Im Kino
Zurück in die Mitte
Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
27.08.2024. Manchmal werden Klischees leider bestätigt: "Alles Fifty Fifty" bedient alle Vorurteile über das deutsche Kino nach Rainer Werner Fassbinder. Alireza Golafshans Film vermag sich nicht zwischen Komödie und Drama zu entscheiden und versteigt sich in ein Loblied des Einfachen, Guten und Herzlichen.
Es war für lange Jahre unter Filmkritikern und überhaupt Menschen, denen das Kino für ihr Leben und ihre Anschauung der Welt etwas bedeutet, gang und gäbe, das deutsche Kino nach dem Tod Rainer Werner Fassbinders von ganzem Herzen schrecklich zu finden. "Es ist bestimmt / Nicht leicht einen Film zu drehen / Doch es ist fast genauso schwer / Sich einen Film / Zu Ende anzusehen / Von einem deutschen Regisseur", sang Jens Friebe 2004 auf seinem Album "Vorher Nachher Bilder", vermutlich noch unter dem Eindruck des Schaffens von Sönke Wortmann, der gerade mit "Das Wunder von Bern" Wesentliches zur Wiedergutwerdung der Nation beigetragen hatte, und der damals ausdauernden Präsenz von Veronica Ferres und, wie auch heute noch, Til Schweigers. Also mit Fug und Recht.
Seitdem hat sich einiges getan, und es ist nicht alles schlecht. Trotz eines Förderwesens, das Eigensinn strukturell unterbindet, kommt immer wieder so etwas zustande wie die Filme Tilman Singers (siehe hier), "Wild" von Nicolette Krebitz oder leider weitgehend ungesehene Schönheiten wie "Der Nachtmahr" oder Till Kleinerts "Der Samurai".
Aber dann kommt ein Film um die Ecke, der jedes routinierte Vorurteil gegenüber dem deutschen Kino so sehr bestätigt, dass es wie Absicht wirkt.
Der Plot von "Alles Fifty Fifty" geht so: Marion (Laura Tonke) und Andi (Moritz Bleibtreu) sind geschieden und teilen sich die Erziehung des gemeinsames Sohnes Milan (Valentin Thatenhorst) im gleichberechtigten Wechselmodell. Die Ansprüche sind hoch, Marion hat alle Erziehungsratgeber gelesen und bezahlt den Kinderpsychologen, der auf der Münchner Maximilianstraße residiert, Andi scheißt seinen Sohn mit gedankenlosen Geschenken zu. Milan dreht entsprechend frei und wird auffällig in der Schule, die Schulpsychologin bittet zum Elterngespräch und diagnostiziert elterlich bedingte Konfusion als Ursache des Problems. Also die unterschiedlichen Erziehungsstile von Andi und Marion.

Bis zu diesem frühen Punkt ist eigentlich schon alles verloren. Es liegt nicht an den einzelnen Leuten. Moritz Bleibtreu zum Beispiel kann ja was, wenn das Drehbuch ihm nicht bloß Sätze in den Mund legt, die klingen, als hätte sie jemand mit Hammer und Meißel irgendwo rausgedroschen. "Nut Gott kann mich richten" zum Beispiel war ein sehr guter Film. Und David Kross ist als Kindmann und neuer Lover der semi-glücklich geschiedenen Exfrau eine wirklich ganz witzige Figur. Leider auch die einzige.
Es stimmt halt einfach nichts. "Alles Fifty Fifty" kann sich nicht entscheiden, ob er Familiendrama oder -komödie sein will und ist dann nichts von beidem richtig. Und da er seinen Rhythmus nicht findet, wirkt das ganze Plotkonstrukt schlimm unplausibel. Wenn man im Fluss eines Films mitschwimmt, richten auch psychologische Unglaubwürdigkeiten trotz realistischem Setting keinen Schaden an. Wenn aber ein Film ständig stolpert und den eigenen Schematismus nicht verbergen kann, fließt gar nichts.
