Efeu - Die Kulturrundschau
Die Enten waren nutzlos
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07.08.2024. Die FAZ ist beeindruckt von Viggo Mortensens Western "The Dead don't hurt", der die Männlichkeitsbilder des Genres subtil unterwandert. Die SZ spekuliert über die Bedeutung des neuen Banksy-Werks in London: Geht es um die Wohnungskrise? Nein, um Palästina, denkt die Berliner Zeitung. In der Zeit erklärt der Autor Dave Eggers, warum er für sein neues Buch ausführliche Interviews mit Tieren geführt hat. Die FAZ sieht beim Garsington Opera in London Jean-Philippe Rameaus "Platée" als Parodie des gewollt kitschigen Fernsehkults um Schönheit, Liebe und Ruhm.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
07.08.2024
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Film

Sehr beeindruckend findet FAZ-Kritiker Bert Rebhandl Viggo Mortensens Western "The Dead Don't Hurt", der die Mythologien und Genderpolitik des Genres behutsam einen Dreh weiter dreht: "Vor und hinter der Kamera arbeitet Mortensen an einer Differenzierung klassischer Männlichkeitsbilder. ... Zu einem modernen Western wird der Film auch dadurch, dass die Frau sich nicht einfach in dieses Schema fügt." Die weibliche Hauptrolle spielt Vicky Krieps, die "mit ihren Rollen oft eher zu flirten scheint, als dass sie darin aufgeht. ... In der Rolle der Vivienne zeigt Krieps nun einen Eigensinn, der das Western-Genre in ein neues Licht taucht. Denn sie lässt alle konventionellen Lösungen hinter sich, sie wird weder Flintenweib noch Dulderin. Sie ist stark, an einem bestimmten Punkt aber hat sie keine Chance. Ihr Moment kommt danach: Sie lässt sich von einem Trauma nicht unsichtbar machen. Sie bleibt sichtbar, gerade in ihrer Verletzung und Verletzlichkeit." Für den Standard bespricht Marian Wilhelm den Film.
M. NightShyamalan, dessen Thriller "Trap" aktuell im Kino läuft, ist einer der wenigen Regisseure, die auch weiterhin auf analogem Filmmaterial drehen. "Beim Handwerk und der künstlerischen Vision bin ich nicht bereit, Abstriche zu machen", sagt er Patrick Heidmann im Presse-Gespräch. "Ich bin davon überzeugt, dass das Publikum den Unterschied spürt. Für mich gibt es nichts Wichtigeres als das Kino - und dazu gehört für mich das Drehen auf Film."
Außerdem: Heide Rampetzreiter resümiert in der Presse die zweite Staffel von "House of the Dragons"..
Kunst
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Banksy hat wieder zugeschlagen. Sein neues Werk ziert eine Mauer im Londoner Stadtteil Kew Green und zeigt eine Ziege sowie fallende Steine, eine Überwachungskamera spielt möglicherweise ebenfalls eine Rolle. Was will uns der notorisch sendungsbewusste Straßenkünstler bloß damit sagen? Michael Neudecker spekuliert in der SZ: "Wenig Platz, die herunterfallenden Steine - ist das nicht ein Hinweis auf die Wohnungsbaukrise im Land? Auf 'Broken Britain'? Und die Kamera ist vielleicht ein Verweis auf die omnipräsenten Medien im Königreich, die auch dann noch draufhalten, wenn der Absturz kurz bevorsteht? Oder ist es so, dass die Kamera nur das bröckelnde Gestein filmt, nicht aber die Ziege, die ja komfortabel auf den engsten Vorsprüngen stehen kann. Mit anderen Worten: Ist Banksys Botschaft, dass man bei Nachrichten immer das ganze Bild braucht, den Kontext?"
Maria Windisch durchstöbert für die Berliner Zeitung die sozialen Medien und stößt auf andere Deutungen: "In den Kommentaren rätselten Tausende Nutzer über die Bedeutung. Unter dem Post heißt es beispielsweise: 'Die bedrohte palästinensische Berggazelle ist das Nationaltier Palästinas. Die Welt schaut zu, während sie am Rande des Abgrunds taumelt.' Ähnliche Interpretationen finden sich dabei häufig. So verstehe die Welt und Medien die Gefahr nicht, in der sich Palästina befindet, trotz ständiger Überwachung." Rhea Nayyar schließt sich bei hyperallergic der Palästina-Spekulation an und bezieht sich dabei außerdem auf ein zweites neues Banksy-Werk, das zwei Elefanten zeigt.
Besprochen werden die Fotoausstellung "Berlin im Blick" im Ephraim-Palais (Tagesspiegel) und die Schau "Berlin Revisited. ZeitSprünge 1972-1987/ 2021-2023" im Berliner Museum für Fotografie (taz Berlin).
