Efeu - Die Kulturrundschau

Sind wir vielleicht Hofnarren des Spektakels?

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29.08.2024. Im Welt-Gespräch erzählt Andres Veiel, wie er in seinem Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl die Lügen der NS-Propagandafilmerin wie unter dem Mikroskop zerlegt. Die Zeit bestaunt in Karlsruhe Lady Gaga zwischen Ninja Turtles auf den gigantischen Tapisserien von Margret Eicher. Den Musikkritikern eröffnen sich bei der Wiederaufstehung von Nick Cave alle Himmelszelte, während Gospelchöre niederfahren. Die NZZ sucht indes das irdische Paradies im Museum Frieder Burda.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2024 finden Sie hier

Film

Blick in den Spiegel: Wer war Leni Riefenstahl?

Andres Veiel zeigt bei den Filmfestspielen Venedig seinen Dokumentarfilm "Riefenstahl", für den erstmals der umfangreiche Nachlass der NS-Propagandafilmerin ausgewertet wurde. "Sie war ein Prototyp von Fake News", sagt der Filmemacher im Welt-Gespräch gegenüber Hanns-Georg Rodek. "Sie hat ihre Lügen so lange wiederholt, bis sie von vielen übernommen wurden. Zum Beispiel hat sie in einer Talkshow behauptet, sie sei nach Kriegsende drei Jahre in Gefängnissen gesessen und habe genug gelitten. De facto haben die Amerikaner sie vier Wochen in einer Edelunterkunft festgehalten. Und nach einer Woche luden ihre jüdischen Vernehmer sie zum Tee im Casino ein. Die Franzosen haben sie kurz inhaftiert und dann in eine Art 'Hausarrest' entlassen; sie durfte einen Landkreis im Schwarzwald nicht verlassen. Diese Legendenbildung können wir nun wie unter einem Mikroskop untersuchen."

Weitere Artikel: Gestern Abend wurden die Filmfestspiele Venedig mit Tim Burtons Fantasy-Sause "Beetlejuice 2" eröffnet, berichten gutgelaunt Katja Nicodemus (Zeit), Jan Küveler (Welt) und Tim Caspar Boehme (taz). Christiane Peitz vom Tagesspiegel zählt derweil die Stars, die sich am Lido tummeln. Lars Henrik Gass wechselt von seiner Leitungsposition bei den Kurzfilmtagen Oberhausen als Gründungsdirektor zum Haus für Film und Medien, das in den nächsten Jahren in Stuttgart entstehen soll, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ: Schon der kommende Oberhausener Jahrgang wird nicht mehr von ihm geleitet (mehr bei den Ruhrbaronen). Helene Slancar spricht für den Standard mit der Filmemacherin Ella Hochleitner über deren Dokumentarfilm "Trog" über NS-Taten in Goldegg. Und Marie-Luise Goldmann führt für die Welt durch den aktuellen Horrorkino-Trend.

Besprochen werden Tilman Singers Horrorfilm "Cuckoo" (Freitag, Presse, taz, unsere Kritik), Alireza Golafshans Komödie "Alles Fifty Fifty" (SZ, unsere Kritik), Margherita Vicarios Musikdrama "Gloria!" (Standard, FD), die Schweizer Serie "Die Letzten ihrer Art" (NZZ) und die zweite Staffel der im Tolkien-Universum angesiedelten Amazonserie "Die Ringe der Macht" (Welt). Außerdem informieren SZ, Tagesspiegel und Filmdienst über die aktuellen Kinostarts der Woche.
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Kunst

Sam Falls, Waldeinsamkeit, Installationsansicht Museum Frieder Burda, 2024. Courtesy the artist, Galerie Eva Presenhuber, Zurich / Vienna, New York and 303 Gallery, New York 2024 © Sam Falls ; Foto: N. Kazakov

