Efeu - Die Kulturrundschau
Zedern für den Libanon, Safran für Myanmar
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24.06.2025. Die Welt schmilzt bei Ina Weisses Film "Zikaden" über prekäre Frauen-Existenzen in Ost und West dahin. Die FAZ rebelliert in einer Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich mit Blumen gegen Unrechtsregime. Die NZZ wird bei Marcos Darbyshires Inszenierung der Puccini-Oper "Tosca" in St. Gallen fast verprügelt. Die FAZ erwartet außerdem vom Musikprogramm der Wiener Festwochen nächstes Mal mehr als oberflächliche Gesten der Betroffenheit.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.06.2025
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Film

Welt-Kritiker Elmar Krekeler schmilzt in diesem Sommer nicht nur wegen der hohen Temperaturen, sondern auch wegen Ina Weisses "Zikaden" dahin - ein Film, über den er keine Lobesarien singen, sondern über den er lieber "flüstern" möchte, so sanft ist er geraten. Es geht um prekäre Frauen-Existenzen in Ost und West, gespielt von Nina Hoss und Saskia Rosendahl. Der Film handelt "von Brandenburg, von Landflucht und Fremdheit, vom Pflegenotstand und prekärer Mutterschaft, vom Schatten der Väter und den unerfüllten Wünschen der Töchter, von der unstillbaren Sehnsucht nach Liebe und einem Ort zum Leben. Das vielleicht größte Wunder (ein zu lautes Wort, ich weiß, es passt aber) von 'Zikaden' ist, wie Ina Weisse all den Themen, mit denen sie operiert, die Schwerkraft genommen hat. 'Zikaden' ist ein schwebender Film. Ein stiller Film. Erzählt in Skizzen, in Bildern und Räumen, in Gesten und Blicken, im minimalen Spiel der Gesichter."
Außerdem: In einem Filmdienst-Essay widmet sich Felix Knorr den Körperbildern in den Bodyhorrorfilmen von Julia Ducournau, die 2022 mit "Titane" den Wettbewerb von Cannes gewonnen hat.
Besprochen werden Jesse Armstrongs HBO-Satire "Mountainhead" über vier Tech-Tycoons, die unschwer als gewisse Zeitgenossen zu erkennen sind (FAZ), Moritz Krämers ZDF-Fernsehspiel "Die feige Schönheit" (FAZ) sowie Kevin Macdonalds und Sam Rice-Edwards' Kino-Dokumentarfilm "One To One" über John Lennon und Yoko Ono (SZ).
Kunst

Eine "kaum zu bewältigende" Fülle an Pflanzen aller Sorten, Formen und Farben wird FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier in einer Ausstellung über die Zusammenhänge von Botanik und Kunst in der Landesgalerie Niederösterreich in Krems präsentiert. Der Kritiker weiß gar nicht, wo er zuerst hinschauen soll, vielleicht auf die Bilder der russischen Künstlerin Anna Jermolaewa, deren "Fotografien Sträuße zeigen, die jeweils florales Symbol einer politischen Revolution sind, Nelken für Portugal, Zedern für den Libanon, Safran für Myanmar"? Zum Ausklang von "Flower Power" empfiehlt Hintermeier jedenfalls "sich die Installation 'Unvergesslich' anzusehen. Die in Österreich lebende Schweizerin Regula Dettwiler hat aus 15.000 Plastikblumen, die sie aus dem Abfall des Wiener Zentralfriedhofs fischte, ein raumfüllendes Blütenstillleben gebaut. Die simulierte Natur, die sich als künftiges Mikroplastik mit der Ewigkeit des Todes misst, wird ergänzt von einem 'Herbarium der Gefühle', gepressten Pflanzen, von Schulkindern und Erwachsenen aus der Gegend."
Besprochen werden die Ausstellung "Camille Claudel und Bernhard Hoetger. Emanzipation von Rodin" in der Alten Nationalgalerie Berlin (FR), die Ausstellung "Vija Celmins" in der Fondation Beyeler (NZZ) und die Ausstellung "Keiner soll frieren!" von Ariel Reichman im Museumsquartier Osnabrück (taz).
Musik
Mit nur zwei Konzertveranstaltungen fällt das Musikprogramm der Wiener Festwochen eher mau aus - und das wenige hat zumindest FAZ-Kritiker Peter Blaha dann auch nicht überzeugt. Dass dabei ausschließlich Komponistinnen der Gegenwart auf dem Programm standen, findet er zwar "löblich", künstlerisch war es aber "durchwachsen": "Im ersten Konzert wurden 'Identität, Krieg und Freiheit thematisiert, doch über Behauptungen und oberflächliche Gesten der Betroffenheit kamen die meisten Werke nicht hinaus. So spielt 'Bombs of Beirut' von Mary Kouyoumdjian auf den Kriegsalltag in Libanon zwischen 1976 und 1978 an, vermag aber nicht, das Material des live spielenden Streichquartetts mit den Tonaufnahmen von Interviews mit Angehörigen der Komponistin, geschweige denn mit dem Tondokument eines Bombenangriffs, zu verschmelzen. Es bleibt bei einer beziehungslosen Parallelaktion zwischen Musik und Zuspiel, in der die Geräusche des Bombardements allenfalls ein Intermezzo darstellen, ohne die danach wiederaufgenommene Musik zu verändern."
