Efeu - Die Kulturrundschau
In meinem Herz, kein Sturm
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2026. Die Feuilletons sind zu zahm, die Redaktionen zu ängstlich und die Kulturkritiken zu fad geworden, ruft der Autor Jonathan Guggenberger in der taz. Auch die Musikkritik leidet einerseits unter fanatischen Fans, aber auch unter ihrem eigenen Unkritisch-Sein, klagt der Freitag. Die Theaterkritiker fragen sich bei Matthias Pintschers Opern-Adaption von "Das kalte Herz", was der ägyptische Gott Anubis im Schwarzwald zu suchen hat. Und die FAZ lässt im Museum of Islamic Art in Doha das beeindruckende Lebenswerk des Architekten Ieoh Ming Pei Revue passieren.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.01.2026
finden Sie hier
Bühne

Nicht so ganz überzeugen kann die Kritiker Matthias Pintschers neue Opern-Adaption des Hauff-Märchens "Das kalte Herz", die an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde. Wolfgang Schreiber ist in der SZ zumindest von der Musik einigermaßen überzeugt, zum Beispiel, wenn der Köhler Peter gegen Ende der Oper sein Herz gegen einen Stein eintauscht und "die feinziselierte Orchesterkunst des Komponisten jäh in die Schreckenszone einer schier gewalttätigen Bläserbrutalität wechselt". Da "'gelingt' die grausige Herz-Operation am lebenden Körper: Peter, leblos wie auf einer Bahre ausgestreckt am Boden, wird das Herz aus dem Leib geschnitten. Mit klaffend rotem Fleck auf der Brust und bar jeder Regung steht er auf der Bühne. Samuel Hasselhorns ausdruckreiche, im Liedgesang geschmeidig gewordene Baritonstimme kann nur noch stockend starr die Leere beteuern: 'Ich fühle nicht mehr. In meinem Herz, kein Sturm. Mein Herz, ein Stein.'"
In der FAZ kann sich Clemens Haustein gar nicht mit den Aktualisierungen des Librettos anfreunden, das Hauffs Waldgeister, den bösen Holländermichel und das gute Glasmännchen, durch den ägyptischen Gott Anubis und die hebräische Mythen-Figur Azaël ersetzt hat. Auch Udo Badelt ist im Tagesspiegel ein wenig ratlos und konstatiert vor allem eine "Atmosphäre der Beklemmung und Angst".
Weiteres: In der taz analyisert die Tänzerin und Regisseurin Heide-Marie Härtel die Tanz-Bewegungen von Diktatoren wie Trump oder Maduro. Am Montagabend streikten Mitarbeiter der Schaubühne, des Gorki Theaters und der Volksbühne für bessere Arbeitsbedingungen, meldet Patrick Wildermann im Tagesspiegel. In der NZZ erinnert Stefan Stirnemann an den Brand des Wiener Ringtheaters 1881. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting dem Bariton Renato Bruson zum Neunzigsten. Besprochen wird Krysztof Warlikowskis Inszenierung von Wajdi Mouawads Stück "Europa" im Nowy Teatr in Warschau (FAZ).
Musik
"Wer will schon für eine schlecht bezahlte Kritik von wütenden Swifties an der Haustür besucht werden", fragt sich Konstantin Nowotny im Freitag und stellt fest: Dass der Druck auf Musikkritiker immer stärker wird, hat zum einen damit zu tun, dass Popkritik in den letzten gut fünfzehn Jahren das Kritisch-Sein zum guten Teil verlernt hat, und zum anderen damit, dass sich im niedrigschwelligen Netz Fan-Diskurse gebildet haben, die von Kritik an ihren Idolen nichts wissen wollen. "Die Idee, dass Kritik etwas anderes ist als 'Geschmackssache', scheint vielen zunehmend fremd. Dafür spricht, dass einige der größten jüngeren Pop-Skandale wenig mit Musik zu tun hatten, sondern sich auf menschliches und moralisches Fehlverhalten bezogen. Oft wird auch Kritik an der Kunst mit Kritik an deren Schöpfern im selben Abwasch erledigt, was den Eindruck erweckt, für beides gälten gleiche Maßstäbe. ... Dabei sollte vor allem Linken dämmern, warum man gerade da mit Kritik nicht zu sparen hat, wo massenhafte Begeisterung vorherrscht. Voraussetzung hierfür wäre ein revitalisiertes Bewusstsein für ästhetische Kategorien."
Außerdem: In der FAZ gratuliert Jan Wiele Inga Humpe zum 70. Geburtstag. Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Grateful-Dead-Gitarristen Bob Weir. Besprochen werden der Auftakt zu Petr Popelkas neuer Wiener Musikvermittlungsreihe "Hör-Bar" (Standard) und Xavier Naidoos Auftritt in Wien (Standard).
Außerdem: In der FAZ gratuliert Jan Wiele Inga Humpe zum 70. Geburtstag. Edo Reents schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Grateful-Dead-Gitarristen Bob Weir. Besprochen werden der Auftakt zu Petr Popelkas neuer Wiener Musikvermittlungsreihe "Hör-Bar" (Standard) und Xavier Naidoos Auftritt in Wien (Standard).