Musik
Bei den Salzburger Festspielen hat Intendant Markus Hinterhäuser am Klavier den Bariton Mattias Goerne bei einem Schostakowitsch- und Mahler-Abend begleitet. Hinterhäuser spielt Schostakowitsch "mit einer Besonnenheit, die Zeichen und Bezeichnetes in eine raffinierte Balance bringt", schreibt Jan Brachmann in der FAZ. Es "fällt nicht nur auf, wie sensibel die timbrale Abstimmung von Hinterhäusers Klavierspiel auf die immer dunkler getönte, inzwischen bassbaritonal wirkende Stimme von Matthias Goerne gelingt. Die gemeinsame Farbe ist vielmehr Ausdruck einer gemeinsamen interpretatorischen Haltung: Hier wird nicht demonstriert, nicht agitiert, weder im analytischen Sinn, um 'strukturell' etwas zu verdeutlichen, noch im Sinn bestimmter Textaussagen. ... Der pulsierende, fast gleichförmige Phrasenbau Goernes beim Singen hat etwas Biologisch-Vegetatives. Nicht ums einzelne Wort geht es ihm, sondern um ein atmendes Einschwingen in die musikgewordene Form des Gedichts."
Der Verlag Piranha Media stellt das alteingesessene Techno-Magazin Groove, das seit 2018 ohnehin nur noch als Onlinemagazin erscheint, aus wirtschaftlichen Gründen ein, berichtet Nicholas Potter in der taz: Die Redaktion will ihre Arbeit nun mit einem eigens gegründeten "Verein für Technojournalismus" auf eigene Faust retten. "Der Verein sucht in den kommenden Wochen 500 Mitgliedschaften zu einem Standardpreis von 100 Euro im Jahr, um die Zukunft der Groove zu sichern und die Seite ohne Paywall für alle zugänglich machen. 'Ich finde es wichtig, dass es uns weiterhin gibt als Korrektiv, das über Missstände in dieser Szene berichtet', sagt Maximilian Fritz. Das Magazin berichtete etwa über nicht gezahlte Gehälter und veruntreute Gelder beim Her-Damit-Festival auf Rügen, über Sexismus in der Leipziger Technoszene oder über den umstrittenen Besuch Till Lindemanns im Berliner KitKatClub. 'Wir denken aber auch nach wie vor, dass elektronische Musik es wert ist, als Kunstform so genau verfolgt zu werden', sagt Chefredakteur Alexis Waltz."
Weitere Artikel: Sandra Gloning staunt online nachgereicht in der Zeit beim Besuch des österreichischen Festivals "Woodstock der Blasmusik" wie gerade das junge Publikum diese rustikale Musik abfeiert. "Ausgerechnet um den durchschnittlichsten aller Popstars wird ein uferloser Kult betrieben", ärgert sich Eva Dinnewitzer in der Presse angesichts des Hypes um Taylor Swift, die auf ihrer großen Tournee nun auch in Österreich Station macht. Nick Joyce plaudert für den Tagesanzeiger mit dem Produzenten Bob Ezrin, der in den Siebzigern unter anderem Alice Cooper und Pink Floyd und aktuell auch das neue Album von Deep Purple produziert hat. Manuel Brug hört für die Welt den aktuellen deutschen Nummer-1-Hit "Bauch Beine Po" von Shirin David. Für die Reportage auf der Seite Drei der SZ hat Cathrin Kahlweit Peter Maffay bei seiner Abschiedstour durch Rumänien begleitet, wo ihn die Leute mit offenen Armen empfingen. Dass die Deutsche Grammophon den jungen Pianisten Julius Asal direkt von Instagram aus wegengagiert hat, deutet Standard-Kritiker Ljubiša Tošić als "Zeichen des Wandels in der Tonträgerkrise".
Besprochen werden John Cales Soloalbum "Poptical Illusion" (Jungle World). ein Konzert von The Roots in Berlin (Tsp), Hiatus Kaiyotes Album "Love Heart Cheat Code" (taz) und das neue Elektropop-Album von Empire of the Sun (die "musikalische Entsprechung zu Schmelzkäse-Ecken", findet Christian Schachinger im Standard).
Der Verlag Piranha Media stellt das alteingesessene Techno-Magazin Groove, das seit 2018 ohnehin nur noch als Onlinemagazin erscheint, aus wirtschaftlichen Gründen ein, berichtet Nicholas Potter in der taz: Die Redaktion will ihre Arbeit nun mit einem eigens gegründeten "Verein für Technojournalismus" auf eigene Faust retten. "Der Verein sucht in den kommenden Wochen 500 Mitgliedschaften zu einem Standardpreis von 100 Euro im Jahr, um die Zukunft der Groove zu sichern und die Seite ohne Paywall für alle zugänglich machen. 'Ich finde es wichtig, dass es uns weiterhin gibt als Korrektiv, das über Missstände in dieser Szene berichtet', sagt Maximilian Fritz. Das Magazin berichtete etwa über nicht gezahlte Gehälter und veruntreute Gelder beim Her-Damit-Festival auf Rügen, über Sexismus in der Leipziger Technoszene oder über den umstrittenen Besuch Till Lindemanns im Berliner KitKatClub. 'Wir denken aber auch nach wie vor, dass elektronische Musik es wert ist, als Kunstform so genau verfolgt zu werden', sagt Chefredakteur Alexis Waltz."
