Efeu - Die Kulturrundschau
Ohne Angst vor dem Unbequemen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.06.2025. Die Welt gibt sich in Rebecca Lenkiewicz' Sommerfilm "Hot Milk" flirrender Sommerhitze und dem "leisen Horror" einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung hin. Im FR-Interview erklärt der Schriftsteller Christoph Hein, warum die DDR sein literarischer "Steinbruch" ist. Spiegel Online ruft schon mal den "Lorde-Summer" als Nachfolger des "Brat Summers" aus. Die FAZ weiß in der Ausstellung "21 Kunstmuseen des Ruhrgebiets" gar nicht, welches berühmte Werk sie zuerst anschauen soll.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.06.2025
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Film

Flirrende Sommerhitze und eine toxische Mutter-Tochter-Beziehung - für Lena Karger (Welt) eine Mischung, die sowohl in Deborah Levys Roman "Hot Milk" als auch im gleichnamigen Regiedebüt von Rebecca Lenkiewicz funktioniert. Lenkiewicz "gelingt eine eindringliche Darstellung des Haderns mit familiärer Schuld", wenn sie die Geschichte über Rose (Fiona Shaw), die im Rollstuhl sitzt und ihre Tochter Sofia (Emma Mackey als "leise Horrorgeschichte" erzählt: "Lenkiewicz entwirft ein Frauenuniversum, in dem Männer nur Randfiguren sind: der abwesende Vater mit neuer Familie in Griechenland, der Arzt, der Geliebte der Geliebten. Dominant sind die Frauen - und ihre verdrängten Gefühle. Auch die Sommeraffäre, die Sofia am Strand beginnt, wirkt wie aus einem Traum: Ingrid (Vicky Krieps), ein Freigeist aus Düsseldorf, reitet auf einem weißen Pferd mit wehendem Kopftuch in Sofias Leben. In diesen überzeichneten Momenten verliert der Film ein wenig an Tiefe - und gewinnt zugleich Einsicht: Auch Ingrid trägt ein Trauma mit sich herum, auch sie nutzt Sofia als Projektionsfläche. Und wieder muss Sofia für jemanden da sein, wieder jemanden trösten."
Auch Bert Rebhandl ist in der FAS überzeugt: "Alles hängt an dem Rätsel, ob Rose sich ihr Leiden vielleicht nur einbildet, weil es ihr hilft, ihre Tochter an sich zu fesseln. 'Hot Milk' funktioniert auf dieser Ebene ganz klassisch wie ein analytisches Drama. Allmählich werden Stationen der Geschichte der beiden Frauen deutlicher, allmählich kann man traumatische Erfahrungen ausnehmen, die vielleicht zu dem unhaltbaren Zustand geführt haben, der in Almería in eine Krisis übergehen wird."
Besprochen werden die Reality-Doku "In höchster Not" über Bergrettung (FAS) und Gareth Edwards "Jurassic World: The Rebirth" (taz).
Kunst

Im Tagesspiegel freut sich Bernhard Schulz, dass vor einigen Jahren Grabungen in San Casciano dei Bagni nicht nur ein antikes Bad erschlossen, sondern auch etruskische Büsten zum Vorschein gebracht haben, die nun als "Die Bronzen von San Casciano" in der Berliner James-Simon-Galerie ausgestellt werden: "Lebensgroße Figuren wurden geborgen, etwa ein bogenschießender Apoll, aber auch ein als schwerkrank bezeichneter und daher Heilung suchender junger Mann. Oder die Büste einer vornehmen Dame mit kunstvoller Frisur. Jüngst kam die Bronze eines Kind mit einem beweglichen Ball hinzu. 15 der großen Bronzen werden nun in Berlin zu sehen sein, in der dafür bestens ausgestatteten James-Simon-Galerie, dazu etliche der kleineren Funde (…) Über die Aktualität, die in der Antike steckt, braucht man kaum zu richten: Sie liegt auf der Hand. Denn dass der Fundort sich in unmittelbarer Nachbarschaft eines bis heute genutzten Thermalbeckens befindet, gibt dem ganzen fast so etwas wie Zeitgenossenschaft."
Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ macht uns Barbara von Machui mit dem bewegten Leben der Künstlerin Ré Soupault bekannt: "Sie war Bauhaus-Schülerin, Experimentalfilmerin, Modezeichnerin, Modedesignerin, Modejournalistin, Fotografin, Fotoreporterin, Übersetzerin, Radiojournalistin und jahrzehntelang, mal näher, mal ferner, Gefährtin des damaligen Starjournalisten und Surrealisten Philippe Soupault. Sie lebte in Pommern, Weimar, Berlin, Paris, Tunis, Algerien, New York, Basel und wieder in Paris. Sie war Vagabundin, Exilantin, immer dabei, sich neu zu erfinden und ihren vielfältigen Begabungen nachzuspüren."
Weiteres: Rainer Stamm erinnert in der FAZ an das "Ideal der Sachlichkeit", das sich Malerei und Kunst in den 1920er Jahren auferlegt hatten. Alexandra Wach schaut sich für die FAZ auf der CAN Art Fair auf Ibiza um. Dirk Schümer besichtigt für die WamS die französische Kapelle in Soest, die von Kriegsgefangenen errichtet und künstlerisch ausgestaltet wurde. Tania Martini, Harald Staun, Mark Siemons und Anna Vollmer denken in der FAS über das bekanntermaßen auch von Walter Benjamin hochgeschätzte Gemälde "Angelus Novus" von Paul Klee nach, das gerade im Bode Museum zu sehen ist.
Besprochen werden: Die Ausstellung "I'm So Happy You're Here" mit japanischen Fotografien im Fotografie Forum Frankfurt (Taz), die Ausstellung "Rolf Sachs: be-rühren" in der Kunsthalle Schweinfurt (FAZ), die etwas fehlgeschlagene Restaurierung der Esperanza Macarena in Sevilla (Wams) und Klára Hosnedlovás Installation "Embrace" im Hamburger Bahnhof, finanziert vom Chanel Culture Fund (Wams).
Literatur

In der FAS geht Karen Krüger auf eine möglicherweise geplante Verhaftung des Schriftstellers Kamel Daoud in Italien (unsere Resümees) ein. Dass die Regierung vorhatte, Daoud bei seiner Einreise zu verhaften, würde zumindest nicht überraschen: "Algerien ist bedeutender Handelspartner und wichtiger Energielieferant für Italien. Es deckt 40 Prozent seines Gasverbrauchs, und im Rahmen des sogenannten Mattei-Plans für Afrika, der die Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten fördern will, ist die Beziehung zwischen beiden Staaten zuletzt noch intensiviert geworden. Dass Italien sich nicht scheut, Prinzipien über Bord zu werfen, um eigene Interessen voranzutreiben, diesen Eindruck erweckte schon der Fall des international gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechers Al Masri. Der Libyer wurde im Januar in Turin verhaftet - und gleich wieder laufen gelassen, ohne den Internationalen Strafgerichtshof zu kontaktieren; Italien ist allein schon wegen der Migration übers Mittelmeer um guten Kontakt zu Libyen bemüht."
Weiteres: Frédéric Schwilden trifft für die Welt den Schriftsteller Uwe Tellkamp zum Gespräch. Philipp Schröder resümiert für die FAZ die Jahrestagung des PEN-Zentrums Deutschland. Thomas Combrink besucht für die FAZ den ehemaligen Schreibraum des vor fünf Jahren verstorbenen Schriftstellers Guntram Vesper in Göttingen.
