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07.11.2025. Die SZ besucht eine Ausstellung der designierten Documenta-Kuratorin Naomi Beckwith - mit viel French Theorie. Der NZZ bleibt in Lausanne das Lachen im Halse stecken, spätestens wenn sie sieht, wie Felix Vallotton Frauen darstellte. Die taz zweifelt, ob die saudische Desertrockband Seera wirklich eine Kulturrevolution auslösen kann. Die FAZ hört beim Festival Wien modern "dead wasps in the jam jar".
Peter Richter (SZ) schwant nichts Gutes für die nächste Documenta: Naomi Beckwith, künstlerische Leiterin der kommenden Documenta, kuratiert im Pariser Palais de Tokyo derzeit die Ausstellung "Echo Delay Reverb", die sich mit dem Einfluss der "French Theory" von Foucault bis Derrida auf amerikanische Kunst befasst. In diesem Kontext war auch das Werk "Replacement" des amerikanischen Künstlers Cameron Rowland zu sehen, der die 2023 neu eingeführte Fahne von Martinique anstelle der französischen vor dem Gebäude hisste. Weil dies gegen das Gebot der Neutralität an öffentlichen Gebäuden in Frankreich verstoßen könnte, ließ Beckwith die Fahne entfernen, was Richter an den berühmten Marketingtrick jenes Berliner Galeristen erinnert, "der in den Sechzigern gleich selbst die Polizei alarmierte, dass in seinen Räumen womöglich Sittenwidriges gezeigt werde - und rechtzeitig zur Beschlagnahmung dann auch der Presse einen Tipp gab." Auch der Rest der Ausstellung kann ihn nicht überzeugen: "So vieles drängt hier mit aktivierendem Impetus von der Wurzel (dem Übel) stramm zur Krone (der Abschaffung des Übels) und ist damit das Gegenteil dessen, was Deleuze und Guattari mal als hierarchiefreies Wuchern des Rhizoms idealisiert hatten. Das eigentlich Eindrucksvolle ist am Ende eher, wie sehr sich die Kunst auf dem Weg ins Aktivistische von French Theory und Postmoderne wieder entfernt hat." Vor zwei Wochen hatte Ulrike Knöfel die Ausstellung für den Spiegel begutachtet.
Félix Vallotton: Cinq heures, 1898. Tempera auf Karton, 35,6×58,2 cm. Collection particulière Foto: Peter Schälchli, Zürich Uta Appel Tallone besucht für die NZZ die große, zum hundertsten Todestag des schweizer-französischen Malers stattfindende Felix-Vallotton-Retrospektive im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne und freut sich über die "messerscharfe Ironie", mit der Vallotton in seinen Interieurszenen die "heuchlerische" Bourgeosie vorführte. Weniger anfangen kann sie freilich mit der von der Kunstgeschichte gern übersehenen Abfälligkeit, mit der Vallotton Frauen behandelte: "Seine stilisierten Bilder weiblicher Blöße, in welchen er die Neue Sachlichkeit vorwegzunehmen schien, wirken oft auffällig unsinnlich. Allen voran das Gemälde, in dem der Maler auf ein Hinterteil mit Cellulite im Frühstadium zoomt ('Étude de fesses', 1884), als wäre es eine Landschaft. Man spürt in diesen Werken seine Distanz zu den Frauen. Ihre Emanzipation beobachtete er mit Skepsis und fürchtete, wie seinen Schriften zu entnehmen ist, ihre Vorherrschaft."
Weitere Artikel: Der Preis der Berliner Nationalgalerie 2026 geht an den italienischen Künstler Maurizio Cattelan, meldet die FR. Besprochen werden außerdem die Jacques-Louis-David-Ausstellung im Pariser Louvre (Welt) und die Robert-Grosvenor-Ausstellung im Museum Fridericianum in Kassel (taz).
Es gibt zu viele Bücher, ruft eine fast erschlagene Elke Heidenreich in der SZ, vor allem zu viele schlechte und zu dicke: "Es gibt ganz offensichtlich keine Lektoren mehr, die noch eine Auswahl treffen oder die Texte lesen". Thomas Steinfeld erinnert in der SZ an Goethes Ankunft in Weimar vor 250 Jahren.
