Efeu - Die Kulturrundschau

Sanfte Fremdheit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2026. Die FAZ wohnt fasziniert einer seltenen Aufführung des japanischen Nō-Theaters in der Berliner Philharmonie bei. Die Zeit trifft den Schweizer Architekten Peter Zumthor, der seine Häuser auch mal um Bäume herumbaut. VAN geht internen Streitereien beim Deutschen Filmorchester Babelsberg nach. Frankreich streitet weiter leidenschaftlich über die KI-Plagiats-Vorwürfe gegen den haitianischen Autor Thélyson Orélien. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2026 finden Sie hier

Literatur

Die Debatte um den Roman "C'était ça ou mourir" des in Québec lebenden haitianischen Autors Thélyson Orélien, den auch von Kritikern gefeierten Sensationserfolg der Saison, wird in Paris mit Hingabe weitergeführt. Dem Autor wird vorgeworfen, sein Buch zum allergrößten Teil mit Künstlicher Intelligenz verfertigt zu haben (unsere Resümees). Dieser Vorwurf ist ein durchsichtiges rassistisches Manöver, findet Pauline Le Gall in der Pop-Zeitschrift Les Inrockuptibles (die dem russophilen linken Milliardär Matthieu Pigasse gehört). "Wie ein Artikel in Le Monde hervorhebt, wurde die Meldung von 'konservativen Social-Media-Profilen' weiterverbreitet, und der Vorwurf wurde umgehend von rechtsextremen Websites wie Valeurs actuelles aufgegriffen. In dieser Angelegenheit ist die Stichhaltigkeit des Vorwurfs nicht das Wichtigste. Obwohl es sich selbst als äußerst zuverlässig darstellt, ist die Software Pangram ein fehlbares Tool und hat in der Vergangenheit bereits Literaturklassiker als Produkt einer KI eingestuft. Vielmehr ist festzustellen, dass der Verdacht und die Zweifel meist Autoren betreffen, die in einer überwiegend weißen Verlagslandschaft ohnehin schon einer Minderheit angehören."

Raphael Doan und Antoine Levy halten im Figaro dagegen an den Vorwürfen fest. Entgegen der Behauptung, "die Detektoren würden durch einen bestimmten geografischen Stil getäuscht, weisen die Passagen in seinem Buch, die nach KI klingen, keine besondere haitianische Färbung auf, während kein Text klassischer afro-karibischer Autoren wie Aimé Césaire oder Dany Laferrière von Pangram als KI identifiziert wird; ebenso wenig wie irgendeines der Kapitel, die zufällig aus den anderen großen Romanen der Herbstsaison ausgewählt wurden - was noch beruhigender ist."

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Weitere Artikel: Ijoma Mangold erzählt in der Zeit von seiner Begegnung in Manhattan mit Sigrid Nunez, die gerade den Kurzgeschichtenband "Wenn es wichtig ist" veröffentlicht hat. Iris Radisch schreibt in der Zeit einen Nachruf auf die Verlegerin Antje Kunstmann (weitere Nachrufe bereits hier). Martin Lhotzky berichtet in der FAZ von einer Tagung der Heimito-von-Doderer-Gesellschaft in Wien.

Besprochen werden unter anderem Emma Clines "In die Schweiz" (FR), Tana Frenchs Kriminalroman "Wie ein Fluss in der Nacht" (FR), Christian Neefs "Ruge. Der Reporter des 20. Jahrhunderts" (Welt), Adania Shiblis "Täuschung" (Zeit), Roger de Wecks Essaysammlung "Glanz und Elend der Konservativen" (FAZ) und Louise Kennedys "Red" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Bühne

Kiyokazu Kanze, 26. Großmeister der Kanze-Schule. Foto: Yoshikatsu Hayashi / Berliner Festspiele


