Efeu - Die Kulturrundschau

Gute Nacht, Herr Direktor

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24.09.2025. Das Burgtheater gedenkt in einer spektakulären Trauerfeier seines langjährigen Intendanten Claus Peymann - in der FAZ schreibt Christoph Ransmayr höchstpersönlich. Die NZZ bejubelt Paul Thomas Andersons lebendigen, unberechenbaren Film "One Battle After Another" - critic.de hingegen ist das alles nicht frei und crazy genug. Die FAZ schwelgt im Frankfurter Städel in den Farbwelten des österreichischen Malers Carl Schuch. Der Standard fühlt sich veräppelt, weil Popstars ihre Lieder immer seltener selbst schreiben. Und: Trauer um Claudia Cardinale.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2025 finden Sie hier

Bühne

"Gute Nacht, Herr Direktor" verabschiedet sich Christoph Ransmayr vom Theatermann Claus Peymann, dem das Wiener Burgtheater eine fulminante Trauerfeier widmet. Mittendrin Ransmayr, dessen Abschiedsgruß an Peymann in der FAZ abgedruckt ist: "Ach, Herr Direktor, Sie waren nicht nur ein ausdauernder Gefährte auf dem Weg ins Gebirge, sondern für so vieles zu haben, sogar für eine Verfluchung des Theaters! (…) Gleichgültig, ob ich mich diesseits oder jenseits des Bühnenportals wiederfand - am Ende eines Abends spürte ich stets den Drang, den kürzesten Weg ins Freie zu nehmen. Auch Sie, Herr Direktor, schienen diesen Weg ins Verschwinden manchmal zu bevorzugen, keiner im Theater wird schließlich dramatischer, großartiger unsichtbar als der Held eines Stücks in der Kulisse." Peymann stand dem Burgtheater zwischen 1986 und 1999 vor. Außerdem berichtet in der FAZ Andreas Platthaus von der Wiener Trauer-Sause.

Bei SZ-lerin Christine Dössel, die ebenfalls vor Ort war, liest sich das alles ein bisschen nüchterner: "Es war eine bewegende Trauerfeier, eine ohne falsche Lobhudeleien. Was hier gelang, war eine zu Peymann passende Konzentration auf das Wesentliche: nämlich auf die Sprache und die Akteure. Also auf die, die auftreten, die spielen und sprechen. Der amtierende Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann ließ in seiner persönlichen Rede schon auch den 'Dinosaurier' und 'Patriarchen' Peymann aufscheinen, nicht nur den Theaterverführer, auf dessen Plakat zur 'Hermannsschlacht' einst der gültige Satz stand: 'Theater ist schöner als Krieg'." Für Zeit Online ist Peter Kümmel vor Ort.

Jaco Venter (Hermann Fischer), Opernchor © Nasser Hashemi

Gut anfreunden kann sich Welt-Autor Manuel Burg mit der "stimmigen Post-DDR-Volksoper", als die er die auf Werner Bräunigs gleichnamigem literarischen Fragment basierende "Rummelplatz"-Produktion an der Oper Chemnitz beschreibt. Das Libretto verantwortet Jenny Erpenbeck, die Musik Ludger Vollmer, Regie führt Frank Hilbrich, der die "abschnurrende Partitur durch dauerhafte Zeitlupenaktion" konterkariert, "verlangsamt und intensiviert, dem Geschehen gleichzeitig etwas antinaturalistisch Stilisiertes, Holzschnitthaftes gibt. Die Rummelplatz-Seligkeit als allerkleinstes Proletarierglück wird hier freilich nur von wenigen bunten Glühbirnenketten vermittelt."

Weitere Artikel: Patrick Wildermann besucht für den Tagesspiegel die Vorabpräsentation der Artisten-Show "Alizé", die ab dem 20. November am Theater am Potsdamer Platz aufgeführt wird. Für die BlZ ist Birgit Walter vor Ort. Ebenfalls in der BlZ freut sich Michael Maier darüber, dass sich in Zürich die Oper ein Wochenende lang dem Volk öffnet. Auf Backstage Classical hofft Axel Brüggemann, dass die Theater in unmoralischen Zeiten wieder moralische Anstalten werden.

Besprochen werden außerdem zwei Produktionen am Hamburger Thalia-Theater, mit denen Christiane Lutz in einem SZ-Doppelverriss kurzen Prozess macht: Jarka Kubsovas "Marshlands" ("schwummrig, zu grell, konturlos. Und: nicht lustig") und Anne Lenks "Was ihr wollt"-Inszenierung ("Ein bisschen Genderfluidität hier, ein bisschen Queerness da, was bei Shakespeare ja kein rasend neuer Ansatz ist."), außerdem Valentin Schwarz' Kleist-Doppel "Penthesilea & Der zerbrochene Krug" am Deutschen Nationaltheater Weimar ("Sogar Thüringer Bratwürste fliegen durch die Luft", freut sich Manuel Brug in der Welt), das von Ivan Uryskyi inszenierte ukrainische Stück "Die Hexe von Konotop", das an der Berliner Urania gastiert (FAZ), "Der Hauptmann von Köpenick", inszeniert von Sebastian Hartmann am Staatstheater Cottbus ("eine große Harlekinade", lobt in der taz Torben Ibs), "Jesus Christ Superstar" in Andreas Homokis Inszenierung an der Komischen Oper Berlin, die den alten Flughafen Tempelhof bespielt ("Erstklassige Musical-Darsteller singen sich die Seele aus dem Leib", feiert Eleonore Büning in der NZZ) und Peter Wittenbergs "Eichmann vor Gericht" am Landestheater Linz (Standard).
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Film

