Efeu - Die Kulturrundschau
Mitsamt dem Himmel unter den Füßen
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23.07.2024. Die FAZ blickt in einer Ausstellung von Kimsooja in der Pariser Bourse de Commerce ins Auge des Sturms. Kunstschaffende pilgern nach Saudi-Arabien in Richtung Geld - das neueste Beispiel ist der ehemalige Direktor des British Museum Hartwig Fischer, berichtet die taz. Der Tagesspiegel sieht auf der Tanzbiennale in Venedig Avatare performen. In der SZ ärgert sich Filmproduzenten-Legende Günter Rohrbach, dass der Filmpreis in Zukunft nicht mehr dotiert sein wird. Zeit Online feiert mit dem letzten Album von Childish Gambino eine durchgedrehte Abschiedsparty.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
23.07.2024
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Kunst

Das "Auge des Sturms" betritt FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarth in der Bourse de Commerce in Paris. Die Pinault Collection hat der südkoreanischen Künstlerin Kimsooja eine "Carte blanche" erteilt: Während in den äußeren Galerien eine spannungsgeladene Auswahl wichtiger Werke der Sammlung gezeigt wird, setzt Kimsooja einen "harmonischen Kontrapunkt" im Zentrum des Gebäudes, so Wohlfahrt. Im Zentrum steht die Form des "Bottari", eines traditionellen "farbigen Leintuchs, in das Hab und Gut eingeknotet" werden: "Spiegelung und Lichteinfall werden bei Kimsooja zu Akteuren ihrer Werke. In Tadao Andos fast dreißig Meter durchmessendem Betonring hat Kimsooja die Bodenfläche mit Spiegelplatten belegt, sodass sich das historische Friesgemälde der oberen Innenwand und das transparente Kuppeldach mitsamt dem Himmel unter den Füßen der Besucher reflektieren. Die Rotunde und Kuppel nehmen, durch die Spiegelung gedoppelt, die Kugelform eines riesigen Bottaris an. Die Welt scheint auf den Kopf gestellt, es ist, als laufe man im Kuppeldach und der Untiefe des Himmels."
Um die Menschen - und vor allem Frauenrechte ist es in Saudi-Arabien nicht gut bestellt - das hindert die internationale Kunstwelt nicht daran, "dem Ruf der saudischen Regierung scharenweise zu folgen", schreibt Ingo Arend in der taz. Das jüngste Beispiel ist der Kunsthistoriker Hartwig Fischer, unter dessen Leitung 2000 Objekte aus dem Archiv des British Museum verschwanden und illegal verkauft wurden (unsere Resümees). Er soll nun Direktor des Museum of World Cultures in Riad werden. Arend zitiert dazu Beral Madra, die "Doyenne der türkischen Kunstszene": "Einige der Künstler und Kuratoren glauben vielleicht, dass Saudi-Arabien ein aufgeklärtes Land ist und eine demokratische Vision bis 2030 hat. Wir, die in der islamischen Soziogeografie leben, wissen sehr gut, dass dieses Ziel zu weit entfernt ist"
Besprochen werden die Ausstellungen "Meret Oppenheim & Friends" im Kunsthaus Avantgarde Apolda (tsp), "(Un)seen Stories. Suchen, Sehen, Sichtbarmachen" im Kupferstichkabinett in Berlin (tsp), "Ari Benjamin Meyers. Always Rehearsing Never Performing" in der Kunsthalle Mainz (taz), "Virtual Beauty" im Haus der elektronischen Künste in Münchenstein (NZZ), "Tyler Mitchell: Wish This Was Real" im C/O Berlin (SZ) und die Werkschau "Bilder im Kopf, Körper im Raum" des Künstlers Franz Erhard Walther in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ).
Literatur
Besprochen werden unter anderem Barbara Skargas "Nach der Befreiung. Aufzeichnungen aus dem Gulag 1944-1956" (taz), Lars Saabye Christensens "Meine chinesische Grossmutter" (NZZ), Julia Phillips' "Cascadia" (FR), Charly Hübners "Wenn du wüsstest, was ich weiß ..." über den Schriftsteller Uwe Johnson (Welt), Rosemary Tonks' "Der Köder" (FAZ) und der neue Band aus der Ingeborg-Bachmann-Gesamtausgabe (SZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Musik
Auf den Film "Bando Stone and the New World" von (oder auch nur mit) Childish Gambino muss man zwar fürs Erste noch warten, aber das gleichnamige Album liegt nun, neben einem Trailer, schon mal vor. Damit will sich der Musiker (hinter dessen Pseudonym der Schauspieler Donald Glover steckt) von seiner Rap-Karriere denn wohl auch verabschieden, schreibt Johann Voigt auf Zeit Online. Und zum Abschied gibt es nochmal eine große Party: "In die Musik steckt Glover alles rein, was er vor dem Ende von Childish Gambino offenbar noch ausprobieren wollte. Zahlreiche Gastmusikerinnen und -musiker begleiten ihn auf einem Gewaltmarsch durch die Genres, die säuselnde Soulsängerin Jorja Smith, der irre Rapper Yeat, die energische Rapperin Amaarae. Zwischen Afrobeats, Schlafzimmerpop und Samples von Daft Punk verwirklicht Glover einen Sound, der so unberechenbar wie zeitgemäß erscheint."