Das Verhältnis zwischen Andi und Marion ist nur deswegen nicht, wie man so sagt, zerrüttet, weil beide sich mit aller Kraft zusammenreißen, für die Erziehung des gemeinsamen Kindes. Andi schlägt sehr schnell vor, gemeinsam in den Urlaub nach Italien zu fahren, der neue Freund von Marion kommt auch mit. Und zu verhindern, dass Milan noch einmal sozial auffällig wird. Überhaupt müssen die Figuren sehr eilig von einem Zustand in den nächsten kippen, um den Plot Richtung Zielgerade zu prügeln. Nach ein paar Tagen im Urlaub landen Andi und Marion zusammen im Bett, und Marion trennt sich von ihrem jungen Lover. Dann gibt es einen Analdildowitz, dann passiert auf der Ebene wieder nichts; in ihrer Willkür wirkt die Figurenpsychologie ganz charmant.
Milan jedenfalls hat keinen Bock mehr und haut ab, raus aus dem hochpreisigen Ferienresort, auf den Campingplatz und ins wahre Leben. Marion und Andi rasen im Cabrio hinterher.
Der Großteil der deutschen Produktionen der letzten drei Dekaden spielt in einem sehr erdrückenden Mittelschichtsmilieu, das von den Filmen als Normalität und Maßstab ausgegeben wird. In "Alles Fifty Fifty" ist die Gehaltsklasse noch einmal zwei Stufen höher als sonst üblich, und der Wohlstand wird als Teil des Problems erfasst. Die Möglichkeit, alles kaufen zu können, legt es nahe, Konsum mit Zuneigung zu verwechseln. Während das überkandidelte Helikopter-Tum der Mutter (weil, so will es das Klischee) leichter wird, wenn man Kinderpsychologen auf der Maximilianstraße bezahlen kann.
In vielem wirkt "Alles Fifty Fifty" wie aus der Zeit gefallen. Zum Beispiel in der anstrengenden Idee, dass die es gut meinende, aber leider an der eigenen Überambitioniertheit scheiternde deutsche Kleinfamilie von nicht-deutschen Instanzen an ganz einfache Wahrheiten erinnert werden muss. Das ist punktuell die Bevölkerung in der italienischen Provinz, die das Einfache vorlebt. Und vor allem ein griechischer Schwimmlehrer, der in der italienischen Ferienanlage Milan die Angst vor dem Wasser nehmen soll. Was dann als Metapher für das Leben genommen und zu Steilvorlagen für einen ganzen Schwung Kalendersprüche wird, gegen den "Der kleine Prinz" und die gesammelte "Live, Laugh, Love"-Ratgeberliteratur noch wie analytische Philosophie wirkt.
Vom Egalen ins Ärgerliche kippt das Ganze, wenn der Film aus Versehen Klassenbewusstsein demonstriert. Nämlich wenn der Plot das Ex-Ehepaar und ihr unglücklich verliebtes Kind auf eine eher der arbeitenden Bevölkerung zugehörigen Familie (alleinerziehender Vater, Großmutter, zwei oder drei Kinder) loslässt, die ebenfalls als Inbegriff des Einfachen und Guten und vor allem Herzlichen definiert wird. Im Kontakt mit denen, die keinen Zugang zu Luxus haben und geschmacklose Klamotten tragen, löst sich die Verhärtung und der Weg ist frei, um Milan zurück in die Mitte zu holen. Dass die Unternehmung geglückt ist, führt der Film in der letzten Szene anhand einer Schulaufführung vor, bei der Milan ohne auszuscheren mitmacht. Alle adoleszente Abwehr ist gekappt, "Alles Fifty Fifty" versteht das als Happy End. Auf dem Weg dahin gibt es wenig zu lachen und nichts zu lernen.
Benjamin Moldenhauer
Alles Fifty Fifty - Deutschland 2024 - Regie: Alireza Golafshan - Darsteller: Laura Tonke, Moritz Bleibtreu, Valentin Thatenhorst, David Kross, Axel Stein, Jasin Challah - Laufzeit: 113 Minuten.
Kommentieren



