Efeu - Die Kulturrundschau

Malende Seeigel und fliegende Sardinen

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23.09.2024. In Calixto Bieitos Inszenierung von Carl Orffs szenischer Kantate "Trionfi" an der Hamburger Staatsoper werden Schwäne gebraten und viel gesoffen - ein Skandal ist das aber nicht, findet die SZ. In der FAZ widerspricht der Literaturagent Matthias Landwehr dem Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar: Die Buchbranche ist ganz und gar nicht gesund! Außerdem amüsiert sich die FAZ beim Pariser Festival für ungewöhnliche Filme. Die taz besucht die 84-jährige Jazzmusikerin Rosemarie Förster.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2024 finden Sie hier

Bühne

Szene aus Calixto Bieitos "Trionfi" an der Staatsoper Hamburg.

Ein "Totentanz mit apokalyptischem Grundton" wird Reinhard J. Brembeck mit Carl Orffs "Trionfi" an der Staatsoper Hamburg geboten, inszeniert von "Skandalregisseur" Calixto Bieito. So skandalös findet der SZ-Kritiker das Ganze gar nicht, derb geht es hier zu, aber das sei in den mittelalterlichen Gedichten, auf denen Orffs Dreiteiler beruht, auch schon angelegt. Bieito entschied sich für die biblische Lesart, erzählt Brembeck: "So deutet er die berühmteste Groteske der 'Burana' ins Christliche um. Countertenor Jake Arditti singt hinreißend den Schwan, der vom Koch verbrannt auf die Tafel der Säuferhorde kommt. Arditti wird - an eine Stange gefesselt - wie ein erlegtes Wild hereingeschleppt, ein paar Federn kleben ihm noch am fast nackten Körper, sein Schwanengejammer ist erbärmlich köstlich, die Vaganten schneiden sich Fleischstücke von ihm herunter. Bieito richtet handfest prall Jahrmarktstheater an, Grand Guignol, Kasperlei. Realistisch ist nichts, auch nichts Psychologisches steckt da drin." In der FAZ kann Jürgen Kersting mit dem "suffgeborenen, an Anzüglichkeiten überbordenden Spektakel" wenig anfangen, dafür haben Dirigent Kent Nagano und "das prächtige Zusammenspiel, die Pracht der Chöre, die rhythmische Prägnanz des Orchesters allen Beifall verdient." 

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel ist Frederik Hanssen erleichtert, dass es bei der Sanierung der Komischen Oper Berlin nun doch nicht zu einem Baustopp kommen soll, wie Joe Chialo verkündete.  Uwe Mattheis berichtet in der taz Neues aus der Wiener Theaterszene.

Besprochen werden Marco Layeras Inszenierung des Stücks "Mia san Mia" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Stas Zhyrkov Adaption von Natascha Wodins Roman "Sie kam aus Mariupol" ebenfalls dort (SZ, taz), Wilke Weermanns Inszenierung seines Stücks "Alle Zeit der Welt" Schauspiel Frankfurt (FR), Milena Mönchs Inszenierung von Thomas Manns Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" am Staatstheater Mainz (FR), Dušan David Pařízeks Inszenierung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Oliver Frljićs Inszenierung von Kafkas "Der Prozess" am Gorki-Theater (nachtkritik, tsp, BlZ), Luise Voigts Adaption von Irmgard Keuns Roman "Das kunstseidene Mädchen" (nachtkritik), Jan Friedrichs Inszenierung von "Onkel Werner" nach dem gleichnamigen Stück von Anton Tschechow am Theater Magdeburg (nachtkritik) und Damiano Michielettos szenische Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oratorium "Messias" (tsp, BlZ)
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Kunst

© Gerelkhuu Ganbold, 2023, Detail eines Bildes aus dem Zanabazar Museum

Stefan Trinks macht in der FAZ darauf aufmerksam, dass 2024 "deutsch-mongolisches Jahr" ist - bisher wird leider nicht viel darüber geredet, dabei werden gerade junge, mongolische Künstler immer erfolgreicher. In einer Schau im Museum Zanabazar in Ulaanbaatar ist nun eine Kooperation deutscher und mongolischer Künstler zu sehen: "Hart geht Gerelkhuu Ganbold mit der Politik seines Landes ins Gericht, wenn er auf einem Tableau 99 mongolische Krieger als Repräsentanten der alten Ordnung wie Warhol vervielfältigt, sie jedoch mit blutigen Schlieren überzieht. Ansonsten geißeln auf den oft Thangkha-artigen Bildern alte Dämonen neue Unarten wie Handysucht oder Neoliberalismus. Die deutschen Künstler des zweiwöchigen, quer durchs Land ziehenden Kunstcamps werden mit diesen verwoben: Über Eck zu einem Anti-Handybild hängen die mittlerweile von Miami bis Asien in Museen vertretenen Reiseaquarelle und Mind-Map-Collagen Franz Ackermanns, von denen das Eindrücklichste jenes Flug- und Flammenauge Albertis mit ausgreifenden Sehnerven zeigt, das mit seinen Strahlen-Wimpern dystopisch wie ein Mix aus mongolischer Sonne und Big Brother über einer Würfel-Stadt mit Sat-Schüsseln schwebt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ), Frans Hals in der Gemäldegalerie in Berlin (NZZ) und Lars Eidingers Fotoausstellung "O Mensch" im K21 in Düsseldorf (Tsp).
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Literatur

