Efeu - Die Kulturrundschau

In der Fußgängerzone des Seins

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28.08.2024. In der SZ wütet Dominik Graf gegen den "Einschaltquoten-Rinderwahnsinn" der Öffentlich-Rechtlichen und wünscht sich Experimente, bei denen uns Hören und Sehen vergeht. Da wäre dann vielleicht auch Platz für Tilman Singers wagemutigen Alpen-Horrorfilm "Cuckoo", der die Uneindeutigkeit strahlen lässt, meint der Perlentaucher. Die FR wirft einen Blick auf die abgehalfterten Rockstars, die sich nicht zu fein sind, Trump zu unterstützen. Apropos abgehalfterte Rockstars: Auf die Oasis-Reunion hätte die taz gern verzichtet. Hyperallergic feiert in Philadelphia die amerikanische Impressionistin Mary Cassatt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2024 finden Sie hier

Film

Das hatten wir gestern auf der Medienseite der SZ übersehen: Dominik Graf liest dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Leviten. Bildeten der Autorenfilm und die deutschen Sender in längst vergangenen Zeiten noch eine Allianz, handelt es sich bei dem Verhältnis zwischen beiden heute eher um eine "verminte Brache": All die Programmreformen, all die "Kontrolle der Kontrolle der Kontrolle", dann der "grassierende Einschaltquoten-Rinderwahnsinn", all das "lähmt die Kreativität und die Gedanken." Aber Graf macht Vorschläge zur Güte: Die Quote "sollte als primäre 'Erfolgs'-Beurteilung so gut wie verschwinden. Die ewig gleichen Längenformatierungen der Filme und Sendungen sollten ab 23 Uhr bis fünf Uhr morgens in allen Programmen aufgegeben werden. Da müssen Experimente und Spielformen hin, Filme, selbstproduzierte, internationale, gemacht beziehungsweise kuratiert von erstklassigen Künstlerinnen und Künstlern. Auswahl und Entwicklung durch Redakteurinnen und Redakteure in kompletter Eigenverantwortung, keine Monitor-Gruppen beteiligt, die sich dann am Ende wieder aufs kleinste gemeinsame Vielfache einigen. Und immer alle Optionen offenhalten - auch die schönen. Wer nach elf im Öffentlich-Rechtlichen einschaltet, dem sollte künftig Hören und Sehen vergehen. Und das wandert dann alles auch noch fröhlich in die Mediathek."


Vielleicht ist in so einer Oase dann auch Raum für wagemutige deutsche Horrorfilme? Tilman Singers Alpen-Horrorfilm "Cuckoo", immerhin mit internationalem Cast besetzt, darunter "Euphoria"-Star Hunter Schafer, zeigt zumindest in der ersten Hälfte große Lust am Irrsinn, versichert Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher. "Einzelne traumartig schöne Sequenzen greifen ... ineinander, ohne dass sie auf ein in sich stimmiges, eben konsistentes Gesamtbild zulaufen würden. Singers erster Film und die erste Hälfte seines zweiten beziehen ihre Strahlkraft aus einer sich undefinierbar anfühlenden Uneindeutigkeit, die die Möglichkeiten vermehrt und Plot und Bilder jenseits der etablierten Genrestandards entlang laufen lässt, ohne dass die Verbindung zu ihnen gekappt würde."

Heute beginnen die 81. Filmfestspiele von Venedig. Der von allen befürchtete Rechtsruck durch eine Einflussnahme der Meloni-Regierung ist wohl fürs Erste abgewendet, atmen die Kritiker auf - und blicken beruhigt ins Programm. An Stars auf dem roten Teppich wird es in diesem Jahr (anders als im streikbedingt mageren Vorjahr) keinen Mangel geben, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. "Vor lauter star-besetzten Hollywoodproduktionen muss man nach unabhängigen künstlerischen Produktionen fast suchen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, wird aber dennoch hinreichend fündig, um sich auf einen "prallvollen Festivaljahrgang" zu freuen. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist gespannt auf "hochbudgetiertes Weltkino" im Wettbewerb, mit Filmen von unter anderem Luca Guadagnino, Pedro Almodóvar und Athina Rachel Tsangari.

Weiteres: Andreas Scheiner denkt in der NZZ darüber nach, warum eigentlich fast alle Filme über Hitler schlecht sind. Besprochen werden Alireza Golafshans Komödie "Alles Fifty-Fifty" mit Laura Tonke und Moritz Bleibtreu (Perlentaucher, FAZ), Torsten Körners Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen 2" über Frauen in der DDR (FD, SZ) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Pachinko" über das Leben der koreanischen Minderheit in Japan (SZ).
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Literatur

Salomé Meier berichtet in der FAZ vom Louisiana Literaturfestival. Thomas Steinfeld schreibt in der SZ zum 275. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe. Gustav Seibt fragt sich derweil ebenfalls in der SZ, warum die ungestümere Erstfassung von Goethes "Werther" zu Lebzeiten des Dichters nicht mehr neu aufgelegt wurde.