Weitere Artikel: Sandra Gloning staunt online nachgereicht in der Zeit beim Besuch des österreichischen Festivals "Woodstock der Blasmusik" wie gerade das junge Publikum diese rustikale Musik abfeiert. "Ausgerechnet um den durchschnittlichsten aller Popstars wird ein uferloser Kult betrieben", ärgert sich Eva Dinnewitzer in der Presse angesichts des Hypes um Taylor Swift, die auf ihrer großen Tournee nun auch in Österreich Station macht. Nick Joyce plaudert für den Tagesanzeiger mit dem Produzenten Bob Ezrin, der in den Siebzigern unter anderem Alice Cooper und Pink Floyd und aktuell auch das neue Album von Deep Purple produziert hat. Manuel Brug hört für die Welt den aktuellen deutschen Nummer-1-Hit "Bauch Beine Po" von Shirin David. Für die Reportage auf der Seite Drei der SZ hat Cathrin Kahlweit Peter Maffay bei seiner Abschiedstour durch Rumänien begleitet, wo ihn die Leute mit offenen Armen empfingen. Dass die Deutsche Grammophon den jungen Pianisten Julius Asal direkt von Instagram aus wegengagiert hat, deutet Standard-Kritiker Ljubiša Tošić als "Zeichen des Wandels in der Tonträgerkrise".
Besprochen werden John Cales Soloalbum "Poptical Illusion" (Jungle World). ein Konzert von The Roots in Berlin (Tsp), Hiatus Kaiyotes Album "Love Heart Cheat Code" (taz) und das neue Elektropop-Album von Empire of the Sun (die "musikalische Entsprechung zu Schmelzkäse-Ecken", findet Christian Schachinger im Standard).
Literatur


Besprochen werden unter anderem eine Neuausgabe von Edith Andersons "A Man's Job" aus dem Jahr 1956 (Jungle World), der von Liquid Center herausgegebene kollektiv verfasste Sexroman "Wir kommen" (taz), Sara Klatts "Das Land, das ich dir zeigen will" (Jungle World), Sanam Mahloudjis "Die Perserinnen" (FR), Rosemary Tonks' "Der Köder" (NZZ), Javier Zamoras "Solito" (FAZ), Marc-Uwe Klings Thriller "Views" (SZ) und Davide Coppos "Der Morgen gehört uns" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Gina Thomas stellt ebenfalls in der FAZ die Highlights des diesjährigen Programms der britischen Garsington Opera vor. Sehr angetan ist sie unter anderem von einer klug modernisierten Version von Jean-Philippe Rameaus "Platée": "Rameaus satirischer Umgang mit der bitteren Opernfehde zwischen italienischem und französischem Stil wird hier als Parodie des gewollt kitschigen Fernsehkults um Schönheit, Liebe und Ruhm dargeboten. Das mythologische Personal der griechischen Antike schwirrt als Produktionsangestellte oder Teilnehmer in den Studios der Fernsehgesellschaft Olympus TV herum. Samuel Boden, der die tumbe Unbedarftheit Platées stimmlich wie schauspielerisch berührend erfasst, steigt in lindgrünem Badeanzug und Flossen aus dem Planschbecken und greift ein Handtuch mit Botticellis Venus, während der Chor mit wiederholtem 'quoi, quoi' Froschgequake mokierend nachahmt."
Simon Strauß zeigt sich in der FAZ tief beeindruckt von dem melodramatischen AIDS-Musical "Rent", das Studenten der Stage School Hamburg am Hamburger First Stage Theater auf die Bühne bringen. Im Zentrum stehen ein Sänger und eine AIDS-kranke Prostituierte: "Duygu Yuzbasioglu und Lorin Goltermann verleihen den beiden Figuren eine mitreißende Anmutung. Vor allem Letzterer beeindruckt durch eine virile Körperlichkeit und eine pop-plausible Stimme. Der Blick wach, die Gesichtszüge bewegt - sein Gang erinnert an die Schritte des jungen Marlon Brando in 'Endstation Sehnsucht'. Wer Goltermann hier auf der kleinen Bühne des First Stage Theater erlebt, der ahnt, dass dieser verführerische Darsteller bald schon vor größerem Publikum auftreten könnte."
Außerdem: In der Welt berichtet Manuel Brug von den Salzburger Festspielen. Ulrich Seidler erinnert in der Berliner Zeitung an den Schauspieler Michael Günther Bard und dessen Ehefrau, die Schauspielerin Susanne Bard, die unlängst kurz nacheinander verstorben sind.
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