Besprochen werden Yulia Marfutovas Roman "Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel" (NZZ), Malala Yousafzais Memoir "Finding My Way" (NZZ), Margaret Atwoods "Book of Lives" (FR), Volter Kilpis Roman "Zur Kirche" (FAZ), Livia De Stefanis Mafiaroman "Trauben schwarz wie Blut" (FAZ) und Michael Maars Essayband "Das violette Hündchen" (FAZ).
Im Weltraum ist zwar alles möglich, aber musste Dan Trachtenberg in "Predator: Badlands" niedlich werden, fragt sich im Standard Christian Schachinger, dem noch die Ohren dröhnen. Diesmal macht sich ein beinloser synthetischer Mensch namens Thia (Elle Fanning) zusammen mit dem predatorischen Gummimasken-Gfries "auf die Jagd nach dem im Wesentlichen nicht kaputtbaren und mindestens fünf Meter großen stacheligen Untier Kalisk. Dabei handelt es sich um die Jagdtrophäe aller Jagdtrophäen auf dem sonst noch von explodierenden Würmern, sedierende Pfeile schießenden Pflanzen oder Killer-Lianen bewohnten Todesplaneten. ... Mittendrin böst auch die Weyland-Korporation mit einer Androidenarmee herum." Doch wo im Vorgänger "Prey" der Protagonist "die indigene Bevölkerung wie auch die französischen Trapper zum Spaß jagte und sich die Schädel an den Gürtel heftete, wird nun versucht, den Trashkino-Ungustl zum Sympathieträger zu drehen und zwischendurch auch drollige 'Familienszenen' mit Predator, süßem Felltierchen und künstlichem Menschen einzubauen."
Weitere Artikel: Im Standardärgert sich Marian Wilhelm, das große Netflixproduktionen wie Guillermo del Toros "Frankenstein", Kathryn Bigelows Thriller "A House of Dynamite" oder Noah Baumbachs Dramödie "Jay Kelly" in Österreich nicht in den Kinos laufen.
Besprochen werden Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." (NZZ), Clint Bentleys historisches Filmdrama "Train Dreams" auf Netflix (das Sofia Glasl in der SZ wärmstens empfiehlt), Jovana Reisingers Sisi-Adaption "Unterwegs im Namen der Kaiserin" (Zeit) sowie zwei Filme über Ostdeutschland: "Sehnsucht in Sangerhausen" von Julian Radlmaier und "Rote Sterne überm Feld" von Laura Laabs (die ein ungenannter Autor in der Welt als neue "ostdeutsche Heimatfilme" feiert: Ersterer setzt "nicht die heute vorherrschende Arithmetik der Identitäten, sondern eine geteilte Sehnsucht" als Gegenentwurf zu den Verteilungskämpfen, und letzter "ist eine geschichtsphilosophische Tiefenbohrung auf ostdeutschem Terrain, für die im Film Walter Benjamins Idee, man müsse die Geschichte gegen den Strich bürsten, Pate steht").
Ulf Meyer (FAZ) schwärmt: Im Geijutsukan/Art Tower Mito ist unter dem Titel "Archipelagos of Architecture" die erste dem japanischen Pritzkerpreisträger Arata Isozaki gewidmete Retrospektive zu sehen und anhand von Holzmodellen, Aquarellen, Siebdrucken und Videos kann Meyer noch einmal in dessen Entwürfen schwelgen, die zeigen, wie Isozakis "außerarchitektonisches Denken" Architektur mit Kunst, Design und Philosophie verband: "Isozakis Kunstmuseen in Kita-Kyushu, Gunma und Okayama veranschaulichen den Bruch mit der Doktrin der Moderne und Isozakis Wendung hin zu einer unbeschwerten Auffassung von Gebäuden als Collage. Für das Museum in Takasaki übertrug Isozaki sein Konzept von 'Rahmen und Leere' in zwölf Meter hohe Kuben, die eine 'Bühne der Kunst' bilden. Ihre dimensionslosen Raumstrukturen verkörpern einen Raum zwischen den Dingen, der im Japanischen 'Ma' genannt wird. Isozaki entwarf die Galerien des Museums als 'Leerräume für die Wirkung der Kunst'."