Weiteres: Wolfgang Schreiber porträtiert in der SZ die Dirigentin Anja Bihlmaier. Guido Holze resümiert in der FAZ den Auftakt des Rheingau Musik Festivals. Max Nyffeler gratuliert in der FAZ dem Komponisten Terry Riley zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden Sophie Gilberts Buch "Girl vs. Girl" über die Frauenfeindlichkeit in der Popkultur der Nullerjahre (Standard), Bruchs Album "The Harbour of the Broken Hearted" (Standard), ein Auftritt von Marie Jacquot mit dem DSO in der Philharmonie Berlin (Tsp), zwei Konzerte von Marillion (Welt), neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter Fred Herschs "The Surrounding Green", das laut Standard-Kritiker Ljubiša Tošić "die paradoxe, reizvolle Mixtur aus Struktur und sich entfaltender Individualität erreicht", und Charif Megarbanes Album "Hawalat" (FR).
Weiteres: Wolfgang Schreiber porträtiert in der SZ die Dirigentin Anja Bihlmaier. Guido Holze resümiert in der FAZ den Auftakt des Rheingau Musik Festivals. Max Nyffeler gratuliert in der FAZ dem Komponisten Terry Riley zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden Sophie Gilberts Buch "Girl vs. Girl" über die Frauenfeindlichkeit in der Popkultur der Nullerjahre (Standard), Bruchs Album "The Harbour of the Broken Hearted" (Standard), ein Auftritt von Marie Jacquot mit dem DSO in der Philharmonie Berlin (Tsp), zwei Konzerte von Marillion (Welt), neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter Fred Herschs "The Surrounding Green", das laut Standard-Kritiker Ljubiša Tošić "die paradoxe, reizvolle Mixtur aus Struktur und sich entfaltender Individualität erreicht", und Charif Megarbanes Album "Hawalat" (FR).
Literatur
Besprochen werden unter anderem Andreas Maiers "Der Teufel" (NZZ), Alex Aßmanns "Im Gefängnis frei. Andreas Baader, der Brandstifter-Prozess und die politische Gewalt" (FR), Svealena Kutschkes "Gespensterfische" (FR), Charlotte Brandis "Fischtage" (Jungle World), Tom Hillenbrands Thriller "Thanatopia" (FR), Esther Kinskys Lyrikband "Heim.Statt" (FAZ) und eine Ausstellung über den Unternehmer und Verleger Salmon Schocken im Jüdischen Museum in Berlin (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Eine kluge Inszenierung von Puccinis Oper "Tosca" sieht NZZ-Kritiker Christian Wildhagen bei den St. Gallener Festspielen. Regisseur Marcos Darbyshire verlegt die Handlungen "in einen historisch unbestimmten, aber eindeutig protofaschistischen Staat. Annemarie Bullas Kostüme nehmen Bezug auf die Verfilmung von Margaret Atwoods Dystopie 'Der Report der Magd' durch Volker Schlöndorff. Wie dort die Bewohner der fiktiven Diktatur 'Gilead' - gemeint sind die USA - werden die Menschen hier durch uniforme rote, graue oder schwarze Kostüme irgendwelchen 'Nutzanwendungen' für die Gesellschaft zugeordnet. Damit es für das Publikum nicht zu gemütlich wird, paradieren schon vor Beginn der Aufführung gesichtslose Schergen mit Ledermasken und Schlagstöcken über den Klosterplatz. Während der Pause werden einzelne 'Besucher' sogar verprügelt und abgeführt - zum Glück sind es Statisten."
Weitere Artikel: Elisabeth Bauer stellt in der taz die ukrainische Theatermacherin und Musikerin Iryna Lazer vor, die beim Beginn des Krieges aus einem Vorort von Kiew fliehen musste. Irene Bazinger erzählt in der FAZ von ihrem Besuch der "Langen Nacht der Autorentheatertage" am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Ödön von Horvaths "Zur schönen Aussicht" am Schauspiel Stuttgart (taz), Mohammad Rasoulofs Inszenierung seines Stücks "Destination: Origin" beim Berliner Festival "Performing Exiles" (SZ) und Nicolas Sidiropulos und Mark Tumbas Performance von "Die Räuber" in der Box des Frankfurter Schauspiels (FR).
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