Fasziniert verfolgt Konrad Muschick für die FAZ einen ganz besonderen Abend an der Berliner Philharmonie: Nur sehr selten kann man in Deutschland japanisches Nō-Theater sehen, zum Glück sind Großmeister Kanze und seine Truppe auf Tournee und zeigen das Stück "Hagoromo". Die Handlung dreht sich um einen Fischer, der das Federgewand einer himmlischen Tänzerin findet, erklärt Muschik: "Der himmlische Tanz, kein Ausdruck expressiver Virtuosität, sondern ein langsames, formalisiertes Ritual, in dem Andeutungen mehr Evidenz besitzen als das eindeutige Ausspielen. 'Täuschung ist für Menschen nur, / dem Himmel ist Falschheit unbekannt', ist der Satz, mit dem die Tennin ihren Tanz einleitet. Bezieht sich der Satz vordergründig auf das Misstrauen des Fischers, die Tennin könne ihm den Tanz verweigern, sobald sie ihr Gewand zurückerhalten hat, verweist er tiefer liegend doch auf ein Ideal des Nō. Es ist die Distanziertheit gegenüber jeder Gebärde, die sanfte Fremdheit, die eine solche prägnante Wirkung schafft. Manchmal deutet die Tennin mit ihrem Fächer eine Geste an, und man erinnert sich an yūgen, jenes Ideal, in dem sich mit minimalen Gesten subtile, rätselhafte Anmut entfaltet."

Besprochen werden außerdem Netia Jones' Inszenierung von Frank Martins Oper "Der Sturm" an der Oper Genf (FAZ) und Coco Plümers Inszenierung von "Die Thomaskatastrophe" am Stadttheater Bremerhaven (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Das erweiterte Ensemble der Fondation Beyeler, Erlen Torhaus, Wyss Museum und Ammann Pavillon von Atelier Peter Zumthor. Alexander Calder, The Tree, 1966 Fondation Beyeler, Riehen/Basel© 2026 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS) New York, Foto: Iwan Baan

Für die Zeit trifft Sven Behrisch den Schweizer Architekten Peter Zumthor, der in Riehen bei Basel eine Erweiterung der Fondation Beyeler gebaut hat. Drei neue Ausstellungsgebäude hat er "wie ein Gärtner zwischen den Bestand gepflanzt", so Behrisch. Die Natur spielt bei ihm tatsächlich eine große Rolle, lesen wir: "Für das Museum in Riehen hat Zumthor, um die alten Bäume zu schonen, eines der Gebäude um einen Ginkgo herumgebaut und ihm wie zum Gruß ein Fenster in die wuchtigen Wände aus Stampfbeton gesetzt." Zumthor "zeigt das über Eck gebaute Ausstellungshaus, das aus dem Park ragt wie die Felsformationen des nahen Jura, den gläsernen Pavillon, dessen Blickachsen die vorher getrennten Teile des Parks verbinden, und ausführlich redet er über eine Natursteinmauer, die er verlängerte. Warum die aus Naturstein sein muss, wenn sie danach verputzt wird, frage ich ihn, darunter sehe man den Stein doch gar nicht mehr. 'Stimmt', sagt er und schaut mich an, als hätte ich etwas sehr Kluges oder etwas außerordentlich Dummes gesagt. 'Sie sehen ihn nicht, aber ich fühl den da drunter.'"
Archiv: Architektur

Film

Szene aus "Das geträumte Abenteuer" von Valeska Grisebach

In Cannes erhielt Valeska Grisebachs neuer Film "Das geträumte Abenteuer" den Preis der Jury, nun läuft der Film auch bei uns im Kino an. Der im bulgarischen Svilengrad angesiedelte Film erzählt rund um zwei Heimkehrer und eine Archäologin einen lose erzählten Film, der wohl auch von Menschenhandel an der EU-Außengrenze handelt. "Grisebach hat und fordert Geduld", schreibt Ekkehard Knörer auf critic.de, auch "weil sich das, was am Ende ein Film sein wird, erst zusammenfügen muss aus Elementen, die nicht wie ein vorgefertigter Stein auf den anderen passen. ... Aus Bewegungen, die fast ziellos erscheinen, aus solchen Begegnungen bildet sich nach und nach die Ahnung einer Erzählung heraus, die immer deutlicher wird und irgendwann fast wie von selbst die Konturen einer Geschichte annimmt, in der sich die dunklen Zeichen und Geschehnisse derart verdichten, dass man beinahe in einem Mafia-Plot gelandet zu sein scheint." Robert Wagner schreibt im Perlentaucher: "Unsicherheit ist in diesem Film Bedrohung und zugleich etwas ganz Wunderbares." Weitere Besprechungen auf Artechock und in der Zeit. Gespräche mit der Regisseurin im ND und auf Artechock.

