Efeu - Die Kulturrundschau

In Venedig fließt alles zusammen

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15.10.2025. Zeit Online fragt sich, wie es in Sachen Israelboykott nach dem Waffenstillstand in Gaza weitergeht - konkretes Beispiel: Eurovision. Die FAZ lernt in einer Nürnberger Ausstellung, wie Dürers Dudelsackspieler bereits im Mittelalter nach Ceylon gelangten. Die taz versinkt auf der diesjährigen Musikbiennale in Venedigs molto-crazy-Atmosphäre. Der Tagesspiegel freut sich über Kelly Reichardts "The Mastermind", ein auf links gedrehtes Heist-Movie.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2025 finden Sie hier

Kunst

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Nürnberg, 1515 Holzschnitt Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Nürnberg war ein "früher Treiber der Globalisierung", lernt ein verzückter Stefan Trinks in einer Ausstellung des dortigen Germanischen Nationalmuseums. Der Handel und die Künste blühten vom 13. bis zum 16. Jahrhundert in Mittelfranken. Einige Exponate zeigen sehr direkt, wie der Nürnberger Einfluss damals selbst in fernsten Orten sichtbar wurde. "Unfassbar", so Trinks in der FAZ, "scheint ein vollständig beschnitztes und rubinverziertes Elfenbeinkästchen aus dem heutigen Sri Lanka, eines von nur elf weltweit erhaltenen, auf dessen Deckel unverkennbar Dürers Dudelsackspieler prangt. Obwohl Motive als Grafik auf Papier einigermaßen leicht reisen können, schüttelt man dennoch vor dem weit mehr als 12.000 Kilometern Seeweg gereisten und von einem ceylonesischen Schnitzer aufgegriffenen Nürnberger Musikanten in Bein den Kopf."

FAZ-Kollege Georg Imdahl wiederum schaut sich in den Hamburger Deichtorhallen um, wo derzeit Daniel Spoerri eine Schau gewidmet ist. Bekannt geworden ist der Künstler vor allem durch seine Skulpturen aus Essensresten. Imdahl ist einigermaßen fasziniert. "Die Ausstellung macht vor allem dies kenntlich: In all den Essensresten, geleerten Weinflaschen, verkrusteten Messern und Gabeln tut sich nicht nur gepflegte Geselligkeit kund. Gewiss auch keine Henkersmahlzeit, wohl aber stets ein kleiner Tod. Vieles sieht nach Gelage aus. Den Ansprüchen eines Knigge hätte manch dergestalt hinterlassenes Memento mori nicht genügt."
Agnes Martin, Blue-Grey Composition, 1962 Pinault Collection. © Agnes Martin Foundation, New York / SIAE 2023. Photo Marco Cappelletti © Palazzo Grassi

"Alles hat seine Zeit gehabt. Auch 'Minimal'": Das lernt Hans-Joachim Müller in einer Schau, die die Pariser Pinault-Collection einer Kunstrichtung widmet, die zurück zu den Basics, den alltäglichen Grundlagen unseres Lebens strebte. Müller denkt in der Welt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Minimal-Art nach und konzentriert sich in seiner Besprechung vor allem auf die Arbeiten von Frauen, die lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen standen. Wie zum Beispiel die Brasilianerin Lygia Pape, deren Arbeiten für Müller zu den Höhepunkten der Schau zählen: "Ihre 'Tecelar'-Holzschnitte auf Japanpapier mit Flächen aufgelöster Kuben, kriechen wie fliehende Ameisenschwärme über die Wände. Während ein wackliges Video zeigt, wie Pape aus einer am Meer abgestellten Papierhütte in einem Akt selbstgeburtlicher Anstrengung schlüpft, während auf großer Leinwand die Teilnehmer einer Performance unter einem bis auf die Köpfe alles abdeckenden Tuch zum 'neokonkreten Ballett' animiert werden. Und nebenan, ganz hinten herrscht erhabenes Schweigen, wo im dunklen Raum ein Dutzend rechteckiger Bündel Goldfäden schräg zwischen Decke und Boden gespannt sind, dass es aussieht, als breche das Sonnenlicht durch ein Gitter ins Verlies."

