderem Hong Sangsoos auf der Viennale gezeigter "What Does that Nature Say To You?" (Standard), Stefan Haupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit Paula Beer (Tsp), Marcus H. Rosenmüllers neuer "Pumuckl"-Film (Standard) und Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (SZ).
Archiv: Film

Bühne

Deutsches Theater Göttingen: Wir Perser.
Paul Trempnau, Andrea Strube. © Thomas Aurin

Die junge Dramatikerin Ivana Sokola hat Aischylos' "Die Perser" eine überzeugende Frischzellenkur verpasst, freut sich taz-Mann Jens Fischer. "Wir Perser" heißt das Stück in ihrer Bearbeitung. Die von Regisseur Brancko Janack verantwortete Uraufführung am Deutschen Theater Göttingen hat jede Menge Schwung. Gut gefällt Fischer etwa die Neuinterpretation der hier von Andrea Strube verkörperten Königin Atossa: "Sie ist in Göttingen keine verzweifelnde Schmerzensmutter, voller Besorgnis um ihren Sohn Xerxes, sondern hat sich bereits auf seinen Thron gesetzt und versucht mit Werbebotschaften wie Freiheit, Freizeit, Gerechtigkeit eine matriarchale Gesellschaft aufzubauen. Während der Chor dabei erst mal an lähmende Bürokratie denkt, moderiert Atossa dessen Wankelmut in der strahlend manipulativen Art modernen Politmanagements und behauptet: 'Ich lasse eure Kinder betreuen / Ich mache den Strom grün / Ich verbiete den Autos zu fahren, zumindest schneller als 30.'"

Jakob Hayner schimpft in der Welt über die von allen Ausbrüchen bereinigte, "freundliche Mittelmäßigkeit" des aktuellen Programms im Wiener Burgtheater. Seine Enttäuschung über die ironiegesättigte Zähmung Thomas Bernhards und Werner Schwabs in Neuinszenierungen derer Stücke "Auslöschung" beziehungsweise "Volksvernichtung oder mein Leben ist sinnlos" wächst sich zum Generalangriff auf einen Trend im jüngeren Regietheater aus: "Wer einst Rebell oder Außenseiter war - oder sich dazu stilisierte -, wird nun durch Veralberung gezähmt und domestiziert. Früher wollte man die Explosion der Affekte, heute nur seine Ruhe und emotionalen Detox. Das wirkt alles so brav und zutiefst gelangweilt. Es wirkt, als ob negative Gefühle der jüngeren Regiegeneration wirklich wie historische Relikte aus einer fremden Kultur vorkommen, für die man nicht einmal mehr aufrichtiges ethnografisches Interesse aufbringen mag, sondern nur ein spöttisches Lächeln der psychohygienisch Hochtrainierten und Selbstoptimierten übrighat."

Das Gorki-Theater in Berlin hat neulich Celans "Todesfuge" gründlich vermurkst und sich dafür eine deftige Kritik von Nachtkritikerin Esther Slevogt eingefangen (unser Resümee). Danach hat man offenbar gemault, denn Slevogt zeigt sich in ihrer Kolumne über die Reaktionen auf die Kritk an ihrer Kritik doch recht erstaunt: "Das Ideal einiger Theatermacher*innen ist scheinbar das betreute Theatermachen. Als handele es sich um eine Art therapeutische Maßnahme, bei der es ausschließlich um die Macher*innen geht. Die Kritik hat in diesem Szenario höchstens eine betreuende Funktion. Das Publikum spielt überhaupt keine Rolle und hat gefälligst zu schlucken, was auf die Bühne kommt." (Slevogt müsste allerdings noch genauer erklären, warum an diesem Gebaren subventionierter Häuser ausgerechnet der Kapitalismus schuld sein soll.)

Außerdem: Milo Rau wurde, wie unter anderem der Standard meldet, vom Belgrader Theaterfestival Bitef ausgeladen. Rüdiger Schaper schlägt im Tagesspiegel Alarm: Mit dem Renaissance Theater und dem RambaZamba stecken wie wichtige privat geführte Berliner Theater in großen finanziellen Schwierigkeiten. Maritta Adam-Tkalec schreibt wiederum in der Berliner Zeitung über Versuche, das Berliner Theater Ost zu retten. Esther Slevogt denkt in der nachtkritik darüber nach, was es heißt, wenn Künstler immer weniger Verständnis für Kritik zeigen. Wilhelm Sinkowicz schaut sich für die Presse an, was der Dirigent Christian Thielemann an der Berliner Staatsoper derzeit so treibt. Besprochen wird eine Aufführung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" im Wiener Haus am Ring (Standard).
Archiv: Bühne