Angesichts von Klimakrise und Umweltzerstörung ist NZZ-Kritiker Jörg Restorff dankbar, dass Bianca Bondi, Julian Charrière, Sam Falls und Ernesto Neto in der Ausstellung "I Feel the Earth Whisper" im Museum Frieder Burda die Erde als "irdische Paradies" vor der "Rationalisierung und Säkularisierung" feiern. Etwa der New Yorker Künstler Sam Falls, der im Vorfeld der Ausstellung den umliegenden Schwarzwald für sein Werk "Waldeinsamkeit" erkundete: "Mitten im Wald legte Falls große Leinwände aus, platzierte darauf Blumen und Zweige in Hülle und Fülle und ließ die Natur ihr Werk tun. Im Laufe der Zeit entstanden pflanzliche Abdrücke, die der Künstler als Ausgangspunkt einer farbenprächtigen floralen All-over-Malerei verwendete."

George Grosz, Paragraphenbaum, 1927. Zeichnung zu der Inszenierung "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" an der Piscatorbühne, Berlin 1928, Sammlung Judin, Berlin

Für die Inszenierung "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" an der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz hatten George Grosz, Bertolt Brecht und Erwin Piscator in den 1920er Jahren zusammengearbeitet, das Kleine Grosz Museum in Schöneberg widmet den dreien derzeit die Ausstellung "Was sind das für Zeiten?", in der taz-Kritikerin Katja Kollmann unter anderem hunderte der von Grosz angefertigten Zeichnungen bestaunt, die sich an der Bühnenrückwand zeichentrickhaft zusammensetzten: "Grosz' Zeichnungen entlarven das kriegstreiberische, menschenverachtende System, das den Ersten Weltkrieg möglich machte, in seiner Essenz. Sie benennen Justiz und Militär als Hauptstützen der Kriegsmaschienerie. Wieland Herzfelde gibt im Malik-Verlag die Mappe 'Hintergrund - 17 Zeichnungen von George Grosz zur Aufführung des 'Schwejk' in der Piscator-Bühne' heraus. Zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg führt eine Zeichnung, die den Pazifisten Jesus gekreuzigt mit Gasmaske und Soldatenstiefeln zeigt, zum breit rezipierten 'Gotteslästerungsprozess'. Als Konsequenz muss die Zeichnung, Blatt 10 der Mappe, eingestampft werden."

Die deutsche Künstlerin Margret Eicher lässt auf monumentale Jacquard-Teppiche digital konzipierte Motive von Hip-Hop-Stars, Comicfiguren, Aktivisten wie Julian Assange oder "Hintern frivoler Erotik-Models" weben - und stellt dabei unter anderem die Frage: "Sind wir vielleicht Hofschranzen der Konsumkultur und Hofnarren des Spektakels?", klärt in der Zeit Jörg Scheller auf, der vierzehn dieser sogenannten "Medientapisserien" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien bewundert: "Betrachtet man das Hauptstück der Ausstellung, die monumentale, über 30 Meter lange, am mittelalterlichen Teppich von Bayeux orientierte Tapisserie 'Battle:Reloaded' (2022), drängt sich die Hypothese auf: Wie die einstigen Dynastien durch Zweckbündnisse und Heiratspolitik transnationale Netze der Macht schufen, so transzendiert die Macht der kulturindustriellen Pop-Aristokratie gegenwärtige Landes- und Sprachgrenzen. Eine Szene von 'Battle:Reloaded' zeigt die Apotheose der heiligen Sünderin Lady Gaga vermittels eines Teleporters, wie man ihn aus Sci-Fi-Filmen kennt; rechts von ihr posieren bewaffnete Comicfiguren, es sind Teenage Mutant Ninja Turtles."