Fackelt viel Studiogeld ab: "One Battle After Another"

Dauererektionen, Bomben, linke Befreiungskämpfe, explosive Turbulenzen in den USA: Ein ziemlich ekstatisches Feuerwerk brennen Regisseur Paul Thomas Anderson und Leonardo DiCaprio mit ihrem Bombenleger-Thriller "One Battle After Another" ab. Eine ziemlich lose Vorlage für den Film ist Thomas Pynchons "Vineland", erfahren wir. "Anderson fährt einen auf Vistavision gedrehten Rausch von einem Film auf, bei dem alles irgendwie auseinander hervorgeht", schreibt Patrick Holzapfel in der NZZ. "Alle stolpern, fürchten sich, wären lieber anderswo. ... Dieses Kino lebt, es ist unberechenbar. Sämtliche Figuren sind atemlos, hilflos, sie reiben sich zwischen Zufällen und Lebensprinzipien auf." Diese "überladene Gleichzeitigkeit ist letztlich ein Symptom der derzeitigen Lage in den USA. Der Wahnsinn hat System, die politische Farce und der Kampf ums Überleben gehen Hand in Hand."

Ekkehard Knörer verließ den Kinosaal eher genervt. Von welchen Befreiungskämpfen in der jüngeren Vergangenheit faselt Anderson da eigentlich, in welcher Zeit soll das also spielen, fragt er sich auf critic.de. Anderson bekomme "trotz diverser Signale in Richtung Politikkommentar über ein allgemeines gefährliches Irresein der Verhältnisse hinaus wenig Spezifisches an der Gegenwart zu fassen bekommt." Und überhaupt: "Für diese Form des Hopplahopp ist Anderson seinem ganzen Regisseurswesen nach nicht trashfreudig, nicht frei und nicht crazy genug." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und taz.

Am Abend kam die Meldung, zu spät für die meisten Redaktionen: Die große Claudia Cardinale ist im Alter von 87 Jahren gestorben. In einem ersten Nachruf staunt Patrick Straumann (NZZ) über das sichere Händchen, mit dem sich die Cardinale ihre Filmografie kuratiert hat, "die ihr eine einzigartige Position in der Filmgeschichte garantieren" sollte. "In Viscontis 'Gattopardo' bewegte sie sich im Palast des Fürsten Salina, als ob sie ihn einnehmen wollte", in ihrer "Eingangssequenz von 'Once Upon a Time in the West' ließ Sergio Leone die Kamera von einem Kran in die Höhe hieven, um ihre Figur im Gewühl der Westernstadt nicht zu verlieren. Bei Fellini (in 'Otto e mezzo') erschien sie als eigentliche Lichtgestalt, als Traumfigur, die dem im Albtraum gefangenen Regisseur momentweise zu mentaler Ruhe verhalf." Zeit Online bringt eine Bildstrecke.



Weiteres: Die FR spricht mit Martina Trepczyk über deren Film "Tigereyes", eine Doku über Tigerhaie. Tobias Sedlmaier berichtet in der NZZ von Debatten um die Schweizer Filmförderung. Besprochen wird Gabriel Mascaros "Das tiefste Blau" (FAZ).
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Kunst

Carl Schuch - Waldinneres beim Saut du Doubs. Belvedere, Wien. Quelle: Städel

Die große Carl-Schuch-Ausstellung im Frankfurter Städel, die siebzig Bilder des österreichischen Malers (1846-1903), der vor allem für seine Stillleben und Landschaftsmalerei bekannt ist, mit Werken französischer Meister von Cezanne bis Manet kombiniert, sorgt in den Feuilletons für Furore. Stefan Trinks feiert in der FAZ in erster Linie Schuchs Arbeit mit Farben: "Der Begriff Tonalität klingt nicht ohne Grund nach Musik; für jedes seiner Stillleben legt Schuch mit den Farben von Neuem eine eigene Rhythmik über die Farbtonwerte fest. Häufig wie die alten Niederländer und Rembrandt vor tiefem Schwarz, lässt er das flammende Orange seiner herbstlichen Kürbisse leuchten, nicht ohne sie wie Vermeer mit dem Pinsel zu akupunktieren (oder wie Trübner zu stricheln), indem er scheinbar abstrakt punktartige Tupfer auf die Oberflächen der Dinge setzt, die eben keine Lichtreflexe sind."