Ulf von Rauchhaupt berichtet in der FAZ schier überwältigt von seinem Besuch im gigantischen, von Róisín Heneghan und Shih-Fu Peng erbauten Grand Egyptian Museum in Gizeh, das Samstag eröffnete und in dem die 5640 Stücke, die der britische Archäologe Howard Carter aus dem Grab des Tutanchamun entnahm, exzellent zur Geltung kommen: "Der Bau gibt sich alle Mühe, in die Wüstenlandschaft westlich der Stadt zu passen und mit den Monumenten des Cheops, Chephren und Mykerinos zu harmonieren. Aber ein wenig sieht es schon aus, als sei der interstellare Raumkreuzer irgendwelcher Aliens bei den Pyramiden gelandet."
Besprochen werden das Tanzstück "Glitz" von Sebastian Weber und Company beim Tanzfestival Rhein-Main in Wiesbaden (FR), das Berliner Festival Theater der Dinge (taz), Holle Münsters und Anna von Haeblers Adaption von Natalia Ginzburgs Roman "Alle unsere Gestern" am Berliner Ballhaus Ost (nachtkritik) und Marie Schwesingers und Lukas Nowaks Adaption von Anna Seghers' Roman "Transit" im Werkraum am Berliner Ensemble (taz).
Jedes Jahr im November findet in Wien das wunderbare Festival Wien modern statt mit, Sie ahnen es schon, neuer und neuester Musik. FAZ-Kritiker Peter Blaha hörte zum Auftakt das ORF Radio-Symphonieorchester unter dem Dirigenten Vimbal Kaziboni mit Werken dreier Komponisten aus der "afrodiasporischen Community": George Lewis, Hannah Kendall und Jessi Cox. Und natürlich gab es Konzerte des Arditti Quartetts mit einigen Ur- und Erstaufführungen: "Einen starken Eindruck hinterließ Clara Iannotas'dead wasps in the jam jar (iii)' für präpariertes Streichquartett und Sinustöne, das auch durch den Einsatz von Büroklammern zwischen Griffbrett und Steg neue Klangbereiche erforscht. Knarrende Töne kombiniert mit Flageolett-Glissandi entwickeln im Zusammenspiel einen starken Sog, der für nie nachlassende Spannung sorgt. Einer herkömmlicheren Schreibweise bedient sich hingegen Hilda Paredes in 'Diálogos apócrifos', ein Werk, das durch seine Ökonomie des Ausgangsmaterials wie auch durch seine formale Stringenz begeistert."
Hier spielen Musiker der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst den toten Wespen auf:
Amina Aziz stellt in der taz die saudische DesertrockbandSeera vor. Die Musik der vier Frauen gefällt ihr gut, aber den feministischen Ansatz nimmt sie ihnen nicht ganz ab: "Seera fühlen sich als Teil einer vielfältigen Musikszene, Rockbands wie 'Sound of Ruby' und 'Garwasha' mischen Saudi-Arabien auf. Jugendlichen soll damit der Soundtrack für ihr Coming-of-Age liefert werden. Aber ist das schon eine Kulturrevolution? Seera selbst sprechen lieber von 'Renaissance'. Nora erzählt, dass sie bei Auftritten in ihrer Heimat auch Schockmomente genießen. Wenn sie im Publikum beispielsweise einen Vater mit Kind auf den Schultern mitviben sehen, freuen sie sich. Ohne die lokale Unterstützung könnten sie auch gar nicht auf Tour gehen. Nun träumt die Band davon, als Vorgruppe der US-Metalband 'System of a Down' auftreten zu dürfen". Ob jedoch "die Freiheit, die Seera in Saudi-Arabien genießt, bald auch für weniger Privilegierte im Land gelten wird, bleibt im Land, in dem Geld und Patriarchat regieren, jedoch unklar."
Hier ein Stück zum Reinhören:
Besprochen werden Molly Nilssons Album "Amateur" (FR), ein Konzert von Erykah Badu in Frankfurt (FR) und Rosalías Album "Lux" (Standard, Tsp).
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