Besprochen werden "Elvira Bach: So rot, so rot", in der Berliner Galerie Friese (taz), Bryan Adams' Fotoausstellung "#Shotbyadams" im Kunsthaus Göttingen (SZ), die Schau "Der Berliner Skulpturenfund", die im Neuen Museum von den Nazis verfemte und erst jüngst wiederentdeckte Werke präsentiert (Tagesspiegel, Standard), die Schau "Utopia. Recht auf Hoffnung" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz), die Helga-Paris-Retrospektive im Fotografiska Berlin (FR) und die Schau "Vom Dunkeln ins Licht: Eine Spurensuche" im Berliner Kunstquartier Bethanien, in der Kunstwerke präsentiert werden, die von Strafgefangenen in der Justizvollzugsanstalt Tegel geschaffen wurden (taz).
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Literatur

Gestern Abend wurde die Frankfurter Buchmesse eröffnet. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer versprach dabei, wie Gerrit Bartels im Tagesspiegel berichtet, Google, wenn es hart auf hart kommt, zur Not auch mit Rilke zu zerschlagen. Michael Wurmitzer erkundigt sich für den Standard bei der Österreichischen Nationalbibliothek, wie diese mit zahlreichen dort eingelagerten Vor- und Nachlässen namhafter Schriftsteller umgeht, wobei insbesondere der erst vor kurzem überlassene Vorlass des nunmehr zum Literaturnobelpreisträger geadelten László Krasznahorkai auf Wurmitzers reges Interesse stößt.

Besprochen werden unter anderem Thomas Pynchons "Schattennummer" (taz, Welt), Dorothee Elmigers eben mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Die Holländerinnen" (online nachgereicht von der Welt, Freitag), John Boynes "Wasser" (FR) sowie Jan Kuhlbrodts, Maria Hefters und Sofia Hefters Lyrikband "Wäsche im Wind und Polizisten." (FR).

Außerdem bringt die taz heute ihre Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse, die wir zeitnah an dieser Stelle auswerten - dort finden Sie auch schon unsere Notizen zu den Literaturbeilagen der anderen Zeitungen.
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Film

Antriebsloser Totalverweigerer: "The Mastermind" zeigt keinen solchen

Für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist Kelly Reichardt "die beste Chronistin eines Amerikas an der gesellschaftlichen Peripherie". Ihr neuer, in den Siebzigern angesiedelter Film "The Mastermind" ist ein Heist-Movie - aber eines, das quasi auf links gedreht ist, denn kein Gauner-Gentleman tüftelt hier ein Meisterstück im Hinblick auf einen kreativen Eigentümerwechsel aus, sondern ein slackender Drifter. Und "ein Mastermind ist dieser J.B. Mooney eben nicht, auch wenn er seinen Plan für unfehlbar hält". Die Regisseurin "hat ein Herz für solche schrägen Gestalten, die im Grunde die Sollbruchstellen eines fragilen Gemeinschaftskonstrukts verkörpern. Insofern ist es programmatisch, dass 'The Mastermind' in den frühen 1970er Jahren spielt - jener amerikanischen Ära, die nicht zuletzt in der Popkultur für den Aufbruch steht. ... Doch Reichardts Sympathien für diesen antriebslosen Totalverweigerer der gesellschaftlichen - und letztlich auch kapitalistisch-optimierten - Sinnstiftung hat ihre Grenzen. Sie hat für J.B. die bisher böseste Schlusspointe in ihrem an armen Träumern wahrlich reichen Gesamtwerk parat."

Außerdem: Bert Rebhandl spricht im Standard mit Edgar Reitz über dessen aktuellen Film "Leibniz". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Diane Keaton (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden Fatih Akins "Amrum" (Jungle World), Aziz Ansaris "Good Fortune" (FAZ), Nadav Lapids Groteske "Yes" über Israel nach dem 7. Oktober, die in Deutschland allerdings erst Mitte November startet (NZZ), Stefan Haupts Max-Frisch-Verfilmung "Stiller", die in Deutschland erst Ende Oktober startet (NZZ), die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (Welt), die Arte-Doku "Geraubtes Wirtschaftswunder - Die übertünchte Vergangenheit der Deutschen" (FAZ), die auf Arte gezeigte, isländische Krimiserie "Reykjavík 112" (taz) und Laura Pianis romantische Komödie "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (SZ).
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Stichwörter: Reichardt, Kelly, Heist-Movie

Bühne

Eugen El besucht für monopol das Performance-Festival "Quovadis" in der Frankfurter Katharinenkirche.