Besprochen werden Clemens Meyers "Die Projektoren" (FR), Solvej Balles "Über die Berechnung des Rauminhalts I-III" (NZZ), Jackie Thomaes "Glück" (NZZ), Joanna Gemma Auguris' "Hiraeth" (FR), Nicola Kuhns "Der chinesische Paravent" (FR), der Briefwechsel von Honoré de Balzac und Zulma Carraud (FAZ) und Arno Geigers "Reise nach Laredo" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Mary Cassatt: "Maternal Caress" (1896). Philadelphia Museum of Art

Die Malerin Mary Cassatt ist heute allenfalls als einzige Amerikanerin, die mit den französischen Impressionisten in Verbindung gebracht wird, bekannt - dabei war sie viel mehr: Sie trat als engagierte Frauenrechtlerin auf, die Frauen selbstbewusst porträtierte - und sie war eine virtuose Pastellmalerin und Grafikerin, wie Carrie Rickey (Hyperallergic) im Philadelphia Museum of Art in der Ausstellung "Mary Cassatt at Work" erfährt: "Die Werke in der Ausstellung unterstreichen ihre Brillanz als Koloristin. Niemand kann mit der Farbe Rosa so gut umgehen wie Cassatt in 'Frau in einer Loge', wo die sitzende Figur (vermutlich Marys Schwester Lydia) perlmuttfarben ist wie das Halsband, das sie trägt, und rosa wie ihre Wangen, ihr Seidenkleid und ihr erdbeerblondes Haar. Die Ausstellung gibt auch einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise der Künstlerin mit von Hiroshige inspirierten Holzschnitten, die ihre subtile und zeitaufwändige Arbeitsweise offenbaren, um die gewünschte Balance von Linie und Farbe zu erreichen. 'The Bath' (1891), ein gefühlsbetontes Bild einer Betreuerin und eines Babys neben einem Waschbecken, leuchtet in berauschenden Farben vor dem gesprenkelten fliederfarbenen Hintergrund, dem pistaziengrünen Kleid der Erwachsenen und dem azurblauen Waschbecken."

Ali Eslami,"Stretch of Time" 2022, Videostill. LWL Münster

Als Kritik an der gegenwärtigen Arbeitswelt versteht Monopol-Kritiker Alexandre Kintzinger die Installation "A Stretch of time", die der in Iran geborene Künstler Ali Eslami derzeit im LWL Museum Münster zeigt: "Die Arbeit zeigt eine Figur, die anscheinend halb Mensch, halb Maschine ist. Diese fährt ganz gewöhnlich mit der U-Bahn zur Arbeit, um am Ziel in dunkle Katakomben hinabzusteigen. Dort, ständig begleitet von einer Stimme, die kryptisch mit uns oder mit sich selbst spricht, muss der Protagonist unter geringem Lichteinfall mysteriöse Kapseln in monotoner Akkordarbeit hin und her bewegen. Welchen Zweck die Arbeit erfüllen soll, erfahren die Betrachter nicht. (…) Dabei verwandeln sich Arbeitskräfte in Wesen, die einen Teil ihrer Menschlichkeit zu verlieren scheinen, was die posthuman Komponente bei Ali Eslami betont. Auch lässt sich eine kritische Sichtweise auf eine mögliche transhumanistische Zukunft erkennen: Die Freiheit unserer Körperlichkeit wird gegen vermeintliche technologische Annehmlichkeiten ausgetauscht, die uns dann nur besser arbeiten lassen."

Weitere Artikel: In der FAZ sendet uns Peter Kropmanns einen Sommergruß aus dem Maison André Derain in Chambourcy, das kurz vor der Französischen Revolution von einem Minister bewohnt wurde und 1935 von dem Maler und Bildhauer erworben wurde.
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Bühne

Szene aus "Vaca" von Guillermo Calderón beim Kunstfest Weimar © Andreues Eyzaguirre

