Efeu - Die Kulturrundschau
Großzügigkeit für alle
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Bühne

Im Standard hingegen fühlt sich Stefan Ender an Monty Python erinnert - und mag's: "Die Musik des damaligen Vizehofkapellmeisters ist erfrischend einfalls- und abwechslungsreich. Unter der Leitung des tollen Ottavio Dantone, des Musikchefs der Festwochen, verwandelt sich die Accademia Bizantina in einen barocken Live-Wurlitzer, der alle Stückln spielt: frisch, frech und flink, süffig, sahnig und elegant."

Ein "großer Wurf" sind für tazlerin Regine Müller Péter Eötvös' Oper "Drei Schwestern" nach Tschechow bei den Salzburger Festspielen. Maxime Pascal dirigiert, Evgeny Titov inszeniert. Müller findet die Inszenierung "visionär: Die Partien der Schwestern Mascha, Olga und Irina sowie die der Natascha komponierte Eötvös nämlich für hohe Männerstimmen, also Countertenöre und Sopranisten, was eine verfremdende Distanz und erhellende Künstlichkeit herstellt. Die Stimmen der drei Schwestern haben im Orchestergraben jeweils ein instrumentales Alter Ego, das als seelischer Spiegel fungiert, Irina etwa korrespondiert mit der Oboe und dem Englischhorn. Titovs Personenregie überzeichnet die grotesken Momente, unfreiwillige Komik und Tragik des ausweglosen Unglücks liegen nah beieinander, die Personenführung ist gekonnt und präzise. Exemplarisch ist die musikalische Umsetzung von Eötvös' hoch komplexer Partitur: Im Graben sitzt das famose 18-köpfige Solistenensemble Klangforum Wien unter der souveränen Leitung von Maxime Pascal, erhöht hinter der Szene das 50-köpfige Klangforum Wien Orchestra unter der Stabführung von Alphonse Cemin." Weitere Besprechungen in der FAZ und der Nachtkritik.
Weiteres: Zur Ethik des Zuschauens im Theater macht sich Judith von Sternburg in der FR Gedanken. Ulrich Seidler interviewt ebenfalls für die FR den Schauspieler Jens Harzer, der soeben ans Berliner Ensemble gewechselt ist. Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis "Macbeth" bei den Salzburger Festspielen (SZ, Standard), und Oona Dohertys "Specky Clark" beim Berliner Festival Tanz im August (Tagesspiegel).
Architektur

Claudia Liebram fügt im Tagesspiegel hinzu: "Ein Wohnhaus in der Dessauer Straße in Kreuzberg fällt mit verwunschenen Erkerfenstern, filigranen Balkonen und die Durchmischung von Funktionalität und Ästhetik auf. Einige Projekte von Hinrich Baller sorgten zeitweise für heftige Debatten und Auseinandersetzungen. Besonders kontrovers war etwa das Hortgebäude der Spreewald-Grundschule in Schöneberg: Nach Fertigstellung musste das Gebäude wegen Baumängeln und fehlender Fluchtwege bald gesperrt werden." Monopol hat ein 2023 geführtes Interview mit Inken und Hinrich Baller noch einmal online gestellt.
Film

Am 14. August wird Wim Wenders 80 Jahre alt, die Bundeskunsthalle Bonn feiert den Regisseur mit einer (in enger Zusammenarbeit mit ihm erstellten) Ausstellung, die Boris Pofalla für die Welt besucht hat. Aufgewachsen ist Wenders in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, "hier kommt er her, der Durst nach fremder Luft". Er "ist der Regisseur der Reise, der Roadtrips, der Wanderungen und des Verlorengehens. ... Und ja, da ist ein Hang zum Erhabenen und Nostalgischen auszumachen, ganz besonders in dieser Schau, die sich tief vor dem nun bald Achtzigjährigen verbeugt und wenig andere Weggefährten in eigener Stimme zu Wort kommen lässt. Das weiche Licht, die leeren Straßen, die sinnenden Männer, die handgemachte Musik, es scheint schon manchmal aus der Zeit gefallen. Aber was ist auch dagegen zu sagen? Ry Cooder, Nick Cave, Pina Bausch, Lou Reed, Francis Ford Coppola - dass so viele gute Künstler mit ihm zusammenarbeiten wollten, muss etwas bedeuten." Zuvor besprachen bereits Alexandra Wach (Filmdienst) und Andreas Kilb (FAZ) die Bonner Ausstellung.
Weiteres: Das Filmfestival Locarno ehrt Hongkong-Filmlegende Jackie Chan, freut sich Urs Bühler in der NZZ. In der taz spricht Katharina Böhm mit Graf Haufen, der seit 40 Jahren mit seiner Berliner Filmarchiv-Videothek Videodrom "Razzien, Streaming und Pandemien" trotzt.
Besprochen werden die neuen Folgen von Tim Burtons Netflix-Serie "Wednesday" (taz), Zach Creggers vorab ziemlich gehypter Horrorfilm "Weapons" (taz), die 3sat-Doku "Comic-Journalismus: Wirklichkeit als Kunstform" (FAZ) und die Arte-Doku "Apollo 1 - Die wahre Geschichte" (FAZ).
Literatur
Besprochen werden unter anderem Ann Schlees "Die Rheinreise" (Welt), Milica Vučkovićs "Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen" (online nachgereicht von der FAZ), Benjamin Woods "Der Krabbenfischer" (FR), Curt Blochs "Das Unterwasser-Cabaret 1943-1945" (NZZ) und Georgi Gospodinovs "Der Gärtner und der Tod" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Für Nick-Drake-Philologen ist die umfangreiche Box "The Making Of 'Five Leaves Left'" schlicht eine "Sensation", versichert Jürgen Goldstein in der FAZ. Zu hören sind zahlreiche Probeaufnahmen und abweichende Einspielungen aus den Sessions zu Drakes Debütalbum von 1969. "Für Puristen, die das Debüt für überproduziert halten, werden diese Einspielungen die gültigen Fassungen darstellen. Der Klang ist superb, die Songs sind bemerkenswert. ... Drake eilt der Ruf voraus, ein einsamer Schweiger gewesen zu sein, ein schüchterner Melancholiker. Nun aber hört man einen entspannten Drake kommentieren, mal humorvoll, immer zupackend. Als Musiker wusste er, was er wollte. Die ersten Einspielungen lassen auch das Potential erkennen, das Boyd entfalten sollte. Was bei den Proben nach Rohdiamanten klingt, hat auf dem Album seinen letzten Schliff erhalten. ... Das Herantasten an die finalen Fassungen wird nacherlebbar."
Weitere Artikel: Max Nyffeler spricht für die FAZ mit Michael Haefliger, der nach 26 Jahren seinen letzten Jahrgang als Leiter des Lucerne Festivals bestreitet. Adrian Schräder stellt in der NZZ den Schweizer Rapper OG Florin und dessen Produzenten Melodiesinfonie vor.
Besprochen werden Konzerte von Roman Borisov und dem Tenebrae Choir beim Rheingau Musik Festival (hier und dort in der FR), François Lazarevitchs Album "Voix humaines" mit Kompositionen von Marin Marais (FAZ) und das Album "Puff of Smoke" von den Wood Brothers ("Selten hat man einen Kontrabass auf einer Studioaufnahme derart scheppern und schnarren, dabei aber schlafwandlerisch sicher grooven gehört wie jenen von Chris Wood", freut sich Jan Wiele in der FAZ).
Kunst
Besprochen wird: Die Ausstellung "The Lure of the Image - Wie Bilder im Netz verlocken" im Fotomuseum Winterthur (NZZ).