Besprochen werden Antonia Coenen und Philipp Juraneks Sachbuch "Unter Staren" (FAZ), Clara Arnauds Roman "Im Tal der Bärin" (FAZ), Hervé Le Telliers Roman "Der Name an der Wand" (taz), Wencke Mühleisens Roman "Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert" (taz) und Daniel Izquierdo-Hännis Sachbuch "Gefährliches Wasser" (taz). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Julia Trompeter über Marie T. Martins Gedicht "Jetzt":
Sieh dahin wo es schmerzt
blüht ein Baum am Straßenrand jetzt
willst du etwas retten jetzt
ist es schon zu spät...
Bühne
Clemens Haustein kann sich in der FAZ prinzipiell für Agostini Steffanis Oper "Orlando generoso" auf den Musikfestspielen Potsdam erwärmen, aber die Regie ist ihm doch ein Dorn im Auge. Der Protagonist Orlando wird vor lauter Liebeskummer zum Gewalttäter, was die Regisseurin Jean Renshaw in aller Deutlichkeit ausstellt: "Erst aus dem Klima der Angst, aus dem ständigen Eingreifen der Tyrannen in die Gefühlswelt der Untergebenen, ergibt sich das emotionale Chaos der Handlung. Keiner darf so lieben, wie er gerne möchte, die repressiven Eingriffe treiben die Protagonisten nach und nach in den Wahnsinn. Ob die explizite Darstellung auf der Bühne dabei so hilfreich ist? Der Hintergrund tritt in den Vordergrund; während bei den Produktionen der vergangenen Jahre die Einheit von Musik und Inszenierung beeindruckte, öffnet sich nun eine gewaltige Schere. Denn in Steffanis Musik geht es um nichts anderes als das Innenleben der Figuren."
Besprochen wird Gil Mehmerts Inszenierung von Schiller "Die Räuber" bei den Bad Hersfelder Festspielen (nachtkritik).
Besprochen wird Gil Mehmerts Inszenierung von Schiller "Die Räuber" bei den Bad Hersfelder Festspielen (nachtkritik).
Musik
Andreas Borcholte ruft auf Spiegel Online schon mal den Lorde-Summer als Nachfolger des Brat Summers aus: Die Neuseeländerin hat mit "Virgin" ihr viertes Album veröffentlicht, der Titel ist für ihn "ein Hinweis darauf, dass sich Lorde als frei und unberührt von Ruhm, Romanzen und tradierten Ritualen betrachten will, ganz für und bei sich selbst." Sie schlägt musikalisch eine neue Richtung ein: Es entsteht "ein kristalliner, in den Strophen oft auf wenige Klang-Gimmicks reduzierter Hyperpop, der in euphorische Ohrwurm-Refrains explodiert. Es wirkt, als wäre Lorde, getriggert durch entfesselnde Ereignisse, wirklich in der Lage, eine Art pubertäre Pop-Urgewalt anzuzapfen."
Auch Elisabeth Fleschutz ist in der FAS begeistert, gerade von der immensen Körperlichkeit, die dieses Album ausstrahlt: "lyrisch roh und rau, ohne Angst vor dem Unbequemen, fast Ekligen, wie sie selbst sagte. Das beweist gleich der erste Song 'Hammer': 'They're piercing my ears /I'm making a wish when the needle goes in', 'Don't know if it's love or if it's ovulation / when you're holding a hammer / everything looks like a nail'. Der Song - und mit ihm das Album - beginnt mit einem Synthesizer, der von Ohr zu Ohr wandert und wie flirrender Sommer klingt. Retrosynthesizer tragen das Album überhaupt, geben auf minimalistische Art fast immer den Rhythmus vor. Die Lieder beginnen ruhig und bauen dann ein größeres Elektro-Pop-Finale mit treibenden Beats auf. Auch musikalisch hat 'Virgin' also eine klare Linie, ist wieder ein Konzeptalbum, das genau weiß, was es will." Weitere Besprechung in der NZZ. Wir hören rein:
"Eine wahre Schatztruhe" ist Bruce Springsteens jüngste Veröffentlichung "Tracks II - The Lost Albums" für Eric Facon in der NZZ. Gleich sieben nie erschienene Alben sind darauf versammelt, von denen Facon sich besonders für "Twilight Hours" begeistern kann: "Es enthält jazzige Grossstadt-Balladen über die Einsamkeit, die einen an der Grenze zwischen Nacht und Morgen überfällt, die man sich gut als Vorlage für Frank Sinatra vorstellen könnte. Dass Springsteen so etwas kann, weiss man seit 'Meeting Across the River' von 1975. Warum er diese Facetten seines Schaffens derart selten gezeigt hat, lässt sich nur vermuten. Ein neuer Springsteen? In gewissem Sinn. 'Tracks II - The Lost Albums' zeigt einen Musiker, der stilistisch weit neugieriger scheint als bisher angenommen." Weitere Besprechungen im Standard, in der FR und bei Spiegel Online.
