Efeu - Die Kulturrundschau

Vieles drängt zum Tanz

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19.06.2025. Der Guardian ist überwältigt von Jenny Savilles gigantischen Frauenporträts, die ihm in der National Portrait Gallery in London sehr nahe kommen. Die taz feiert Naoko Yamadas Animationsfilm "The Color within", in dem ein Mädchen die Gefühle der anderen als Farben wahrnimmt. VAN möchte mehr Mädchen in Knabenchören hören. Die taz hört derweil Jarvis Cockers Comeback-Album. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2025 finden Sie hier

Kunst

Unabashedly erotic … Compass, 2013, by Jenny Saville. Photograph: Mike Bruce/© Jenny Saville. All rights reserved, DACS 2025. Courtesy Gagosian

Beeindruckt wandert Guardian-Kritiker Jonathan Jones in der National Portrait Gallery in London zwischen den gigantischen Porträts von Jenny Saville hin und her, die ihm mit ihrer Körperlichkeit geradezu auf den Leib rücken: "In ihren gigantischen frühen Leinwänden strecken sich die Brustwarzen, Bäuche und Hüften episch in Richtung Blick. Sitzend auf einem Hocker mit fleischigen Beinen oder in einem Winkel liegend, der ein riesiges, haariges Nest aus Schamhaar direkt neben einem entstehen lässt, überwältigen einen diese Frauen auf wunderbare Weise. Beim Gehen zwischen ihnen taucht ein körperliches Detail nach dem anderen auf, erweitert, so lebendig, dass sie noch zu wachsen scheinen. Größenverhältnisse in der Kunst können mehr bewirken, als nur beeindruckend, wichtig oder skurril zu wirken. Sie können die Beziehung zwischen Kunst und Betrachter verändern, ja sogar Subjekt und Objekt magisch vertauschen. Wenn Saville große nackte Menschen malt, sind diese lebendig. Und wenn sie Schmerz malt, ist die Wirkung erschreckend, weil sie einen hinter die Augen der Verletzten führt."

Weiteres: Dorothea Marcus berichtet in der taz vom 8. Africologne-Festival in Köln. Jonathan Guggenberger besucht für monopol den ukrainisch-amerikanischen Porträt-Maler Daniel Spivakov in seinem Studio in Berlin. Silke Wichert gratuliert in der NZZ dem Kölner Taschen-Verlag, der seit 45 Jahren opulente Kunstbände herausbringt.
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Film

Jenni Zylka spricht für die taz mit Heleen Gerritsen, seit Anfang des Monats die neue künstlerische Leiterin der Deutschen Kinemathek in Berlin. Das Haus hat gerade einen Umzug an einen von vornherein nur als Zwischenlösung konzipierten Übergangsort geleistet, außerdem wurde es als Ausrichter der Berlinale-Retrospektive zuletzt arg gerupft. An beiden Baustellen will Gerritsen was ändern. Den neuen "Ort müssen wir etablieren, und wir wollen neue Publikumsgruppen erschließen. Wir werden mehr zielgerichtete Programme veranstalten, brauchen Kooperationen mit der aktiven Filmbranche. In Berlin sind die Kinolandschaft und die Filmkultur sehr divers. Das würde ich auch gerne in unserem Hause sehen. ... Wichtig für mich ist, dass wir jetzt ein kleines Kino haben." Und die Retrospektive? "Wir möchten wieder größer werden. Wenn man einen narrativen Bogen schlagen möchte und ein Thema wirklich ausleuchtet, dann sind 15 Filme sehr wenig."

FIlm der Übergängigkeit: "The Color Within" von Naoko Yamada

Ekkehard Knörer ist in der taz sehr begeistert von Naoko Yamadas japanischem Animationsfilm "The Color within", der nach einem Kinostart vor ein paar Monaten (unsere Kritik) nun auch auf DVD vorliegt. Im Mittelpunkt steht ein synästhetisch begabtes Mädchen, doch der Film "ist dramaturgisch tiefenentspannt. Das Prinzip ist die sanfte Fügung loser Elemente, nichts wird zu einem Plot zusammengedrängt. ... Yamada ist eine Anime-Meisterin der Mise en Scène, die oft ungewöhnliche Einstellungen wählt. Bilder, die ins Rennen und Taumeln geraten. Daneben solche, die stilllebenhaft für Momente auf Gegenständen verharren. ... Und vor allem: die Übergänge, ja die Übergängigkeit zwischen dem allen. Eine Coming-of-age-Erzählung, die keine festen Rahmen, sondern Verlaufsformen wählt. Eine Heldin, die nicht nur lernt, das zu ertragen, was sie nicht ändern kann, sondern auch den Mut fasst, das zu ändern, was sie selbst in die Hand nehmen kann. Film als Gelassenheitsgebet, in dem am Ende vieles zum Tanz drängt."

