Efeu - Die Kulturrundschau

Scherenschnittartige Leichtigkeit

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21.01.2016. Im Standard erklären Charlie Kaufman und Duke Johnson, wie man Sex mit Puppen dreht. Die SZ feiert die Schwerelosigkeit auf der Kölner Möbelmesse. Ohne Rahmen achtet die taz in der Kopenhagener Glyptotek mehr auf Pinselführung als auf nacktes Fleisch. Die FR langweilt sich mit Gegenwartskunst.

Film


Die Puppen am Set von "Anomalisa". Foto: Chris Tootell © 2015 Paramount Pictures

Die gestrige Kritikenauslese zu Charlie Kaufmans Puppen-Trickfilm "Anomalisa" war recht euphorisch. Vor der großen Liebesgeschichte zweier Entfremdeter in Stop-Motion schmolzen die Kritiker dahin. Im Standard erzählen heute Kaufman und Johnson, wie sie die Sexszene mit den beiden Puppen drehten: "Duke Johnson - er beaufsichtigt die Animationen - führt ein wenig tiefer in das Geheimnis dieses einzigartigen Films: 'Es ist eine exakt choreografierte Szene, die aber überhaupt nicht choreografiert erscheinen soll. Eines der schwierigsten Unterfangen bei Stop-Motion! Vieles davon sieht das Publikum gar nicht: Die Stoffe, die feinen Bewegungen, das Timing - es beginnt schon damit, wie die Figur die Hose abstreift.' Ja, ein sehr langsamer Striptease sei das, ergänzt Kaufman."

Im Freitag ist Lukas Foerster allerdings nicht so begeistert von dem Film, der manchmal reizvoll, aber zumeist doch "ziemlich hermetisch und mechanistisch" sei. Und weiter: "Besonders fragwürdig ist 'Anomalisa' gerade dann, wenn Kaufman den Versuch unternimmt, sein psychotisches Privatuniversum doch wieder mit der großen weiten Welt da draußen in Verbindung zu setzen. ... Wo sich in Philip K. Dicks 'Time Out of Joint' oder Rainer Werner Fassbinders 'Welt am Draht' die Totalparanoia noch auf eine gesellschaftliche Totalität (und mögliche individuelle Handlungsoption darin) bezieht, verkommt sie bei Kaufman zum Attribut einer weinerlichen, zivilisationsmüden Männlichkeit, die sich danach sehnt, vom warmen Klang der Stimme Jennifer Jason Leighs erlöst zu werden."

Auch Nikolaus Perneczky kann sich im Perlentaucher nicht recht für den Film erwärmen: "Animation wird in Szene gesetzt nicht als Utopie freier Formbarkeit, sondern als jahrelange Anstrengung gegen den Widerstand zu verformender Materie."
 
Weitere Artikel: Der Freitag lässt seine Lesercommunity über Andreas Voigts Leipzig-Filme zu Wort kommen. In der SZ spricht Alexander Menden mit der Schauspielerin Saoirse Ronan über ihren neuen (im Tagesspiegel besprochenen) Film "Brooklyn". Alle trauern um Ettore Scola: Nachrufe schreiben Patrick Straumann (NZZ), Fabian Tietke (taz), Gerhard Midding (Berliner Zeitung), Daniel Kothenschulte (FR), Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel), Hanns-Georg Rodek (Welt), David Steinitz (SZ) und Bert Rebhandl (FAZ).

Besprochen werden Nikias Chryssos' skurrile Komödie "Der Bunker" (critic.de) und Guillaume Nicloux' "Valley of Love" mit Gérard Depardieu und Isabelle Huppert (taz, SZ, mehr in unserem Cannes-Überblick).
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Literatur

Roman Bucheli amüsiert sich in der NZZ über Jo Lendles "Geschäftsmodell Schreibblockade". Für die taz unterhält sich Shirin Sojitrawalla mit Anita Djafari und Achim Stanislawski von den Literaturtagen Frankfurt. Im Berlinteil der taz spricht René Hamann mit Britta Gansebohm, die das Literaturfestival "Geschichten in Jurten" organisiert.

Besprochen werden die deutsche Übersetzung des argentinischen Science-Fiction-Comicklassikers "Eternauta" von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López (Tagesspiegel) und Navid Kermanis Reportage "Einbruch der Wirklichkeit" (Welt).