Weitere Artikel: Das von Michael Fischer-Art gestaltete Wandbild zur Friedlichen Revolution 1989 an den Brandmauern des Gebäudes gegenüber dem Leipziger Hauptbahnhof soll einem geplanten großen Gebäudekomplex zum Opfer fallen, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung mit dpa: "Der Künstler will sich nun in letzter Minute für einen Baustopp einsetzen, braucht Unterstützung der Stadtgesellschaft und der Politik - um sein Bild zu retten und Teile davon bei einer Benefiz-Aktion für einen sozialen Zweck zu versteigern."
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Literatur

Die Berliner Zeitung dokumentiert die Laudatio der Schriftstellerin Olga Grjasnowa auf die Übersetzerin Claudia Cabrera, die mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wurde. Judith von Sternburg spricht für die FR mit Alexander Elspas über die Büchergilde Gutenberg. Besprochen werden unter anderem Katja Oskamps "Die vorletzte Frau" (Freitag, Zeit), Arno Geigers "Reise nach Laredo" (Freitag), Miguelanxo Prados Comic "Kreidestriche" (taz), Ron Winklers Gedichteband "Unterwegs in der Verformung" (FR), Tobias Aeschbachers Comic "Der Letzte löscht das Licht" (FAZ.net), Zora del Buonos "Seinetwegen" (NZZ) und Clemens Meyers "Die Projektoren" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

Das Dresdner Zentrum der Künste Hellerau ist Teil des Bündnisses Internationale Produktionshäuser, dem laut aktuellem Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 möglicherweise die komplette Finanzierung gestrichen werden soll. Im VAN-Gespräch gibt Intendantin Carena Schlewitt, auch dank einer Petition, die Hoffnung nicht auf, Claudia Roth von der Wichtigkeit der Institution überzeugen zu können. Die Stimmung in der Kulturszene sei auch angesichts des AfD-Erfolgs sorgenvoll, sagt sie: "Es gibt dieses unheimliche Gefühl, dass der Kipp-Punkt unmittelbar bevorstehen könnte."

Für die Zeit führen Christine Lemke-Matwey und Giovanni di Lorenzo ein großes Gespräch mit der Sopranistin Edda Moser über ein Leben auf der Bühne - und Romeo Castelluccis Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen (unser Resümee): "So etwas Verletzendes, Unzumutbares, Schweinisches und Gefälschtes habe ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt. … Erstens, auf Deutsch heißt das Stück Don Juan oder Der Steinerne Gast. So ist es von Mozart konzipiert. Es gab aber in dieser Aufführung gar keinen steinernen Gast, sondern der Don Giovanni wälzt sich am Ende in irgendeinem Dreck … Oder in Mehl oder in was, dabei ist er splitterfasernackt und onaniert - und dann geht er ab. ... Der Dirigent war eine Katastrophe. Alles war viel zu schnell! Darüber gingen sämtliche Feinheiten verloren, weil die Sänger schon froh waren, wenn sie die Kurve kriegten."

Weitere Artikel: Die diesjährigen Goethe-Medaillen gehen an die Kulturmanagerin Iskra Geshoska aus Nordmazedonien, die literarische Übersetzerin Claudia Cabrera aus Mexiko sowie an Carmen Romero Quero, Gründerin des chilenischen Theaterfestivals "Teatro a Mil". Ausgezeichnet werden sie, da ihre "Kulturarbeit Vielstimmigkeit fördere und widerständige Netzwerke schaffe", resümiert Michael Hesse in der FR die Rede der Präsidentin des Goethe-Instituts Carola Lentz. "Alle drei hatten in einer Vorstellungsrunde am Dienstag im Weimarer Nationaltheater ihre Sorge über den Zustand der Welt zum Ausdruck gebracht", so Hesse. In der SZ resümiert Till Briegleb die Preisverleihung.

Besprochen wird Lydia Ziemkes Inszenierung "Das gute nackte Leben 2.0" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).
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Musik



Die Popkritiker schwärmen von "Wild God", dem neuen Album von Nick Cave, der sich hier nach Jahren der Nabelschau wieder von seiner impulsiven Seite zeigt. Zeit-Online-Kritiker Tobi Müller hört "ein mystisches Album, eins, das in jedem Lied die Transzendenz sucht. Und auch danach klingt: Waldhörner und Posaunen in langsam aufsteigenden Linien, Streicher im Crescendo, plötzlich niederfahrende Gospelchöre. Da öffnet sich jedes Himmelszelt, auch das innere. ... Die Lebensgeister sind nun hörbar im Studio zurück." Zwar "geht es weiterhin um Schmerz, Trauma, um die Ahnung, nein: das Wissen von etwas Höherem, aber gleichzeitig um das Nichtwissen, was das alles bedeutet und ob das richtig ist. Denn Cave zeigt, und das macht ihn zum großen Künstler, auch die Grenzen seiner Kunst auf. Manchmal macht er sich über die eigenen Metaphern lustig, die einen Hang zur Grandiosität haben, wenn etwa gleich alle Pferde des Königs wieder einmal durch ein Lied reiten und er anfügt: 'Oh, nevermind'. Als würde er zu sich selbst sagen: Lass mal stecken."