Hannah Waddington (rechts) als Auftragskillerin Judith und Octavia Spencer (links) als ihre Freundin Debbie


Die erste Staffel der Komödie "Ride Or Die" über eine international operierende Auftragskillerin war ein Riesenerfolg auf Amazon Prime, dennoch wird es keine zweite Staffel geben, berichtet Laura Fox im Daily Mail. Offenbar ist den Produzenten die Hauptdarstellerin Hannah Waddingham mit ihren 52 Jahren einfach zu alt (was bei Keanu Reeves, 62, Tom Cruise, 64, Dwayne Johnson, 54, oder Liam Neeson, 74, natürlich nie eine Rolle gespielt hat). "Weltweit war die Serie in den ersten drei Wochen die meistgesehene Prime-Video-Originalserie, während sie auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes eine Bewertung von 96 Prozent bei Kritikern und 85 Prozent beim Publikum erreicht hat. All das reichte den Prime-Verantwortlichen jedoch nicht aus, denn laut einem Bericht von Deadline bietet Paramount Television Studios, das federführende Studio hinter der Komödie, die Serie nun anderen Käufern an. Dem Bericht zufolge sind die Gründe für die Absetzung 'unklar, aber der Fokus der Serie auf Frauen mittleren Alters könnte eine Rolle gespielt haben'." Stinksauer reagierte auf die Nachricht die Komikerin und Autorin Katy Brand ("The Thursday Murder Club", "Good Luck to You", "Leo Grande") die laut Fox in einem Instagram-Post an all die jungen Filmemacherinnen da draußen schrieb: "Das Ausmaß an Frauenfeindlichkeit in der Film- und Fernsehbranche ist außer Kontrolle geraten. Vor etwa zehn Jahren gab es eine kurze Phase, in der es so aussah, als würde sich die Lage verbessern, aber mittlerweile ist es schlimmer denn je. Sie müssen mir nicht glauben; die Statistiken sprechen für sich." Ähnliche Themen spricht auch die große Angela Winkler im Zeit-Gespräch mit Katja Nicodemus an.

Seit kurzem ist Martin Moszkowicz Präsident des Zurich Film Festivals, zuvor prägte er als Chef der Constantin den deutschen Film viele Jahre maßgeblich mit. Im NZZ-Gespräch mit Tobias Sedlmaier kommt er auch auf Schieflagen des aktuellen Filmgeschehens zu sprechen: Es gebe viel zu viele Filme, sagt er. "Ich bin für Konzentration im Kino. Die Inflation der Bilder passiert im Internet sowieso. ... Dieser kaum mehr zu unterscheidende Unterhaltungsbrei wird bleiben, aber der ist völlig unerheblich. Ich würde dazu raten, weniger Filme zu machen, die dafür besser auszustatten und mehr Eintritt zu nehmen." Fernerhin sollte man sich auf eine Zeit nach der Filmförderung einstellen: "Das Geld ist nicht mehr da, und es gibt politische Gruppen, die kein Interesse mehr an Förderung haben."

Weitere Artikel: "Ich habe einfach noch richtig gute Storys in mir", sagt Werner Herzog, eben 84 geworden und beim Filmfestival in San Sebastián für sein Lebenswerk geehrt, im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser: "Ich war immer schon Geschichtenerzähler, und als Geschichtenerzähler war ich immer gut." Thore Rausch unterhält sich in der SZ mit dem Schauspieler Robert Pattinson, der ab heute im Kino in Lance Oppenheims Biopic "Primetime" als schmieriger Fernsehmacher zu sehen ist, der im Fernsehen Jagd auf Pädokriminelle macht (Besprechungen unter anderem in Standard, FR und Artechock). Rüdiger Suchsland erzählt auf Artechock von seinen Entdeckungen bei der José Giovanni gewidmeten Retrospektive beim Filmfestival in San Sebastián. Eckhard Haschen war für Artechock beim Internationalen Filmfest Oldenburg. Pascal Ehrlich gibt auf critic.de Tipps zum Wiener Slash-Festival, das auf Horrorfilme spezialisiert ist.