Mehr aus dem literarischen Leben im Netz auf unserem Metablog Lit21.
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Stichwörter: Navid Kermani

Design


Stark verschlankt: Afterroom chair von Menu. Mehr dazu bei Dezeen.

Auf der Kölner Möbelmesse kommt Laura Weissmüller von der SZ aus dem Staunen nicht mehr heraus "über die scheinbare Schwerelosigkeit, die Stühle, Tische, aber auch Sessel und Sofas dort erfasst hat. Schmale, geradezu magere Beinchen heben das Mobiliar optisch in die Höhe. Der Begriff Minimalismus wirkt fast zu gewichtig für all diese scherenschnittartige Leichtigkeit. Zumal sie so geballt auftritt. Schlanke Stahlröhren, gebogen oder locker verknotet, überall."

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Musik

Im FAZ-Gespräch mit Eleonore Büning freut sich der Geiger Frank Peter Zimmermann, dass er nach einem Jahr Durstrecke dank der Leihgabe eines chinesischen Geschäftsmann wieder auf einer Stradivari spielen kann. Für den Tagesspiegel hat Isabel Herzfeld das neue Konzerthaus in Wrocław besucht.

Besprochen werden neue Veröffentlichungen aus dem Bereich der Experimentalmusik (Skug), Jon Savages Buch über das Pop-Umbruchjahr 1966 ("spannend und extrem gut zu lesen", meint Bob Stanley im Freitag) und ein Konzert von Rudolf Buchbinder (Tagesspiegel).
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Stichwörter: 1966, Geiger, Jon Savage

Bühne

Besprochen werden Castorfs Inszenierung von Friedrich Hebbels "Judith" an der Volksbühne (nachtkritik), die Uraufführung von Noah Haidles "Götterspeise" durch Zino Wey in Mannheim (nachtkritik) und Milo Raus in Berlin uraufgeführtes Stück "Mitleid" (Freitag, mehr dazu hier).
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Stichwörter: Friedrich Hebbel, Milo Rau

Kunst


Paul Cezanne: Die Badenden, 1900.

Ganz hervorragend findet tazlerin Brigitte Werneburg die Idee Kopenhagener Ny Carlsberg Glyptoteket, neun Schätze aus ihrer Bildersammlung von der Gravitas ihrer wuchtigen Rahmen zu befreien und in schlichter Präsentation auszustellen. Der Blick auf die Bilder ändere sich dadurch spürbar: "Paul Cézannes 'Bathing Women' etwa, die man meint bis zum Überdruss zu kennen: Jetzt sieht man sie gar nicht mehr, dafür aber die charakteristische rhythmische Pinselführung, die der Maler so kontrolliert und lässig gleichermaßen ansetzt, dass die rohe Leinwand erkennbar Bestandteil der Bildkomposition ist. Die nackte Haut der Frauen und das Grün der umgebenden Vegetation ist ein Farbspiel auf der Leinwand, eine anregende malerische Kons­truktion."

Zu brav, zu moralisch, zu vorhersehbar: In der FR verdreht Sandra Danicke die Augen angesichts der Tendenz in der Gegenwartskunst, sich als gesellschaftspolitische Intervention zu verstehen und dabei moralisch wie politisch stets auf Nummer Sicher zu gehen - viel zu "wohlgefällig" sei das gemessen an der Hochphase der subversiven Performancekunst: "Natürlich darf Kunst auch sozial, politisch und ökologisch sein, aber eben nicht nur. Einfallsreiche, geistreiche Kunst ist immer radikal - im Ausdruck, in ihren Mitteln. Vor allem aber muss sie einen radikalen Gedanken verkörpern. Gute Kunst muss Undenkbares formulieren. Sie muss den Betrachter mit einer Ungeheuerlichkeit konfrontieren, mit der Welt, mit sich selbst."

Besprochen werden eine Jana Euler gewidmete Schau im Frankfurter Portiskus (SZ), die Ausstellung "Kunst der Vorzeit - Felsbilder aus der Sammlung Frobenius" im Martin-Gropius-Bau in Berlin (Tagesspiegel, FAZ).
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