Weiteres: Rüdiger Suchsland erinnert auf Artechock an Steven Spielbergs "Der weiße Hai", der vor 50 Jahren uraufgeführt wurde und das Kino ins Blockbuster-Zeitalter überführen sollte. Besprochen werden Ina Weisses "Zikaden" mit Nina Hoss (critic.de, taz, Artechock), Danny Boyles Horrorfilm "28 Years Later" (Standard, TA), der neue Pixar-Film "Elio" (Presse), Nick Hamms "Wilhelm Tell"-Neuverfilmung (Standard, Welt) und der ZDF-Dreiteiler "Der Tote von nebenan" (FAZ). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die Filmstarts der Woche.
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Literatur

Besprochen wird Ulli Lusts eben mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichneter Comic "Die Frau als Mensch" (taz).
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Musik

In Großbritannien wird es mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit, dass auch Mädchen in früher reinen Knabenchören integriert und als Singstimmen aufgebaut werden, beobachtet Merle Krafeld in VAN. In Deutschland tut man sich damit weiterhin schwer, eher setzt man auf parallele Strukturen: auf Mädchenchöre, die das prestigereichere Angebot der Knabenchöre eher erweitern, statt damit zu fusionieren. Doch "ein Mädchenchor unterscheidet sich grundlegend von einem Knabenchor. Allem voran ist das Repertoire ein völlig anderes (bei einem Knabenchor mit Männerstimmen wie in Regensburg handelt es sich um einen gemischten Chor mit Sopran, Alt, Tenor und Bass. Mädchenchöre sind gleichstimmig, hier fehlen also die beiden tiefen Stimmen, es singen nur Sopran und Alt). Das Mädchen-Repertoire ist deutlich schmaler, was sowohl Umfang als auch Epochen angeht, und zudem bei weitem nicht so bekannt und renommiert wie das der Knaben. Auch das Prestige des Mädchenchores bleibt weit hinter dem einer Marke wie den Domspatzen zurück." Dabei zeigen mehrere Studien, so Krafeld, dass auch manchen Mädchen eine Stimme haben, die mit entsprechender Ausbildung dem "Knabenchor-Klangideal entspricht".

Sylvia Prahl hört sich für die taz durch "More", das Comeback-Album der britischen Band Pulp nach 24 Jahren. "Nach wie vor singt Jarvis Cocker nicht nur, sondern er ächzt, haucht, murmelt und stöhnt zusätzlich über mehrere Oktaven. Die Zeilen 'I was born to perform / It's a calling' im Auftaktsong 'Spike Island' sind nicht Attitüde, sondern Tatsache. Doch während er früher alle Register zog, vor allem, um jemanden zu entblößen - unerreicht die mit verzweifelter Überzeugung und hochnerviger Stimme vorgetragene Erzählung des Upper-Class-Mädchens, das mal wissen wollte, wie die 'Common People' (1995) so leben, um sie dann mit ein paar fast beiläufig gemurmelten Worten zu vernichten -, nutzt er diese Tools jetzt vor allem, um Gefühle zu transportieren: Sarkasmus, Ironie und Humor sind natürlich immer noch am Start. 'Tina's always attentive to my needs / We're really good together / Cos we never meet.'" 



Weitere Artikel: Marion Löhndorf porträtiert in der NZZ die Organistin Anna Lapwood, deren Reichweite sich weit über die Klassik erstreckt, auch weil "sie alles einbezieht, was ihren eigenen Vorlieben entspricht". Adrian Schräder porträtiert in der NZZ die Schweizer Band The Young Gods, die gerade ihr 13. Album "Appear Disappear" veröffentlicht hat. Alexander Cammann schreibt in der Zeit zum Tod des Pianisten Alfred Brendel (hier unser Resümee der Nachrufe).

Besprochen werden ein Konzert von András Schiff in Wien (Standard) und Bruce Springsteens Auftrtt in Frankfurt (FAZ).
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