Recht grotesk klingt, was der chilenische Regisseur Guillermo Calderón mit "Vaca" auf die Bühne des Kunstfests Weimar bringt: Ein junges Paar soll sich um die kranke Kuh einer Freundin kümmern, bald tritt immer mehr Personal mit verschiedenen Interessen an der Kuh auf - das Paar gerät immer tiefer in "einen absurden Strudel von Abhängigkeit und Gewalt", klärt uns in der taz Eva-Christina Meier auf, die in dem Stück ein "dystopisches Gesellschaftsporträt" erkennt. "In einem Gespräch im Anschluss an die Weimarer Premiere ergänzt Guillermo Calderón zu den Protagonisten seines Stücks: 'Ich arbeite viel mit jungen Menschen, gebe Kurse an der Universität. Sie sind nicht an der Zukunft interessiert, weil sie sich die nicht vorstellen können. Die Zukunft ist nur eine Wiederholung des Hier und Jetzt. Es gibt keine Möglichkeit der Veränderung. Es geht also darum, die Idee zu etablieren, dass es nicht notwendig ist, zu träumen oder Hoffnung zu haben, um weiter an Veränderungen zu arbeiten." Dabei gibt es in der Inszenierung durchaus Humor, man versteht ihn nur kaum, ergänzt Nachtkritiker Michael Laages: "Wer sich viel Mühe gibt und den Übertiteln zur spanischsprachigen Aufführung folgt, kann sich über die wirklich phantastisch wirre Fabel freuen; die szenischen Vorgänge halten allerdings nicht Schritt.'"

Weitere Artikel: Nachtkritikerin Barbara Villiger Heilig sendet eine Reportage von ihrer Arbeit als Statistin bei den Salzburger Festspielen. Besprochen wird Marcel Kohlers Inszenierung von Shakespeares "Othello" beim Lausitz-Festival (Welt).
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Musik

Während Kamala Harris die Herzen zahlreicher Pop- und Rockgrößen zufliegen, wirkt Donald Trumps für die im US-Wahlkampf so wichtige Pop-Strategie allenfalls erratisch, wenn nicht lächerlich, schreibt Klaus Walter in der FR: Nicht nur, dass die Songtexte selten passen, Trump hat überdies "ständig Ärger mit Leuten, deren Musik er bei seinen Auftritten spielt." So findet er "Trost bei abgehalfterten Altstars. Der fanatische Abtreibungsgegner Kid Rock, der Waffenlobbyist Ted Nugent. Und Kanye West, der in seiner eigenen Liga spielt: HipHop-Wunderkind goes irrlichternder Antisemit und Hassprediger. ...  Gegen den Widerstand des Pop-Establishments und anscheinend gegen jede zivile Vernunft setzt Trump weiter auf griffige Refrains, ganz egal, ob in den Strophen reiche Väter Behörden bestechen, Soldaten im Dschungel krepieren oder Luxus-Liner absaufen. Der ehemalige Reality-TV-Star baut auf seinen Disruptor-Instinkt, auf seine Fähigkeit, Narrative und Plausibilitäten zu unterwandern, zu pulverisieren."

Die seit 15 Jahren schwerstens verkrachten Gallagher-Brüder haben versprochen, sich wenigstens fürs Erste soweit zusammenzureißen, dass sie im nächsten Jahr eine Handvoll Oasis-Reunion-Konzerte absolvieren können - und wecken damit den Zorn des tazlers Julian Weber: "Diese mit Billardkugeln im Pub um sich schmeißenden, stinkereich gewordenen Lads waren nun wirklich nur bei einem einzigen Ding vorne dran: Ihre rockistische Form von Britpop war die musikalische Vorwegnahme des Brexits, ein elitäres Wir-sind-eine-Insel-Gewinsel. Musik zum Abgewöhnen. Und dazu diese endlose Rockstar-Simulation: eine zugespitzte Form von Superstarabgründen. Auf Koks in den Swimmingpool kacken. 'Definitely Maybe', was für ein belangloser und gleichzeitig dummfrecher Albumtitel. 'Don't Look Back in Anger', ein Allgemeinplatz in der Fußgängerzone des Seins." Mit der Geldbeschaffungsmaßnahme der Gallaghers befassen sich desweiteren ausführlich Karl Fluch (Standard), Ronald Pohl (Standard), Elena Oberholzer (NZZ), Christoph Amend (Zeit Online), Thomas Kramar (Presse) und Jakob Biazza (SZ).

Weitere Artikel: Berthold Seliger resümiert im ND ausführlich den Aufttakt des Musikfests Berlin. Für Zeit Online spricht Juliane Liebert mit der Avantgarde-Musikerin Laurie Anderson. Stephanie Grimm spricht für die taz mit dem kuratorischen Team des Berliner Popkultur-Festivals. Manuel Brug resümiert in der Welt die Schweizer Klassikfestivals der letzten Tage und Wochen.

Besprochen werden das neue Album der Smashing Pumpkins ("Corgan singt viele ungewöhnliche Wörter", schreibt Benjamin Moldenhauer im ND), Christine Eichels Biografie über Clara Schumann (Backstage Classical), ein neues Album von Maxim Biller (FR), ein Gastspiel des Pittsburgh Symphony Orchestras mit María Dueñas in Grafenegg (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Imaginal Disk" von Magdalena Bay (Standard).

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