Weitere Artikel: Für die NZZ porträtiert Daniel Haas den früheren NDW-Star Joachiam Witt, der sich neuerdings für Sahra Wagenknecht (eine "positiv konnotierte Autoritätsfigur") engagiert. Martin Fischer plaudert für den Tagesanzeiger mit dem Schweizer Popstar Benjamin Amaru. Clemens Haustein gratuliert in der FAZ der Pianistin Maria João Pires zum 80. Geburtstag. Christian Schachinger hört für den Standard Lee Greenwoods 40 Jahre alten Countrysong "God bless the USA", den Trump aktuell wieder beim Wahlkampf einsetzt. Der auf Putin-Propaganda spezialisierte russische Popstar Shaman hat in Moskau vor der US-Botschaft gegen die Sperrung seines Youtube-Kanals protestiert, berichtet Artur Weigandt in der SZ.
Besprochen werden Joachim Ullrichs "Five Simple Songs" (FR) und und neue Popveröffentlichungen, darunter "Butu" des kongolesischen Kollektivs Kokoko (Standard).
Weitere Artikel: Für die NZZ porträtiert Daniel Haas den früheren NDW-Star Joachiam Witt, der sich neuerdings für Sahra Wagenknecht (eine "positiv konnotierte Autoritätsfigur") engagiert. Martin Fischer plaudert für den Tagesanzeiger mit dem Schweizer Popstar Benjamin Amaru. Clemens Haustein gratuliert in der FAZ der Pianistin Maria João Pires zum 80. Geburtstag. Christian Schachinger hört für den Standard Lee Greenwoods 40 Jahre alten Countrysong "God bless the USA", den Trump aktuell wieder beim Wahlkampf einsetzt. Der auf Putin-Propaganda spezialisierte russische Popstar Shaman hat in Moskau vor der US-Botschaft gegen die Sperrung seines Youtube-Kanals protestiert, berichtet Artur Weigandt in der SZ.
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Film
In der SZ ärgert sich Filmproduzenten-Legende Günter Rohrbach darüber, dass der Deutsche Filmpreis nach Claudia Roths Verfügung künftig undotiert sein wird: Auf elf Produktionen wurden dabei immerhin annähernd drei Millionen Euro verteilt - an die Bedingung geknüpft, dass diese in neue Produktionen investiert werden müssen. "Was das für ein Film sein würde, wollte man den Produzenten überlassen, denn gerade darin, in diesem Moment von Freiheit, entfaltete sich der Lohn für die künstlerische Leistung." Diese Mittel wandern nun wieder in die Töpfe, für die man Anträge stellen muss. Aber "der deutsche Film braucht keine zusätzliche Kulturförderung, er ist jetzt schon mehr Kultur, als der Markt überhaupt aufnehmen kann. Woran es uns Deutschen offenbar mangelt, ist die Fähigkeit zu guter Unterhaltung." Diese "überlassen wir weiterhin den Amerikanern, ohne die es die großen Kinohäuser in unseren Städten nicht mehr gäbe. Wir dagegen pflegen fleißig unser Kulturgärtchen."
Weitere Artikel: Im Filmdienst erinnert Leo Geisler an Sidney Lumets "Hundstage". Besprochen werden Thomas Arslans "Verbrannte Erde" (Jungle World, unsere Kritik hier) und Natja Brunckhorsts Ost-West-Komödie "Zwei zu Eins" (Tsp).
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Bühne

Sandra Luzina resümiert im Tagesspiegel die Highlights der Tanzbiennale in Venedig. Den Goldenen Löwen erhielt die Choreografien Cristina Caprioli für ihr Lebenswerk, der silberne ging an Trajal Harrell. Luzina hat aber noch einige andere tolle Performances gesehen, zum Beispiel das Gastspiel des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan: "Ein Weltklasse-Ensemble mit einer ganz eigenen Ästhetik. Die fabelhaften Tänzer und Tänzerinnen sind berühmt für ihre fließenden Bewegungen. In 'Waves' bilden sie Wellen mit ihren Körpern, bewegen sich in perfektem Einklang. Der Choreograf Cheng Tsung-lung hat hier mit dem japanischen Medienkünstler Daito Manabe zusammengearbeitet, der die Bewegungen der Tänzer in digitale Daten umgewandelt und mittels KI bearbeitet hat. Der Dialog von Tanz und avancierter Technologie ist überwältigend. Die Tänzer werden hier mit ihren Avataren konfrontiert. Deren Umrisse lösen sich in reine Energieströme auf - ein Schritt in Richtung Transhumanismus."
Weiteres: Bei Backstage Classical unterhält sich die Sängerin Ausrine Stundyte, die bei den Salzburger Festspielen Dostojewski-Oper "Der Idiot" singt, mit Monika Mertl. Georg Kasch stellt auf nachtkritik fest: Die Operette lebt! Besprochen werden Roman Hovenbitzers Inszenierung von Lohengrin beim Opernfestival in im finnischen Savonlinna (FAZ) und Iris Strombergers Inszenierung von Goethes "Faust" bei den Heppenheimer Festspielen (FR).
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