Auf Standard-Kritiker Karl Fluch wirkt dieses Album nach Caves langer Trauerphase - er verlor in den Zehnerjahren zwei seiner Söhne - "wie eine Wiederauferstehung", aber "es ist die eines Künstlers, der Altlasten nicht abschüttelt - niemand verwindet den Tod seiner Kinder -, sondern gelernt hat, das Leben trotz allem zu lieben. Es ist das Einzige, was wir haben. Aus dieser einfachen und gleichzeitig so schwer zu exekutierenden Einsicht entstanden Songs voller großer und kleiner Gesten. Im Vortrag zeigt sich, wie sehr Cave um Standhaftigkeit ringt, gewaltig scheint die Anstrengung, doch nicht Aggression ist das Mittel zur Durchsetzung, sondern Verständnis, Geduld und Zärtlichkeit."

Für VAN spricht Arno Lücker mit Aleš Březina über die Arbeiten des eher unbekannten Komponisten Bohuslav Martinů, dessen Todestag sich gerade zum 65. Mal jährt. "Seine Werke entstanden sehr spontan", verrät er. "Er ließ sich während des Arbeitsprozesses gerne von seinen eigenen Ideen überraschen und hat viele seiner Werke nach ihrer Fertigstellung halb verdrängt, um den Kopf frei zu haben für die nächste Komposition. Diese spontane Arbeitsweise, gepaart mit der exzellenten Beherrschung des kompositorischen Handwerks und dem warmherzigen Wesen eines Mannes, der den Humor liebte, zieht sich durch alle Schaffensperioden, von der frühen Faszination für Debussy über die Einflüsse seiner tschechischen Vorgänger bis hin zu Strawinsky und später durch seine allmähliche Entdeckung der Meisterwerke früherer Jahrhunderte, wobei er sich rückwärts von der Musik der deutschen Romantiker zu den Wiener Klassikern, der Musik des Spät- und Frühbarock, dem englischen Renaissance-Madrigal und der Polyphonie der sogenannten Notre-Dame-Schule arbeitete." Ein so verspieltes Stück wie die "Sonate für Klarinette und Klavier" von 1956 "belegt, dass Martinů auch das kleinste Werk für wichtig hielt und ihm jeweils seine volle Aufmerksamkeit schenkte.



Weiteres: In der NZZ legt uns Marco Frei das Davos-Festival und die Appenzeller Bach-Tage ans Herz. Holger Noltze führt in VAN kursorisch durch die Veröffentlichungen im Bruckner-Jahr 2024. Dennis Sand ist in der Welt genervt vom Oasis-Comeback. Martin Wittmann wirft derweil für die SZ ein Blick auf den ökonomischen Boost, den die Städte, in denen Oasis spielen werden, erleben dürften: Allein Manchester rechnet mit 15 Millionen Pfund zusätzlichem Umsatz in den Kassen. Wolfgang Fuhrmann berichtet in der FAZ vom Festival Laus Polyphoniae in Antwerpen. Aida Baghernejad porträtiert für Zeit Online die in Los Angeles lebende Musikerin Jessica Pratt.



Besprochen werden die Ausstellung "Taylor Swift - Songbook Trail" im Victoria and Albert Museum in London (NZZ), Molly Nilssons Album "Un-American Activities" (FR), ein Konzert des Tenebrae Choir im Kloster Eberbach (FR) und Sabrina Carpenters Popalbum "Short N' Sweet" (taz).

Archiv: Musik