Der Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar hat neulich in der FAZ die Gesundheit der Buchbranche beschworen (unser Resümee). Ihm widerspricht heute der Agent Matthias Landwehr: Publikumsverlage wie Rowohlt seien Umsatzzwerge im Vergleich zu den Handelsketten Thalia und Hugendubel. Thalia versuche gar, die "Buchpreisbindung wundzuschießen. ... Kleine, inhabergeführte literarische Verlage werden gar nicht mehr von den zentralen Einkäufern bei Thalia oder Hugendubel eingeladen, ihre Bücher vorzustellen, geschweige denn in die Sortimente zu bringen. Amazon empfängt noch nicht einmal Großverlage, sondern überlässt wohl einer Künstlichen Intelligenz die Zusammenstellung seines Buchangebotes." Buchvermittler ist jedenfalls keiner von ihnen. "Es sind auf Maximalgewinn getrimmte Groß-Kaufhäuser, die sich darin suhlen, dass mittlerweile für sie ein hundertprozentiges Remissionsrecht bei Büchern herrscht. ... Null Risiko bei maximalem Profit. Den Schaden haben die Verlage", die fünfzig Prozent vom Ladenpreis abgeben müssen.

Weiteres: In der FAZ mokiert sich Melanie Mühl über Bookfluencerinnen auf TikTok, die Bücher mit maximal vier Gesichtsausdrücken "bewerten". Besprochen werden u.a. Mircea Cartarescus Roman "Theodoros" (NZZ), Peter Kurzecks nachgelassener Roman "Frankfurt - Paris - Frankfurt" (FR), der Sammelband "Gute Arbeit gegen Rechts" (SZ), die Memoiren Jürgen Trittins (SZ), Adrian Geiges' "Front gegen die Freiheit" (SZ) sowie einige Kinder- und Jugendbücher (FAZ).
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Film

Filmszene von Salvador Dali


Marc Zitzmann (FAZ) amüsierte sich diese letzten Sommertage in dunklen Kinosälen beim Pariser Festival für ungewöhnliche Filme, dem "Étrange Festival". Zu sehen gab es diesmal unter anderem "Sylvain Perrets 'étrange anthologie' von Exzerpten aus Kinowochenschauen der Gaumont. Man bestaunt da Champions des Auf-der-Stelle-Radelns, verheiratete Kinderpuppen, Kreuzritter wider den Voodoo, fernöstliche Exorzisten, boxende Braunbären, dreibeinige Stuten und stierische Einhörner, nicht zu vergessen einen schauderhaft schielenden Hypnotiseur und schräge Schöpfer wie Salvador Dalí, dessen künstlerische Kooperationen mit malenden Seeigeln, fliegenden Sardinen und Freudschen Langusten noch immer das Zwerchfell zum Beben bringen. ... Das Festival verklammert ein (Un-)Geist - jener der Wanderzirkusse von einst mit ihren Clown- und Akrobatennummern, ihren Geisterbahnfahrten und Freakshows. Setzten die frühen Ausgaben auf Themennächte mit Titeln wie 'Satan Superstar', 'Die Kannibalen' oder 'Bestialische Liebe', so mehrten sich später die Hommagen und 'Cartes blanches', das heißt die gerafften Werkschauen und Einladungen an Regisseure, fremde Filme vorzustellen."

Besprochen werden Kate Winslets Biopic "Lee - Die Fotografin" (Standard), eine Doku über Silly-Frontfrau Tamara Danz (BlZ) und eine Doku über Leonard Cohen (Tsp).
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Stichwörter: Biopic

Musik

Jens Uthoff (taz) ist nach Berlin-Neukölln spaziert und hat in der Sonnenallee die Berliner Jazzmusikerin Rosemarie Förster besucht, die mit 84 Jahren gerade einen zweiten Karrierefrühling erlebt. "Aus der sogenannten Echtzeitmusikszene Berlins ist Förster heute kaum wegzudenken. In jüngerer Zeit hat sie etwa viel mit dem Kontrabassisten Klaus Kürvers und mit der Klarinettistin und Multiinstrumentalistin Lena Wenta zusammengearbeitet. Beim Superbooth-Festival machten Förster und Wenta mit dem umtriebigen Jazzdrummer Joe Hertenstein und Bassist Meinrad Kneer gemeinsame Sache. Ein Zufall, der Förster gelegen kommt, ist, dass in ihrer Nachbarschaft in den vergangenen zwanzig Jahren kleine Jazz- und Experimental-Clubs (Donau115, Peppi Guggenheim, KM28) entstanden sind. 'In der Donau115 gibt es dienstags eine Open-Mic-Session ('Two Song Tuesday'), da bin ich neulich erst aufgetreten', erzählt sie begeistert. Sie spielt ein Stück auf ihrem Smartphone vor. Man hört, wie sie Stimmen mit einem Effektgerät loopt, auch eine Strophe aus dem Jazz-Klassiker 'Basin Street Blues' singt sie mit glockenhellem Soprangesang."

Hier kann man sie hören:



Weiteres: In der taz berichtet Michael Bartsch von dem Podium "Herkunft und Freiheit" der Leipziger Jazzwerkstatt, das jedoch die Stasivergangenheit des Jazz-Organisator Ulli Blobel ausklammerte. Auch die FR bringt noch ein Interview mit Chilli Gonzales. Nele Pollatschek macht sich in der SZ anlässlich eines Berliner Konzerts von The Kiffness ein paar Gedanken über dessen von Donald Trump inspirierten Hit "Eating the cats". Besprochen wird ein Konzert des HR-Sinfonieorchester zum Werk des Fotografen Sebastião Salgado im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt (FR).
Archiv: Musik