Literatur
Die Feuilletons sind zu zahm, die Redaktionen zu ängstlich und im Zuge Kulturkritiken zu fad geworden, findet auch der Autor Jonathan Guggenberger in der taz. Was an Kanten in Kritiken vorhanden ist, werde erst rausredigiert, nur um dann verdutzt aus der Wäsche zu schauen, weil Reichweiten einbrechen, während im Netz jedem Dampfplauderer klar ist, dass Aufreger und Kontroversen ersehnte Klicks bringen. Aber auch die junge Generation selbst sei an der Zahmheit schuld: Nur niemanden vor den Kopf stoßen, nur keinen Verriss schreiben, "man weiß ja nie, vielleicht schreibt man bald selbst einen Roman". Guggenberger fordert daher "mehr Verrisse" und zwar "selbstbewusste, elegant geschriebene, mit unerwarteten Thesen". Außerdem "müssen wir wieder 'intellektuelle Marktschreier' werden. Und wenn alles nichts hilft? "Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen."
Außerdem: Tobias Lehmkuhl liest für die FAZ die teils preisgekrönten Gedichte von Renee Nicole Good, die von einem ICE-Agenten in Minneapolis erschossen wurde. Matthias Heine verzweifelt in der Welt daran, dass immer mehr Schulen "Faust" nur noch in vereinfachter Form verabreichen. Sebastian Borger erinnert im Standard an Agatha Christie, die vor 50 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden unter anderem Sebastian Strombachs Comic "Jeck" (FAZ.net), Elli Unruhs "Fische im Trüben" (FR), eine Ausstellung über Kleist und die Musik im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (FAZ), Bodo Kirchhoffs "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" (FAZ) und neue Comicadaptionen von Theaterstoffen, darunter Nele Heaslips "Faust"-Bearbeitung (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
Außerdem: Tobias Lehmkuhl liest für die FAZ die teils preisgekrönten Gedichte von Renee Nicole Good, die von einem ICE-Agenten in Minneapolis erschossen wurde. Matthias Heine verzweifelt in der Welt daran, dass immer mehr Schulen "Faust" nur noch in vereinfachter Form verabreichen. Sebastian Borger erinnert im Standard an Agatha Christie, die vor 50 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden unter anderem Sebastian Strombachs Comic "Jeck" (FAZ.net), Elli Unruhs "Fische im Trüben" (FR), eine Ausstellung über Kleist und die Musik im Kleist-Museum in Frankfurt an der Oder (FAZ), Bodo Kirchhoffs "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" (FAZ) und neue Comicadaptionen von Theaterstoffen, darunter Nele Heaslips "Faust"-Bearbeitung (SZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau.
Architektur

Fasziniert wandert FAZ-Kritiker Stefan Trinks durch das Museum of Islamic Art (MIA) in Doha, Katar, erbaut vom chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, der unter anderem die Glaspyramide vor dem Louvre konstruierte. In einer Ausstellung widmet sich das Museum dem Leben und Schaffen Peis: "Sein schönstes Museum und in vielem die Blaupause für Doha ist sein von 2000 bis 2006 entstandener Bau für die älteste permanent bewohnte Stadt der Welt, die chinesische Kaiserresidenz Suzhou nahe Shanghai, aus der seine Familie stammt. Über Monate sprach Pei mit Nachbarn in den traditionellen alten Häusern und passte das weitläufige Ensemble in weißen Putzflächen und grau abgesetzten Fenstern mit einer Seenlandschaft innerhalb seiner Mauern und Zickzackbrücken gegen Dämonen feinfühlig in die von Kanälen und Gärten bestimmte Stadt ein. In Doha schließt sich so mit dem MIA als letztem vollendeten Werk der Kreis einer Architektur mit Ewigkeitsanspruch."
Film
Abgesehen von Mark Ruffalo, der bei Interviews immer wieder auf die von ICE-Häschern erschossene Renee Good hinwies, blieb die A-Klasse der Hollywood-Schauspielriege bei den Golden Globes auffällig schmallippig, wenn es um politische Statements geht, kritisiert Jacqueline Krause-Blouin auf Zeit Online: "Die Verleihung wirkte selbst für Hollywood-Verhältnisse seltsam zahm, ängstlich und zensiert - als hätte man die Stars im Vorhinein darum gebeten, bitte schön auf leichtem Terrain zu bleiben. ... Wo sind eigentlich Meryl Streep und Robert De Niro, wenn man sie braucht?" Weitere Resümees schreiben Valerie Dirk (Standard) und Christian Jungen (NZZ).
Weitere Artikel: Ralph Eue schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Christian Rischert. Lucas Barwenczik schreibt im Filmdienst zum Tod von Béla Tarr (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Craig Brewers "Song Sung Blue" (taz, unser Resümee) und Ildikó Enyedis "Silent Friend" (SZ, mehr dazu bereits hier).
Weitere Artikel: Ralph Eue schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Christian Rischert. Lucas Barwenczik schreibt im Filmdienst zum Tod von Béla Tarr (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Craig Brewers "Song Sung Blue" (taz, unser Resümee) und Ildikó Enyedis "Silent Friend" (SZ, mehr dazu bereits hier).
Kommentieren