Besprochen werden Peter Weiss' im Stuttgarter Landtag von Burkhard C. Kosminski inszeniertes Stück "Die Ermittlung" (NZZ; "Kosminski macht in seiner Inszenierung nichts falsch", siehe auch hier), eine "Fledermaus"-Inszenierung am Theater an der Wien (Zeit Online; "ohne jeden Schmäh, eher grobmaschig in den Effekten"), Detlev Glanerts Kinderoper "Die drei Rätsel" an der Deutschen Oper Berlin (nmz; "eine ganz tolle Sause") und das Brecht-Stück "Furcht und Elend" am Berliner Theater Ost (BlZ).
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Musik

Die Abstimmung, ob Israel am Eurovision Song Contest teilnehmen darf oder nicht, wurde angesichts der Waffenruhe im Gaza-Krieg nun zwar ausgesetzt, stattdessen soll es in der Angelegenheit in den nächsten Monaten eine interne Diskussion geben. "Dem sehen wir mit Interesse entgegen", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online mit galliger Ironie, denn die Rundfunkanstalten diverser Staaten hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass ihr Boykott ungeachtet aktueller Entwicklungen in Gaza Fortbestand haben werde. "Jeder jetzt noch kommende Boykott, jeder Rücktritt eines Senders vom ESC wird dessen Ruf dauerhaft beschädigen. Und es bleibt ja überhaupt interessant, wie sich die Popmusik-Szene nach dem Waffenstillstand in Gaza nunmehr verhalten wird - so entschieden, wie sie sich mehrheitlich bislang gegen Israel positioniert hatte und für Boykotte gegen Israel jeglicher Art. Auf wie vielen Konzerten der vergangenen Wochen und Monate wurde nicht immer wieder 'ceasefire now' skandiert! Aber jetzt, wo das ceasefire da ist, hört man recht wenig; eher wird wohl nach neuen Gründen gesucht, um den Israel-Boykott fortzusetzen." 

Julian Weber berichtet in der taz von der Musikbiennale in Venedig, wo allerlei experimentelle bis waghalsige Musik aufgeführt wird. Beim Auftakt etwa "droppen die Cramptons unter dem Titel 'Los Thuthanaka' harschen Noise, aufgebohrt mit Cumbiabeats, wieder Metal, aber auch Oregon-artiger ECM-Fusion, dazu Radiojingles: 'Full Mix en Vivo'. Im Katalog wird theoretisch nachgewürzt: 'Verwurzelt in der Aymara-Kosmologie und im antikolonialen Denken, werden Folktraditionen mit digitalen Technologien und Clubkultur-Anmutung fusioniert, um Sounds zu kreieren, in denen Identitäten, Geschichte und Widerstand zusammenfließen.' In Venedig fließt sowieso alles zusammen. Das müffelnde Brackwasser der Kanäle mit der Adria, schlingernde Bootsmotoren mit den bröckelnden Fassaden der Paläste, Disneyland-Selfiestick-Overtourism mit den griesgrämigen Bediensteten der Serviceindustrie, die diese molto-crazy Atmosphäre scheinbar stoisch ertragen. Irgendwo in diesem morbiden, spätkapitalistischen All-Inclusive fügt sich auch der indigene Fusionambientbarock als Soundtrack ein."

Jakob Biazza wird in der SZ geradezu schwindelig zumute angesichts der absurd hohen Menge an physischen Tonträgern, die Taylor Swift alleine in der ersten Woche von ihrem neuen Album abgesetzt hat: "Seit der Datenkonzern Luminate im Jahr 1991 in den USA angefangen hat, die Verkäufe (und später zusätzlich Downloads und dann auch Streams) für die Billboard-Charts zu erfassen, wurde dort kein Album in der ersten Woche häufiger erworben als 'The Life of a Showgirl'. Keines." Und das wohlgemerkt im Streaming-Zeitalter.

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Weitere Artikel: Florian Zinnecker spricht in der Zeit (online nachgereicht) mit dem Historiker Philipp Ther, der in seinem Buch die Musik der Habsburgermonarchie erforscht. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Komponisten La Monte Young zum 90. Geburtstag. Die Agenturen melden, dass der Soulsänger D'Angelo im Alter von nur 51 Jahren an Krebs gestorben ist.

Besprochen werden ein Konzert von Sting in Zürich (TA), ein Konzert von Diana Krall in Frankfurt (FR) sowie Kieran Hebdens und William Tylers Album "41 Longfield Street Late 80s" (FR).
Archiv: Musik