Besprochen werden Kenichiro Akimotos japanischer Animationsfilm "All You Need Is Kill" (Perlentaucher), Marco Nguyens und Nicolas Athanés queerer Animationsfilm "Jim Queen" (taz), Aitor Arregis und Jose Mari Goenagas schwules Drama "Maspalomas" (Artechock), David Ayers Survivaldrama "Eiserne Wildnis" mit Brad Pitt (FR), die fünfte Staffel von "Fauda" (Artechock), Nicolas Ehrets "Morgen war Kritik" (critic.de, FAZ), David Dietls "Emil und die Detektive" (Artechock) und die auf Netflix gezeigte Sitcom "Leanne" (taz).
Archiv: Film

Musik

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg liegt eher abseits des Fokus der Öffentlichkeit, doch schwelen dort seit einigen Jahren Konflikte, die nun drohen, es "zu spalten", wie Hartmut Welscher für VAN recherchiert hat. Dabei geht es um historisch gewachsene institutionelle Strukturen, in die das Orchester über einen Verein eingebunden ist, und das voranschreitende Alter eingesessener Musiker - beides hat zur Folge, dass "60 Prozent der aktiven Musikerinnen und Musiker - darunter insbesondere die jüngeren - keine Möglichkeit haben, im Verein über ihre eigene berufliche Zukunft mitzuentscheiden". Auch "kündigen sich bereits weitere Spannungen an. ... Ende Juni hat nun die Orchestergewerkschaft Unisono den Tarifvertrag mit dem Verein Filmorchester Babelsberg e.V. zum Ende des Jahres gekündigt. Die Neuverhandlung des Tarifvertrags sei überfällig, teilt Unisono-Geschäftsführer Robin von Olshausen auf VAN-Anfrage mit. 'Es geht um archaische materielle Arbeitsregelungen, die dringend auf die Höhe der Zeit gebracht werden müssen, und es geht um die Vergütung. Wir haben hier ein Orchester, das rund 40 Prozent unter der niedrigsten Einstufung des Flächentarifvertrags TVK eingruppiert ist. Die Musikerinnen und Musiker brauchen eine Perspektive - auch, damit die derzeit akut drohende Altersarmut abgewendet wird.'"

Weiteres: Simone Brunner plaudert für die Zeit mit der feministischen Deutschrapperin Vicky. Merle Krafeld spricht für VAN mit dem Schlagzeuger Leonard Weiss vom Gewandhausorchester des BSB. Mia Kilian porträtiert in der NZZ das Zürcher Duo Ikan Hyu. Rainer Kern berichtet in der FAZ von der Gedenkfeier für Sonny Rollins. Besprochen werden ein Livealbum und Konzertfilm von Pulp (taz), ein Konzert von Martha Argerich, Lilya Zilberstein und der Gerzenberg-Brüder in Wien (Standard), Susanna Hoffs' Album "The List" (FR) und Daniil Trifonovs neues Klavieralbum "Mi Historia Americana. Sur" (SZ).
Archiv: Musik

Kunst

Georges de la Tour, "Büßende Magdalena bei der Meditation", ca. 1635-40
Quelle: National Gallery of Art, Washington

Erst um das Jahr 600 sprach Papst Gregor ein Machtwort und entschied, dass Maria Magdalena den "genuin sündigen Weibern" zuzurechnen sei, erinnert Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller, der begeistert durch eine ihr gewidmete Ausstellung im Frankfurter Städel spaziert. Erst nach diesem Papst-Spruch hatte Maria Magdalena in der Kunst wirklich Konjunktur, nämlich als reuige Büßerin: "Mal ringt sie die Hände, mal hält sie einen Totenschädel in der Hand, mal kniet sie in felsiger Landschaft vor einem leeren Kreuz, mal verdreht sie die Augen, wie es nur der Augenverdreher El Greco gekonnt hat." Da spürt Müller doch zu sehr die Frauenfeindlichkeit der Epoche, er widmet sich lieber dem Gemälde "Büßende Magdalena bei der Meditation" von Georges de la Tour: "Niemand hat die Frau so innig gemalt, so ganz bei sich und in sich, so nachdenklich, so unverfügbar. Sitzt da im Lichtschein ihrer Kerze und käme nicht auf die Idee, Männern die Füße zu waschen, geschweige denn, als Zeugin feministischer Anklage anzutreten. Ihre ganze Buße besteht aus nichts Wunderbarerem als verschwiegener Selbstbeschau. Das wahre Mirakel der Maria aus Magdala."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Frauke Steffens über zwei neue Klagen in den USA, die erheblichen Einfluss auf die Gesetzeslage für NS-Raubkunst dort haben könnten. Besprochen wird George Lucas' Sammlung im Lucas Museum of Narrative Art im Exposition Park in Los Angeles (FAZ) und Leiko Ikemuras Ausstellung "Translucent, La forma della luce" in der Gallerie dell'Accademia di Venezia (NZZ).
Archiv: Kunst