Weiteres: Tomas Bächli erinnert in der Taz an den 100. Todestag des Komponisten Erik Satie. Jürgen Kesting gratuliert dem Bariton Thomas Hampson in der FAZ zum Siebzigsten. Die Wams bespricht PJ Harrisons Buch "Gallagher" über die Brüder, die die Band Oasis gründeten. FAZ, Standard und Spiegel Online trauern um den Filmkomponisten Lalo Schifrin, der am Donnerstag im Alter von 93 Jahren verstorben ist.
Besprochen wird: Das neue Album "Ensoulment" von der Band The The (NZZ).
Auch Elisabeth Fleschutz ist in der FAS begeistert, gerade von der immensen Körperlichkeit, die dieses Album ausstrahlt: "lyrisch roh und rau, ohne Angst vor dem Unbequemen, fast Ekligen, wie sie selbst sagte. Das beweist gleich der erste Song 'Hammer': 'They're piercing my ears /I'm making a wish when the needle goes in', 'Don't know if it's love or if it's ovulation / when you're holding a hammer / everything looks like a nail'. Der Song - und mit ihm das Album - beginnt mit einem Synthesizer, der von Ohr zu Ohr wandert und wie flirrender Sommer klingt. Retrosynthesizer tragen das Album überhaupt, geben auf minimalistische Art fast immer den Rhythmus vor. Die Lieder beginnen ruhig und bauen dann ein größeres Elektro-Pop-Finale mit treibenden Beats auf. Auch musikalisch hat 'Virgin' also eine klare Linie, ist wieder ein Konzeptalbum, das genau weiß, was es will." Weitere Besprechung in der NZZ. Wir hören rein:
"Eine wahre Schatztruhe" ist Bruce Springsteens jüngste Veröffentlichung "Tracks II - The Lost Albums" für Eric Facon in der NZZ. Gleich sieben nie erschienene Alben sind darauf versammelt, von denen Facon sich besonders für "Twilight Hours" begeistern kann: "Es enthält jazzige Grossstadt-Balladen über die Einsamkeit, die einen an der Grenze zwischen Nacht und Morgen überfällt, die man sich gut als Vorlage für Frank Sinatra vorstellen könnte. Dass Springsteen so etwas kann, weiss man seit 'Meeting Across the River' von 1975. Warum er diese Facetten seines Schaffens derart selten gezeigt hat, lässt sich nur vermuten. Ein neuer Springsteen? In gewissem Sinn. 'Tracks II - The Lost Albums' zeigt einen Musiker, der stilistisch weit neugieriger scheint als bisher angenommen." Weitere Besprechungen im Standard, in der FR und bei Spiegel Online.
Weiteres: Tomas Bächli erinnert in der Taz an den 100. Todestag des Komponisten Erik Satie. Jürgen Kesting gratuliert dem Bariton Thomas Hampson in der FAZ zum Siebzigsten. Die Wams bespricht PJ Harrisons Buch "Gallagher" über die Brüder, die die Band Oasis gründeten. FAZ, Standard und Spiegel Online trauern um den Filmkomponisten Lalo Schifrin, der am Donnerstag im Alter von 93 Jahren verstorben ist.
Besprochen wird: Das neue Album "Ensoulment" von der Band The The (NZZ).
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