Musik

Theodor Currentzis, 2016. © Olya Runyova, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Der von Gazprom finanzierte griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis soll die höchste österreichische Kunstauszeichnung erhalten. Verschiedene Medien berichteten bereits. Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) selbst hat Currentzis zur Aufnahme in die "Kurie der Kunst" vorgeschlagen. Die Auszeichnung gilt Künstlern, "die sich durch besonders hochstehende schöpferische Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft oder der Kunst allgemeine Anerkennung und einen hervorragenden Namen erworben haben". Bundespräsident Alexander Van der Bellen muss dem Vorschlag formell zustimmen. Aufgebracht hatte die Meldung mal wieder der Online-Dienst backstageclassical.com. Axel Brüggemann spricht den Kulturminister in seinem Kommentar direkt an: "Ihr vollkommenes Unwissen offenbaren Sie, wenn Sie uns schreiben: 'Dass Currentzis es vorzieht, zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu schweigen, ist bedauerlich, aber kein Kriterium.' Doch, es IST ein Kriterium! Eines der wesentlichen Aufnahmekriterien in die Kurie sogar: 'Gefragt ist eine wechselseitige geistige Interaktion durch die Diskussion von aktuellen Problemen... ebenso die Förderung von Kunst...  durch Meinungsäußerungen zu aktuellen und relevanten Anliegen.' Herr Babler, Sie kennen Ihre eigenen Regeln nicht!" Mehr Hintergrund im Standard.

Anne-Catherine Simon von der Presse hat gegen die Auszeichnung dagegen nichts einzuwenden: "Alles wäre klar, würde man endlich die beharrliche Überhöhung und Selbsterhöhung der Kunst entsorgen. Würde man endlich aufhören, die menschliche Kompetenz zum 'Schönen', also zum ästhetisch Gelungenen, diese spezifische Art von Ausdruckskraft, aufblähen zur Meisterschaft im 'Wahren' und 'Guten'."

Mit neuen Geigenbögen aus dafür besonders gut geeignetem Fernambukholz aus Brasilien könnte es bald ein Ende haben, schreibt Stefan Schickhaus in der FR: In einem Monat entscheidet die 20. Vertragsstaatenkonferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens darüber, ob sie dem Antrag Brasiliens folgt und den Nationalbaum Paubrasilia echinata unter besonderen Schutz stellt. "Für die Bogenbauer wäre die Verschärfung des Schutzstatus ein ernstes Problem." Für den Geigenbauer Florian Leonhard "liegt die noch größere Bedrohung jedoch woanders: Der internationale Handel mit historischen Meisterbögen - teils mehrere Hundert Jahre alt - stünde vor dem Aus. Das wäre aus seiner Sicht eine kulturhistorische Katastrophe, vergleichbar mit dem Handelsverbot für Elfenbein. ... Der Bau neuer Bögen ist also das eine Thema - das andere, in Leonhards Augen gravierendere ist die Einschränkung des alltäglichen Verkehrs mit Fernambukholzbögen. 'Es kann ja nicht sein, dass eine Spitzengeigerin wie Anne-Sophie Mutter mit ihrem Bogen, der seit 200 Jahren in Geigerhand ist, nicht mehr unterwegs sein darf.'"

Weiteres: Maxi Broecking porträtiert in der taz den New Yorker Saxofonisten David Murray, der beim Jazzfest Berlin auftritt. Robin Passon resümiert in der FAZ die Bohuslav-Martinů-Festtage in Basel. Karl Fluch spricht für den Standard mit dem österreichischen Schlagersänger Fuzzman. Torsten Groß redet in der SZ mit der Popmusikerin Florence Welch. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzschlagzeuger Jack DeJohnette (weitere Nachrufe hier). In der FR gratuliert Stefan Michalzik Martin Lejeune zum Jazzstipendium der Stadt Frankfurt. Der Podcast "Und dann kam Punk" spricht mit Westbam mehrere Stunden über dessen Punkwurzeln.

Besprochen werden das neue Blood-Orange-Album "Essex Honey" (taz, mehr dazu bereits hier), der Konzertfilm "M" von Depeche Mode (Welt) und Cat Stevens' Autobiografie (NZZ).
Archiv: Musik