Auch Judith von Sternburg setzt sich in der FR mit Schuchs Arbeitsweise auseinander: "Man muss sich, das ist das Wichtigste und prägt die Schau, Schuch als experimentierfreudigen, akribischen Tüftler an der Leinwand vorstellen, skeptisch gegen andere, aber vor allem gegen sich selbst. Er überarbeitete die eigenen Bilder manisch, wie es scheint, legte Schicht über Schicht, umkreiste dieselben Motive immer wieder in diversen Varianten. Machte sich Notizen über die Bilder anderer, skizzierte Anordnungen, ging den Farbwerten nach."

Michael Wurmitzer unterhält sich im Standard mit Erik Berger von der Wiener LIK Akademie für Fotografie darüber, was es bedeutet, wenn KI-generierte Bilder Preise erhalten wie gerade dieses Foto Roberto Corinaldesis. Berger hält nicht viel von der These, dass die neue Technik künstlerische Leistung entwertet. Vielmehr fange die Kreativität "dann halt beim Prompten an. Ich habe auch bereits hunderte Porträts KI-generiert, aber keines davon würde auch nur irgendwie annähernd in einem Wettbewerb etwas reißen. Auf die Idee, das zu prompten, muss man erst einmal kommen, wie der Mann ausschaut, dass die Katze mit dabei ist. Allein das ist für mich bereits ein kreativer Prozess. Man macht nicht ein Prompt, und das Bild ist da, da geht sehr viel geistige Leistung hinein."

Weitere Artikel: Stephanie Buhmann besucht für monopol Calder Gardens, einen Kunstgarten in Philadelphia. Sebastian Frenzel beschäftigt sich ebenfalls auf monopol mit der Studie "Von der Kunst leben", die die finanzielle Lage von Künstlern evaluiert und sieht Licht und Schatten.

Besprochen werden die an verschiedenen Orten in der Metropolregion Hamburg präsentierte, unkuratierte Schau "Kunstgriff Dithmarschen" (taz), Tabita Rezaires Ausstellung "Calabash Nebula: Cosmological Tales of Connection) im Weltmuseum Wien (Standard), Clara Bahlsens Solo-Schau "Magical Rage" in der Berliner Galerie Villa Heike (taz), "Für Kinder. Kunstgeschichten nach 1968" im Münchner Haus der Kunst (Tagesspiegel), die Plattenbauten-in-der-Kunst-Ausstellung "Wohnkomplex" im Potsdamer Das Minsk (Welt) und "In touch. Encounters in the Collection" in der Hilti Art Foundation, Vaduz (monopol).
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Literatur

"Demokratie wird dann geschützt, wenn man Demokraten vor Übergriffen durch antidemokratische Rechte oder Hamas-Aktivisten bewahrt", schreibt Paul Jandl in der NZZ zur Ausladung von Michel Friedman von der Gemeinde Klütz aus mehr als dubiosen Gründen (mehr dazu in unserem Resümee). "Es wäre fatal, würden sich die Verhältnisse umkehren." Dlf Kultur hat mit Friedman über den Vorfall gesprochen.

Besprochen werden unter anderem Woody Allens Debütroman "What's with Baum?" (Welt), Max Goldts "Aber?" (Standard), Ian McEwans "Was wir wissen können" (FR, SZ), Julian Schütts Biografie über Max Frisch (Welt), Tyler Wetheralls "Amphibium" (Welt) und neue Sachbücher, darunter Karolin Boves Studie "Im Geisteskampf" über den Reclam Verlag im Nationalsozialismus (FAZ).
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Stichwörter: Klütz, Friedman, Michel, Hamas

Musik

Karl Fluch schaut sich für den Standard in der Welt der Komponisten hinter den großen Popstars um und stellt fest: Eine immer kleinere Handvoll Leute schreibt immer mehr Hits für immer mehr Interpreten. "Vor allem für die Reflektoren der Popkultur wirft er die ewige Frage auf, die auch Fans nicht gerne hören: Wie weit machen die Diskussionen über Covergestaltung, 'gesellschaftspolitische Positionierung', Inszenierung und Songinhalte eigentlich Sinn, wenn die Übermittler dieser Botschaften nur minimal in den Schöpfungsprozess involviert sind? Wozu über ein Artwork diskutieren, das die Marketingabteilung von Universal Music anhand von Zielgruppenforschungen gestaltet hat und der darauf abgebildete Star wenig mehr als ein austauschbares Gesicht ist? Ist man als Swiftie nicht unfreiwillig zu einem großen Teil Fan von Jack Antonoff? Oder von Max Martin? Wird man da eigentlich nicht verarscht?"

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Jan Tölva die Dresdner Progrock-Band Wucan, die gerade ihr viertes Album veröffentlicht hat, auf dem "Discobeats und funky Basslines, Flötensolos und Synthesizer nebeneinanderstehen". Monika Rathmann blickt für die SZ auf das doch eher rätselhafte Phänomen, dass die Majorlabels für viele uralte Hits eigens neue Musikvideos nachproduzieren lassen - und das durchaus mit Aufwand und großen Namen. So taumelt jetzt Saoirse Ronan (Jahrgang 1994) für "Psycho Killer" von den Talking Heads (von 1977) durch die Kulissen.



Besprochen werden ein Bildband über Sven Väth (FR) und Lucrecia Dalts Album "A Danger To Ourselves" (FR).

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Stichwörter: Popindustrie